Da das Familienleben der Annamiten sich auf dem Ahnenkult aufbaut, so
kommt dem +Begräbnis+, durch das der Verstorbene zu den Ahnen aufrückt,
die größte Bedeutung zu; es muß unter feierlichen Zeremonien begangen
werden, weil sonst die Seele des Toten in die Hölle kommen würde.
Dem Sterbenden wird ein Stück weißer Seide, die „weiße Seele“ auf
die Brust gelegt, damit sich darin die scheidende Seele beim letzten
Atemzuge verfange. Priester halten die Leichenwache bei brennendem
Räucherwerk; vor der Tür wird kleines Kupfergeld ausgestreut, um die
bösen Geister anzuziehen. Nachdem der Tote mit besonderem Weihwasser
gewaschen und von seinen Söhnen und Enkeln angekleidet worden ist,
erhält er die „letzte Mahlzeit“, ein paar Reiskörner und etwas Geld,
in den Mund gesteckt und wird in einen möglichst reich und kunstvoll
ausgestatteten Sarg gelegt. Dieser wird geschlossen, mit allerlei
Amuletten bedeckt und auf einen mächtigen Katafalk aus Holz gestellt
(Abb. 456), der einem mehrstöckigen Gebäude nicht unähnlich sieht und
rot sowie mit Goldlack angestrichen ist. Die Angehörigen, welche die
in Indochina übliche weiße Trauerkleidung angelegt haben, umgeben ihn
unter Wehklagen. Nachdem ein Zauberer noch den Paß für die große Reise
ausgestellt hat, wird die Leiche auf den Friedhof überführt. Voran geht
ein Mann mit einer brennenden Fackel, ihm folgt ein anderer mit einem
Banner, dessen Inschrift oder Form Rang und Stand des Verstorbenen
verkündet, dahinter gehen Leute, die Gegenstände aus Gold- und
Silberpapier verteilen, in der Voraussetzung, daß die bösen Geister sie
mit großer Befriedigung aufnehmen. Weiter folgt dann die „Halbkutsche
der Seele“, oft von Musikanten umgeben. Es ist dies ein kleiner,
mit Perlen aus Goldpapier verzierter Aufbau, der in den Falten der
„weißen Seele“ eine rotlackierte Gedenktafel mit der Darstellung des
Verstorbenen in seinem neuen Range, ferner einen kleinen Altar, winzige
Papiermodelle von Gegenständen, die dem Toten teuer waren, Kleider,
Gebrauchsgegenstände und Goldpapierstangen trägt. Ganz zuletzt kommen
mitten in einer Musikbande der Leichenwagen selbst und vor ihm noch,
aber rückwärts tretend, die Söhne und Schwiegersöhne des Verstorbenen.
Die übrigen Familienangehörigen folgen in weißer Kleidung. Auf dem
Begräbnisplatz wird die „weiße Seele“ dreimal davon in Kenntnis
gesetzt, daß der Tote begraben wird, was dann auch geschieht; sie
selbst aber wird in feierlichem Zuge ins Haus zurückgebracht, wo die
Gedenktafel auf dem Ahnenaltar (Abb. 457) Aufstellung findet. Fünfzig
Tage oder ein Jahr darauf geben die Erben allen Teilnehmern beim
Begräbnis ein Festessen.
[Illustration:
Phot. H. Baudesson.
Abb. 460. Ein Musiker, der dem jungverheirateten Paare eine Serenade
darbringt.
Das Instrument ist ein Flaschenkürbis, an dem drei Bambusflöten
befestigt sind.]
Die Bevölkerung des +Laosgebietes+ umfaßt eine Anzahl Stämme, zumeist
arischer oder indonesischer Abstammung, die hauptsächlich die Täler
der großen Flüsse Mekong, Menam und Salouen längs der westlichen
Grenze Annams bewohnen. Die Laotier sind von mittlerer Größe, wie die
Annamiten, indessen noch mehr untersetzt. Sie zeichnen sich durch
ziemliche Intelligenz und Sanftmütigkeit aus. Die +Kleidung+ der Männer
gleicht der der Annamiten, die Frauen tragen einen längsgestreiften,
bis an die Fußgelenke reichenden Rock und eine Schärpe von irgend einer
auffälligen Farbe. Ihre Haartracht ist je nach der Gegend verschieden;
die der verheirateten Frauen unterscheidet sich im allgemeinen von der
der jungen Mädchen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurz geschnitten.
