Abb. 426. Wagen bei festlichen Aufzügen.]

[Illustration:

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 427. Wagen beim Festzug.

Der vordere Büffelwagen trägt eine mythologische Gestalt,

Elefantenvogel genannt, der nach einem Volksspiel die Königin Kithani

davontrug. Er ist aus Bambus gefertigt und mit bemaltem rauhem Papier

überzogen; zu den Kosten steuerte ein ganzes Dorf bei.]

Die +Geburt+ eines Birmanenkindes erfordert nach altem Brauch eine

Unmasse von Förmlichkeiten, so daß dieser Akt für die Frau, abgesehen

von den wirklichen Geburtsschmerzen, zu einer wahren Qual wird. Setzen

die ersten Wehen ein, dann muß entweder die Schwangere selbst oder ihre

Mutter oder eine Freundin der Geburtsgöttin, die „Dame des Westens“

genannt -- diese Bezeichnung dürfte wohl daher rühren, daß in dem nach

dieser Himmelsrichtung hin gelegenen Teile des königlichen Palastes

die Frauen niederkamen -- eine Opfergabe darbringen, die in einer

Maß Reis, einem Vier-Anna-Stück (etwa zwanzig Pfennig) und einigen

Knoblauchknollen besteht und von den Worten begleitet wird: „Öffne

weit die Tore des Lebens, damit das neue Wesen hereintrete; Schmerz

und Trübsal mögen vorübergehen und die Freude von langer Dauer sein.“

Sodann legt sich die junge Mutter auf die Matte. Von nun an beginnt für

sie eine wirkliche Qual, die so groß ist, daß viele Birmanenfrauen es

vorziehen, ihre Kinderzahl zu beschränken. Um die Gunst der „Dame des

Westens“ sich zu erringen, nimmt sie zunächst ungekochten Reis in die

flache Hand, verbeugt sich nach dem Untergang der Sonne zu und spricht

dabei: „Erschrick mich nicht; rege mich nicht auf; tue mir kein Leid

an; raube mir nicht den Atem“, worauf sie den Reis über einen niederen

Schemel streut, den sie in der nächsten Zeit viel benutzt. Alles

Lüften hört fortan im Zimmer auf, im Gegenteil, es wird eine wahre

Backofenhitze darin unterhalten, ganz gleich, in welcher Jahreszeit

man sich befinden mag. Die Gebärende wird dreimal täglich ganz und

gar mit indischem Safran bestrichen, bekommt täglich ein heißes Bad,

wird darauf massiert und schließlich in ein etwa drei Meter langes

Tuch eingewickelt. Um den Kopf werden ihr noch fünf Turbane gelegt,

weil man annimmt, daß sie dadurch keine Kopfschmerzen bekommen wird,

und ihr heißes Wasser, in dem Safran und Salz aufgelöst sind, zu

trinken gegeben. Dieses alles aber ist erst die Vorbereitung für die

Hauptzeremonie, bei der die arme Frau auf ihrem Schemel sitzend vor

einem glühenden Feuer, dessen Wärmekraft noch durch aufgelegte Steine

erhöht wird, täglich eine Zeitlang buchstäblich braten muß. Dabei wird

sie auf dem Rücken und in den Seiten mit Kleidern und Decken reichlich

bepackt. Das Feuer brennt ununterbrochen Tag und Nacht; wohlriechende

Holzsorten finden dabei Verwendung, deren Rauch das Unglücksweib auch

noch einatmen muß. Sieben Tage lang geht dies so weiter, dann bekommt

die Entbundene ein einfaches türkisches Bad, das über einem Topfe

kochenden Wassers mit Tamarinden und anderen Blättern und Gräsern

hergestellt wird; dieses muß sie in Matten und Decken gehüllt eine

Stunde lang genießen. Darauf wird ihr ein kaltes Bad verabreicht,

damit ihr die Füße nicht anschwellen, aus dem gleichen Grunde muß sie

