der ganze Chor von Westen nach Osten fortschreitend verbreitert, sowie
ferner, daß seine Achse um einige Grade nach Norden verschoben ist.
Was das Abbiegen der Längsachse anlangt, die man auch bei anderen
mittelalterlichen Kirchen, wenn auch nicht in so starkem Maße,
beobachten kann, so gibt es dafür verschiedene Erklärungsversuche, die
sich auf die Annahme schlechten Baugrundes oder von Mängeln in der
Visierung stützen. Einwandfrei ist jedoch diese Frage bis jetzt noch
nicht gelöst worden.
Die andere Unregelmäßigkeit in der Anlage des neuen Chors mag vielleicht
darin ihren Grund gehabt haben, daß einer allzu großen Ungleichheit
der Gewölbefelder bei dem sich verengernden Chorumgang dadurch
vorgebeugt und zugleich für die am Hochaltar vorzunehmende Kulthandlung
Raum gewonnen wurde. Ebenso beabsichtigt erscheint die allmähliche
Verringerung der Abstände der Mittelpfeiler von Westen nach Osten, die
es bewirkt, daß sich die Zwischenräume zwischen den Abschlußpfeilern des
Binnenchors harmonisch dem Rhythmus der Pfeileranlage einpassen.
Dabei wurden diese offenbaren Unregelmäßigkeiten vom Baumeister von
St. Sebald in so unauffälliger Weise vorgenommen, daß wir, im Innern
der Kirche stehend, von den einzelnen Verschiebungen, Verkürzungen und
sonstigen Unregelmäßigkeiten, ohne vorher darauf aufmerksam gemacht zu
sein, gar nichts wahrnehmen.
Zeigen schon diese Maßnahmen, die sich zum Teil aus der Notwendigkeit
ergaben, eine Choranlage von fortentwickelten Raumabsichten mit der
ganz anders gearteten Raumwirkung der älteren Kirche in Einklang zu
bringen, den Baumeister von St. Sebald als überlegenen Geist, dem wir
ohne Zweifel auch einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der
Baugedanken seiner Zeit zutrauen dürfen, so wird diese Vermutung auch
durch die Betrachtung der Durchbildung des Aufrisses bestätigt.
Wie bereits oben erwähnt, ist es uns bei der Gmünder Kirche nicht
mehr möglich, die vom Meister Heinrich Parler ursprünglich geplante
Wölbung mit Sicherheit zu rekonstruieren; wir wissen nicht, war
ein komplizierteres oder ein einfacheres System gewählt worden.
Mit Bezug auf die, wenn auch in kleineren Verhältnissen gehaltene,
aber mit der Gmünder Kirche noch verwandte Nürnberger Frauenkirche
wäre dort im allgemeinen das vierteilige Kreuzgewölbe, für den
Abschluß des Binnenchores die Verbindung von Kreuz- und Sterngewölbe
anzunehmen. Was nun den Chorumgang anlangt, so wäre die einfachste
Lösung gewiß die: anschließend an die Seitenschiffe zunächst je ein
vierteiliges Kreuzgewölbe mit ungleichen Seiten und Diagonalen, dann
je zwei dreiteilige Gewölbe und zum Schlusse wieder ein vierteiliges
Kreuzgewölbe. Die Stützen der Gewölbe sind runde Säulenschäfte, deren
Kapitäle meist aus zwei Blattwerkkränzen mit polychromer Platte
bestehen. Also von einer organisch-konstruktiven Verbindung von Gewölbe
und Gewölbstütze keine Rede.
