Im 11. Jahrhundert hatte unter den Ordensbauschulen der

Benediktinerorden die der Kluniazenser die Oberhand, im 12. Jahrhundert

wurden dieselben von den Hirsauern abgelöst, und im letzten Drittel des

12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatte der Orden der

Zisterzienser, neben dem sich auch die Prämonstratenser geltend machten,

die weiteste Verbreitung.

Zwischen Würzburg und Bamberg, näher bei letzterer Stadt, liegt

mitten in den stattlichen Nadel- und Laubwaldungen des Steigerwaldes

im Quellgebiet der mittleren Ebrach das nach diesem Bache benannte

Zisterzienserkloster. Es liegt -- was die Zisterzienser bei neuen

Klostergründungen stets im Auge behielten -- in sich abgeschlossen,

abseits von allen Verkehrswegen, gleichweit vom Main, von der Rednitz

und von der Heerstraße Nürnberg-Würzburg entfernt.

Das Kloster wurde im Jahre 1126 gegründet.[13] Der Besitz hatte bald

bedeutenden Umfang gewonnen teils durch Schenkungen, teils durch Ankauf

von Gütern, teils durch den Fleiß der Mönche in der Kultivierung der

umliegenden Waldungen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts mußte bereits

der Frage einer Erweiterung der Ökonomiegebäude wie der Kirche näher

getreten werden. Was die Kirche anlangt, so entschloß man sich zu

einem vollständigen Neubau, und zwar zu einem Bau von beträchtlichen

Dimensionen, der an und für sich schon einen Rückschluß auf die damalige

zahlreiche Besetzung und den Reichtum des Klosters zuläßt.

Bald nach 1200 wurde der Bau begonnen, eine dreischiffige

Pfeilerbasilika mit dem nach Schema Cisteaux II gebildeten Chorabschluß,

nämlich einer einfachen geradlinigen Kapellenreihe an der Ostseite

des Querschiffes und einer doppelten um den ebenfalls geradlinig

abschließenden Chor. Die Wölbung besteht aus Kreuzrippengewölben in dem

System des durchlaufenden Joches. Im 18. Jahrhundert wurde das Innere

der Kirche im Stile der Zeit derartig umgestaltet, daß die romanischen

Details nicht mehr zu erkennen, ja größtenteils überhaupt nicht mehr

sichtbar sind. Doch steht fest, daß eine Triforiengalerie nicht

vorhanden war. Die Hauptbauperiode fällt in das erste Drittel des 13.

Jahrhunderts; die Vollendungsarbeiten zogen sich in die Länge, erst 1285

fand die Einweihung der Kirche statt.

Dagegen hat sich eine an die Nordseite des Querschiffes der Kirche

angebaute Kapelle, die Michelskapelle, bis auf den heutigen Tag

unverändert erhalten. Sie wurde ebenfalls zu Beginn des 13. Jahrhunderts

in Angriff genommen, 1207 schon fand die Einweihung der Kapelle und

dreier Altäre statt. Dieser Epoche gehört der größere Teil der Kapelle

an, nämlich der mit sieben Stufen über das Niveau der übrigen Kapelle

erhöhte Chor einschließlich Querschiff mit vier Wölbungsquadraten und

das anstoßende Quadrat der unteren Kapelle. Die beiden westlichen

Rechtecke mit den sechsteiligen Gewölben wurden erst im folgenden

Jahrzehnt angefügt. Hier in dieser Kapelle haben Architekturglieder und

Ornamente die reichste Verwendung gefunden, hier finden sich wieder

Kleeblattblendbögen und Hornkonsolen, welche in der allgemeinen Form

sowohl wie in der Detailbearbeitung stark an den Dom zu Bamberg und an

St. Sebald in Nürnberg erinnern. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, wie

damals die Zisterzienser mit ihren Mönchen und Laienbrüdern sich häufig

auch an anderen Kirchenbauten, welche im Auftrage von Pfarrgemeinden

oder weltlichen Geistlichen errichtet wurden, rege beteiligten, so liegt

die Vermutung sehr nahe, daß zwischen dem Bau der Klosterkirche in

Ebrach und den zeitlich mit ihm übereinstimmenden Bauten in Bamberg und

Nürnberg enge Beziehungen bestanden haben.

