Wir haben noch ein Wort über das Meisterzeichen unseres Heinrich Parler

hinzuzufügen. Bekanntlich hat das Zeichen seines Bruders, des Prager

Dombaumeisters, an dessen Porträtbüste im Triforium des Prager Domes die

Gestalt eines gebrochenen Balkens oder eines Doppelwinkelhakens, also

eine vom Nürnberger Meisterzeichen grundverschiedene Form. War es nun

damals zulässig, daß zwei so nah verwandte Steinmetzmeister besondere,

in gar keiner Beziehung zueinander stehende Zeichen führen konnten?

Gewiß. Denn in der Form eines Steinmetzzeichens kommt nur das Verhältnis

des Schülers zum Lehrer, aber nicht das Verhältnis von Verwandten zum

Ausdruck. Hatte ein Steinmetz ausgelernt, so erhielt er von seinem

Meister das Zeichen, das er dann unverändert beibehielt, ob er nun bei

seinem ersten Meister blieb oder bei anderen Stellung fand oder selbst

Meister wurde. Wir schließen daraus, daß die beiden Brüder Parler bei

ganz verschiedenen Meistern ihre Lehrzeit absolvierten. Wer von den

beiden bei seinem Vater auslernte oder ob überhaupt einer von beiden

seinen Vater zum Lehrmeister hatte, läßt sich nicht mit Bestimmtheit

nachweisen, da das Meisterzeichen des Vaters nicht bekannt ist. Hat

einer von den beiden Brüdern in Gmünd ausgelernt, so scheint es eher

Peter Parler gewesen zu sein. Denn nicht nur die Heiligkreuzkirche in

Gmünd deutet in vielen Punkten auf den Kölner Dom, sondern auch in den

Bauten des Peter Parler, im Prager Dom sowohl wie in den Kirchen von

Kolin und Kuttenberg, spricht sich Kölner und speziell französische

Bauweise aus. Im Ostchor von St. Sebald verrät sich jedoch mehr eine

Verwandtschaft mit der Schwäbischen Schule im allgemeinen, insbesondere

über Gmünd hinaus auch mit Eßlingen. Ja, die feinen Verzweigungen ließen

sich noch weiter verfolgen, sie scheinen über Reutlingen hin nach

Freiburg zu führen, von wo aus eine Reihe von Anregungen schon früher,

nämlich bei Anlaß des Erweiterungsbaues der Seitenschiffe von St. Sebald

und vor allem beim Bau der um die Wende des 13. Jahrhunderts begonnenen

basilikalen Lorenzkirche, über deren Meister wir bisher gar nichts

wissen, bezogen wurden.

3. Der Umbau der Türme. 1345, 1481-1484, 1489, 1490.

Bereits zum Jahre 1345 berichten uns die Chroniken von baulichen

Veränderungen, die damals an beiden Türmen (Abb. 28) vorgenommen worden

seien. »Item anno domini 1300 und 45 jar«, so berichtet ein Chronist,

»da pauet man den oberen [d. h. nördlichen] turen zu sant Sebolt, da kam

zu dem dach 100 und 4 zentner und 79 lb zins und 37 zentner pleis«[43]

und ferner heißt es: »Auch ist damals der ander turn gegen der Pegnitz

[also der südliche Turm] verändert und dem andern gleich gemacht und zu

dessen bedachung kommen 104 centner zinn und 87 centner blei«.[44]

[Illustration: Abb. 27 und 27a und b. Baldachin am Ostchor.]

Aus diesen chronikalischen Nachrichten geht zweifelsohne hervor, daß

1345 mindestens eine neue Eindeckung der Turmdächer stattgefunden

hat. Ob und inwieweit aber die oberen Stockwerke eine Abänderung oder

Erhöhung schon 1345 erfuhren, ist mit Sicherheit aus diesen Notizen

nicht zu entnehmen, und auch der Baubefund gibt dafür keinerlei

Anhaltspunkte. Wohl wissen wir vom südlichen Turm, daß darin eine

Wächterstube eingerichtet war[45], und ebenso vom nördlichen, daß in

ihm von alters her die Glocken hingen, denn noch ist deutlich durch

den Steinschnitt des Quaderbaues eine ehemals vorhandene breite Öffnung

nachzuweisen, die nur, mit zwei freistehenden Säulen, eine dreiteilige

Arkatur gebildet haben kann. Und irgendwelche weitergehende Schlüsse

läßt auch die offenbar ungenaue Ausdrucksweise der Quellen -- man kann

doch nicht eigentlich von dem »Bau« des oberen Turmes sprechen, wenn

ein solcher fünf Stockwerke hoch bereits bestand -- nicht zu. Auch aus

der Erwähnung nur eines Turmes in urkundlichen Nachrichten vor 1345[46]

