[Illustration:
Phot. R. Grant Brown.
Abb. 427. Wagen beim Festzug.
Der vordere Büffelwagen trägt eine mythologische Gestalt,
Elefantenvogel genannt, der nach einem Volksspiel die Königin Kithani
davontrug. Er ist aus Bambus gefertigt und mit bemaltem rauhem Papier
überzogen; zu den Kosten steuerte ein ganzes Dorf bei.]
Die +Geburt+ eines Birmanenkindes erfordert nach altem Brauch eine
Unmasse von Förmlichkeiten, so daß dieser Akt für die Frau, abgesehen
von den wirklichen Geburtsschmerzen, zu einer wahren Qual wird. Setzen
die ersten Wehen ein, dann muß entweder die Schwangere selbst oder ihre
Mutter oder eine Freundin der Geburtsgöttin, die „Dame des Westens“
genannt -- diese Bezeichnung dürfte wohl daher rühren, daß in dem nach
dieser Himmelsrichtung hin gelegenen Teile des königlichen Palastes
die Frauen niederkamen -- eine Opfergabe darbringen, die in einer
Maß Reis, einem Vier-Anna-Stück (etwa zwanzig Pfennig) und einigen
Knoblauchknollen besteht und von den Worten begleitet wird: „Öffne
weit die Tore des Lebens, damit das neue Wesen hereintrete; Schmerz
und Trübsal mögen vorübergehen und die Freude von langer Dauer sein.“
Sodann legt sich die junge Mutter auf die Matte. Von nun an beginnt für
sie eine wirkliche Qual, die so groß ist, daß viele Birmanenfrauen es
vorziehen, ihre Kinderzahl zu beschränken. Um die Gunst der „Dame des
Westens“ sich zu erringen, nimmt sie zunächst ungekochten Reis in die
flache Hand, verbeugt sich nach dem Untergang der Sonne zu und spricht
dabei: „Erschrick mich nicht; rege mich nicht auf; tue mir kein Leid
an; raube mir nicht den Atem“, worauf sie den Reis über einen niederen
Schemel streut, den sie in der nächsten Zeit viel benutzt. Alles
Lüften hört fortan im Zimmer auf, im Gegenteil, es wird eine wahre
Backofenhitze darin unterhalten, ganz gleich, in welcher Jahreszeit
man sich befinden mag. Die Gebärende wird dreimal täglich ganz und
gar mit indischem Safran bestrichen, bekommt täglich ein heißes Bad,
wird darauf massiert und schließlich in ein etwa drei Meter langes
Tuch eingewickelt. Um den Kopf werden ihr noch fünf Turbane gelegt,
weil man annimmt, daß sie dadurch keine Kopfschmerzen bekommen wird,
und ihr heißes Wasser, in dem Safran und Salz aufgelöst sind, zu
trinken gegeben. Dieses alles aber ist erst die Vorbereitung für die
Hauptzeremonie, bei der die arme Frau auf ihrem Schemel sitzend vor
einem glühenden Feuer, dessen Wärmekraft noch durch aufgelegte Steine
erhöht wird, täglich eine Zeitlang buchstäblich braten muß. Dabei wird
sie auf dem Rücken und in den Seiten mit Kleidern und Decken reichlich
bepackt. Das Feuer brennt ununterbrochen Tag und Nacht; wohlriechende
Holzsorten finden dabei Verwendung, deren Rauch das Unglücksweib auch
noch einatmen muß. Sieben Tage lang geht dies so weiter, dann bekommt
die Entbundene ein einfaches türkisches Bad, das über einem Topfe
kochenden Wassers mit Tamarinden und anderen Blättern und Gräsern
hergestellt wird; dieses muß sie in Matten und Decken gehüllt eine
Stunde lang genießen. Darauf wird ihr ein kaltes Bad verabreicht,
damit ihr die Füße nicht anschwellen, aus dem gleichen Grunde muß sie
