Die Wahl gleicher Höhe sowohl wie gleicher Spannweite der Schiffe

brachte außerdem noch ein günstiges Verhältnis für die Stabilität

des Baues mit sich. Der Schub der mittleren Gewölbe wird auf

diese Weise naturgemäß durch die seitlichen völlig aufgehoben,

so daß die Außenmauern und ihre Strebepfeiler nur dem Schub der

Seitenschiffsgewölbe Widerstand zu leisten haben. Außenmauern und

Strebepfeiler hätten somit auf ihre geringste Stärke reduziert werden

können, ebenso die Innenpfeiler, welche ja nur unter senkrechter

Belastung stehen. Allein eine solche Reduzierung hätte für den Bestand

des Bauwerkes gefahrdrohend sein müssen. Man wollte den ganzen Chor mit

seinen drei Schiffen und seinem Umgang, wie es damals bei Hallenbauten

üblich war, unter ein einziges Dach bringen, und ein solches Dach mußte

bei den riesigen Dimensionen schon durch sein eigenes Gewicht, dann aber

vor allem durch den Winddruck, den es auszuhalten, und die Schneemasse,

die es zu tragen hatte, den Gewölbebau ganz beträchtlich belasten. Und

so unterblieb die theoretisch zulässige Reduzierung von Pfeiler- und

Wandstärke auf das Mindestmaß.

[Illustration: Abb. 24. Innenansicht vom Ostchor gegen Nordosten.]

Die schlanken Innenpfeiler (Abb. 23) zeigen bereits ausgesprochenen

spätgotischen Charakter: ihr Horizontalschnitt besteht aus einem

regulären Achteck mit vier angelegten kreisrunden Diensten. Der

Pfeilersockel hat die erweiterte Form des Pfeilers, mit dem Unterschied,

daß der achteckige Grundriß an den Diagonalseiten zu einem rechteckigen

ergänzt ist. Den Übergang vom Sockel zum Pfeiler stellt eine einmalige

wellenförmige Abstufung mit zwei kleinen Hohlkehlringen, bei den Ecken

eine pyramidenförmige dreiteilige Abstufung her. Kapitäle fehlen. Der

Übergang von der Stütze zur Last sollte unmittelbar sein. Doch wurde es

unterlassen, den Grundriß des Gewölbanfängers in Übereinstimmung mit dem

Pfeilergrundriß zu bringen oder umgekehrt. Denn der Pfeiler hätte, wenn

Dienst mit Rippe oder Gurt, Scheidbogen mit einem Teile des Pfeilerkerns

selbst sich hätten decken sollen, eine achteckige Grundrißform haben

müssen, indem die beiden in der Querachse liegenden Seiten mit je drei

Diensten für je einen Gurt und zwei Rippen ausgerüstet gewesen wären;

die beiden in der Längsachse liegenden Seiten würden den Scheidbögen

entsprochen haben. So aber -- bei einem achteckigen Pfeiler mit vier

Diensten an den vier Hauptseiten -- mußten die seitlich einmündenden

drei Rippen, einschließlich eines Gurtes, enger zusammengefaßt werden

und sich auf einen einzigen Dienst beschränken, während die übrigen

zwei Dienste mit den anschließenden Teilen des Pfeilers in die gänzlich

anders profilierten Scheidbögen übergehen. Aber auch die Rippenprofile

sind wesentlich verschieden von der runden Form der Dienste, so daß das

Gesamtbild des Gewölbanfängers keineswegs mit der Form des Pfeilers

übereinstimmt. Gleichwohl wird dadurch, daß sich die einzelnen Rippen

und Bögen nur allmählich im Pfeiler verlieren, im Beschauer die Meinung

erweckt, als wenn sich der Übergang vom Pfeiler zum Gewölbe in weitem,

unmerklichem Fluß vollziehen würde.

Das in Anwendung gebrachte Gewölbesystem ist das einfache Kreuzgewölbe

über quadratischem Grundriß. Der Gewölbescheitel liegt nahezu

horizontal, auch in den beiden äußeren Gewölbevierteln der ersten

Seitenschiffsjoche, welche wegen des vorhandenen romanischen

Mitteldienstes geteilt wurden. Es steht demnach auch die Wandfläche

als solche nur unter senkrechter Belastung. Rippen, Gurte, Schildbögen

sind unter sich gleich stark und in gleicher Weise profiliert, die

Schlußsteine sind kreisrund und führen die Profilierung der Rippen fort.

