Abb. 428. Prozession der Götterbilder.]

Zur +Namensfeier+ des Kindes werden alle Verwandten und sämtliche

Dorfältesten eingeladen, außerdem noch so viele Nachbarn, als man

bewirten und im Hause unterbringen kann. Dort sitzen sie, mit ihren

besten Kleidern angetan, in einem Kreise und unterhalten sich geraume

Zeit über Gemeindeangelegenheiten. Ganz plötzlich schlägt dann

einer der älteren Männer einen Namen vor, wie wenn er ihm soeben,

zum Beispiel in Verbindung mit der Meinung seines Nachbarn über die

Ernteaussichten, eingefallen wäre. In Wirklichkeit aber haben ihn die

Eltern nach vierzehntägiger Überlegung bereits ausgewählt. Da es aber

gegen die gute Sitte verstoßen würde, ihn vorher zu verkünden, machen

sie einen Fremden zum Sprachrohr ihres Wunsches.

[Illustration:

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 429. Eine Schauzeremonie.

Aus festlichen Anlässen werden oft Tiere der Fabel aus der Heldenzeit

aufgestellt, zum Beispiel die obige furchterweckende Tiergestalt, die

in den Geisterwäldern hausen soll.]

Wenngleich den Eltern also das Recht zukommt, ihrem eigenen Kinde einen

+Namen zu geben+, so sind sie bei dessen +Auswahl+ doch an bestimmte

Vorschriften gebunden. Es ist nicht üblich, Kinder nach ihrem Vater

zu benennen und auch nicht notwendig, daß auch nur ein Bestandteil

ihres Namens auf einen der Eltern hinweist. Familiennamen gibt es

überhaupt nicht. Der Wochentag, an dem das Kind geboren wurde, pflegt

für den Namen entscheidend zu sein. Man geht bei der Namensgebung

folgendermaßen vor: das birmanische Alphabet ist in eine Anzahl

Gruppen eingeteilt wie in alle mit k zusammenhängenden Buchstaben,

in b und seine Verwandten, in alle Zahnbuchstaben und in die Vokale.

Alle diese Buchstaben werden den einzelnen Wochentagen zuerteilt. Für

Horoskopzwecke hat man acht Planetenkörper, der achte ist Rahu, der

dunkle oder boshafte Planet, der Finsternisse hervorruft; er beherrscht

den Mittwoch von Mittag bis Mitternacht und hat den Buchstaben y ganz

für sich. Innerhalb der angeführten Schranken, die den Eltern für

die Namensgebung auferlegt sind, können sie das Kind nennen, wie es

ihnen beliebt. Ein Kind, das Sonntags geboren ist, hat alle Vokale zur

Verfügung. So zum Beispiel kann, da Maung in der birmanischen Sprache

ein männliches, Ma ein weibliches Wesen bezeichnet, ein Sonntagskind

Maung O (= Herr Topf), Ma At (= Fräulein Nähnadel), Maung Eng Saung

= (Herr Verwalter-das-Haus) oder Ma E (= Fräulein Frostig) genannt

werden. Dem Freitag gehört der Buchstabe th und h, daher wird ein

an diesem Tage geborenes Kind etwa die Namen Maung Thaw (= Herr

Geräuschvoll) oder Ma Ho (= Fräulein Drüben) führen. Unter diesen

Umständen ist es auch ein leichtes, wenn man den Namen eines Menschen

kennt, seinen Geburtstag zu wissen. Ein Mann namens Maung Lauk (= Herr

Made) kennzeichnet sich als Mittwochskind, eine Frau namens Ma Ba Tu

(= Frau Ihrem-Vater-ähnlich) als Donnerstagskind und andere mehr.

Im Grunde genommen hat ein Birmane an einem Tage jeder Woche seinen

Geburtstag; viele Menschen vom Lande haben sowohl den Monat als auch

das Jahr ihrer Geburt vergessen oder überhaupt nicht gewußt. Mit

Eintritt der Entwicklungsjahre steht es einem jeden aber frei, seinen

Namen zu wechseln. Man braucht, um dies kundzutun, nur ein Päckchen Tee

umherzuschicken und zu erwähnen, daß man fortan soundso heißen wird.

[Illustration:

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 430. Maskierte Figuren,

wie sie gelegentlich eines großen Festes, ähnlich wie bei dem beliebten

Vot-the oder Marionettenspiel im kleinen, verwendet werden.]

