der Seitenschiffe zur allgemeinen Entwicklung nachzuweisen, ist nicht
leicht. Daß bei den günstigen Maßverhältnissen, bei dem Reichtum des
Aufbaues und bei der künstlerischen Ausführung der belebenden Ornamente
ein Zusammenhang mit einer einflußreichen Bauschule Deutschlands
bestanden hat, versteht sich ja von selbst. Allein die vermittelnden
Bindeglieder fehlen, welche an den Ausgangspunkt führen. Zweifellos
würden die Bauten der vier Bettelorden, die sich seit den zwanziger
Jahren des 13. Jahrhunderts in Nürnberg ansiedelten, imstande sein,
Aufschluß zu geben -- wenn sie noch beständen. Erhalten ist nur die
Barfüßerkirche, aber durch den Umbau im 17. Jahrhundert so verändert,
daß ihr ursprüngliches Aussehen vollständig verschwunden ist. Auch
mit den auf uns gekommenen Abbildungen der Bettelordenkirchen, meist
Stichen des 17. und 18. Jahrhunderts, ist nichts anzufangen, sie sind
in der Darstellungsweise zu sehr von dem Stilcharakter ihrer Zeit
beeinflußt, als daß sie für eine kunstgeschichtliche Untersuchung in
dieser Hinsicht in Frage kommen könnten. Freilich hatten die Kirchen
der Bettelorden der Ordensregel entsprechend nirgends eine reichere
Ausführung aufzuweisen, sodaß sie für eine direkte Beeinflussung
stattlicher Pfarrkirchen überhaupt nicht von Belang sind. Nur indirekt
können sie durch Grundrißanlage und Konstruktion des Aufbaues
Fingerzeige bei Vergleichung bedeutender Bauten geben, was aber in dem
vorliegenden Falle aus dem angeführten Grunde nicht mehr möglich ist.
[Illustration: Abb. 20. Portal am südlichen Seitenschiff.]
Eine weitere Vermittlerrolle ist der Schwesterkirche St. Lorenz
zugefallen, deren Erbauung in den siebziger Jahren des 13.
Jahrhunderts begonnen hat. Auch sie hat wie St. Sebald später mehrere
durchgreifende Veränderungen erfahren: 1403 eine Erweiterung der
Seitenschiffe, 1439-1477 den Bau des neuen Chores. Mit der Erweiterung
der Seitenschiffe im Jahre 1403 fielen die alten Mauern und die neuen
wurden in die Flucht der Querschiffmauern hinausgerückt. Was vom
Mauerkörper der alten Seitenschiffe noch besteht, zeigt indessen eine
so nahe Verwandtschaft mit den Seitenschiffen von St. Sebald, daß der
Gedanke, es sei der gleiche Meister an beiden Bauten tätig gewesen, sich
unwillkürlich aufdrängt. War es doch wohl auch das Nächstliegende, zu
den baulichen Veränderungen, die St. Sebald in dieser Epoche erfuhr,
Werkleute der eben im Bau begriffenen neuen Pfarrkirche heranzuziehen.
Der alte Bau von St. Lorenz seinerseits deutet in stilistischer
Hinsicht auf die Schule von Freiburg. Die Bauzeit deckt sich ungefähr
mit der des Langhauses vom Freiburger Münster und dehnt sich noch über
dieselbe aus. Vor allem erinnert der ganze innere Aufbau an Freiburg,
nur mit dem Unterschiede, daß die bei beiden bereits vorhandenen
Reduktionserscheinungen an der Kirche St. Lorenz noch um einen Grad
stärker eingegriffen haben: die Hochwand ist durch den Mangel des die
vorausgegangene Epoche auszeichnenden Triforiums wieder eine wirkliche
Mauer geworden, die Fensteröffnungen sind verringert. Die Säulenbündeln
ähnlichen Pfeiler sind nahe verwandt. An den Kapitälen fehlt bei St.
