Einen +Todesfall+ geben die Angehörigen den Nachbarn stets durch
lautes Wehgeschrei kund. Sofort wird eine Musikkapelle geholt, um
ununterbrochen bis zur Beerdigung aufzuspielen. Der Leichnam wird
auf der offenen Veranda gewaschen, von der Brust abwärts in ein
weißes Baumwolltuch gehüllt und in die buntesten Gewänder gekleidet.
Darauf werden ihm die beiden Daumen und die beiden großen Zehen
zusammengebunden, wenn möglich mit Haaren des Sohnes oder der Tochter,
falls aber keine Kinder vorhanden oder solche Haare nicht zu beschaffen
sind, mittels gedrehter weißer Baumwolle. Es wird dem Verstorbenen
außerdem noch eine kleine Münze in den Mund gesteckt, um damit die
„Fahrgebühren“ bei der Reise ins Land der Geister zu bezahlen. Dieses
alles besorgen die Verwandten. Die weitere Behandlung der Leiche, um
sie für die Einsargung vorzubereiten, ist Aufgabe einer besonderen,
tiefstehenden Kaste, der Sandala. Der Sarg wird aus ganz leichtem
Holze angefertigt und trägt einen turmähnlichen Aufbau, der aus Bambus
hergestellt und daher ebenfalls ganz leicht ist und mit allerlei
Flittergold und buntem Papier behangen wird. Die Sandala graben auch
das Grab auf dem Friedhofe aus, der immer westlich von der Ortschaft
gelegen sein muß, unter keinen Umständen östlich davon, da diese
Richtung die unglückbringende ist, auch nicht nach Norden, weil
dorthin der Kopf des Gautama Buddha bestattet liegt. Dem nächsten
Kloster sendet man, zum Heile des Verstorbenen, besondere Opfergaben
in Eßwaren, dafür kommen ein paar Mönche und lesen Gebete und fromme
Sprüche aus heiligen Büchern vor, um die Geister, die vielleicht sich
einfinden und Unheil anrichten könnten, fernzuhalten. Aus dem gleichen
Grunde spielt auch die Kapelle unentwegt auf der Straße. Trauerkleider
werden beim Begräbnis nicht getragen; die Leidtragenden kommen alle
in ihren besten Gewändern, wie zu einem heiteren Fest. Man sieht es
gern, wenn Mönche dem Trauerzuge vorangehen, der sich aus Angehörigen
beiderlei Geschlechtes zusammensetzt; die Männer gehen aber von den
Frauen getrennt. Fremde schließen sich oft dem Zuge aus Pietätsgründen
an und werden wie alle Teilnehmer von den Frauen mit Erfrischungen
und Zigarren bedacht. Der Trauerzug macht vor der Leichenhalle halt;
hier hört die Musik zu spielen auf. Die Mönche lesen hier noch einmal
Auszüge aus den heiligen Schriften zum Heile der Lebenden wie des
Toten vor und ziehen sich dann gleichfalls zurück. Der Sarg wird
zum Grabe getragen und, ehe man ihn versenkt, mehrmals hin und her
geschwenkt. Die nächsten Angehörigen streuen stumm ein paar Hände
voll Erde über die Bretter, dann schütten die Sandala das Grab zu.
Jetzt ist es noch die Aufgabe des ältesten männlichen Verwandten,
den Geist des Verstorbenen einzufangen und mitzunehmen. Nach dem
Glauben der Birmanen ist dieser Geist, Leipbya (das heißt sehr sinnig
„Schmetterling“) genannt, solange der Mensch lebt und wach ist, bei
ihm; wenn er schläft, verläßt er ihn auf einige Zeit, weswegen man
einen schlafenden Menschen nicht plötzlich wecken darf, es könnte sonst
seine umherschweifende Seele nicht beizeiten zurückkommen und der
Betreffende sterben; wenn der Mensch aber tot ist, dann muß der Leipbya
eingefangen werden, um nicht auf dem Friedhof zurückzubleiben und zum
bösen Geist zu werden. Zu diesem Zwecke hält der bejahrte Verwandte
ein Taschentuch hin, ruft die Worte aus: „Komm mit uns mit“ und drückt
es darauf plötzlich zusammen; er glaubt dadurch den entkörperten Geist
eingefangen zu haben. Das Taschentuch wird nach Hause mitgenommen, hier
sieben Tage lang zwischen zwei Hauspfosten auf der linken Seite der
Eingangsstufen untergebracht, und am siebenten Tage bei Anwesenheit der
Mönche, die eine Art Läuterungsfest veranstalten, auseinandergenommen.
Damit ist die Gefahr, daß der Geist des Verstorbenen nach dem Friedhof
zurückkehren und ein Ghul werden könnte, beseitigt. Reiche Leute
bewirten die leidtragenden Gäste während dieser sieben Tage; wenn
ärmere dies tun, geraten sie dabei leicht in Schulden.
[Illustration:
Phot. R. W. Marshall.