auch etwas umhergehen, die Zahl der Schritte, die sie dabei zu machen
hat, darf nicht unter sieben betragen. Es liegt hierin offenbar ein
Zugeständnis, daß die Förmlichkeiten bei der Geburt für die Wöchnerin
ziemlich anstrengende sind. Mittlerweile ist das Kind auch geboren
worden. Seine Mutter aber darf sich mit ihm erst vom siebenten Tage
an beschäftigen. Gleichzeitig setzt die Geburts- oder Wiegenzeremonie
ein. Kleine Zeugbeutelchen werden zunächst an den vier Ecken der Wiege
befestigt; ein jedes von ihnen enthält etwas Reis, einige Münzen,
Kokosnuß, Pipul, verschiedene Blätter, Gras und ähnliches. Sehr wichtig
ist dabei, daß in jedem Päckchen auch für den einzelnen Wochentag
bestimmte Blätter und Gräser vorhanden sind, mindestens aber dasjenige,
das dem Tage entspricht, an dem das Kind geboren wurde. Über dem Kinde
wird sodann eine Decke ausgebreitet, und, falls es ein Knabe ist,
obendrauf noch eine vollständige Männerausstattung, bestehend in einem
Hüfttuch, einer Jacke, einem Turban, einem Dolch, dem Familienschmuck
in Gold und Silber, einem Spiegel, einem Kamm, einem Rubinring, falls
solcher vorhanden ist, und mit Edelsteinen möglichst reich besetzten
Ohrzylindern gelegt. Thanaka, der Ersatz für Puder bei den birmanischen
Schönen, wird gemahlen und über das Ganze zerstäubt. Darauf füttert
man das Kind symbolisch mit ein wenig Reis und Curry in Wasser, der
sogenannten „gesegneten Speise“. Diese Zeremonie vollzieht die Hebamme,
nicht die Mutter, und zwar dreimal. Sie rasiert auch den Kopf des
Kindes (mit dem Schaum aus den Samen der Seifenakazie) und windet um
sein Handgelenk, um Hals und Fußgelenk sieben weiße Baumwollfäden.
Während man nun das dabei gewiß etwas nervös gewordene Kind sich selbst
in der Wiege überläßt, beschäftigt man sich jetzt mit dem Nat, dem
Schutzgeist des Hauses. Sein Aufenthaltsort ist eine Kokosnuß, die
in einem Bambuskorb vor der Veranda eines jeden birmanischen Hauses
aufgehängt ist; diese Behausung muß zu Anfang eines birmanischen Jahres
und zu Anfang und Ende der buddhistischen Fastenzeit gewechselt werden;
dabei achtet man aber sorgfältig darauf, daß dies nicht an einem
Mittwoch, oder am vierten, sechsten oder neunten Tage des zunehmenden
Mondes geschieht. Die Kokosnuß wird auch stets umgetauscht, wenn
ein Kind im Hause zur Welt kommt. Man teilt dieses Ereignis bei dem
Wiegenfeste dem Hausgeiste mit und bringt ihm, beziehungsweise seinem
Symbol, eben dieser Kokosnuß, Opfer dar, nämlich Bananen, Arekanüsse,
Blumen, Tee, Kuchen, Sirup, ein Ei und so weiter; die Nuß wird dabei
heruntergenommen. Ist das Kind ein Knabe, dann wird es auch noch in
zwei Stücke gelben Tuches gekleidet, womit sein Eintritt in den „Edlen
Orden des gelben Gewandes“ schon frühzeitig gekennzeichnet werden soll,
eine Vorsichtsmaßregel für den Fall, daß das Kind sterben sollte, bevor
es das Alter für den Eintritt in einen Mönchsorden erreicht hat. Der
älteste der anwesenden Männer schaukelt die Wiege siebenmal und ruft
dabei aus: „Möge das Kind hundertundzwanzig Jahre alt werden; möge
es weise werden, möge es reich werden, möge es schön werden, möge es
jedwede schätzenswerte Eigenschaft besitzen.“ --
[Illustration:
Phot. R. Grant Brown.