Das Profil der Scheidbögen zeigt zwischen zwei tief einschneidenden

Hohlkehlen einen polygonalen Vorsprung.

Bei der Einwölbung der rechteckigen und dreieckigen Felder des

Chorumgangs hatten sich Besonderheiten nicht ergeben. Ebensowenig

bei der Einwölbung des Binnenchorabschlusses, indem zu den drei

gleich großen Achteckseiten die beiden anstoßenden etwas größeren

Pfeilerabstände hereingenommen wurden, so daß die Lösung der

Wölbungsfrage in der einfachsten Weise geschehen konnte.

Das Material des Kappengemäuers ist Bruchstein in Mörtelbettung.

Dieselbe Einfachheit, mit der Grundriß und Aufriß, beziehungsweise

Querschnitt durchgebildet sind, zeigt sich auch bei der Gliederung der

Innenwand (Abb. 24). Die bereits gegebene Teilung wurde ohne eigentliche

Zutat belassen. Die senkrechte Teilung in einzelne Wandflächen

besorgen die Wandpfeiler, oder, besser gesagt, die Fortsetzungen der

Wölbungsgurte, welche aber nicht besonders auffällig aus der Wand

heraustreten, denn sie haben nicht nur die Profilierung der Rippen,

sondern auch deren Stärke behalten. Etwa 4 m über dem Boden beginnen

die Fensteröffnungen und ziehen sich hoch hinauf bis an das Gewölbe.

Diese starke Betonung des Vertikalen wird nur unterbrochen durch ein

in der Nähe und in Verbindung mit den Fensterbänken horizontal um den

Chor herumlaufendes Gesims, das jedoch an den Mauerdiensten absetzt.

Als einziger Schmuck wurden zu beiden Seiten der Fenster für noch zu

stiftende Statuen Konsolen und reich gestaltete Baldachine angebracht

(Abb. 25).

[Illustration: Abb. 25. Baldachin im Ostchor.]

In der Profilierung der Fensterleibungen wechseln mehrere Hohlkehlen,

Rundstäbe und Stege miteinander ab. Charakteristisch ist außer der

Betonung einer größeren Hohlkehle die Anfügung des Rundstabes, der mit

einem Doppelpolster auf einem kanellierten stabförmigen Sockel aufsitzt.

Die Anwendung der Polychromie war nur spärlich. Trotzdem war der

Eindruck des Innenraumes auf den Beschauer ein malerischer. Die

Kirche war von Anfang an getüncht, so daß die scharfe Wirkung, welche

die nackte Steinarchitektur ausgeübt hätte, wesentlich gemildert

erschien. Ungemein wohltuend wirkten dann die einzelnen bemalten

Stellen, gleichsam Farbflecke im Gesamtbilde der Architektur. Die

Leibungen der Fenster waren mit roter Steinfarbe gestrichen, mit

einfachem Strichmuster waren die Gewölbrippen belebt, bunte Fassung

mit reichlicher Verwendung von Gold zeigten nur die Schlußsteine. Die

farbige Ausschmückung der Chorwände unterhalb der Fensterbank und auch

der Baldachine war dem Wohltätigkeitssinn der Patrizier und anderer

reicher Familien überlassen, ebenso wie die Ausfüllung der großen

Fensterflächen mit Glasmalereien.

Der Eindruck des Innenraumes an und für sich, des Raumbildes selbst,

ist ein überaus günstiger. Schon in der Beleuchtung des Raumes liegt

eine Reihe von Vorzügen. Dadurch, daß sämtliche Schiffe gleiche Höhe

haben, verteilt sich das Licht gleichmäßig auf den ganzen Raum, es

entsteht nirgends eine finstere Ecke. Gesteigert wird diese Wirkung noch

durch den Umstand, daß fast sämtliche Fenster mit Glasmalereien bis zur

halben Höhe ausgestattet sind, beziehungsweise bei der 1379 erfolgten

Einweihung ausgestattet waren, so daß die Beleuchtung den Gewölben

zu verstärkt, nach unten gedämpft wird und daß andererseits die tief

herabgezogenen Seitenfenster weniger stören.