Lorenz fast durchgehends schon das Laubwerk. Die Raumwirkung ist hier
günstig, während bei Freiburg die Rücksichtnahme auf ältere Bauteile
die Raumverhältnisse wesentlich beeinträchtigt hat. In der Anlage
der Fassade geht St. Lorenz auf das Straßburger Münster zurück, wie
überhaupt bei den Wechselbeziehungen zwischen Freiburg und Straßburg die
Einflüsse einer dieser Schulen stets mit denen der anderen gemischt sind.
Obwohl die Erweiterung der Seitenschiffe bei St. Sebald erst im
Beginn des 14. Jahrhunderts in Angriff genommen wurde, sind hier die
Reduktionserscheinungen relativ gering. So nehmen die Fenster die
ganze Wandfläche ein, der ornamentale Schmuck ist noch reich. Dieser,
die Pfeilerbildung, insbesondere die für Figuren bestimmten Nischen
und Baldachine an den Pfeilern gemahnen an Freiburg. Dagegen wird die
Frage der Herkunft der Fensterwimperge mit Freiburg nicht gelöst. Die
Schönheit, welche in der fortlaufenden Abwechslung der bekrönenden
Strebepfeilerfialen, Wimperge und Galerien liegt, hatte man im 13.
Jahrhundert zu würdigen gewußt. Von Frankreich ausgehend, verbreitete
sich dieses Motiv rasch über Deutschland. Alle bedeutenderen Bauten
sind damit geziert. Zu den Reduktionserscheinungen im 14. Jahrhundert
zählt auch der Verzicht auf die Wimperge, nur die Galerien wurden neben
den Fialen beibehalten. Es ist anzunehmen, daß, wie bei St. Lorenz die
ganze Anlage auf Freiburg und nur die Fassade auf Straßburg zurückgeht,
so bei St. Sebald die Wimperge ebenfalls mittelbar oder unmittelbar
eine Entlehnung vom Straßburger Münster bedeuten, wo sich dieselben
nicht nur über Portalen und einzelnen Fenstern der Fassade, sondern
im Verein mit Fialen und Galerien an den Seitenschiffen finden. Die
Wölbung hinwiederum ist der im Freiburger Münster eng verwandt, hier
wie dort Gewölbe mit wagerechtem Scheitel, während bei den Gewölben des
Straßburger Münsters Busung und konkave Scheitellinien anzutreffen sind.
[Illustration: Abb. 21 a-d. Fenster-Maßwerke der Seitenschiffe.]
[Illustration: Abb. 22 und 22a. Brauttor.]
Der romanische Bau von St. Sebald war, so viele gotische Elemente
er auch in sich aufgenommen hatte, in seinem Kern nur wenig berührt
worden. Mit dem Umbau der Seitenschiffe dagegen hatte die Gotik in
ihrer reifsten Form Ausdruck erhalten. Der gewaltige Umschwung, der
sich während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in der deutschen
Baukunst vollzogen hatte, ist aus diesem Gegensatz deutlich zu erkennen:
Anfangs- und Endstadium stehen nebeneinander. Dort der Ausgang einer
Epoche mit deutlichen Anzeichen des neuen Stiles, hier bereits ein
fertiges Produkt desselben; die Zwischenstufen fehlen. Allein so sehr
beim romanischen Bau die importierten Elemente auf den Schauplatz
hinweisen, auf welchem der gotische Stil zur Entwicklung gebracht worden
ist, von französischer Gotik ist bei den Seitenschiffen nichts mehr zu
finden. Hier gehört die Epoche der Rezeption der französischen Gotik auf
deutschem Boden schon zur Vergangenheit, hier hat die Gotik deutsches
Bürgerrecht erworben. Die Seitenschiffe stehen aber auch schon hart an
der Grenze, jenseits welcher man zu reduzieren begonnen hat. Sie sind
eine Schöpfung der Hochgotik mit allen Vorzügen derselben. Sie sind das
Beste, was die gotische Baukunst in Nürnberg geschaffen hat.