Die Vermutung wird in erster Linie durch den Umstand bestätigt, daß

sämtliche Steinmetzzeichen am alten Bau von St. Sebald nicht nur am Dom

zu Bamberg, sondern auch mit noch etlichen Zeichen dieses Baues wieder

an der Klosterkirche in Ebrach angetroffen werden. Es steht somit fest,

daß eine Anzahl ein und derselben Steinmetzen an allen drei Kirchen

tätig waren. War diese wandernde Kolonie an dem einen Bau fertig, so zog

sie zum anderen Bau, um dort ihre Tätigkeit von neuem aufzunehmen.

Der Anzahl der Zeichen nach zu schließen waren von den Steinmetzen,

die am Bau der Klosterkirche Ebrach arbeiteten, mehr am Dom zu Bamberg

tätig als an der Kirche St. Sebald. Trotzdem war den Ebrachern an der

Nürnberger Pfarrkirche ein größeres Arbeitsfeld eingeräumt als dort.

Was am Bamberger Dom direkt auf Ebracher Einfluß zurückgeht, ist der

Westchor bis zum Dachgesims, beziehungsweise bis zu den Gewölbeanfängen

im Innern und das Nordportal des Querhauses mit den Kleeblattblendbögen;

ferner die Schranken des Westchores.[14] Der Dom war eben in seinen

Hauptteilen: Ostchor mit Türmen, Langhaus und Querschiff, bereits

vollendet oder wenigstens der Vollendung nahe, als man in Ebrach die

Neubauten aufzuführen begann. Beim Weiterbau am Bamberger Dom mußte die

einmal gegebene Disposition beibehalten werden, und so hatten sich die

Ebracher den Anordnungen der Dombauleitung unterzuordnen. Anders bei

St. Sebald. Hier konnte sich die Tätigkeit der Ebracher viel

einflußreicher gestalten, weil man überhaupt erst zu bauen anfing,

als die Ebracher kamen. Hier konnten also die von den Ebrachern in

ihr Bauprogramm aufgenommenen Neuerungen volle Verwertung finden.

Und so finden sich bei St. Sebald nicht nur dekorative Glieder, wie

kleeblattförmige Blendnischen oder Hornkonsolen vor, welche auf eine

nahe Verwandtschaft mit Ebrach hinweisen, sondern auch Konstruktion

und System, d. h. fast alles, worin St. Sebald mit Bamberg nicht

übereinstimmt, bilden ein Produkt der engen Beziehungen.

Wir sehen nämlich in Ebrach, und zwar zunächst in der Klosterkirche

selbst, vor allem das einfache System mit durchlaufendem Joch wieder,

die rechteckigen Gewölbefelder im Mittelschiff und infolgedessen im

Längsschnitt der Mittelschiffjoche eine bedeutende Höhenentwicklung

(Bamberg 2 : 1, Ebrach 3 : 1); ferner eine im Gegensatz zu Bamberg große

Entfernung der Gewölbkämpferlinie von den Arkadenbögen, Vorlagen in

den Arkadenbögen, von Säulen getragen, nicht vollständige Herabführung

der Mittelschiffdienste im Gegensatz zu den Seitenschiffdiensten und

schließlich am Außenbau Strebepfeiler. Ebenfalls ist der Rundbogen in

den Fenstern, der Spitzbogen in den Arkaden und im Gewölbe vertreten.

In der Michelskapelle und zwar in deren jüngerem Teil kehren das

sechsteilige Gewölbe, Verringerung der Mauerstärke des Lichtgadens und

Aufsitzen des Schildbogens auf kleinen Säulen, außerdem nahverwandte

Formen an den Halbsäulenkonsolen und an den Kapitälen wieder.

[Illustration: Abb. 15. Portal am südlichen Turm.]