Der Charakter des Hallenbaues kommt voll und ganz zum Ausdruck. Die

Verzichtleistung auf ein Querschiff und somit auf die Kreuzform

überhaupt, der in die Breite gehende Aufbau bei verhältnismäßig kurzer

Längenausdehnung des Ganzen haben zur Erreichung des Hallenprinzips den

größten Teil beigetragen. Die breite Anlage, der kühne Aufbau kommt erst

recht zur Geltung, wenn man von dem romanischen Langhaus in den neuen

Chor übertritt. Ein gewisses beengendes Gefühl, das einen in den fest

geschlossenen Schiffen -- die gotischen Seitenschiffe nicht ausgenommen

-- überkommt, schwindet mit einemmal, man atmet auf und glaubt in freier

Luft zu sein.

Welch gewaltiger Unterschied liegt da zwischen dem Bauwerk der ersten

Hälfte des 13. Jahrhunderts und dem der zweiten Hälfte des 14.

Jahrhunderts! Ruhen dort die Vorzüge in der Darstellung und in der bis

zu einem gewissen Grade konsequenten Durchführung des =Organischen=,

so breitet hier die =Raumkunst= ihre gesamten Vorteile in mächtiger

Entfaltung aus. So verhältnismäßig kurz der dazwischenliegende

Zeitraum auch ist, aus dem älteren Bau kann der Neubau nicht erklärt

werden; man glaubt vor einem Rätsel zu stehen. Denn der im Anfange

des 14. Jahrhunderts erfolgte Umbau der Seitenschiffe des romanischen

Langhauses gibt, obwohl er mit ein Glied in der Entwicklungskette

bildet, keinen Aufschluß und kann auch keinen geben, da das basilikale

System beibehalten worden ist und daher die Seitenschiffe wegen ihrer

untergeordneten Bedeutung nicht in Frage kommen können.

Das Innere des Ostchores zeichnet sich aber auch noch durch besondere

Vornehmheit in der Gesamtwirkung aus, ganz im Gegensatz zu der

Nüchternheit der spätgotischen Hallenkirchen. Es ist dies vor

allem einem überaus fein gestimmten Proportionsgefühl des Erbauers

zuzuschreiben. Zudem zeigte sich derselbe auch frei von dem Streben nach

der in der Spätzeit so beliebten Kontrastwirkung und hat kleinliche

Details streng vermieden. Bei dem Gebrauch des dekorativen Elementes hat

er sich eine weise Beschränkung auferlegt.

* * * * *

Die Struktur des Außenbaues (Taf. VII, VIII, IX) ist analog der

Gestaltung der Innenwand an sich wenig reich an Gliederung. Es wechseln

die schlanken Strebepfeiler mit den fast ebensolangen Fenstern ab, also

in der Hauptsache ebenfalls Betonung des Vertikalen. In Vereinigung mit

den Fensterbänken zieht sich ein kräftiges Gesims um den ganzen Chor

herum, die Streben mitinbegriffen, und als zweite Horizontallinie kann

die auf der Chormauer aufsitzende Galeriebrüstung betrachtet werden.

So einfach, ja man möchte sagen, so primitiv die Gliederung des durch

die Hallenanlage bedingten Außenbaues ist, schwerfällig kann derselbe

keineswegs genannt werden. Denn mit der Wahl von sieben Seiten des

Sechzehnecks für den Chorabschluß wurde eine enge Aneinanderreihung der

Streben erzielt, so daß die verhältnismäßig schmalen Fenster nahezu

die ganze Zwischenwand einnehmen und somit das Mauerwerk wesentlich

auf den konstruktiven Bedarf reduziert wird. Und auch Eintönigkeit und

Einförmigkeit, die eine natürliche Folge im Außenbau einer solchen

Anlage hätten sein müssen, sind durch Gliederung im einzelnen und durch

reichen Aufwand an Dekoration gänzlich vermieden worden.

