[Illustration:
Phot. A. Cabaton.
Abb. 454. Kampfszene auf einer annamitischen Bühne zwischen zwei hohen
Prinzenmandarinen
in reich verzierter Tracht, hinter denen je ein Page mit dem Banner
steht.]
Beide Geschlechter +kleiden+ sich in schwarze Beinkleider aus Seide und
in einen langen schwarzen oder blauen Überwurf aus dem gleichen Stoff,
wodurch Männer und Weiber, zumal beide auch langes Haar tragen, schwer
voneinander zu unterscheiden sind.
Allgemein verbreitet ist auch unter den Annamiten das +Schwärzen
der Zähne+, wie wir es bereits von den Kambodschanern her kennen
gelernt haben. Nur ist hier das ganze Verfahren viel langwieriger,
so daß das arme Opfer infolge der verminderten Nahrungsaufnahme,
der Abgeschlossenheit und Aufregungen schließlich ganz entkräftet
wird. Zunächst werden die Zähne mittels einer Paste, die man auf ein
zugeschnittenes Palmblatt streicht und auf die Zähne legt, rot
gefärbt. Um mit der Zunge diese Auflage nicht in Unordnung zu bringen,
muß die betreffende Person, an der die Färbung vorgenommen wird, mit
offenem Munde daliegen, darf keine warmen, sondern nur kalte Speisen,
am besten Reis, der in kleinen Klumpen hinuntergeschlungen wird,
genießen, und dieses während ganzer vierzehn Tage. In gleicher Weise
wird sodann eine schwarze Lacktinktur aufgetragen, diesesmal aber nur
zwei Tage lang. Schließlich wird den Zähnen mittels pulverisierter
Kohle aus gebrannter Kokosnußschale noch Glanz gegeben. Bei der
Vornahme dieses Verfahrens darf keine Frau zusehen, die Trauer hat,
noch eine, die schwanger ist oder menstruiert, weil sie sonst mißlingen
würde. Trotz der großen Beschwerden, die das Schwärzen der Zähne mit
sich bringt, lassen eitle Mädchen und Jünglinge es doch alle drei Jahre
von neuem wieder vornehmen. -- Ein weiterer Brauch der Annamitinnen ist
das +Entfernen der Schamhaare+. Vornehme Annamiten tragen wohlgepflegte
Fingernägel von ungewöhnlicher Länge als Zeichen dafür, daß sie nicht
zu arbeiten brauchen (Abb. 451).
[Illustration:
Phot. Henri Maire.
Abb. 455. Buddhistische Prozession. Auf einem Altar werden Opfergaben
zu der Pagode gefahren.
Die beiden buddhistischen Feste, anläßlich deren Opfer gebracht werden,
sind die des „Throeu Con He Kak Thoeu“ und das „Blütenfest“, zu denen
das ganze Dorf nach der entfernten Pagode wandert.]
Über den +Charakter+ der Annamiten sprechen sich die meisten Kenner
der Verhältnisse ziemlich ungünstig aus; sie gelten für hinterlistig,
rachsüchtig, falsch, lügnerisch und in hohem Grade diebisch, die
annamitische Justiz (Abb. 452) ist indessen sehr streng; andere
Beobachter aber heben dagegen ihre Bescheidenheit, Gastfreundschaft,
Unterwürfigkeit, Höflichkeit, Hochachtung vor höher Stehenden und große
Liebe zu den Eltern, sowie ihre Betriebsamkeit hervor. Die letztere
macht sich auf dem Gebiete der technischen Fertigkeiten (Schnitzerei,
Stickerei, Perlmutterarbeiten und so weiter) bemerkbar, wobei auch ein
gewisser künstlerischer Sinn sich verrät. -- Leidenschaftlich huldigen
die Annamiten dem Spiel, sie zeichnen sich dabei durch Ruhe, Berechnung
und Kaltblütigkeit aus. Selbst kleine Kinder kann man die Spielhöllen
aufsuchen sehen. Auch für Theateraufführungen haben sie großes
Interesse (Abb. 453 und 454).