möchten wir nicht ohne weiteres folgern, daß einer der beiden Türme den

andern das Stadtbild wesentlich mitbestimmend überragt habe, wenn man

auch die Möglichkeit umfangreicherer Umbauten im Jahre 1345, wie gesagt,

bestehen lassen muß. Die größere Wahrscheinlichkeit spricht auch hier

meist für ungenaue Ausdrucksweise.

Von dem Abschluß und der Bedachung der Türme der romanischen Kirche bis

zum Jahre 1345 wissen wir demnach so gut wie nichts. Dagegen besitzen

wir über das Aussehen der Helme, die eben im Jahre 1345 aufgesetzt

worden waren, wenigstens ein leidlich zuverlässiges, allerdings nicht

ganz zu deutendes Zeugnis in der Mitteilung des Nürnberger Patriziers

Lazarus Holzschuher aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, in welcher

er die alten Turmdächer der Sebalduskirche, wie sie noch vor 30

Jahren bestanden hätten, mit Zinn weiß gedeckt sein läßt und sie

ihrer Form nach mit »Pfifferlingen« vergleicht.[47] Wahrscheinlich

wollte Holzschuher mit letzterer Bezeichnung nur sagen, daß die alten

Turmhauben pilzförmig gewesen seien. An die eigentliche botanische

Bedeutung des Pfifferlings als des Eierschwammes (cantharellus cibarius)

wird er dabei schwerlich gedacht haben.

Daß nun aber diese möglicherweise schon etwas erhöhten Türme durch die

gewaltige Masse des hohen Ostchores, seitdem dieser 1379 vollendet

worden war, in ihrer bisher das ganze Kirchengebäude beherrschenden

Erscheinung stark beeinträchtigt wurden, ist wohl ohne weiteres klar.

Das Mißverhältnis mußte um so mehr in die Augen fallen, als die

Schwesterkirche von St. Lorenz mit ihren bereits in der ersten Hälfte

des 14. Jahrhunderts vollendeten, in der Anlage nahe verwandten, 80 m

hohen Türmen unwillkürlich zum Vergleich herausforderte.[V]

[V] Dr. Hoffmann glaubte aus dem Wortlaute der Quellen und dem Befunde

am Mauerwerk der Türme den Umfang der an den Türmen im Jahre

1345 vorgenommenen Bauarbeiten genauer bestimmen zu können und

insbesondere schon für jene Zeit eine erstmalige Erhöhung des

nördlichen Turmes um zwei Stockwerke annehmen zu müssen. Die

Überarbeiter seines Manuskriptes vermochten den zur Stütze dieser

Ansicht beigebrachten Gründen eine genügende Beweiskraft nicht

zuzuerkennen.

Allein bis zum Jahre 1481 hören wir hinsichtlich der Türme von St.

Sebald lediglich zum Jahre 1361 von einer Neudeckung mit Zinn[48] und

von Ausbesserungen an der Bedachung, die 1447 nötig wurden.[49]

An eine weitere Erhöhung der Türme wagte man sich erst im letzten

Drittel des 15. Jahrhunderts.

Wir geben im nachstehenden zunächst die ausführlichen und gut in die

Geschichte des Turmbaues einführenden Nachrichten Baaders (Beiträge 1,

S. 54 ff.) im Wortlaute wieder:

»Diese (Türme) waren ursprünglich ziemlich nieder, der Rat beschloß

daher im Jahre 1481 die Erhöhung und den Umbau derselben. Die beiden

Kirchenmeister Hans Haller und sein Nachfolger Sebald Schreier,

unter welchem dieser Bau zu Ende geführt wurde, hatten die nächste

Veranlassung dazu gegeben. Weil es aber an Mitteln fehlte, entlehnten

sie für die Kirche mit Bewilligung des Rates 11,853 Pfund 4 Schilling

und 4 Haller aus der Losungsstube (Finanzkammer); die übrigen Kosten

sollten durch milde Beiträge gedeckt werden, die in der Tat auch

reichlich flossen und von allen Ständen in Geld, Geschmeide, Gewand und

unter gar verschiedenen Formen geleistet wurden.