Die soeben festgestellten Übereinstimmungen zwischen St. Sebald und

der Ebracher Klosterkirche sind architektonische Elemente, welche dem

Bamberger Dombau völlig fern liegen, und zum weitaus größten Teil

konstruktiver Natur, in der Hauptsache: das Strebesystem und das System

des einfachen Joches. Wir fragen uns nun: wie kamen bei Ebrach zu Anfang

des 13. Jahrhunderts diese wesentlichen Elemente gotischen Stiles in die

spätromanische Baukunst Ostfrankens?

Bekanntlich war Frankreich das Kulturland des Mittelalters. Am meisten

hatte Deutschland im 13. Jahrhundert den Einfluß Frankreichs im gesamten

Bereich der Kultur zu verspüren und nicht zum mindesten in der Baukunst.

Mit dem 13. Jahrhundert hatte die Gotik in ihrem Geburtslande Frankreich

den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht, und von dieser Zeit an datiert

ihre Einführung nach Deutschland, und zwar in der zweiten Hälfte des 13.

Jahrhunderts die Einführung der entwickelten Gotik, in der ersten Hälfte

die Einführung einzelner Elemente dieses Stiles. Und die Einführung

einzelner gotischer Elemente wurde von dem weit verbreiteten Orden der

Zisterzienser besorgt.

Gewiß fand in Ebrach auch nach Vollendung des 1126 gegründeten Klosters

die Baukunst durch die Mönche und Laienbrüder weiterhin Pflege.

Erweiterungen der Klosteranlage, welche durch den rasch anwachsenden

Reichtum bedingt wurden, und Aufträge in der Umgegend werden genügend

Arbeit zugeführt haben. Als jedoch das Kloster zu Beginn des 13.

Jahrhunderts beschloß, einen bedeutenden Neubau dem Zeitcharakter

entsprechend aufzuführen, da reichten die vorhandenen bau- und

kunstverständigen Mitglieder des Ordens nicht aus, man bedurfte eines

bedeutenden Zuwachses neuer Kräfte, insbesondere eines entsprechend

geschulten Bauleiters. Es blieb daher nichts anderes übrig, als sich an

das Mutterkloster zu wenden und sich von dort eine Anzahl von Konversen

samt Baumeister, Parlieren und Steinmetzen kommen zu lassen. Nur auf

diese Weise erklärt sich das plötzliche Auftauchen französischer

Bauweise in Ostfranken, zumal in Ebrach.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren für die Zisterzienser nicht mehr

die fünf burgundischen Hauptkirchen die allein ausschlaggebenden Bauten.

Dieselben waren im wesentlichen nunmehr Vorbilder in der Anlage. In

allen übrigen Punkten kam jetzt die burgundische Schule überhaupt,

also nicht nur die der Zisterzienser speziell, als Ausgangspunkt für

neuere Bestrebungen in Betracht, und hier nahmen den ersten Platz die

beiden im östlichen oder Niederburgund gelegenen Bauten, die gegen 1200

vollendete Kathedrale von Langres und die um 1220 erbaute mächtige

Vorhalle von Cluny ein. Von da aus scheinen die beiden Hauptelemente

der französischen Frühgotik, das einfache Wölbungssystem und die

Verstrebung, bis nach Ostfranken und nach Nürnberg vorgedrungen zu sein.

Auffällig ist nur, daß die dort einen Hauptteil der Hochwandgliederung

bildende Triforiengalerie und der Strebebogen in Ebrach keinen Eingang

fanden, um so mehr, als die Zisterzienser doch stets ein lebhaftes

Streben nach Zweckmäßigkeit im Konstruktiven bekundeten. Nach dieser

Richtung also kann Ebrach für St. Sebald nur eine vermittelnde Rolle

gespielt haben und nicht selbst Vorbild gewesen sein.

[Illustration: Abb. 16.]

[Illustration: Abb. 17.]

[Illustration: Abb. 18. Romanisches Portal am südlichen Turme.]