[Illustration:
Phot. H. Baudesson.
Abb. 461. Szene vom Hochzeitsfest der Laotier.
Die Nichteingeladenen stürzen sich über die Mahlzeitreste her, die für
sie bereitgestellt wurden.]
Die +Religion+ der Laotier ist eine abgeschwächte Form des Buddhismus
auf der üblichen animistischen Grundlage. Jedem wichtigen Ereignis im
Leben muß eine Opfergabe, zumeist aus einem Krug Reiswein bestehend,
vorausgehen. Beim Genuß dieses Getränkes, das nicht länger als zwei
Monate und nicht kürzer als zehn Nächte gegärt haben darf, wird
eine bestimmte Zeremonie beobachtet. Der Krug wird an einer Stange
befestigt, darauf versenkt der Häuptling einen langen hohlen Rohrstock,
an dessen Ende eine Kerze zum Vertreiben der bösen Geister brennt, in
die Flüssigkeit, und ein jeder der Anwesenden muß den Mund vollsaugen;
ist der Krug leer, wird er von neuem gefüllt. Zahlreiche Feste werden
hier ebenso wie in Siam auch anderwärts gefeiert. Beim Feste des „Endes
des Kalenders“, das unserem Neujahrsfest entspricht, wird das alte Jahr
unter großem Gepränge hinausgeleitet. Die jungen Mädchen bespritzen
dabei die Jünglinge entweder mit wohlriechendem Wasser oder auch mit
Schmutz, was diese ihrerseits mit Humor aufnehmen; Schauspieler legen
sich zur Erinnerung an die ersten Menschen von Laos, die ein zottiges
Fell besaßen, ähnliche Gewänder an, setzen sich bizarre Gesichtsmasken
mit beweglichen Kinnladen auf, knien nieder, schreiten im Takte
einher und halten Reden, in denen sie jedermann im neuen Jahre alles
erdenkliche Gute wünschen (Abbild. 459).
Der +Verlobung+ der jungen Leute pflegt ein umfangreiches Flirten
vorauszugehen. Wenn die Feldarbeit getan ist, dann finden die jungen
Burschen Zeit, den Mädchen den Hof zu machen. Diese stellen sich,
wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht haben, mit buntschillernden
Schärpen angetan auf besonders dazu erbauten Bühnen jenen zur Schau.
Vor ihnen brennen Lampen ähnlich den Rampenlichtern eines Theaters,
ein Tablett mit Betelpriemen und Speinapf (Bambusglied) wandert von
Hand zu Hand. Die jungen Männer hocken vor den Mädchen und erschöpfen
sich in allerhand Artigkeiten in Versen, die die Mädchen schlagfertig
mit lustigen und selbst spitzigen Worten erwidern. Endlich kommt es
dabei zur Verlobung und zur Hochzeit, deren Zeremonien denen in Siam
und Kambodscha im allgemeinen gleichen. Bei bestimmten wilden Stämmen
werden dem Paare von einem Zauberer einfach die Hände mit einem
Baumwollfaden zusammengebunden, nachdem ein Huhnopfer vorausgegangen
ist (Abb. 458). Die Frauen bringen an Geschenken in lange Streifen
geschnittenes rohes Fleisch, zu Kugeln geformten Reisbrei, gebratene
Heuschrecken und Reiswein dar. Tanz und Gesang unter Musikbegleitung
auf primitiven Instrumenten beschließen die Hochzeit (Abb. 460 und 461).
[Illustration:
Phot. H. Baudesson.
Abb. 462. Stangen mit wippenden Peitschen,
die zu Ehren eines Toten von den Laotiern errichtet werden.]
[Illustration:
Phot. H. Baudesson.
Abb. 463. Szene aus einer Totenfeier der Laotier.