»Nachdem die Stadtwerkmeister und andere Bauverständige die Türme

besichtigt, ihr Gutachten abgegeben und für ihre Mühe Wein, Käse und

Brod erhalten hatten, begann man sogleich mit dem Abbrechen des gegen

die Stadtwage zu gelegenen Turmes [des südlichen Turmes], dessen Stumpf

einstweilen mit Schindeln gedeckt wurde.[50] Hierauf schrieb man dem

Meister Heinrich Kugler, dem Steinmetzen von Nördlingen, daß er kommen

solle, um mit ihm wegen Führung des Baues zu unterhandeln. Am 2.

Dezember 1481 versammelten sich im Hause des Kirchenmeisters Hans Haller

die Herren Ruprecht Haller, Pfleger der Kirche, Niklas Groß der ältere,

Hans Tucher der ältere und Hans Volckamer, der Stadtbaumeister. Auch

Meister Heinrich war erschienen; man kam mit ihm überein, daß er den Bau

führe, wie ihm von den Herren fürgegeben werde, und daß er mit dem Lohne

sich begnüge, den sie ihm zuerkennen werden. Der Kontrakt wurde an

demselben Tage noch abgeschlossen und dem Meister Heinrich 4 fl. Leikauf

gegeben, wovon er die Hälfte seinem Weibe geben soll.

[Illustration: Abb. 28. Westansicht.]

»Die Herstellung der nötigen Gerüste und alles Zimmer- und Dachwerkes

wurde dem Meister Eucharius, dem Stadtzimmermann, übertragen, der zu

diesem Zwecke vom Rat eigens beurlaubt wurde. Im Januar 1482 schickte

man ihn nach Ulm, um den Zug zu besichtigen und kennen zu lernen, den

man am Bau Unser Lieben Frauenkirche dortselbst in Anwendung brachte.

Den Meister Hanns Pinz, Zimmermann zu Ulm, der wahrscheinlich der

Erfinder des Zuges war, nahm Meister Eucharius mit sich nach Nürnberg,

um auch hier den Zug zu dem Bau der Türme anzugeben und einzurichten.

Während der nächsten Jahre herrschte bei diesem Zuge lebhafte Tätigkeit;

dirigiert wurde er von mehreren Zimmergesellen.

»=Turm der Stadtwage gegenüber.= Am 11. März 1482 fing Meister Heinrich

Kugler mit dem Zuhauen und Herrichten der Steine an.[51] Er beschäftigte

20 Steinmetzgesellen und darüber, deren jeder einen Taglohn von

18-20 [Pfennig] und am Ende der Woche ein Badegeld erhielt.[52] Die

Lehrgesellen erhielten des Tages nur 18 [Pfennig]. Der Wochenlohn des

Meisters Heinrich betrug 5 Pfund alt. Am Freitag nach Kiliani (12. Juli)

fing man an zu mauern; an diesem Tage wurden die ersten zwei Steine

auf den Turm gelegt. Die große Anzahl der Arbeiter und der rege Eifer,

der bei dem ganzen Baue herrschte, machten es möglich, daß man schon

am 23. Oktober 1482 den letzten Stein legen konnte und Ende dieses

Monates das Steinwerk des Turmes in der Hauptsache vollendet war. Der

Steinmetzgeselle Hans von Langheim zeichnete sich bei dieser Arbeit

besonders aus; dafür erhielt er aber auch ein besonderes Trinkgeld.

