Abb. 451. Hand eines vornehmen Annamiten.]

Das +Kind+ der Kambodschaner erhält im Alter von sechs Monaten seinen

Namen; dieser feierliche Augenblick wird mit allerlei Förmlichkeiten

begangen. Sobald das „Haarbüschel rasiert“ wird -- eine Vorschrift

für beide Geschlechter -- wird der Name geändert. Hierauf suchen die

Knaben als Novizen das Kloster auf, um hier unterwiesen zu werden.

Nach Abschluß ihrer Lehrzeit nehmen sie Aufenthalt im Gemeindehaus

und bleiben hier bis zu ihrer Hochzeit. Ein Stelldichein mit jungen

Mädchen ist nicht erlaubt; die Kambodschaner legen großen Wert auf

+Jungfräulichkeit vor der Ehe+. Die jungen Mädchen leben mit ihren

Eltern zusammen, bis sie in das Reifealter kommen. Dann müssen sie auf

Verlangen ihrer Eltern „in den Schatten treten“. An dem Abend, wo sich

bei ihnen die ersten Regeln zeigen, befestigen die Eltern Baumwollfäden

um das Handgelenk und bringen den Ahnen ein Opfer dar, bestehend in

Speisen, Kerzen und Räucherwerk, wobei sie ihnen dieses Ereignis

förmlich kundgeben. Gleichzeitig pflanzen sie einen Bananenbaum, dessen

Früchte entweder das junge Mädchen genießt oder an die Mönche schickt.

Darauf zieht es sich für längere Zeit zurück; diese Abgeschlossenheit

währt einige Monate bis mehrere Jahre, je nach der Lebensstellung und

dem Vermögen der Familie. Es werden ihm von den Eltern gute Lehren

mitgegeben, die etwa lauten: „Laß dich vor keinem fremden Manne sehen,

nimm ebenso wie die Mönche deine Speise nur zwischen Sonnenaufgang und

Mittag ein, iß nur Reis, Salz, Kokosnuß, Erbsen, Sesam und Früchte,

enthalte dich des Fleisches und Fisches; bade dich nur, wenn die Nacht

eingetreten ist, das heißt wenn keiner dich mehr erkennt, damit du

von keinem Menschen gesehen wirst.“ Während der ganzen Zeit seiner

Abgeschlossenheit bleibt das Mädchen tagsüber im Hause, es geht nicht

einmal nach der Pagode; nur während der Dunkelheit wird es von dieser

Pflicht befreit. Dann steckt es ein Betelmesser und den Behälter für

den zum Betelkauen erforderlichen Kalk zu sich, zündet Lichter und

Räucherkerzen an und geht hinaus, um das Ungeheuer, das die Finsternis

schickt, indem es die Sterne zwischen den Zähnen schüttelt, anzubeten

und Glück für sich herabzuflehen. Das „Heraustreten aus dem Schatten“

wird wiederum durch Gebete und ein Festessen feierlich begangen.

Manchmal schließt sich hieran das Färben der Zähne, das sonst meistens

bei der Heirat stattfindet. Bei den jungen Männern wird diese Zeremonie

entweder bereits bei der Aufnahme in den Mönchorden oder bei der

Heirat vorgenommen. Der Vorgang spielt sich für ein junges Mädchen

unter allerhand Förmlichkeiten ab. In seiner Abwesenheit breitet ein

weiser Mann auf der Erde ein Baumwolltuch aus, legt darauf zunächst

acht Strohhalme in der Richtung der Himmelsgegenden, einen Napf aus

Kokosnußschale, ein Webeschiffchen und einen Bronzebecher, streut dann

noch ungedroschenen Reis darauf, so daß die Gegenstände bedeckt sind,

streicht das Ganze glatt und deckt es mit den Zipfeln des Tuches zu.

Auf dem so zubereiteten Sitz läßt er das Mädchen Platz nehmen. Nachdem

einige Gebete gesprochen worden sind, stampfen zwei alte Leute, Mann

und Frau, in einem Mörser Lack, und sieben Knaben ahmen das Stampfen

mit Bananenzweigen nach; sie singen dabei den Refrain: „Großvater

Kuhê, Großmutter Kuhê, stampft den Lack gut, damit er an den Zähnen

hängen bleibe.“ Jedesmal, wenn sie das Wort stampfen aussprechen,

lassen die beiden alten Leute den Stampfer in dem Mörser niederfallen.