=Die Fensterausbrüche im Querschiff und Westchor.= Die der Kirche durch
die breiten neuen Fenster der Seitenschiffe zugeführte Lichtmenge war
bedeutend und mußte den Wunsch erwecken, auch an anderen Wänden der
Kirche die romanischen Fenster durch Ausbrüche zu verbreitern, um
so mehr, als in bezug auf größere Lichtfülle die in der Vollendung
begriffene St. Lorenzkirche zur Nacheiferung aufforderte. So sehen
wir denn weiterhin an Stelle der romanischen Kreisfenster in den
Querschiffwänden breite vierteilige Maßwerkfenster entstehen, von denen
die Kämpferkapitäle jetzt noch vorhanden sind und zeigen, daß beim
späteren Ostchorbau nur eine Verlängerung der schon vorhandenen Fenster
stattgefunden hat.
Aus dem gleichen Bedürfnisse erwuchs schließlich auch die Umwandlung der
romanischen Fenster in den drei mittleren Feldern des Westchores, die
bis dahin, wie die noch vorhandenen seitlichen Fenster ausweisen, aus je
zwei Öffnungen bestanden, in zweiteilige gotische Maßwerkfenster. Über
die genauere zeitliche Reihenfolge dieser Fensterausbrüche läßt sich
völlig Sicheres nicht feststellen.
Auf diese Weise hatte also der romanische Bau eine ganz veränderte
Beleuchtung, nämlich die heute noch vorhandene, erhalten. Die
ursprünglich gedämpfte und feierliche Lichtwirkung, die in den Schiffen
und Chören der romanischen Kirche geherrscht hat, können wir uns nur
mehr in der Vorstellung vergegenwärtigen.
Einen eigentümlichen Reiz muß in dieser Zwischenperiode die ganze
Erscheinung der Kirche, namentlich das romanische Querschiff mit seinen
gotischen Maßwerkfenstern, geboten haben.
=Die neuen Portale am Querschiff.= Im Zusammenhang mit diesen baulichen
Veränderungen ist hier schließlich noch die Anlage zweier neuer Portale
an den ersten Querschiffjochen zu erwähnen, die offenbar bereits dieser
Bauperiode der Kirche angehört: das =Brautportal= (Taf. IV und Abb. 22
und 22a) im östlichen Joch des nördlichen Querschiffarmes zwischen
den romanischen Strebepfeilern, zeigt ein reich profiliertes Gewände,
innerhalb dessen die Statuen der klugen und törichten Jungfrauen auf
Konsolen unter Baldachinen aufgestellt sind. Nach oben schließt das
Portal mit einem Spitzbogen und darüber horizontal in rechtwinkeliger
Form ab. In der Spitze des Bogens ist das Brustbild des segnenden
Heilands, zu beiden Seiten sind die Statuen Adam und Eva angebracht. Das
jetzt leere Tympanonfeld kann ehemals eine Skulptur, vielleicht aber
auch nur ein Maßwerk enthalten haben.
Eine wirkungsvolle Zutat, die aber einen Teil der früheren Anlage
verdeckt, erhielt das Portal ein paar Dezennien später durch den Vorbau
eines reich ausgebildeten durchbrochenen Maßwerkes, neben dem zwei
Statuen -- rechts der hl. Sebald und links Maria mit dem Christuskinde
-- auf Konsolen und unter Baldachinen ihren Platz fanden.
Am südlichen Querschiffarme, ebenfalls zwischen den romanischen
Strebepfeilern des westlichen Joches, wurde das =Dreikönigsportal=
angelegt. In einfacherer Weise als beim Brauttor zeigt das Portal ein
reich profiliertes Gewände und als Abschluß einen Spitzbogen, in dessen
Tympanonfeld heute eine nach dem Innern der Kirche hin gerichtete
Holzskulptur (Epitaphium der sel. Ebnerin) angebracht ist. Nach außen
wurde zwischen den Strebepfeilern durch den Einbau eines Gewölbes mit
profilierten Rippen eine Vorhalle geschaffen, an deren Wänden in Nischen
auf vier Konsolen Maria mit dem Christuskinde und je einer der drei
Weisen mit ihren Geschenken als Rundfiguren angebracht sind.