Anders bei St. Sebald. Das Wölbungssystem stimmt mit dem an der Gmünder
Kirche eben rekonstruierten so ziemlich überein, bis auf den Chorumgang,
dessen Einwölbung sich hier infolge des für den Binnenchorabschluß
gewählten Achtecks natürlicher gestalten mußte: es wechseln vier
dreieckige Felder mit drei rechteckigen ab. Der Hauptunterschied liegt
jedoch darin, daß hier das Gewölbe nicht auf runden, sondern auf
polygonalen Stützen ruht, d. h. nicht auf Säulen, sondern auf Pfeilern,
und zwar haben diese Pfeiler achteckige Form mit vier vorgelegten
Diensten. Ferner ist der Ansatz des Gewölbes nicht durch ein Kapitäl
markiert, sondern Scheidbögen, Gurtbögen und Rippen wachsen gleichsam
unmittelbar aus den Diensten, zum Teil auch aus dem polygonalen Pfeiler
selbst heraus. In Anbetracht der dem Wesen des Hallenbaues zugrunde
liegenden Tendenz der Vereinfachung alles Konstruktiven bedeuten also
die Pfeiler im Chor von St. Sebald gegenüber den Säulen der Gmünder
Kirche einen Fortschritt in der Entwicklung.
Vorbildlich für die Pfeilerbildung im Ostchor von St. Sebald mag
die Frauenkirche in Eßlingen gewesen sein. Bekanntlich besteht die
Schwäbische Schule des 14. und 15. Jahrhunderts aus zwei Gruppen, von
welchen der einen die Hallenbauten mit Chorumgang, der andern diejenigen
mit vorgeschobenem Chor und einem in der Mitte der Fassade stehenden
Turm angehören. Die erstere Gruppe wird vor allem vertreten durch die
Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd, die letztere wird repräsentiert
durch Bauten wie die Frauenkirche in Eßlingen und das Ulmer Münster.
Wohl war die Gmünder Kirche zugleich auch der Ausgangspunkt für die
große zumeist auf bayerischem Boden befindliche Gruppe von Hallenbauten,
wie den Kirchen St. Georg in Nördlingen und Dinkelsbühl, St. Lorenz
in Nürnberg, St. Martin in Landshut, der Frauenkirche in München.
Allein bei den engen baugeschichtlichen Beziehungen zwischen den beiden
Schwäbischen Schulen ist es ja ganz natürlich, daß auch Elemente der
zweiten Schule bei Bauten der bayerischen Gruppe Eingang gefunden haben.
So ist z. B. die Fassade der Nürnberger Frauenkirche nicht nur, wie
bereits oben erwähnt, von der Gmünder Kirche, sondern in viel höherem
Grade von der Frauenkirche in Eßlingen beeinflußt.
Was nun die vorbildliche Bedeutung der letztgenannten Kirche für den
Ostchor von St. Sebald in Bezug auf die Pfeilerbildung anlangt, so
sei zunächst darauf hingewiesen, daß zwischen der Gmünder Kirche und
der Eßlinger Frauenkirche trotz Verschiedenheit in der Anlage eine
nahe Verwandtschaft besteht. In die Augen springend ist dieselbe --
abgesehen von der erwähnten Fassadenbildung -- ja nicht. Allein eine
Reihe von gleichen Steinmetzzeichen an beiden Bauten geben einen
unwiderleglichen Beweis hiefür, was man bei der geringen geographischen
Entfernung der beiden Orte und bei dem Umstand, daß das Langhaus der
Gmünder Kirche zum Teil ebenso wie der östliche Teil der Eßlinger
Frauenkirche dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts angehören[37],
ganz selbstverständlich findet. Die Eßlinger Kirche hat wie der Ostchor
von St. Sebald polygone Pfeiler mit vorgelegten Diensten, welche, ohne
von Kapitälen unterbrochen zu werden, unmittelbar in Gurte und Rippen
übergehen, um vierteilige Gewölbe zu tragen. Also auch hier war der
Baumeister bestrebt, gegenüber dem bisher Üblichen eine wesentliche
Vereinfachung eintreten zu lassen. Nur hat, möchten wir hinzufügen, der