»Während die Steinmetzen an dem Steinwerk des Turmes arbeiteten,

beschäftigte sich Meister Eucharius mit seinen Zimmerleuten an der

Herstellung des Zimmerwerkes und Daches. Am 26. Mai 1483 stellten

sie die ersten Sparren zu der Dachung und Spitze des Turmes auf. Die

Sparren waren 70 Stadtschuh hoch; die Höhe der Stange oder des Spießes

oberhalb der Sparren betrug 20 Stadtschuhe; von dem Ende der Sparren

bis an den Knopf waren 9 Stadtschuhe und 6 Zoll und von dem Knopf bis

an die Fahne 5 Stadtschuhe und 4-1/2 Zoll. Die Zimmergesellen erhielten

20-24 [Pfennig] Taglohn und, wenn sie recht gefährliche Arbeit in der

Höhe verrichteten, noch 4 [Pfennig] Zulage. Am 10. Juni 1483 wurde dem

Turm der Knopf aufgesetzt. Dieser war 2 Stadtschuh und 2-1/2 Zoll hoch

und 8 Stadtschuh und 8 Zoll weit. Verfertigt wurde er durch Niklas

Gnotzhamer und vergoldet durch den Goldschmied Erhard Hupfauf, der 80

Dukaten oder (3 Dukaten zu 4 Goldgulden gerechnet) 106 fl. 5 Pfund und

18 [Pfennig] neu oder 896 Pfund alt dazu verwendete. Ich vermute aber,

diese Summe sei für die Vergoldung beider Turmknöpfe und nicht bloß des

einen verwendet worden. Am 7. Juli wurde die Fahne aufgesteckt; sie war

von Kupferblech, 2 Stadtschuh und 11 Zoll hoch und 3 Stadtschuh und 11

Zoll breit und wog mit dem Eisenwerk 39 Pfund. Gemalt hatte sie der

Meister Ulrich Pildschnitzer, Maler; für das Malen derselben und für

das Anstreichen des Eisenwerkes und der Fenster bei der Schlagglocke

erhielt er 40 Pfund Pfennig alt. Dann ging es an die Herstellung der

Türmerstube, und da kamen die Kleibergesellen, die den Boden, den

kupfernen Ofen und die Fenster mit Lehm verkleibten und verstrichen,

und die Tünchergesellen, die da tünchten und Estrich schlugen; deren

jeder erhielt 24 [Pfennig] Taglohn und am Ende der Woche ein Badgeld.

Die Türmerstube erhielt 8 neue Rahmen. Das Paar kostete 1 Pfund 15

[Pfennig]. In den Rahmen waren 433 neue und 70 alte Fensterscheiben;

hierfür erhielt der Glaser 28 Pfund alt. Der Turm war sohin fertig bis

auf das Decken.

»=Der Turm St. Moritzen-Kapellen gegenüber= (=nördlicher Turm=). Nachdem

der der Stadtwage gegenüber gelegene Kirchturm im Steinwerk fertig

war, kamen am 10. November 1482 Sebald Schreier, Kirchenmeister,

Niklas Groß, Hans Tucher und Hans Volckamer in Ruprecht Hallers, des

Kirchenpflegers, Haus abermals zusammen, um mit Meister Heinrich Kugler

auch wegen Erbauung des anderen Turmes Moritzen-Kapellen gegenüber zu

unterhandeln. Die Bedingungen waren dieselben wie beim ersten Turm;

sie wurden von Meister Heinrich auch ebenso angenommen. Bei dieser

Gelegenheit wurde auch eine Irrung zwischen Meister Heinrich und seinem

Parlierer Ulrich Speidel beigelegt und ausgesprochen, daß Meister

Heinrich Gewalt haben solle, die Steinmetzgesellen aufzunehmen und zu

entlassen, und auch sogar dem Parlierer selbst den Abschied zu geben,

letzteres jedoch nur mit Wissen eines Rates. Der Parlierer erhielt den

Taglohn eines Gesellen, aber alle Quatember noch eine Liebung von 16

Pfund alt. Speidel erkrankte übrigens am Montag nach St. Margareta; am

Pfintztag (Donnerstag) danach war er schon eine Leiche. Er starb an der

Pest, die damals regierte. An seiner Stelle nahm Meister Heinrich den

Hans Karter als Parlierer auf.

»Am 7. April 1483 wurde mit dem Abbrechen des Turmes begonnen; neun

Wochen später, am 16. Juni, konnte man schon den ersten Stein auf das

alte Gemäuer setzen. Nach drei Monaten, am 24. September, war das

Mauerwerk hergestellt. Mit dem Aufstellen des unterdessen hergerichteten

Zimmerwerks begann man am 3. November 1483. Am 5. Dezember wurde sodann

der Knopf und danach auch die Fahne aufgesteckt. Die Stiegen, Portale,

Geländer und Gänge an beiden Türmen wurden während der nächsten drei

Jahre gemacht.