2. Der Ostchor. 1361-1379.
Der im Jahre 1309 begonnene Umbau der Seitenschiffe konnte, wenn auch
die Kirche ungefähr 100 qm an Flächenraum gewann, nicht als eigentlicher
Erweiterungsbau gelten. Es waren eben nur die Seitenschiffe, welche bei
dem Besuch der Kirche während des Hauptgottesdienstes wenig in Frage
kommen, erweitert worden, Mittelschiff und Chor waren geblieben, wie sie
in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts angelegt waren.
Auf die Dauer genügte demnach die Kirche St. Sebald ihrer immer mehr
anwachsenden Gemeinde nicht. Wir wissen ja, daß die Stadtgrenze in der
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit jenem Mauerzug bestimmt wurde,
welcher im heutigen Stadtbild am Weißen Turm und dem Laufer Schlagturm
noch deutlich zu erkennen ist, und daß noch vor der Mitte des folgenden
Jahrhunderts diese Grenze auf den jetzigen Stadtgraben hinaus verlegt
wurde, was doch in Anbetracht der kurzen Zeit zweifellos auf eine rasche
Bevölkerungszunahme der Stadt und insbesondere der Pfarrei St. Sebald
schließen läßt.[18][19]
Angesichts dieses starken Bevölkerungszuwachses konnte auch die in den
Jahren 1355-1361 auf dem Markt erbaute Kapelle zu Unserer Lieben Frau
keine Entlastung für die Kirche St. Sebald bedeuten.
Mitbestimmend für die notwendige Erweiterung der Kirche St. Sebald war
wesentlich folgender Punkt.
Mit der Zunahme der Bevölkerung war auch Nürnbergs politische und
kulturelle Bedeutung gestiegen.
[Illustration: TAFEL VI. Längenschnitt der Sebalduskirche.]
Die außerordentlich günstige zentrale Lage des Ortes, seine Stellung
als bevorzugte Reichsstadt, in der sich die deutschen Könige und
Kaiser oft und lange aufhielten und die sie durch bedeutende Handels-
und sonstige Privilegien auf alle Weise förderten, die große Gunst
und Liebe, die besonders die beiden Kaiser Ludwig der Bayer und Karl
IV. der Stadt angedeihen ließen, dann aber, und das war nicht weniger
wichtig, die unerschöpfliche Arbeitskraft und Arbeitslust seiner
Bevölkerung sowie die Intelligenz und der Unternehmungsgeist seiner
Geschlechter und der übrigen bedeutenden Kaufmannschaft, hatte das
Wachstum und die Blüte Nürnbergs so mächtig gefördert, daß es bereits
um die Mitte des 14. Jahrhunderts in sonst kaum beobachteter rascher
Entwicklung sich eine weltgeschichtliche Bedeutung errungen hatte. Es
ist richtig, die Entwicklung Nürnbergs auf allen Gebieten, dem des
Handels und der Gewerbe, der Kunst und der Wissenschaft, tritt zu keiner
Zeit so deutlich und herrlich in die Erscheinung wie gegen Ende des
15. und im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, wo eine auserlesene
Schar hervorragender, ja einziger Kräfte auf dem Gebiete des Gewerbes,
insbesondere des Kunstgewerbes in Nürnberg wirkten und, man möchte
sagen, die Fürsten im Reiche der Kunst und des Kunsthandwerkes dieser
einzigen Stadt ihren Glanz durch Jahrhunderte verliehen. Aber einen
ersten bedeutenden Höhepunkt erreichte das Kunstleben der Stadt,
entsprechend der bedeutenden Entwicklung, die das Gemeinwesen sowohl als
auch die handelspolitische Bedeutung der Stadt genommen hatte, schon
in der glanzvollen Epoche der gotischen Kirchenbauten. Da kann es denn
nicht wundernehmen, daß man, als das Bedürfnis einer Erweiterung der
Hauptpfarrkirche immer dringender hervortrat, an Stelle des Ostchors,
für dessen Stilcharakter man kein Verständnis mehr hatte, und der auch
den gesteigerten Ansprüchen viel zu bescheiden, ja armselig erscheinen
mochte, einen stattlichen, dem modernen Geschmack angepaßten Neubau
erstehen ließ.