Eßlinger Meister eine schönere und auch konstruktiv richtigere Lösung
in der Pfeilerbildung gefunden, während der Baumeister des Ostchores
von St. Sebald, ohne besondere Rücksicht auf das Gewölbesystem, mehr
auf eine gleichmäßige Gestaltung des Grundrisses gesehen hat. Denn dort
gruppieren sich auf den beiden Schiffsseiten eines Pfeilers je drei
Dienste, von welchen sich jeder einzelne als Rippe, beziehungsweise
Gurt fortsetzt und die Arkadenbögen setzen am Pfeilerkern selbst
an, hier dagegen wachsen die Arkadenbögen aus Diensten heraus und
den drei Rippen (zwei Diagonalrippen und eine Gurtrippe) an einer
Schiffsseite steht nur ein einziger Dienst zur Verfügung. Durch den
Ansatz mehrerer mit Hohlkehlen profilierter Rippen an einem Dienst sind
aber ganz neue Bildungen entstanden, wie sie häufig erst an späteren
Bauten, wir erinnern nur an die St. Georgskirche in Dinkelsbühl,
wiederkehren, allerdings dort infolge der im 15. Jahrhundert üblichen
reichen Sterngewölbe in komplizierterer Form. Allein trotz dieser
Unterschiede der Pfeiler im Ostchor von St. Sebald von den Pfeilern
der Eßlinger Frauenkirche erscheint doch die Annahme gerechtfertigt,
daß der Baumeister von St. Sebald die ganze Idee, polygone Pfeiler mit
vorgelegten Diensten zu schaffen und dieselben ohne Kapitäl gleich
direkt ins Gewölbe überzuführen, der Eßlinger Frauenkirche entnommen hat.
Noch in einem anderen Punkte des Aufrisses verrät der Ostchor von
St. Sebald gegenüber der Heiligkreuzkirche in Gmünd einen hohen Grad
von Selbständigkeit; es betrifft dies in der Hauptsache auch mit die
Gestaltung des Außenbaues.
Während an der Gmünder Kirche die Wände des Schiffes lange, bis hinauf
an die Wölbung reichende Fenster aufweisen, sind die Chorwände in zwei
Stockwerke geteilt. Es sind dort nämlich die Strebepfeiler in ihrer
unteren Hälfte eingezogen, oder besser gesagt, die Chorwand ist in ihrer
unteren Hälfte hinausgeschoben, so daß sich um den Chorumgang eine Reihe
von Kapellen gruppiert. Beim Ostchor von St. Sebald dagegen hat man auf
den Kapellenkranz verzichtet und wie beim Langhaus der Gmünder Kirche
-- auch hierin kann die Frauenkirche in Eßlingen anregend mitgewirkt
haben -- hohe, die ganze Länge der einzelnen Wandabteilungen einnehmende
Fenster gewählt. Dies hat zur Folge, daß hier die Beleuchtung des ganzen
Chors viel stärker wird als im Chor der Gmünder Kirche und andererseits,
daß dort die Chorwand eine reichere Gliederung erhält. Der Baumeister
von St. Sebald hat nun unter gleichzeitiger Erhöhung des gewonnenen
Vorteils den entstandenen Nachteil dadurch gemindert, daß er die Breite
der Fenster fast bis an die Strebepfeiler hin ausdehnte und so die
Mauerfläche gleichsam in eine Reihe von Gewölbestützen auflöste. Und
was die Außenansicht allein anlangt, so wurde der Mangel an Gliederung
noch weiter durch eine reiche Ausstattung ersetzt. Von dem in der Höhe
der Fensterbänke sich herumziehenden Gesims an weisen die in drei
Stockwerken sich abstufenden Strebepfeiler, übergreifend auf den kleinen
Rest von Wandfläche, eine Fülle von Schmuck auf, bestehend in vielem
Blendenwerk, Konsolen, Baldachinen und Fialen. Um nun von den mächtigen,
aber monoton wirkenden Chordach soviel wie möglich zu verdecken, hat
der Meister einen bereits an der Gmünder Kirche zum Ausdruck gebrachten
Gedanken wiederholt, indem er auf die Mauer eine Galerie aufsetzte,
welche mit den die Fenster überragenden Wimpergen und den die Pfeiler
bekrönenden Fialen dem Chor ein geradezu prächtiges Aussehen verleiht.
