Das +Kind+ der Kambodschaner erhält im Alter von sechs Monaten seinen
Namen; dieser feierliche Augenblick wird mit allerlei Förmlichkeiten
begangen. Sobald das „Haarbüschel rasiert“ wird -- eine Vorschrift
für beide Geschlechter -- wird der Name geändert. Hierauf suchen die
Knaben als Novizen das Kloster auf, um hier unterwiesen zu werden.
Nach Abschluß ihrer Lehrzeit nehmen sie Aufenthalt im Gemeindehaus
und bleiben hier bis zu ihrer Hochzeit. Ein Stelldichein mit jungen
Mädchen ist nicht erlaubt; die Kambodschaner legen großen Wert auf
+Jungfräulichkeit vor der Ehe+. Die jungen Mädchen leben mit ihren
Eltern zusammen, bis sie in das Reifealter kommen. Dann müssen sie auf
Verlangen ihrer Eltern „in den Schatten treten“. An dem Abend, wo sich
bei ihnen die ersten Regeln zeigen, befestigen die Eltern Baumwollfäden
um das Handgelenk und bringen den Ahnen ein Opfer dar, bestehend in
Speisen, Kerzen und Räucherwerk, wobei sie ihnen dieses Ereignis
förmlich kundgeben. Gleichzeitig pflanzen sie einen Bananenbaum, dessen
Früchte entweder das junge Mädchen genießt oder an die Mönche schickt.
Darauf zieht es sich für längere Zeit zurück; diese Abgeschlossenheit
währt einige Monate bis mehrere Jahre, je nach der Lebensstellung und
dem Vermögen der Familie. Es werden ihm von den Eltern gute Lehren
mitgegeben, die etwa lauten: „Laß dich vor keinem fremden Manne sehen,
nimm ebenso wie die Mönche deine Speise nur zwischen Sonnenaufgang und
Mittag ein, iß nur Reis, Salz, Kokosnuß, Erbsen, Sesam und Früchte,
enthalte dich des Fleisches und Fisches; bade dich nur, wenn die Nacht
eingetreten ist, das heißt wenn keiner dich mehr erkennt, damit du
von keinem Menschen gesehen wirst.“ Während der ganzen Zeit seiner
Abgeschlossenheit bleibt das Mädchen tagsüber im Hause, es geht nicht
einmal nach der Pagode; nur während der Dunkelheit wird es von dieser
Pflicht befreit. Dann steckt es ein Betelmesser und den Behälter für
den zum Betelkauen erforderlichen Kalk zu sich, zündet Lichter und
Räucherkerzen an und geht hinaus, um das Ungeheuer, das die Finsternis
schickt, indem es die Sterne zwischen den Zähnen schüttelt, anzubeten
und Glück für sich herabzuflehen. Das „Heraustreten aus dem Schatten“
wird wiederum durch Gebete und ein Festessen feierlich begangen.
Manchmal schließt sich hieran das Färben der Zähne, das sonst meistens
bei der Heirat stattfindet. Bei den jungen Männern wird diese Zeremonie
entweder bereits bei der Aufnahme in den Mönchorden oder bei der
Heirat vorgenommen. Der Vorgang spielt sich für ein junges Mädchen
unter allerhand Förmlichkeiten ab. In seiner Abwesenheit breitet ein
weiser Mann auf der Erde ein Baumwolltuch aus, legt darauf zunächst
acht Strohhalme in der Richtung der Himmelsgegenden, einen Napf aus
Kokosnußschale, ein Webeschiffchen und einen Bronzebecher, streut dann
noch ungedroschenen Reis darauf, so daß die Gegenstände bedeckt sind,
streicht das Ganze glatt und deckt es mit den Zipfeln des Tuches zu.
Auf dem so zubereiteten Sitz läßt er das Mädchen Platz nehmen. Nachdem
einige Gebete gesprochen worden sind, stampfen zwei alte Leute, Mann
und Frau, in einem Mörser Lack, und sieben Knaben ahmen das Stampfen
mit Bananenzweigen nach; sie singen dabei den Refrain: „Großvater
Kuhê, Großmutter Kuhê, stampft den Lack gut, damit er an den Zähnen
hängen bleibe.“ Jedesmal, wenn sie das Wort stampfen aussprechen,
lassen die beiden alten Leute den Stampfer in dem Mörser niederfallen.