»=Das Decken beider Türme.= Um sie dauerhaft und gut decken zu lassen,

ließ man den Meister Stephan Kaschendorfer von Dresden kommen, damit

er dem Meister Christoph Lilgenweiß Unterricht im Decken erteile.

Nachdem dies geschehen und Meister Stephan für seine Mühe reichlich

belohnt worden, übertrug man am 27. April 1483 das Decken des Turmes der

Wage gegenüber dem Meister Christoph Lilgenweiß, der mit dem nötigen

Zinn, womit die Türme gedeckt wurden, und mit allem Zeug von dem

Kirchenmeister versehen wurde und für das Gießen eines jeden Zentners

Zinn 1 fl. erhielt. Als der Turm im Laufe des Jahres 1483 vollständig

gedeckt war, wurde ihm am 4. März 1484 auch das Decken des mittlerweile

fertig gewordenen Turmes St. Moritzen-Kapellen gegenüber übertragen.

Vor Ablauf des Jahres war auch dieser gedeckt. Man verwendete entweder

Eberstorfer, Löwensteiner oder Seifenzinn; von den beiden ersteren

kostete der Zentner 8 fl., von letzterem 10 fl. Auch englisches Zinn

wurde verwendet. Aber die Arbeit war schlecht geraten und der Guß der

Zinntafeln und Tonnen ungleich; sie zersprangen allenthalben und ließen

den Regen eindringen. Man schrieb die Schuld teils dem Meister Stephan

Kaschendorfer, der über das Gießen und Decken nicht gehörig Aufschluß

gegeben, insbesondere aber dem Meister Christoph Lilgenweiß zu, der

mit Unfleiß, Verwahrlosung und Untreue umgegangen, indem er Zinn beim

Decken abgetragen und entwendet und dieses Material mit Blei vermischt

und geringert und so den Eid verletzt habe, den er bei der Übernahme

der Arbeit geschworen. Der Wert des Zinnes, das er bei dem ersten Turm

abhändig gemacht, betrug 142 fl., bei dem zweiten über 278 fl. Er wurde

deshalb im Jahre 1485 ins Lochgefängnis gelegt und mit ernstlicher Frag

(Tortur) angegriffen. Er bekannte aber nur 56 fl. Als Fürbitten von

Bamberg und anderen Orten bei dem Rat für ihn einkamen und sein Vater,

der Lilgenweiß von Bamberg, und seine Hausfrau Anna die Zahlung obiger

56 fl. verbürgten, ließ man ihn los, weil man damals noch keine Kenntnis

hatte von dem großen Schaden, den er der Kirche zugefügt und der erst

später sichtbar wurde. Als er aber vernahm, daß die Türme wieder ab-

und von neuem gedeckt werden sollen, ergriff er die Flucht, weil er die

Entdeckung seiner großen Untreue befürchtete.

»Am 15. Juli 1489 wurde beschlossen, die Türme durch Meister Ulrich

Hübner, Büchsenmeister von Bamberg, neu decken zu lassen. Zuerst deckte

er den Turm der Wage gegenüber. Das nötige Zinn und was er sonst nötig

hatte, das Werkzeug ausgenommen, erhielt er von dem Kirchenmeister

Sebald Schreier, der ihn für das Gießen eines jeden Zentners und für

das Decken 2 Pfund neuer Haller bezahlte. Die Kosten für das Decken

dieses Turmes betrugen 1406 Pfund und 4 Schilling Haller neuer Währung

oder (den Gulden zu 2 Pfund 1 Schilling 8 Haller neu oder 8 Pfund 10

[Pfennig] alt gerechnet) 674 fl. rhein., 19 Schilling 6 Haller in Gold.

An Zinn und Blei wurden 4907 Pfund verwendet.

»Da die Arbeit des Meisters Ulrich befriedigte, übertrug man ihm im

Jahre 1490 auch das Decken des anderen Turmes, bei welchem sich die

Kosten nur auf 310 Pfund 18 Schilling 8 h. oder 149 fl. 5 Schilling in

Gold beliefen.«

Soweit Baaders Nachrichten, welche aus den Baurechnungen gezogen sind.