Ende der fünfziger Jahre wurde bereits für den Neubau zu sammeln
begonnen, wie zwei Ablaßurkunden vom 23. Februar und 21. September
des Jahres 1358 beweisen.[20] 1360 wurde ein am Friedhof von St.
Sebald gelegenes und dem Egidienkloster gehöriges Haus gegen ein
zum Kirchenvermögen von St. Sebald gehöriges Anwesen umgetauscht,
was wohl nur daraus verständlich wird, daß jenes Haus hart an der
Friedhofmauer, in nächster Nähe des alten Ostchores lag und behufs
Niederlegen von der Kirchenverwaltung von St. Sebald erworben werden
mußte.[21] Im Sommer 1361 nahm man den Neubau in Angriff.[22] Daß
Geld stets vonnöten war, besagt unter anderem der 1362 zur Förderung
des Neubaues erteilte Ablaß.[23] Im Frühjahr 1364 war der Bau bereits
weit vorgeschritten; der Pfarrer Albrecht Krauter, der sich um den
Neubau seiner Kirche sehr verdient gemacht hat, stellte der Stadt einen
Revers über die Nichterweiterung des Friedhofes aus, obwohl das Areal
desselben durch den Neubau an Flächenraum erheblich eingebüßt hatte.[24]
Eine Unterbrechung des Gottesdienstes scheint während des Baues nicht
stattgefunden zu haben. So wurden bis zum Jahre 1365 Pfründen gestiftet
und bestätigt, darunter 1364 eine Pfründe für den in der südlichen
Seitenapsis stehenden St. Stephansaltar.[25] Vom Oktober 1365[26] bis
zum Juli 1370[27] allerdings schweigen die urkundlichen Nachrichten, und
erst in den folgenden Jahren hören wir wieder von Stiftungen für Altäre
und zwar in erster Linie für Altäre, die ihren Standort im neuen Ostchor
erhielten. Schon 1370 scheint der Neubau den Anschluß an die alte Kirche
erreicht zu haben und auch eingewölbt gewesen zu sein, so daß die bisher
in den drei Ostapsiden des romanischen Chores befindlichen Altäre nun
neue Aufstellung finden konnten.[28] In der Zwischenzeit von 1365-1370
wurde der Hauptgottesdienst wahrscheinlich im Mittelschiff oder im
Westchor abgehalten.
Von besonderem Interesse erscheinen zwei Urkunden, vom 3. Juli 1370 und
vom 10. Juli 1379[29], nach deren Inhalt die Ostkrypta nicht, wie man
annehmen könnte, beim Neubau eingefüllt worden wäre, sondern einstweilen
noch fortbestanden hätte. Beide Schriftstücke, von welchen das erste
die Bestätigung der Stiftung einer Pfründe für den Marienaltar enthält,
das andere von einem Ablaß des Kardinals Pileus für den gleichen Altar
handelt, bezeichnen ausdrücklich den Standort dieses Altares als in der
Krypta befindlich. Diese Bezeichnung des Standortes muß indessen sehr
auffällig erscheinen und ist nur schwer zu erklären, da ein Fortbestehen
der Ostkrypta nach Vollendung des Neubaues technisch unmöglich war.