Eine Gliederung des Mauerwerks unterhalb des in Fensterhöhe sich

herumziehenden Gesimses ist unterlassen worden; nur ein schlichter

Sockel, wie am übrigen Bau wellenförmig mit der Mauer verbunden, ist zu

erwähnen. Erst von dem Hauptgesims ab beginnt die Architektur lebendig

zu werden. Die sich verjüngenden Strebepfeiler sind in drei Stockwerke

abgeteilt, wobei die markierenden feinen Gesimse auch auf die zwischen

Pfeiler und Fenster als Rest verbliebenen Wandstreifen übergreifen.

Die einzelnen Absätze nun sind mit einer Fülle von Blendwerk, jedoch

in klarer Disposition, ausgestattet. Die Blendnischen der unteren

Stockwerke enthalten zur Aufnahme von Statuen Baldachine (Abb. 27 und

a, b) und Konsolen, welch letztere, bald auf Säulen ruhend, bald nur

in die Wand eingelassen, ornamentalen und figürlichen Schmuck zeigen;

neben den Fenstern sind, entsprechend dem Pfeiler, zu demselben Zweck

Postamente, auf dem Hauptgesims stehend, und hohe, bis an das nächste

Pfeilerstockwerk hinaufragende Baldachine angebracht. Das Blendwerk des

zweiten Stockwerkes setzt sich auch auf die Wand bis an die Fenster hin

fort; dagegen fehlen hier Konsolen und Baldachine. Vorne ist dieses

Stockwerk dreieckig gestaltet, die Nischen der beiden Dreiecksseiten

enthalten wiederum kleine Postamente und Baldachine; über dem Dreieck

erhebt sich eine mit Krabben und Kreuzblume geschmückte Fiale bis über

die Hälfte des nächsten Stockwerkes, dessen Blendwerkgliederung infolge

des geringeren Umfanges wesentlich vereinfacht ist.

[Illustration: TAFEL VII. Grundrißentwicklung der Strebepfeiler am

Ostchor.]

[Illustration: TAFEL VIII. Ansicht eines Ostchorjoches.]

[Illustration: TAFEL IX. Seitenansicht und Schnitt eines Strebepfeilers

am Ostchor.]

Die Profilierung der Fensterleibungen ist ähnlich der an der Innenwand

und wird hauptsächlich durch eine größere Hohlkehle bestimmt. Das

Maßwerk der Fenster hat noch keine komplizierten Formen und erinnert

meist an die Zeit der Hochgotik. Die vier Teile, in welche die Fenster

durch einen stärkeren Mittel- und zwei schwächere Seitenpfosten geteilt

sind, schließen einzeln mit Spitzbögen ab, welche wiederum paarweise

zusammengefaßt sind, und die Füllung in diesen beiden Spitzbögen bilden

gewöhnlich Dreipässe. Nur in den Fenstern des ehemals romanischen

Querhauses, die durch Verlängerung der dort schon bestandenen gotischen

Fenster entstanden sind, ist die Bildung der Maßwerkfüllung eine

freiere, weniger zum Gesamtorganismus passende, es tritt sogar die

Fischblase auf.

Über den Fenstern ragen Wimperge, in Kreuzblumen endigend und mit

Laubbossen auf den Kanten, empor; sie sitzen seitlich auf hohen, bis zur

Fensterbank hinabreichenden Rundstäben auf und überschneiden oben die

zinnenbekrönte, an ihrem Fuß mit Ranken und Blattwerkfries geschmückte

Galerie. Ein weiteres, die Gesamtarchitektur belebendes Moment sind die

mit Blendwerk, Krabben und Kreuzblumen ausgestatteten Fialen auf den

Strebepfeilern.

So ist es gelungen, durch Gliederung im einzelnen wie durch reiche,

aber immer maßvolle Entfaltung ornamentalen Schmuckes den Mangel an

Gliederung des Ganzen zu ersetzen. Und außerdem ist mit dem von der

Chorgalerie, den Fensterwimpergen und Fialen gebildeten prächtigen Kranz

für den Beschauer ein gut Teil des gewaltigen Daches verdeckt.