Ist der Lack genügend zerkleinert, dann wird er noch durch ein Stück
Musselin gesiebt. Daraufhin wird ein Kokosblatt in der Form eines
menschlichen Gebisses zugeschnitten, ein Stückchen Baumwollzeug mit dem
flüssig gemachten Lack getränkt und dem Mädchen auf die Zähne gelegt,
damit es beides bis zum Morgen im Munde liegen läßt; es darf nur in
Pisangblätter speien, die nach Form eines Näpfchens zusammengenäht
sind. Um Mitternacht werden dann die bösen Geister beschworen und gegen
Morgengrauen brechen die sieben Knaben im Zuge in die Nachbarschaft
auf, um auf die Hühner und Enten der Eingeladenen Jagd zu machen. Bei
Tagesanbruch verläßt das junge Mädchen das Haus und betet die Sonne an,
indem es sich vor ihr dreimal in den Staub wirft. Der alte Großvater
macht darauf die Bewegung, als ob er ihm mit Hammerschlägen die Zähne
ausschlagen wollte und bestreicht es mit Ruß. Schließlich muß sich das
Mädchen noch vor dem Hausaltar niederwerfen.
Mit ungefähr sechzehn Jahren gehen Jünglinge wie auch Jungfrauen die
+Ehe+ miteinander ein. Die Eltern pflegen wohl die Vorbereitungen dazu
zu treffen, ohne die Beteiligten zu fragen, indessen berücksichtigen
sie doch eine etwaige Abneigung der Tochter gegen ihren Auserwählten.
Nachdem der Jüngling ihnen die erforderlichen Geschenke an Arekanuß,
Betel, Gambier, Reiswein und Tabak dargebracht hat, findet die
Verlobung statt. Darauf begibt er sich auf unbestimmte Zeit in das Haus
seiner Schwiegereltern. Von diesem Augenblick an gilt das Paar in den
Augen der Öffentlichkeit für verheiratet, denn eine Hochzeitszeremonie
findet für gewöhnlich nicht statt, aus dem einfachen Grunde, weil
dadurch für den jungen Mann große Unkosten entstehen. Er muß nämlich
nicht nur seinen Schwiegereltern am Hochzeitstage eine Menge
ausbedungener Geschenke machen und seiner Frau mancherlei Schmucksachen
verehren, sondern auch viele Gaben freiwillig an Bekannte verteilen und
sie in ausgiebiger Weise bewirten.
[Illustration:
Phot. A. Cabaton.
Abb. 452. Gerichtsszene bei den Annamiten.
Der Richter bestätigt mit erhobenem Finger das Urteil, das ein Mann zu
seiner Rechten vorliest. Der Büttel ist im Begriff, dem Verurteilten
die vorgeschriebenen hundert oder zweihundert Schläge mit einem
Rohrstock zu verabreichen.]
Wie überall in Indochina ist das +Begräbnis+ der wichtigste Moment
im Dasein des Kambodschaners. Es besteht in der Feuerbestattung; nur
sehr fromme Anhänger des Buddhismus bestimmen, daß ihr Fleisch in
Stücke geschnitten und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen wird. Während
die ärmeren Volksschichten ihre Toten möglichst schnell verbrennen,
schieben die wohlhabenderen die Einäscherung auf lange Zeit, auf Monate
und selbst Jahre hinaus. Im letzteren Falle begräbt man sie vorher noch
oder bewahrt sie in hermetisch verschlossenen Särgen im Hause auf.
Drei Tage lang wird bei der Leiche Wache gehalten und gebetet, darauf
wird sie auf einen mit Goldflitter, Blumen und Lichtern geschmückten
Katafalk gelegt. Sie bekommt eine kleine Stange Gold oder Silber in
den Mund gesteckt und eine Kette aus weißen Baumwollfäden um den
Hals gelegt, dessen Enden außerhalb des Sarges an einem Stück weißen
Baumwolltuches befestigt werden; das andere Ende des Tuches hält der
jüngste Sohn oder Enkel. Dieser fährt beim Begräbnis auch vor dem
Katafalk in einer Sänfte als „Führer der Seele“ (Abb. 449 und 450). Auf
einem Wagen wird die Leiche zum Scheiterhaufen befördert, begleitet
von einer Musikbande, gemieteten Trauerweibern und den Angehörigen,
die in Weiß gekleidet sind und sich ihren Kopf zum Zeichen der Trauer
haben scheren lassen. Ehe die Leiche verbrannt wird, vergehen immer
noch einige Tage. Beim ersten Knistern des Feuers erhält der junge
„Seelenführer“ das Novizenkleid aus den Händen eines Priesters.
Die +Annamiten+, die sich hauptsächlich in Annam, Tonkin und
Kotschinchina angesiedelt haben und aus Tibet stammen sollen, besitzen
ebenfalls eine kleine (etwa hundertfünfundfünfzig Zentimeter hohe),
aber ein wenig gedrungenere Gestalt als die Kambodschaner, einen kurzen
Kopf, ein breites Gesicht mit sehr häufig (drei Viertel der Fälle)
schiefstehenden Mongolenaugen, sowie schwarzes, straffes Haar; im
allgemeinen weisen sie mehr den Typus der gelben asiatischen Rasse auf.
Ihre Haut ist heller als die der Kambodschaner, weswegen sie sich als
weiße Menschen betrachten und auf jene mit einer gewissen Verachtung
herabsehen.
[Illustration:
Phot. Mme Basalle.