Jedoch ist ein anderer Weg der Einführung nicht ausgeschlossen. Die

Einwölbung des Bamberger Westchores ist ein Werk französischer Frühgotik

aus den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts und hat mit Ebracher

Baukunst, als deren Werk oben der übrige Teil des Westchores bezeichnet

wurde, nicht das geringste gemein. Im Gegenteil weisen verschiedene

Spuren darauf hin, daß die Einwölbung von dem nämlichen Meister geleitet

wurde, nach dessen Plänen auch die Westtürme ihre charakteristische

Gestalt erhielten. Die beiden Westtürme wurden nach dem Muster der Türme

der Kathedrale von Laon gebaut, und diese, das letzte bedeutendste

Bauwerk der nordfranzösischen Frühgotik, dessen Vollendung in die

Zeit vor 1226 fällt, scheint denselben Anteil an St. Sebald wie die

Kathedrale von Langres und die Vorhalle von Cluny zu haben. Ein

bestimmtes Ergebnis dürfte natürlich erst durch eine eingehende, die

erwähnten Punkte besonders berücksichtigende örtliche Untersuchung jener

Bauten zu erzielen sein. Vorerst jedoch hat die Vermutung viel für sich,

es gingen die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Bamberg

und Laon zuletzt auch auf eine Vermittlung von Ebrach zurück und liege

so für die Einführung französisch-frühgotischer Elemente in St. Sebald

eine durch Ebrach bewirkte Verschmelzung von Einflüssen der beiden

angrenzenden Gegenden Burgund und Champagne zugrunde. --

Bamberg und Ebrach teilen sich in ihre Ansprüche auf die Gestaltung der

Kirche St. Sebald. Konstruktion und System fallen Ebrach, Plananlage

und Außenbau Bamberg, Ornamentik und Dekoration beiden zu. Man sollte

glauben, daß die Wage sich dorthin, von wo Konstruktion und System

entlehnt wurden, neigen müsse. Keineswegs. Der Baumeister von St.

Sebald hat nie vergessen, daß er eine Pfarrkirche und nicht eine

Klosterkirche zu bauen hatte. Das Programm der Zisterzienser lautete

auf Verzicht von Krypten, St. Sebald birgt deren zwei, und eine reiche

Verwendung plastisch-dekorativer Details wird noch durch die ebenfalls

von den Zisterziensern verschmähte Polychromie besonders hervorgehoben.

Durch die Kreuzung zweier so grundverschiedener Einflüsse wie die

von Bamberg und Ebrach zählt St. Sebald nicht zu den gewöhnlichen

Durchschnittsbauten des deutschen Übergangsstiles, sondern nimmt eine

besondere Stellung ein. Freilich mußte darunter der einheitliche

Charakter des Baues leiden. Einheitlich ist das Innere, einheitlich

scheint auch der Außenbau, wenn wir von den Strebebögen absehen, gewesen

zu sein; aber nach Ansicht des Außenbaues vermutet man beim Eintritt

in das Innere nie und nimmer französische Frühgotik. Außenbau und

Innenbau decken sich nicht. Und eben weil der Baumeister eine organische

Verschmelzung beider nicht oder vielmehr noch nicht erreicht hat, muß

der Bau den spätromanischen Bauten und darf nicht den frühgotischen

Bauten eingereiht werden. Es hat sich in Deutschland nirgends aus der

Vereinigung des spätromanischen Stiles mit französischen frühgotischen

Elementen eine eigene Gotik herausgebildet. Die Gotik mußte als fertiges

Ganzes von Frankreich herüber gebracht werden; erst dann konnte man in

Deutschland gotisch bauen.

[Illustration: TAFEL IV. Das Brauttor.]

II.

Die gotische Bauperiode.

1. Die Erweiterung der Seitenschiffe und die Umbauten am Querschiff

und Westchor. 1309-1361.