Die Westwand des romanischen Querhauses, welche schon wegen der

höheren Einwölbung des neuen Ostchores erhöht werden mußte, ist bis

über den First des romanischen Mittelschiffes weitergeführt, jedoch

nicht bis zum First des Chordaches, sondern, vielleicht um weniger

Widerstand gegen Wind und Wetter zu bieten, vielleicht auch nur aus

Sparsamkeitsrücksichten, abgewalmt.[35]

Der Eindruck des Außenbaues auf den Beschauer ist ein mächtiger, um so

mehr, als man beim Anblick unwillkürlich zum Vergleich mit den älteren,

in kleineren Verhältnissen errichteten Bauteilen der Kirche gezwungen

wird. Nur liegt hier die Sache anders als beim Innenbau. Dort wird der

Hauptunterschied mehr in der Breitendimension gefunden, hier mehr in der

Höhendimension.

Ist auch das Mauerwerk des neuen Ostchors nicht bedeutend höher als

die romanische Hochwand, so übt doch das Dach mit seiner mächtigen

Ausdehnung eine geradezu erdrückende Wirkung auf den übrigen Bau aus,

und zwar deswegen, weil die drei Schiffe mit einem einzigen Sattel

überzogen sind. Angenommen, es wäre möglich gewesen, jedem einzelnen

der Chorschiffe, wie es z. B. bei verschiedenen Bauten in Hessen öfters

der Fall ist, eine besondere Bedachung aufzusetzen, so würden diese

einzelnen Dächer ebenso wie das Mauerwerk das romanische Mittelschiff

nur wenig überragt haben. So aber ist der neue Ostchor mitbestimmend für

das Stadtbild geworden, was hundert Jahre später auch bei der Kirche St.

Lorenz der Fall war. In der Silhouette der Stadt, welche mit der Burg

und den beiden Turmpaaren von St. Sebald und St. Lorenz im wesentlichen

gegeben ist, ragen auch die beiden Chorbauten empor; von Westen gesehen,

blicken sie durch die Türme durch, von Süden gesehen gewähren sie den

Anschein, als wäre jede Verbindung zwischen ihnen und ihren Türmen

aufgehoben.

Ein Vergleich des Neubaues mit dem alten Bau drängt sich aber noch

bezüglich der Wirkung der Architektur selbst auf. Der Unterschied

zwischen dem Ostchor und der romanischen Hochwand ist im Außenbau

noch überraschender als im Innenbau. Denn hier fehlt beim romanischen

Bau jegliche Struktur. Aus der glatten Wand mit den fünf rundbogigen

Fenstern ist ein Rückschluß auf die Art der Innenkonstruktion,

beziehungsweise der Einwölbung unmöglich. Doch tritt für den Beschauer

der romanische Teil des Baues zu sehr in den Hintergrund zurück, als daß

er unbedingt zu einem Vergleich mit dem Chor herausfordern würde. Anders

verhält es sich mit den Seitenschiffen. Im Innern werden dieselben trotz

ihrer erheblichen Breite kaum beachtet. Ihr Außenbau jedoch führt eine

beredte Sprache. Seit 1309 begonnen, zeigen sie in der Gliederung der

Architektur wie in der Dekoration den Geist der Hochgotik, voll Feinheit

und Geschmack. Und der Stilcharakter im Außenbau des Ostchores scheint

bei der über ein halbes Jahrhundert betragenden Zeitdifferenz nicht weit

verschieden zu sein: dasselbe Prinzip der Gliederung und Dekoration

hier wie dort, bestehend in Galeriebrüstung und überschneidenden

Fensterwimpergen und Pfeilerfialen.

=Stilkritische Würdigung.= Wir fragen uns nun, welche Stelle nimmt der

Ostchor von St. Sebald in der Bau- und Kunstgeschichte seiner Zeit ein,

in welchen Beziehungen steht dieser Bau zu anderen Hallenbauten und aus

welchen Quellen hat sein Meister geschöpft?