Demnach war der 1481 oder richtiger im Frühjahr 1482 begonnene Neubau

einschließlich Bedachung -- abgesehen von der Neudeckung 1489 und 1490

-- im Herbst 1484 vollendet. Kleinere Arbeiten, wie Einrichtung der

Holztreppen, Fertigstellung der Türen, Geländer und Gänge an beiden

Türmen, nahmen noch die Jahre bis 1486, nach anderen bis 1485 in

Anspruch.[53] 1496 sollen die »beiden zierlich durchbrochenen Gänge,

welche man aber 1577 wieder neu bauen mußte, gemacht« worden sein[54],

wofür ein urkundlicher Beleg jedoch nicht bekannt ist. Möglich, daß

durch den 1494 erfolgten Aufzug der Viertelstundenglocke die Galerie

beschädigt oder, um den Aufzug zu bewerkstelligen, absichtlich teilweise

beseitigt wurde, was 1496 eine umfassende Reparatur erfordert hätte.[55]

Jedenfalls hätte es sich dann nur um den südlichen Turm, in dessen

oberem Helmdurchbruch die Glocke aufgehängt wurde, handeln können.

Die Erhöhung der Türme bezog sich hauptsächlich auf den Aufbau neuer

Glockenstuben mit weiten Schallfenstern, die ohne Verjüngung beiderseits

auf die unteren Stockwerke aufgesetzt wurden. Die an jeder Seite der

Türme angebrachten doppelten Schallfenster werden je durch ein weites

und hohes Blendfenster mit drei senkrechten Stäben zusammengefaßt. Die

Spitzbögen der eigentlichen Schallfenster füllt einfaches Maßwerk,

Leibungen und Stäbe der Blende sind in schlichter Weise profiliert. Die

Wände sind vollständig glatt behandelt, es fehlen also auch die Lisenen,

welche am nördlichen Turm bis an das Gesims des sechsten Stockwerkes

hinaufreichen. Unter dem oberen Abschluß dieses Stockwerkes zieht

sich, ohne Abwechslung der Motive, ein Bogenfries hin, dessen Spitzen

Knospenornamente zieren.

Darüber erhebt sich, durch eine aus zwei Hohlkehlen bestehende

Profilierung wenig über die Mauerflucht hervorragend, eine Kranzgalerie

(Abb. 29), in Herzblattmuster durchbrochen gearbeitet. Das siebente,

ebenfalls quadratische aber engere Stockwerk über der Plattform, ist

wiederum glatt behandelt und hat jeweils in der Westseite eine Türe,

durch welche man auf den schmalen Gang gelangt, und außerdem auf jeder

Seite zwei kleine viereckige Fenster. Der obere Teil dieses siebenten

Stockwerkes wurde im südlichen Turm als Wächterwohnung eingerichtet. Ein

Fries, ähnlich dem des sechsten Stockwerkes, schließt das Mauerwerk ab.

Die schlanken Turmhelme setzen viereckig an und gehen durch Teilung der

Kanten und Brechung derselben in ein gleichmäßiges Achteck über; der

südliche Helm ist zweimal durchbrochen, zur Aufnahme der Stundenglocke

unten und der Viertelstundenglocke oben. Knopf und Fahne bekrönen das

Ganze.

Einen Anspruch auf künstlerische Bedeutung können die Türme auch in

ihren neuen Bauteilen nicht erheben. Gerade in den beiden Türmen mit

ihrer einfachen, schlichten Behandlung kommt eben eigentlich so recht

die Einfachheit und zugleich auch Nüchternheit der Nürnberger Gegend zum

Ausdruck. Hier unterscheidet sich die Kirche St. Sebald nur wenig von

den Bauten der Nachbarorte, denn weder das nördliche Bayern, noch das

angrenzende östliche Franken hat Kirchtürme aufzuweisen, welche sich

besonderer Schönheit erfreuen. Am nächsten verwandt mit den Türmen von

St. Sebald ist der Turm der Stadtpfarrkirche in Schwabach.

[Illustration: Abb. 29. Oberer Teil des nördlichen Turms.]

Der Baumeister der neuen Turmteile war Heinrich Kugler von Nördlingen.