Also auch nach dieser Seite hat es der Baumeister von St. Sebald,
der seine Zugehörigkeit zur Schwäbischen und speziell zur Gmünder
Schule nicht verleugnen kann, aber völlig frei ist von sklavischer
Abhängigkeit, verstanden, den im Wesen der Hallenkirche begründet
liegenden Anforderungen gerecht zu werden. Er hat durch Vereinfachung
und Reduzierung aller konstruktiven Elemente, wodurch zunächst eine
willkommene Sparsamkeit in der Bauausführung erzielt wurde, eine
Vervollkommnung des Prinzips der Hallenkirche erreicht.
=Der Baumeister.= Lebhaftes Interesse erregt nun die Frage: Wer mag
wohl der Schöpfer dieses herrlichen, kunstgeschichtlich so bedeutenden
Bauwerkes gewesen sein? Wie heißt er?
Die Zugehörigkeit des Ostchores von St. Sebald zur Gmünder Schule wurde
im Vorhergehenden sehr wahrscheinlich gemacht. Es hatte sich gezeigt,
daß beide Bauten in den engsten verwandtschaftlichen Beziehungen
zueinander stehen, ja, daß der Hallenbau von St. Sebald ohne den Vorgang
von Schwäbisch-Gmünd vielleicht überhaupt nicht, jedenfalls nicht in
seiner jetzigen Gestalt möglich gewesen wäre. Denn der Ostchor von
St. Sebald weist eine Summe von Erscheinungen auf, welche sich nur
aus dem Bau der Heiligkreuzkirche oder durch Vermittlung desselben
aus anderen Bauten erklären lassen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis
wird auch durch das Vorhandensein einer großen Anzahl von gleichen
Steinmetzzeichen an beiden Kirchen bestätigt, woraus mit Sicherheit
folgt, daß eine ganze Gruppe von Steinmetzen von Schwäbisch-Gmünd
nach Nürnberg gezogen ist, um hier an dem Bau von St. Sebald zu
arbeiten. Es befinden sich sogar unter den gleichen Steinmetzzeichen
häufig wiederkehrend solche, welche infolge ihrer gleichen Grundform
einen engeren Zusammenschluß ihrer Träger erkennen lassen, d. h.
welche beweisen, daß ihre Inhaber bei einem und demselben Meister
gelernt haben. Und jenes Meisterzeichen, von welchem diese Zeichen
ihre Variation entlehnt haben, hat sich anscheinend tatsächlich
vorgefunden. Bei der letzten Restaurierung wurde hinter einem Baldachine
eines Ostchorstrebepfeilers ein kleines Erzschild entdeckt, welches
ursprünglich wohl an der Galerie über dem Hauptgesimse befestigt war und
beim Abbruch derselben (1561) heruntergefallen und an diesen verborgenen
Platz gelangt ist. Das Schild (Abb. 26), welches heute im Ostchor an
der südlichen Wand angebracht ist, zeigt im Inneren einen nach unten
offenen rechten Winkel mit darin befindlichem senkrecht gestelltem Kreuz
und hat den Stilcharakter der Erbauungszeit des Chores. Dieses Zeichen
kann nach den gegebenen Umständen wohl als das Zeichen des Baumeisters
angesprochen werden.
[Illustration: Abb. 26. Meisterzeichen (Ostchor).]
Trotz sorgfältiger, mühsamer Untersuchung des Baues der Gmünder
Heiligkreuzkirche, soweit derselbe eben für diesen Zweck zugänglich
war, konnte das Meisterzeichen von St. Sebald dort nicht gefunden
werden. Es ist auch dieser Umstand für die weitere Beweisführung nicht
von besonderem Belang, denn einerseits steht dadurch keineswegs fest,
daß das Zeichen dort überhaupt nicht vorkommt, und andererseits ist es
doch mehr als selbstverständlich, daß an dem Bau, welcher die meisten
Anregungen für die Gestaltung des Ostchores von St. Sebald geboten
hat, ja überhaupt die unerläßliche Vorbedingung für die Existenz des
Nürnberger Hallenbaues war und an welchem die Schüler des Erbauers des
letzteren gearbeitet haben, auch der Meister selbst tätig gewesen sein
muß.