Die Hallenkirche nimmt in der Baugeschichte der Spätgotik einen breiten

Raum ein. Es hatte sich diese Bauart aus dem Grunde fast überall Eingang

verschafft, weil sie dem Zeitgeist am besten entsprach und weil die

in ihrem Wesen begründet liegende Einfachheit im Raum sowohl wie in

der Konstruktion und die daraus sich ergebende größere Sparsamkeit

der Bauausführung ihr den Vorzug vor dem basilikalen Bausystem gaben.

Am meisten wurde die neue Bauart in der deutschen Spätgotik in zwei

ganz verschiedenen Gegenden kultiviert: in Hessen und in Westfalen

einerseits, in Schwaben und in den bayerischen Ländern andererseits.

Dabei hatten sich bald verschiedene Typen gebildet oder es wurden

frühere Typen wieder aufgegriffen und so entstanden Hallenkirchen

mit glattem Schluß der Schiffe, solche mit polygon geschlossenem,

vorgeschobenem Chor und solche mit Chorumgang. Der letztere Typus hatte

sich vornehmlich im nordöstlichen Schwaben, in Bayern und Österreich

eingebürgert, und so scheint auch unser Ostchor von St. Sebald mit in

die Gruppe zu gehören.

Der erste Bau dieser langen Reihe von unter sich mehr oder weniger

verwandten Hallenkirchen war die Heiligkreuzkirche zu Schwäbisch-Gmünd,

erbaut von dem aus Köln gebürtigen Meister Heinrich Parler.[36] Die

Bauzeit dieser Kirche umfaßt nahezu ein Jahrhundert: in den zwanziger

Jahren des 14. Jahrhunderts wurde an Stelle einer romanischen Kirche mit

dem Bau des Langhauses begonnen, 1351 wurde der Neubau des Chores in

Angriff genommen und erst 1414 fand die Einweihung des ganzen Bauwerkes

statt. Aus den letzten Jahren dieser Bauzeit wird die Einwölbung dieses

Langhauses stammen. Das Gewölbe des Chores gehört erst dem Ausgang des

15. Jahrhunderts an.

In der Anlage nun ist die Heiligkreuzkirche in Gmünd eine dreischiffige

Hallenkirche mit Chorumgang und Kapellenkranz. Die Seitenschiffe

sind bedeutend schmäler als das Mittelschiff, im Chor noch mehr als

im Langhaus; die Gewölbfelder im Mittelschiff sind rechteckig, die

in den Seitenschiffen haben fast quadratische Form. Der Abschluß des

Binnenchors ist aus drei Seiten gebildet, welchen im Chorumgang sieben

Seiten entsprechen, so daß in der Mittelachse ein Chorfenster liegt.

Die Strebepfeiler des Chores sind in ihrer unteren Hälfte zur Bildung

von Kapellen eingezogen, welche geradlinig geschlossen sind. Von der

ursprünglich geplanten Wölbung kann nicht viel gesagt werden, doch

soviel scheint sicher, daß die Scheitelhöhe der Gewölbe auch damals

schon in den drei Schiffen einander gleich gedacht war; daraus hätte

sich dann, ebenso wie es jetzt der Fall ist, für das Mittelschiff eine

gedrücktere, für die Seitenschiffe eine schlankere Form der Gewölbe und

eine ungleiche Verteilung der Drucklinien ergeben. Die Gewölbe ruhen auf

Säulen.

Der Bau des Ostchors von St. Sebald, in der Bauzeit mit der Gmünder

Kirche teilweise sogar zusammenfallend, scheint unter dem Einflusse

derselben zu stehen.

Das Prinzip der Hallenkirche ist beim Ostchor von St. Sebald viel

reiner zur Erscheinung gekommen als bei der Heiligkreuzkirche zu

Schwäbisch-Gmünd. Die langgestreckte Ausdehnung hier konnte bei St.

Sebald leicht vermieden werden, da es sich in Wirklichkeit nur um einen

Chor und nicht um eine ganze Kirche handelte, und auch das gleiche Maß

der Schiffsbreiten, wenn auch nicht bei jedem Joch genau eingehalten,

war mit dem Anschluß an die drei Quadrate des romanischen Querschiffes

gegeben. Und infolge der gleichen Höhe der drei Schiffe wird der Schub

der mittleren Gewölbe aufgehoben, die inneren Pfeiler sind nur senkrecht

belastet und den Strebepfeilern außen obliegt lediglich die Aufgabe des

Widerstandes gegen den Gewölbeschub der äußeren Schiffe. Es hat somit

eine in jeder Weise gleichmäßige Gestaltung des Baues bewirkt werden

können, und so sieht der Beschauer im Innern des Chores nach jeder

Richtung hin das gleiche System, wohl das Endziel des Hallenbaues, was

bei der Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd bei weitem nicht der Fall

ist.