Ist der Lack genügend zerkleinert, dann wird er noch durch ein Stück

Musselin gesiebt. Daraufhin wird ein Kokosblatt in der Form eines

menschlichen Gebisses zugeschnitten, ein Stückchen Baumwollzeug mit dem

flüssig gemachten Lack getränkt und dem Mädchen auf die Zähne gelegt,

damit es beides bis zum Morgen im Munde liegen läßt; es darf nur in

Pisangblätter speien, die nach Form eines Näpfchens zusammengenäht

sind. Um Mitternacht werden dann die bösen Geister beschworen und gegen

Morgengrauen brechen die sieben Knaben im Zuge in die Nachbarschaft

auf, um auf die Hühner und Enten der Eingeladenen Jagd zu machen. Bei

Tagesanbruch verläßt das junge Mädchen das Haus und betet die Sonne an,

indem es sich vor ihr dreimal in den Staub wirft. Der alte Großvater

macht darauf die Bewegung, als ob er ihm mit Hammerschlägen die Zähne

ausschlagen wollte und bestreicht es mit Ruß. Schließlich muß sich das

Mädchen noch vor dem Hausaltar niederwerfen.

Mit ungefähr sechzehn Jahren gehen Jünglinge wie auch Jungfrauen die

+Ehe+ miteinander ein. Die Eltern pflegen wohl die Vorbereitungen dazu

zu treffen, ohne die Beteiligten zu fragen, indessen berücksichtigen

sie doch eine etwaige Abneigung der Tochter gegen ihren Auserwählten.

Nachdem der Jüngling ihnen die erforderlichen Geschenke an Arekanuß,

Betel, Gambier, Reiswein und Tabak dargebracht hat, findet die

Verlobung statt. Darauf begibt er sich auf unbestimmte Zeit in das Haus

seiner Schwiegereltern. Von diesem Augenblick an gilt das Paar in den

Augen der Öffentlichkeit für verheiratet, denn eine Hochzeitszeremonie

findet für gewöhnlich nicht statt, aus dem einfachen Grunde, weil

dadurch für den jungen Mann große Unkosten entstehen. Er muß nämlich

nicht nur seinen Schwiegereltern am Hochzeitstage eine Menge

ausbedungener Geschenke machen und seiner Frau mancherlei Schmucksachen

verehren, sondern auch viele Gaben freiwillig an Bekannte verteilen und

sie in ausgiebiger Weise bewirten.

[Illustration:

Phot. A. Cabaton.

Abb. 452. Gerichtsszene bei den Annamiten.

Der Richter bestätigt mit erhobenem Finger das Urteil, das ein Mann zu

seiner Rechten vorliest. Der Büttel ist im Begriff, dem Verurteilten

die vorgeschriebenen hundert oder zweihundert Schläge mit einem

Rohrstock zu verabreichen.]

Wie überall in Indochina ist das +Begräbnis+ der wichtigste Moment

im Dasein des Kambodschaners. Es besteht in der Feuerbestattung; nur

sehr fromme Anhänger des Buddhismus bestimmen, daß ihr Fleisch in

Stücke geschnitten und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen wird. Während

die ärmeren Volksschichten ihre Toten möglichst schnell verbrennen,

schieben die wohlhabenderen die Einäscherung auf lange Zeit, auf Monate

und selbst Jahre hinaus. Im letzteren Falle begräbt man sie vorher noch

oder bewahrt sie in hermetisch verschlossenen Särgen im Hause auf.

Drei Tage lang wird bei der Leiche Wache gehalten und gebetet, darauf

wird sie auf einen mit Goldflitter, Blumen und Lichtern geschmückten

Katafalk gelegt. Sie bekommt eine kleine Stange Gold oder Silber in

den Mund gesteckt und eine Kette aus weißen Baumwollfäden um den

Hals gelegt, dessen Enden außerhalb des Sarges an einem Stück weißen

Baumwolltuches befestigt werden; das andere Ende des Tuches hält der

jüngste Sohn oder Enkel. Dieser fährt beim Begräbnis auch vor dem

Katafalk in einer Sänfte als „Führer der Seele“ (Abb. 449 und 450). Auf

einem Wagen wird die Leiche zum Scheiterhaufen befördert, begleitet

von einer Musikbande, gemieteten Trauerweibern und den Angehörigen,

die in Weiß gekleidet sind und sich ihren Kopf zum Zeichen der Trauer

haben scheren lassen. Ehe die Leiche verbrannt wird, vergehen immer

noch einige Tage. Beim ersten Knistern des Feuers erhält der junge

„Seelenführer“ das Novizenkleid aus den Händen eines Priesters.

Die +Annamiten+, die sich hauptsächlich in Annam, Tonkin und

Kotschinchina angesiedelt haben und aus Tibet stammen sollen, besitzen

ebenfalls eine kleine (etwa hundertfünfundfünfzig Zentimeter hohe),

aber ein wenig gedrungenere Gestalt als die Kambodschaner, einen kurzen

Kopf, ein breites Gesicht mit sehr häufig (drei Viertel der Fälle)

schiefstehenden Mongolenaugen, sowie schwarzes, straffes Haar; im

allgemeinen weisen sie mehr den Typus der gelben asiatischen Rasse auf.

Ihre Haut ist heller als die der Kambodschaner, weswegen sie sich als

weiße Menschen betrachten und auf jene mit einer gewissen Verachtung

herabsehen.

[Illustration:

Phot. Mme Basalle.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 189 / 207 题