Große +Religiosität+ bekunden die Annamiten gerade nicht. Die
herrschende Religion ist zwar der Buddhismus (Abb. 455), aber er
ist auch hier wie anderwärts mit volkstümlichen, abergläubischen
Vorstellungen von Geistern und Dämonen durchsetzt. Der Kaiser und die
höheren Beamten bekennen sich zur Lehre des Konfuzius. Daneben hat
aber auch das Christentum zahlreiche Anhänger gefunden. -- Die große
Furcht der Annamiten +vor den Geistern+, besonders vor den zahlreichen
bösen, den Ma, erfordert, daß sie ihnen beständig Opfer darbringen,
um sie zu besänftigen; diese Gaben pflegen in ein wenig Reis oder
kleinen Kupfermünzen oder stangenähnlich geformtem Goldpapier, an dem
die Geister ebensolche Freude wie an massivem Gold haben sollen, zu
bestehen. Vor dem Tiger im besonderen haben die Annamiten große Angst
und reden ihn daher nur mit „Herr Tiger“ an; ebenso fürchten sie die
Ma-qui, die umherirrenden Seelen derer, die kein Begräbnis gefunden
haben. Gewisse andere Tiere, wie der Elefant, der Walfisch, der Delphin
stehen in dem Rufe, einen wohltätigen Einfluß auszuüben.
[Illustration:
Phot. A. Cabaton.
Abb. 456. Szene aus einem annamitischen Leichenzug.
Der vornehm ausgestattete Katafalk, „das goldene Haus des Toten“, wird
von fünfzehn Trägern getragen.]
[Illustration:
Phot. A. Cabaton.
Abb. 457. Szene aus einem annamitischen Leichenzug.
Der Altar der Vorfahren mit der Tafel des Verstorbenen wird in dem Zuge
mitgefahren.]
Für +Schwangere+ sind besonders die Geister Ma Con Ranh gefährlich,
die das Bestreben haben sich zu verkörpern und mit Vorliebe dazu die
werdende Leibesfrucht auswählen. Die Folge ist dann, daß diese abstirbt
und die Mutter ein totes Kind zur Welt bringt. Daher werden ihnen
während der Schwangerschaft und nach der Geburt Opfer dargebracht.
Der Annamitin ist es verboten, im eigenen Hause +niederzukommen+.
Daher errichtet man bei den wohlhabenderen Leuten für die Schwangere
im Hofe, also ziemlich nahe der eigentlichen Wohnung, eine besondere
kleine Bambushütte, in der sie während ihrer schweren Stunde auf einem
auf vier Pfählen ruhenden Bambuslattenlager aushalten und auch noch
einen Monat lang nach ihrer Niederkunft verweilen muß. Ärmere Leute
sind auf kleine schmutzige Winkel angewiesen, um niederzukommen, und
nicht selten vollzieht sich der Akt vor den Augen des Publikums auf
der Straße. Die +Nachgeburt+ wird von der Hebamme -- alte Frauen
leisten bei der Geburt Beistand -- in einen Fetzen Stoff gewickelt und
gegen Abend oder in der Nacht an einem von ihr geheim zu haltenden
Orte vergraben. Die abgefallene +Nabelschnur+ wird dagegen sorgfältig
aufbewahrt und findet als Zusatz zu einem Mittel gegen das Fieber,
falls das Kind in den ersten Jahren daran erkranken sollte, Verwendung.