War schon im Jahre 1370 der Bau im Innern soweit vorgeschritten, daß der
Gottesdienst in demselben aufgenommen werden konnte, so ging auch das
Äußere rasch seiner Vollendung entgegen. Wie aus zwei im Stadtarchiv
Nürnberg aufbewahrten Urkunden vom 15. Oktober und 20. Dezember des
Jahres 1372[30] ersichtlich ist, war nämlich um diese Zeit der Außenbau
vollendet und aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Gerüst beseitigt,
denn es wurden den ehemaligen Pächtern der Brotbänke am alten Ostchor
nun neue Brotbänke an den Pfeilern des neuen Chores überlassen. Was den
endgültigen Abschluß des ganzen Unternehmens noch hinausschob, wird wohl
der Umstand gewesen sein, daß entweder verschiedene auf die Ausstattung
und Einrichtung der Kirche abzielende Aufträge noch nicht erfüllt waren
oder daß es nach dieser Richtung überhaupt an Auftraggebern und Stiftern
eine Zeitlang gefehlt hat. Noch am 5. Juni 1379 erteilte der Kardinal
Pileus einen Ablaß, weil die vorhandenen Mittel zur Vollendung der
Kirche nicht ausreichten.[31] Am Sonntag nach Bartholomäus des Jahres
1379 endlich fand die feierliche Einweihung des neuen Ostchores statt,
welcher im ganzen 24000 Goldgulden kostete.[32]
So war in verhältnismäßig kurzer Zeit -- besonders wenn wir die Jahre
1361-1372 ins Auge fassen -- ein mächtiges und herrliches Bauwerk
geschaffen worden. Es läßt diese Tatsache wohl einen Rückschluß zu auf
den Eifer, mit dem das Unternehmen begonnen und durchgeführt worden war,
aber auch auf die Wohlhabenheit der Bürger, welche das Unternehmen nie
hatte ins Stocken geraten lassen, was im Mittelalter, wo fast niemals
ein größeres Bauwerk nach dem ursprünglichen Plane in wenigen Jahren zur
Vollendung gelangte, zu den Seltenheiten gehörte.
* * * * *
=Baubeschreibung.= Der Ostchor von St. Sebald ist ein dreischiffiger
Hallenbau mit Chorumgang. Unregelmäßigkeiten und Verschiebungen in
der Grundrißbildung (Taf. V), wovon eingehend bei dem Abschnitt über
Stilkritik die Rede sein wird, hatten zur Folge, daß die Anlage mit
drei ungefähr gleich breiten Schiffen, wie sie im westlichen Joch, wo
der Chor an das Langhaus anstößt, gegeben war, nicht genau durchgeführt
werden konnte. Gleichwohl ist die quadratische Form der Gewölbefelder im
allgemeinen beibehalten worden, so daß fast immer die Breite der Schiffe
so ziemlich der Größe der Pfeilerabstände entspricht.
Der Abschluß des Binnenchores wird von drei Seiten des Achteckes
gebildet. Im Chorumgang, dessen Außenwand aus sieben Seiten des
Sechzehneckes besteht[33], wechseln vier dreieckige Felder mit drei
rechteckigen Feldern ab. Das Gewölbe wird von zehn freistehenden
Pfeilern getragen, dem Schub des Gewölbes nach außen begegnet die Wand
mit 18 Strebepfeilern, an der Westwand entsprechen den Innenpfeilern
zwei romanische Vierungspfeiler und an den Außenecken stehen zwei kleine
Strebepfeiler.
Das verwendete Baumaterial ist rötlichgrauer Sandstein von ziemlich
weicher Beschaffenheit aus den westlichen Ausläufern des Jura, für
Steinmetz- und Bildhauerarbeiten vorzüglich geeignet, jedoch von
geringer Widerstandskraft gegen die Unbilden der Witterung.
Für die Anlage des neuen Ostchores war die Breite des romanischen
Querhauses maßgebend, von welchem verschiedene Teile mit in den Neubau
aufgenommen wurden. Die Westwand und die beiden Seitenwände wurden
mit ihren Pfeilern, Strebepfeilern und Diensten beibehalten. Dagegen
wurden die östlichen romanischen Vierungspfeiler durch neue freistehende
Pfeiler und die entsprechenden Strebepfeiler mit ihren Diensten
ebenfalls durch neue ersetzt.