Es liegt somit nahe, in dem Baumeister von St. Sebald einen Angehörigen
der Familie jenes Heinrich Parler, des Erbauers der Gmünder Kirche, zu
vermuten.
Soweit wir die Familie Parler zurückverfolgen können -- die
Kunstwissenschaft hat sich seit längeren Jahren viel mit ihr
beschäftigt --, wird die erste uns bekannte Generation durch Heinrich
Parler vertreten, welcher, aus Köln gebürtig, etwa im dritten
Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich infolge einer Berufung
nach Schwäbisch-Gmünd eingewandert ist, um den Bau der dortigen
Heiligkreuzkirche zu leiten.[38] Von seinen Söhnen kommen für uns
zwei in Betracht, nämlich Peter und Heinrich. Peter Parler, 1330
geboren[39], erhielt 1353 als junger, erst 23jähriger Mann von Kaiser
Karl IV. einen Ruf nach Prag zur Übernahme der Vollendung des seit dem
1352 erfolgten Tode des Matthias von Arras unterbrochenen Dombaues.
Peter Parler entfaltete in Prag nicht nur, sondern auch in ganz Böhmen
eine umfassende Tätigkeit, baute die Barbarakirche in Kuttenberg, die
Bartholomäuskirche in Kolin u. a. m. Von seinem Bruder Heinrich Parler
dagegen wissen wir nur aus den Wochenrechnungen des Prager Dombaues, daß
er im Jahre 1378 dort gearbeitet hat. Außerdem wird von verschiedenen
Forschern mit ihm jener Heinrich von Gmünd als identisch bezeichnet,
welcher in den Jahren 1381, 1384 und 1387 als Baumeister des Markgrafen
Jodok von Mähren in Brünn tätig war, ja sogar ein Enrico da Gamodia, vom
11. Dezember 1391 bis zum 29. Mai 1392 in Mailand am Dombau beschäftigt,
wird auf Heinrich, den Bruder des Peter Parler, bezogen.
Wir bemühen uns vorerst nicht, die Identität des Heinrich Parler,
der 1378 in Prag gearbeitet hat, mit den anderen, Heinrich von Gmünd
genannten Personen nachzuweisen, sondern uns interessiert vielmehr
zunächst zu wissen, worin denn die Tätigkeit des jüngeren Heinrich
Parler in den Jahren vor 1378 bestanden hat. Man wird natürlich
annehmen, daß Heinrich nicht nur im Jahre 1378, sondern auch in der
Zeit vorher am Prager Dombau beschäftigt war, zu welchem Zwecke er
wahrscheinlich 1353 mit seinem Bruder oder doch bald nach der Berufung
desselben Schwäbisch-Gmünd verlassen hat. Allein warum werden in den
Prager Dombaurechnungen, welche die Jahre 1372 bis 1378 umfassen, neben
dem Meister Peter Parler alle Steinmetzen und sonstigen Handwerker,
welche am Dom gearbeitet haben, aufgeführt, nur, abgesehen vom Jahre
1378, dieser Heinrich Parler nicht? Weil er, wie wir vermuten, vor
1378 überhaupt nicht in Prag war, sondern -- in Nürnberg den Bau des
Ostchores von St. Sebald geleitet hat.
Und in der Tat, der Zufall hat es gewollt, daß in den Verzeichnissen
Nürnberger Künstler des 14. Jahrhunderts auch der Name eines Heinrich
Parler aus Böhmen der Nachwelt überliefert ist. Im Jahre 1363 wurde
einem Heinrich Beheim Balier zu Nürnberg das Bürger- und Meisterrecht
verliehen und in den folgenden Jahren wird er noch verschiedentlich
genannt.[40] Es fragt sich nun, ob dieser Heinrich Beheim Balier
wirklich kein anderer als der vor 1378 in Prag nicht auffindbare
Heinrich Parler ist.