auch etwas umhergehen, die Zahl der Schritte, die sie dabei zu machen

hat, darf nicht unter sieben betragen. Es liegt hierin offenbar ein

Zugeständnis, daß die Förmlichkeiten bei der Geburt für die Wöchnerin

ziemlich anstrengende sind. Mittlerweile ist das Kind auch geboren

worden. Seine Mutter aber darf sich mit ihm erst vom siebenten Tage

an beschäftigen. Gleichzeitig setzt die Geburts- oder Wiegenzeremonie

ein. Kleine Zeugbeutelchen werden zunächst an den vier Ecken der Wiege

befestigt; ein jedes von ihnen enthält etwas Reis, einige Münzen,

Kokosnuß, Pipul, verschiedene Blätter, Gras und ähnliches. Sehr wichtig

ist dabei, daß in jedem Päckchen auch für den einzelnen Wochentag

bestimmte Blätter und Gräser vorhanden sind, mindestens aber dasjenige,

das dem Tage entspricht, an dem das Kind geboren wurde. Über dem Kinde

wird sodann eine Decke ausgebreitet, und, falls es ein Knabe ist,

obendrauf noch eine vollständige Männerausstattung, bestehend in einem

Hüfttuch, einer Jacke, einem Turban, einem Dolch, dem Familienschmuck

in Gold und Silber, einem Spiegel, einem Kamm, einem Rubinring, falls

solcher vorhanden ist, und mit Edelsteinen möglichst reich besetzten

Ohrzylindern gelegt. Thanaka, der Ersatz für Puder bei den birmanischen

Schönen, wird gemahlen und über das Ganze zerstäubt. Darauf füttert

man das Kind symbolisch mit ein wenig Reis und Curry in Wasser, der

sogenannten „gesegneten Speise“. Diese Zeremonie vollzieht die Hebamme,

nicht die Mutter, und zwar dreimal. Sie rasiert auch den Kopf des

Kindes (mit dem Schaum aus den Samen der Seifenakazie) und windet um

sein Handgelenk, um Hals und Fußgelenk sieben weiße Baumwollfäden.

Während man nun das dabei gewiß etwas nervös gewordene Kind sich selbst

in der Wiege überläßt, beschäftigt man sich jetzt mit dem Nat, dem

Schutzgeist des Hauses. Sein Aufenthaltsort ist eine Kokosnuß, die

in einem Bambuskorb vor der Veranda eines jeden birmanischen Hauses

aufgehängt ist; diese Behausung muß zu Anfang eines birmanischen Jahres

und zu Anfang und Ende der buddhistischen Fastenzeit gewechselt werden;

dabei achtet man aber sorgfältig darauf, daß dies nicht an einem

Mittwoch, oder am vierten, sechsten oder neunten Tage des zunehmenden

Mondes geschieht. Die Kokosnuß wird auch stets umgetauscht, wenn

ein Kind im Hause zur Welt kommt. Man teilt dieses Ereignis bei dem

Wiegenfeste dem Hausgeiste mit und bringt ihm, beziehungsweise seinem

Symbol, eben dieser Kokosnuß, Opfer dar, nämlich Bananen, Arekanüsse,

Blumen, Tee, Kuchen, Sirup, ein Ei und so weiter; die Nuß wird dabei

heruntergenommen. Ist das Kind ein Knabe, dann wird es auch noch in

zwei Stücke gelben Tuches gekleidet, womit sein Eintritt in den „Edlen

Orden des gelben Gewandes“ schon frühzeitig gekennzeichnet werden soll,

eine Vorsichtsmaßregel für den Fall, daß das Kind sterben sollte, bevor

es das Alter für den Eintritt in einen Mönchsorden erreicht hat. Der

älteste der anwesenden Männer schaukelt die Wiege siebenmal und ruft

dabei aus: „Möge das Kind hundertundzwanzig Jahre alt werden; möge

es weise werden, möge es reich werden, möge es schön werden, möge es

jedwede schätzenswerte Eigenschaft besitzen.“ --

[Illustration:

Phot. R. Grant Brown.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 177 / 207 题