Nun liegt allerdings zwischen der 1326 mit dem Schiffe und 1351 mit

dem Chor begonnenen Heiligkreuzkirche zu Gmünd und dem 1361 begonnenen

Ostchor von St. Sebald der Bau der Nürnberger Liebfrauenkirche. Man

fragt sich unwillkürlich, ob nicht diese Kirche das Bindeglied zwischen

den beiden verwandten Bauten darstellte, d. h. ob denn ohne den Vorgang

der Liebfrauenkirche die Fortschritte am Bau von St. Sebald wohl denkbar

gewesen wären.

Innerhalb der schwäbisch-bayerischen Gruppe, und nur diese kommt hier

in Betracht, ist die Liebfrauenkirche der erste Hallenbau mit gleich

weiten Jochen, in die Länge wie in die Breite gemessen: der Grundriß

besteht aus neun großen Quadraten. Abgesehen von diesem besonderen

Punkte besteht im übrigen eine engere Verwandtschaft dieser Kirche mit

der Heiligkreuzkirche in Gmünd. Es sei hier nur an die gleiche Bildung

der Gewölbestützen in Form zylindrischer Schäfte oder runder Säulen mit

Blattwerkkranz als Kapitäl und vor allem an die Gestaltung der Fassade

erinnert. Die Verschiedenheit im Verhältnis des Mittelschiffes zu den

Seitenschiffen hat aber aller Wahrscheinlichkeit nach darin ihren

Grund, daß in Schwäbisch-Gmünd zum Teil der Grundriß der abgebrochenen

romanischen Kirche, vielleicht auch deren Grundmauern mit in den Neubau

aufgenommen wurden, und daß dem Baumeister die Anlage mit schmäleren

Seitenschiffen gar nicht unwillkommen war wegen der einfachen Lösung

der Frage der Umführung derselben um den Binnenchor, während an der

Nürnberger Frauenkirche, als an einer Hallenkirche mit vorgeschobenem

Chor, ohne Schwierigkeit das Prinzip des gleichen Maßes bei Mittel- und

Seitenschiff zur Durchführung gelangen konnte.

Und dennoch wird man zugeben müssen, daß in der Entwicklung von der

Heiligkreuzkirche in Gmünd zur Sebaldkirche in Nürnberg die Frauenkirche

ein Zwischenglied =nicht= bildet. Denn der einzige übereinstimmende

Punkt bei den zwei Nürnberger Kirchen ist eben das bei Seitenschiffen

und Mittelschiff gleiche Maßverhältnis.

Wie oben bereits angedeutet, hängt beim Ostchor von St. Sebald die

Teilung in drei gleiche Schiffe mit dem Anschluß an das vorhandene,

in den Neubau übernommene romanische Querschiff zusammen. Von dem

romanischen Querschiff wurde beim Neubau verwertet die ganze Westwand

und die beiden Schmalwände. Auf das relativ hohe Gewölbe verzichtete

man, da das neue Gewölbe im ganzen Chor durchweg noch um 1·5 m

höher gelegt werden sollte. Dagegen ließ man die Mitteldienste an

den Seitenwänden bestehen und, um sie nicht ohne Bestimmungszweck

zu lassen, teilte man wie beim romanischen Bau die beiden äußeren

Gewölbeviertel wiederum in je zwei Achtel.

Daß die östlichen Vierungspfeiler neuen Pfeilern weichen mußten,

erscheint selbstverständlich. Jedoch steht, wenn auch bei Errichtung

der neuen Pfeiler das Fundament der alten Pfeiler mitbenutzt wurde, die

Achse des nördlichen Pfeilers außerhalb der Achse des alten.

Die Sebalduskirche in Nürnberg · 第 5 / 29 段