Wir glauben, daß daran kaum zu zweifeln ist. Zunächst jedoch wird
man den Einwand erheben, daß beide schon deswegen nicht identisch
sein können, weil der Prager Heinrich Parler in den Dombaurechnungen
bereits am 19. September und am 3. Oktober 1378 erwähnt wird, während
die Einweihung des Ostchores von St. Sebald erst am Sonntag nach
Bartholomäi 1379 stattfand. Kann mit diesem Einwand an und für sich
gar nicht bestritten werden, daß Heinrich Parler im Jahre 1379 wieder
nach Nürnberg gezogen wäre, um an der Einweihungsfeier teilzunehmen
-- wir wissen, daß im Mittelalter Baumeister sowohl wie Steinmetze
ihre Arbeitsstätten häufig wechselten --, so ist weiterhin zu betonen,
daß die Anwesenheit des Baumeisters bei der Einweihung seines Werkes
keineswegs erforderlich war. Der Ostchor von St. Sebald war als
Bauwerk, wie wir oben gesehen haben, bereits 1372 in der Hauptsache
vollendet; was die Einweihung hinausschob, war jedenfalls nur die
noch zu leistende Fertigstellung oder Stiftung von Glasmalereien,
Paramenten, Kirchengeräten usw. Der Baumeister hatte somit im Jahre
1372 oder bald nachher seinen Auftrag erledigt, er konnte jetzt andere
Arbeiten übernehmen, und zwar, wie wir vermuten, in Schwäbisch-Gmünd und
Eßlingen, kam vor oder in dem Jahre 1378 wieder nach Nürnberg und wird
dann noch in demselben Jahre wieder zu seinem Bruder nach Prag gewandert
sein, um sich dort an der Weiterführung des Dombaues zu beteiligen.
Man könnte weiterhin auffällig finden, daß der urkundlich in den Prager
Dombaurechnungen erwähnte Heinrich Parler hier Heinrich Beheim Balier
genannt wird. Die verschiedene Form des Wortes oder Namens Parler darf
indessen keinen Anstoß erregen, denn es ist zur Genüge bekannt, daß
im 14. Jahrhundert die Schreibweise der Familiennamen noch keineswegs
fixiert, sondern ganz bedeutenden Schwankungen unterworfen war, so
daß der Name Parler ebensogut durch Parlier, Parlierer, Palier,
Balier ersetzt werden konnte. Aber auffällig erscheint der Zusatz
Beheim. Beheim heißt nichts anderes als Böhmen und bezeichnet, als
Beiname eines Personennamens gebraucht, die Herkunft der betreffenden
Person. Unser Heinrich Balier wird demnach ausdrücklich als aus Böhmen
kommend aufgeführt. Doch werden diese lokalen Beinamen nicht immer
angewendet, in vielen Fällen nur zur Unterscheidung von anderen Personen
gleichen Namens oder zur besonderen Hervorhebung. Es kann also, da zur
Führung eines solchen Beinamens für den Träger von vornherein keine
Verpflichtung bestand, dieselbe Person anderwärts ohne solche lokale
Bezeichnung begegnen, und es dürfte somit mehr als wahrscheinlich sein,
daß Heinrich Beheim Balier in Nürnberg so bezeichnet wurde, weil er zu
der Zeit, als ihm der Bau des neuen Ostchores von St. Sebald übertragen
wurde, aus Böhmen kam.[41] Heinrich Parler scheint nach der Mitte der
fünfziger Jahre nach Prag gezogen zu sein, um bei seinem Bruder, Peter
Parler, am Dombau und anderen Bauten Böhmens mitzuwirken. Und von
Böhmen aus wird man ihn, vielleicht durch Vermittlung Kaiser Karls IV.,
unter dessen Protektion ja die Nürnberger Frauenkirche in den Jahren
1355-1361 erbaut wurde, nach Nürnberg berufen haben. Als Heinrich Parler
in den siebziger Jahren wieder nach Böhmen und Prag zurückkehrte, war
die Führung des Beinamens Beheim, welche in Nürnberg gerechtfertigt
schien, gegenstandslos geworden, und so erscheint der Bruder des Prager
Dombaumeisters in den dortigen Wochenrechnungen nur mehr als Henricus
Parlerius.