Am 14. Februar des Jahres 1309 erschien Friedrich Holzschuher,

Gotteshauspfleger von St. Sebald, vor dem Schultheißen Siegfried von

Kammerstein und den Schöffen der Stadt, um im Auftrage des Rats den

Verkauf eines zum Kirchenvermögen der Sebaldkirche gehörigen Hauses

»vor der badstuben bi dem fleischpenken« an Herdegen Holzschuher und

dessen Erben verbriefen zu lassen. In der vom Gericht ausgefertigten

Kaufsurkunde ist der Zweck der Veräußerung jenes Hauses bei den

Fleischbänken ausdrücklich angegeben: »sw[.a] daz wer durch des

neuen poues wegen an sante Sebol[t]s kirchen, daz man den dest baz

m[.o]cht volbringen an den apseiten«.[IV]

[IV] Siehe Beilage 18.

In der Literatur ist gewöhnlich als Grund für diese Bauveränderung der

schlechte Zustand der Seitenschiffe bezeichnet, ja es wird sogar eine

gefahrdrohende Baufälligkeit als unmittelbarer Anlaß vermutet.[15]

Es ist nicht ersichtlich, wie vom ganzen romanischen Bau gerade die

Seitenschiffe hätten schadhaft werden sollen, während alles übrige

völlig intakt geblieben wäre.

Noch immer war damals die Sebaldkirche wie zur Zeit ihrer Gründung

die einzige Pfarrkirche von Nürnberg. Denn soweit auch der für den

südlichen Sprengel der Stadt bestimmte, im letzten Drittel des 13.

Jahrhunderts begonnene Bau von St. Lorenz gediehen sein mochte, er

scheint zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch nicht dem Gottesdienst

übergeben worden zu sein. Zudem hatte sich Nürnberg im 13. Jahrhundert

gewaltig entwickelt. Schon vor Mitte desselben wurde mit der zweiten

Ummauerung begonnen, welche nicht nur das bisherige befestigte Gebiet

zwischen Burg und Pegnitz westlich und östlich vergrößerte, sondern

auch einen beträchtlichen südlich der Pegnitz gelegenen Teil mit in

das Stadtbild hereinnahm. Die Mauerzüge sind heute noch deutlich zu

erkennen, der Weiße Turm und der Laufer Schlagturm sind Überreste dieser

Befestigung.[16] Der Rückschluß auf den Zuwachs der Bevölkerung und

Pfarrgemeinde läßt die Notwendigkeit einer Erweiterung der Pfarrkirche

deutlich erkennen.

Der Wortlaut der Urkunde steht dieser Annahme nicht entgegen. Denn von

dem Zweck des Umbaues ist gar nicht die Rede. Es heißt schlechthin:

wegen des neuen Baues bei St. Sebald ist der Hausverkauf notwendig

geworden. Die Vermutung liegt nahe, daß der Bau, als der Verkauf jenes

Anwesens durchgeführt wurde, schon seit einiger Zeit im Gange war

und daß die nun gewonnenen Geldmittel zu einer reicheren Ausstattung

des Baues verwendet werden sollten: daß man ihn desto besser möchte

vollbringen.

=Anlage.= Die um 1309 durchgeführte Erweiterung der Seitenschiffe (Abb.

19) besteht vor allem darin, daß die Mauer derselben bis auf die Breite

des Querschiffes hinausgeschoben worden ist. Der Raumgewinn ist ein ganz

bedeutender, denn die Bodenfläche der jetzigen Seitenschiffe beträgt

fast das Doppelte der alten. In vertikaler Richtung hat man ebenfalls an

Raum gewonnen, denn durch die größere Breite ist naturgemäß ein höheres

Gewölbe bedingt worden.[17] Eine besondere Schwierigkeit hat sich dem

Neubau nicht in den Weg gestellt. Zu erwägen war nur, was mit den beiden

Paaren von Strebebögen, welche die mittlere Gewölbepartie des Langhauses

stützten, anzufangen sei. Man hatte bei der kräftigen Konstruktion des

romanischen Mauerwerkes wahrscheinlich bald die Entbehrlichkeit dieser

Bögen erkannt und sie ohne jeglichen Ersatz beseitigt. Bedenken machte

ferner die Lösung der Dachfrage. Die Erhöhung des Gewölbes brachte

auch eine Erhöhung des Daches mit sich, wollte man für den Dachstuhl

die für den Wasserablauf günstige und zur damaligen Zeit beliebte

steile Form wählen. Allein man fürchtete eine Einbuße an Licht, weil

die Fenster der Hochwand in ihrem unteren Drittel hätten zugedeckt

werden müssen, und entschied sich beim nördlichen Seitenschiff für

Kapellen- oder Giebeldächer, von welchen jedes einem Gewölbe entsprach.