Dort hatte er 1480 das Amt eines Kirchenbaumeisters bei St. Georg

übernommen und in der Zeit bis 1494, wo er wegen Krankheit seine Stelle

niederlegen mußte, in der Hauptsache den oberen Teil des mächtigen

Turmes und die Pfeiler im Chore gebaut; die kriegerischen Verwicklungen

der Reichsstadt mit Herzog Georg von Niederbayern-Landshut und

insbesondere die Beurlaubung nach Nürnberg zum Ausbau der Türme von

St. Sebald[56] hinderten ihn, am Bau von St. Georg in dieser Zeit mehr

auszuführen. Übrigens käme für einen kunstkritischen Vergleich doch

eigentlich nur der obere Teil des Nördlinger Turmes in Betracht; allein

aus dem kleinen von Kugler ausgeführten Stück, dem achteckigen Teil über

der zweiten Galerie, lassen sich keine Schlüsse auf die Türme von St.

Sebald ziehen, um so weniger, als Kugler dort genau wie bei St. Sebald

durch die Höhe der vorhandenen Türme für den Weiterbau bereits gebunden

war und außerdem die im Gutachten des früheren Baumeisters Ensinger

gegebenen Direktiven einzuhalten hatte.[57]

Endlich ist für den Bau der Türme noch ein Aufriß in sauberer

Federzeichnung von Interesse, der sich im Archiv der Oberen Pfarrkirche

zu Ingolstadt befindet. Er stellt im Maßstab 1 : 20 den oberen Teil

eines Turmes dar, der im wesentlichen mit den Glockenstuben von St.

Sebald übereinstimmt und mit Wahrscheinlichkeit als ein Werkriß

des Meisters Heinrich Kugler betrachtet werden darf. Die großen

Schallfenster mit ihrer Verblendung stimmen fast genau mit den

ausgeführten Fenstern überein, nur die Strebepfeiler an den Ecken sind

weiter geführt und endigen etwa in der Mitte des sechsten Stockwerks mit

Fialen und Kreuzblumen. Das siebente Stockwerk jedoch ist vollständig

anders geplant. Nur wenig schmäler als das sechste steht es mit diesem

durch ein kräftig profiliertes Gesims in Verbindung und hat erst zu

oberst eine Kranzgalerie, so daß der Turmhelm ohne jede Vermittlung

auf der Plattform aufsitzt, aber ebenfalls einen schmalen Gang

freilassend. Das durchbrochene Motiv der Galerie sowie der Bogenfries

unterhalb derselben, ferner Form, Größe und Anordnung der Fenster der

Türmerwohnung sind die gleichen wie am ausgeführten Bau. Wie dieser

Aufriß in das Archiv der Oberen Pfarrkirche (oder Frauenkirche) zu

Ingolstadt gelangt ist, muß vorerst noch unaufgeklärt bleiben. Da er

sich zwischen den Bauplänen des Ulrich Heydenreich, Baumeisters zu Unser

Schönen Lieben Frauen in Ingolstadt, erhalten hat, kann man vermuten,

daß Heydenreich, als er gegen Ende des Jahrhunderts die schwäbischen

Städte besuchte und ihre Kirchen und insbesondere Türme aufnahm, jenen

Riß von seinem Kollegen Heinrich Kugler geschenkt bekommen und mit nach

Ingolstadt gebracht habe.

Uns aber kann ein Vergleich des Aufrisses mit dem vollendeten Bauwerk

lehren, welche Umänderungen die ursprünglichen Bauabsichten noch während

der Ausführung erfahren haben, ein Einblick in die Tätigkeit des

Architekten, wie er uns, soweit es sich um die Zeiten des Mittelalters

handelt, nur selten möglich ist.

[Illustration: TAFEL X. Innenansicht vom Ostchor gegen das nördliche

Seitenschiff.]

III.

Die Restaurierungen der Kirche.

1. Die Restaurierungen der Kirche bis zur Neuzeit.

Bei einem so umfangreichen Bauwerke wie die Kirche St. Sebald wurden

natürlich im Laufe der Zeit eine Reihe von größeren und kleineren

Reparaturen, namentlich am Außenbau, erforderlich. Verschiedene

Veränderungen sind auch ein Produkt der veränderten Bedürfnisse oder des

veränderten Zeitgeschmackes.

Die erste beglaubigte Restaurierung im Innern wurde 1493 vorgenommen:

»do wart die kirchen zu sant Sebolt geweist und verneut inwendig und

wurd fertig auf sant Seboltz tag«.[58]

Die Sebalduskirche in Nürnberg · 第 7 / 29 段