Die Identität zwischen dem Nürnberger Heinrich Beheim Balier und dem
Prager Heinrich Parler scheint keinem Zweifel mehr zu unterliegen, der
Erbauer des Ostchores von St. Sebald ist somit ein Bruder des berühmten
Prager Dombaumeisters Peter Parler und ein Sohn des Meisters der
Heiligkreuzkirche in Gmünd, Heinrich Parler.
Wohl aber möchten wir Bedenken tragen, jenen Meister Heinrich von Gmünd,
welcher in den Jahren 1381, 1384 und 1387 urkundlich als Baumeister des
Markgrafen Jodok von Mähren in Brünn erwähnt wird, mit unserem Heinrich
Parler zu identifizieren. Ein Beweis für stilistische Übereinstimmung
der Werke der beiden Meister ist in der Kunstwissenschaft nicht erbracht
worden. Aber abgesehen hiervon, schon die Verschiedenheit der beiden
Namen läßt uns auf Verschiedenheit der Personen schließen; niemals
findet sich bei Heinrich Parler der Zusatz »von Gmünd« und niemals
bei Heinrich von Gmünd der Name Parler. Der Zusatz »von Gmünd« wäre
ja an und für sich erklärlich, ja wir würden diese Bezeichnung, wenn
sie dem Namen Heinrich Parler in den Dombaurechnungen beigegeben wäre,
verständlich finden. Auffällig ist aber, daß die Bezeichnung »von
Gemünd«, während sie hier gänzlich fehlt, erst mit dem Jahre 1384
urkundlich auftritt. Kann somit also die Identität =dieser= beiden
jüngeren Gmünder Meister Heinrich nicht als wahrscheinlich angesehen
werden, so könnte man, zum Teil im Gegensatz zu den Vermutungen der
mit dieser Frage beschäftigten Kunsthistoriker, wohl geneigt sein,
anzunehmen, daß die beiden Heinrich von Gmünd, die zu wiederholten Malen
und an verschiedenen Stellen erwähnt werden, ein und dieselbe Person
bedeuten: der 1381, 1384 und 1387 als Heinrich von Gemunde oder Henricus
de Gemunden lapicida in Brünn aufgeführte Meister wird der nämliche sein
wie der von 1391-1392 ein halbes Jahr lang in Mailand am Dombau tätige
Heinrichus da Gamundia oder Enrico da Gamondia.
Andererseits aber hat die Annahme viel für sich, daß unser Heinrich
Parler, der Erbauer des Ostchores von St. Sebald, auch der Schöpfer
des Schönen Brunnens in Nürnberg gewesen sei, dessen Erbauung man wohl
entgegen der neuerdings von Albert Gümbel aufgestellten Vermutung,
wonach sie bereits in die sechziger Jahre des 14. Jahrhunderts fallen
würde, wieder in die Zeit von 1385 bis 1395 wird setzen müssen.
Die nahe stilistische Verwandtschaft dieses Bauwerks mit dem Ostchore
von St. Sebald, die auch trotz des späteren Formcharakters -- es liegen
ungefähr zwei Jahrzehnte zwischen den beiden Bauten -- anerkannt werden
muß, spricht deutlich genug dafür.
Mit einem Meister Heinrich dem Parlier, dessen Tätigkeit in Nürnberg wir
von 1397 bis zu seinem 1430 erfolgten Tode verfolgen können, ist der
Baumeister des Ostchores von St. Sebald und, wie wir annehmen wollen,
Erbauer des Schönen Brunnens nach den Forschungen Gümbels indessen nicht
zu identifizieren. Unser Meister Heinrich war zwar in den achtziger und
neunziger Jahren noch mannigfach für den Rat tätig, starb aber bereits
zu Anfang des 15. Jahrhunderts. Sein und seiner Familie Jahrtag wurde
im Barfüßerkloster zu Nürnberg am 23. Juni begangen, wie ein Eintrag im
Totenkalender des genannten Klosters bezeugt: F. 9 Calend. (Julii) Obiit
Heinricus Barlierer Lapicida et Kunigundis Uxor et Anna filia, quorum
m(emoria) h(abeatur).[42]