Zu den Anbauten und Nebenbauten gehören zwei Sakristeien: die größere
an der Nordwand zwischen dem dritten und vierten Strebepfeiler,
ein zweistöckiger Bau in rechteckiger Grundrißform, das untere
Geschoß mit zweiteiligem Gewölbe, und die kleinere gegenüber an der
Südwand, ebensolang, aber nur halb so breit wie die andere Sakristei
und nur eingeschossig. Die südliche Sakristei war ursprünglich die
Pankratiuskapelle. An die beiden Sakristeien schließt sich westlich
je eine Kapelle an, zwischen zwei Pfeilern durch Einziehung derselben
eingebaut; die nördliche derselben, von der Nürnberger Patrizierfamilie
der Pfinzing gestiftet, wurde später durch Umbau in eine Empore
verwandelt und führt jetzt den Namen Magistratschor, die südliche ist
die Pömerkapelle.
[Illustration: Abb. 23. Ostchor. Innenansicht.]
Zwischen den beiden ersten Strebepfeilern an der Nordwand wie an der
Südwand, also hart neben den beiden eben erwähnten Kapellen, führen
die zwei schon früher vorhandenen Portale in den Chor, nördlich das
Brautportal oder die »Ehtür« und südlich das Dreikönigsportal. Die
östlich der südlichen Sakristei befindliche kleine Türe, die sogenannte
Schautüre, bestand damals noch nicht.[34] Die einzelnen Wandabteilungen
werden von schlanken, gleich langen Fenstern durchbrochen; nur die
Fenster in einigen westlichen Traveen, insbesondere das über der
nördlichen Sakristei, haben eine Kürzung erfahren müssen.
=Querschnitt und Aufriß= (Taf. VI). Das Prinzip der Hallenkirche
erfordert, wenn es rein zum Ausdruck kommen soll, bei den drei
parallelen Schiffen nicht nur gleiche Spannweite, sondern auch gleiche
Höhe. Letzterem Erfordernis ist am Ostchor von St. Sebald durchweg
Rechnung getragen, und es konnte dies, eben weil die Schiffe so ziemlich
gleiche Spannung haben, leicht geschehen; es war demnach weder eine
schlanke, noch eine gedrückte Bildung der Wölbungslinien notwendig, und
so mußten auch die Kämpfer, beziehungsweise Gewölbeanfänger gleiche
Höhe erhalten. Ungleichheiten entstanden nur im östlichen Teile des
Chores, wo zwar die Breiten der Wandabteilungen mit den Pfeilerabständen
ungefähr übereinstimmen, aber beide nicht mit der Spannweite des
Umganges. Gleiche Scheitelhöhe einerseits und gleiche Kämpferhöhe
andererseits ist jedoch auch hier beibehalten worden, weshalb die
Wölbungslinien das einemal eine gedrücktere, das anderemal eine spitzere
Form annehmen. Eine kleine Unregelmäßigkeit hat sich ferner noch beim
Ansatz des Gewölbes an die stehengebliebenen Wände, Pfeiler und Dienste
des romanischen Querhauses ergeben. Es wurden nämlich die westlichen
Vierungspfeiler mit ihren Diensten sowie die übrigen Dienste vollständig
in den Neubau aufgenommen, also einschließlich der Kapitäle, nur an
den beiden Pfeilern wurden die vorkragenden Gesimse weggeschlagen, was
aber konstruktiv ohne Belang ist. Erst von den romanischen Kapitälen an
beginnen die gotischen Gurt-, Rippen- und Schildbögen, oder richtiger
gesagt: =schon= von den romanischen Kapitälen an; denn da das neue
Gewölbe -- nicht nur die Scheitel, sondern auch die Gewölbeanfänger --
etwa 1·50 m höher liegt als das alte, so mußten die neuen Gewölbteile
über den romanischen Stützen um diese Entfernung gestelzt werden. Dabei
wurde für den ersten nördlichen Scheidbogen die Breite des romanischen
Vierungspfeilers beibehalten, da dessen Breite der Stärke der übrigen
Scheidbögen zufälliger Weise entsprach, die Breite des anderen Pfeilers
dagegen mußte, weil derselbe bedeutend stärker, verkleinert werden.