Um eine Benützung der romanischen Triforien während des Gottesdienstes

auch weiterhin zu ermöglichen, wurden Treppenläufe innerhalb der

Gewölbetrichter angelegt. Der First der Kapellendächer lief wagerecht,

berührte also die Hochwandfenster nur an ihrer Sohle, und zwischen den

Dächern lagen schräg nach außen dreieckförmige Dachzwickel, deren Rinnen

neben den neuen Strebepfeilern in Wasserspeier endeten. Beim südlichen

Seitenschiff sind die Kapellendächer nicht nachzuweisen. Hier scheint

ein Pultdach, welches in die Mittelschiffenster einschnitt, vorhanden

gewesen zu sein.

=Gewölbe.= Das vierteilige Kreuzgewölbe ist auch bei dem Neubau

beibehalten worden, ebenso die Höhe der äußeren Kämpferlinie. Es ist ein

Rippengewölbe ohne Stelzung und mit wagerechtem Scheitel. Die Stärke

der Gurte unterscheidet sich nicht von der Stärke der Rippen; selbst

in der Profilierung ist nur ein kleiner Unterschied bemerkbar: während

dort auf Sockel und Hohlkehle eine ebenfalls gekehlte Rippe aufgesetzt

ist, folgt hier ein herzförmiger Stab. Die Schlußsteine zeigen überaus

reichen und anziehenden, teils figuralen, teils ornamentalen plastischen

Schmuck. Die Wandpfeiler sind rund, gleichsam als Halbsäulen gedacht.

Die Kapitäle gliedern sich in zwei Hälften: die untere hat zwei Kränze

übereinander, die obere zwischen zwei polygonen Plinten einen Laubkranz.

=Fassade.= Durch die zur Stütze der Gewölbe erforderlichen Strebepfeiler

ist die Fassade der Seitenschiffe von selbst gegliedert. Vier Jochwände

sind mit Fenstern durchbrochen, eine, und zwar beiderseits die zweite

von den Türmen an gerechnet, enthält ein Portal, dessen Körper vor die

Mauerflucht bis auf die Tiefe der Strebepfeiler heraustritt. Über dem

Portalkörper ist in der Mauer ein kleineres Fenster. Ein belebendes

Moment bilden beim nördlichen Seitenschiff die Wimperge über den

Fenstern und die den horizontalen Mauerabschluß bekrönende Galerie, so

daß mit den Fialen der Streben ein abwechslungsreiches Bild entsteht.

Im übrigen hat die Mauer der Fassade die an gotischen Bauten übliche

Gliederung.

=Strebepfeiler.= Der zweifach abgestufte Mauersockel setzt sich auch

um die Strebepfeiler fort. Ebenso das Kaffgesims. In halber Höhe

beginnt die bis zum Schluß sich steigernde architektonische Belebung,

welche zunächst darin besteht, daß sich an den drei Seiten ebensoviele

Giebelgesimse mit Krabben und Kreuzblumen anlehnen. Über denselben ein

Zinnenkranz. Der obere Teil endigt mit je einem mit Kreuzblumen und

Krabben geschmückten Giebel, darunter zweiteiliges Blendmaßwerk. Den

Abschluß bildet eine krabbengezierte Pyramide mit Kreuzblume.

[Illustration: Abb. 19. Querschnitt durch das Mittelschiff und die

Seitenschiffe.]

Bei den Strebepfeilern, welche die Portale flankieren, treten die oberen

Teile zurück. Der dadurch ausgesparte Raum an der Vorderseite ist zur

Aufnahme von Statuen bestimmt, wie die Baldachine andeuten. Es soll

damit wahrscheinlich eine einheitliche Komposition dieser Wand als

Portalwand betont sein.