Nach der Geburt eines Kindes hütet man sich für einige Tage, irgend
ein Wort auszusprechen, das mit Tod, Krankheit, Unglück und so weiter
in Zusammenhang steht, aus Furcht, das Kind könnte von einem solchen
Mißgeschick heimgesucht werden. In dieser Zeit darf man im Hause
auch nichts braten, weil sonst Mutter und Kind einen bläschenartigen
Ausschlag bekommen würden. Ist das Kind einen Monat alt geworden, dann
erhält es einen +Namen+, vorzugsweise einen häßlichen, wie Hund oder
Schwein, um die bösen Geister fernzuhalten. Erkrankt es etwa, dann
wird es angeblich an einen Priester verkauft, der es sofort wieder,
aber unter einem anderen Namen, an die Familie zurückveräußert, in
der Hoffnung, die bösen Geister dadurch irrezuführen. Hat ein Knabe
das erste Lebensjahr erreicht, dann werden vor ihm Arbeitsgeräte,
Waffen, ein Schreibtisch und ein Mandarinensiegel ausgebreitet; aus der
Bewegung, die seine Hand gegen den einen oder den anderen Gegenstand
macht, schließt man auf den Beruf, den er künftig ergreifen wird.
[Illustration:
Phot. H. Baudesson.
Abb. 458. Hochzeitsszene bei den Laotiern.
Vor den Opferpfosten bindet der Priester mit einem Baumwollfaden die
Hände des Paares zusammen und dreht als Opfer einem Huhne den Hals ab.]
Die Annamiten gehen mit achtzehn oder zwanzig Jahren die +Ehe+ ein,
je nach dem Geschlecht. Die Eltern bringen die Angelegenheit in
Ordnung, setzen aber die Ahnen vorher von ihrem Entschluß in Kenntnis;
diejenigen, die es angeht, werden jedoch nicht gefragt. Selbst Kinder
in der Wiege werden schon verlobt. Ist der Bräutigam wohlhabend, dann
bringt er seiner Verlobten Geschenke dar, die nicht selten einen
bedeutenden Wert aufweisen, Juwelen, Lackkästen, Stoffe, Kerzen,
Reiswein, Betel und ein großes, fettes Schwein. Arme Jünglinge treten
bei ihrem Schwiegervater in Dienst. Die eigentliche +Hochzeit+, eine
rein häusliche Angelegenheit, erfordert vom Bräutigam neue Geschenke;
es ist üblich, daß diese möglichst viel in Rot, der Farbe des Glücks,
gehalten sind. In dem Hause beider Parteien werden den Ahnen Opfer
dargebracht; darauf bringt der Bräutigam seiner Braut ein paar Störche,
das Sinnbild der Treue, zum Geschenk dar, das Paar wirft sich vor
den Gottheiten, die über die Ehe wachen, dem „Genius der rotseidenen
Fäden“ und der „Frau Mond“ auf die Erde und überreicht ihnen die
Störche. Mit einem Festessen findet der erste Hochzeitstag seinen
Abschluß. Am anderen Morgen wird die junge Frau prachtvoll angekleidet
und in das Heim ihres Mannes geleitet; sie wirft sich hier vor den
Schutzgeistern der Ehe, den Ahnen, ihren Schwiegereltern und deren
Angehörigen nieder. Die Opfergabe vor dem Altar der Vorfahren macht
dabei den wesentlichsten Teil der Hochzeitszeremonie aus. Von diesem
Augenblick an ist die Frau in die Familie ihres Gatten eingetreten, zu
deren Religion sie fortan sich auch bekennt. Obgleich die Annamitin
in ihrem Hause, besonders als Mutter, der Achtung sich erfreut, so
ist ihr Los doch kein beneidenswertes. Die +Scheidung+ wird dem Manne
leicht gemacht; er kann sie aus sieben Gründen beantragen, von denen
die drei wichtigsten Unfruchtbarkeit, Schwatzhaftigkeit und Eifersucht
sind. Die reichen Annamiten, die es sich leisten können, leben in
Polygamie; indessen genießt nur die Frau, die unter den geschilderten
Förmlichkeiten geheiratet wurde, Ansehen und Macht.
[Illustration:
Phot. H. Baudesson.