=Fenster.= Die Breite der Fenster ist ungleich. Das Fenster in der

letzten an das Querhaus anstoßenden Jochwand mußte mit Rücksicht auf den

in das neue Mauerwerk mit hereingenommenen romanischen Strebepfeiler

schmäler ausfallen als die übrigen. Hingegen wurde das Fenster in

der an die Türme anstoßenden Jochwand mit Absicht breiter gestaltet,

nämlich um mehr Licht in dem dunkeln Winkel bei den Türmen zu

gewinnen. Daß dieses Fenster erst später seine jetzige Breite erhalten

hätte, ist bei der genauen Übereinstimmung der Profilierung seiner

Leibung nicht möglich. Überall ist die Leibung durch zwei Hohlkehlen

gegliedert, welche durch einen im Profil birnförmigen Stab geschieden

sind, während die äußere Kante ein Rundstab begleitet. Auch die

Maßverhältnisse stimmen überein. Während die beiden östlichen Fenster

Drei- und Vierteilung mit je drei Gruppierungen aufweisen, sind jedoch

die Maßwerke der westlichen Fenster mehrfach gruppiert bei teilweiser

Verwendung von halbrunden Bögen anstatt der Spitzbögen (Abb. 21 und a,

b, c).

=Ornamente.= Beim nördlichen Seitenschiff ist die Galerie des Daches

eine Neuschöpfung der letzten Restaurierung, zu der nur spärliche

Anhaltspunkte vorhanden waren. Im Gegensatze hierzu bedurfte die Galerie

des Portales nur einer Ergänzung; sie ist durch fünf freistehende und

zwei Wandpfosten geteilt, welche schlichtes Maßwerk einschließen. Beim

südlichen Seitenschiff fehlen sowohl die Wimperge über den Fenstern wie

die abschließende Galerie.

=Portale.= Die beiden Portale sind bis auf die Galerie, welche am Portal

des südlichen Seitenschiffes (Abb. 20) fehlt, vollständig gleich in

der Anlage. Das Gewände ist in je vier Abstufungen aufgelöst, deren

Kanten durch Stäbe gegliedert sind und in deren Ecken ebensoviele

Säulen stehen. Die Säulen bestehen aus je vier Einzelsäulen, sind also

gleichsam Säulenbündel. Dieselbe Gliederung setzt sich in Basis und

Kapitäl fort. Die Basen ruhen auf Würfelsockeln und diese ihrerseits auf

einem glatten Postament. Die trichterförmig sich erweiternden Kapitäle

haben bald figürlichen, bald ornamentalen Schmuck; ihre Platten sind

durch eine Hohlkehle gegliedert und bilden das Hauptgesims. Der Bogen

hat eine dem Gewände entsprechende Gliederung.

=Mauerwerk.= Das Mauerwerk der Fassademauer besteht aus Werksteinen, das

der Gewölbe aus Bruchsteinen in Mörtelbettung.

Der eben in seinen Einzelheiten beschriebene Bau der Seitenschiffe von

St. Sebald gehört nach der stilistischen Seite noch in die Periode der

Hochgotik. Er weist in der ganzen Anlage, in der Verteilung der Massen,

in den Proportionen, in der Art der Ausschmückung, in der Ornamentik

selbst alle Vorzüge derselben auf.

Der Meister, dessen Persönlichkeit festzustellen uns bis jetzt nicht

gelungen ist, stammte zweifellos aus einer der ersten damaligen

Schulen, und zwar aus einer Schule, in welcher die Gotik nicht mehr als

französische Anleihe, sondern bereits als deutsches Eigentum behandelt

wurde.

Vielleicht kann ein in den ersten noch romanischen Strebepfeiler

der ehemaligen nördlichen Querschiffwand nachträglich eingesetztes

männliches Bildnis als Porträt dieses Meisters angesprochen werden.

[Illustration: TAFEL V. Grundriß der Sebalduskirche.]

Die Sebalduskirche in Nürnberg · 第 3 / 29 段