Die +Kinder+ gehen die ersten Jahre ihres Lebens, im allgemeinen bis

zum siebenten oder achten Jahre, unbekleidet einher, nur selten werden

sie bereits früher in Gewänder eingekleidet und sind dann gleichsam

Miniaturausgaben der Erwachsenen, deren Kleidung die ihrige vollständig

gleicht. Sie wachsen sorglos und im Genusse völliger Freiheit auf. Von

der frühesten Kindheit an erfreuen sich die Kleinen schon des Genusses

einer Zigarre (Abb. 437). Es ist für den zum ersten Male nach Birma

kommenden Europäer ein ganz seltsamer Anblick, wenn er kleine Mädchen

nur mit „Luft bekleidet“ neben ihren Eltern an einem Glimmstengel

ziehen sieht. Die birmanische Zigarre ist ein wahres Monstrum an

Größe und Dicke, aber sehr mild; sie besteht aus einer Mischung von

wohlriechenden Kräutern und Tabak. -- Von dem angegebenen Alter an

werden die Kinder auf jeden Fall in Kleider gesteckt und in die Schule

gesandt; soweit nicht bereits europäischer Einfluß sich bemerkbar

gemacht hat, sind dies die Klosterschulen. Die buddhistischen Mönche

nämlich sind keine Prediger in unserem Sinne, keine Verkünder des

Wortes Gottes an das Volk; nur durch ihr entsagungsvolles Beispiel

wollen sie auf dieses einwirken, dafür aber erteilen sie der Jugend

Unterricht. Die Klosterschule (Abb. 438) nun soll den Birmanenjüngling

auf das bedeutungsvollste Ereignis seines Lebens vorbereiten, auf das

Anlegen des gelben Mönchgewandes. Erst von diesem Augenblick an gilt

der Birmane für einen Mann und kann durch seine Taten sich Verdienste

für sein ferneres Leben erwerben, um sich dadurch einen Aufstieg in der

Daseinsstufe zu ermöglichen.

[Illustration:

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 431. Szene aus dem Taungnyospiel.

Dikyamba, der Bruder des Königs von Prome, liebte Saw Yu, die Schwester

des Schankönigs von Taungnyo. Er lebte in ihres Vaters Palast und

erhielt, nachdem sie von ihm ein Kind geboren hatte, die Erlaubnis,

sie nach Prome zu nehmen. Hier aber tötete der König von Prome seinen

Bruder und sandte dessen Weib nach Taungnyo zurück. Vor Gram starb sie

aber auf dem Wege dorthin. Die obige Szene stellt die Prinzessin dar,

die zum König bittet, und ihren Gatten, der das Kind hält.]

[Illustration:

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 432. Öffentliche Aufführung in Birma.

Zwei Personen, die einen Prinzen und eine Prinzessin darstellen,

tanzen zur Musik. Das wichtigste Instrument einer birmanischen

Musikkapelle ist das Saing-Kaing, ein kreisförmiges Gestell mit

achtzehn zylindrischen Trommeln in seinem Innern, und ein zweites

ähnlich gebautes mit Gongs, die alle auf einen Ton abgestimmt sind.

Die Stimmung auf einen bestimmten Ton wird bei den Trommeln mit einer

Mischung aus gekochtem Reis und Asche, bei den Gongs mit Bienenwachs

erreicht.]

Für die +Aufnahme in den Orden+ ist ein Mindestalter von zwölf Jahren

vorgeschrieben, allerdings wird der so frühzeitig Aufgenommene dann

hier Novize oder Upazin. Erst mit zwanzig Jahren kann er wirkliches

Mitglied (Akoluth oder Shin) werden. Die Mehrheit der Birmanen

zieht es vor, als Knaben einzutreten, weil sie möglicherweise sterben

könnten, bevor sie das Mannesalter erreicht haben. Die Aufnahme

spielt sich mit großem Gepränge ab. Der Knabe wird, mit möglichst

viel Schmuck beladen, auf einen Pony oder in einen Wagen gesetzt

und im Zuge unter einem goldenen Schirm durch die Straßen geführt;

er spricht unterwegs bei allen Freunden und Bekannten vor, die ihm

moralische Ratschläge geben, und, was eigentlich die Hauptsache ist,

zu den Unkosten der Feierlichkeit beitragen sollen. Alle Verwandten,

in ihre schönsten Gewänder gekleidet, begleiten den Knaben in dem

Zuge, den eine Musikkapelle mit ihren lustigen Weisen eröffnet. Vor

dem Kloster, wo der Umzug endet, legt der Knabe all seinen Putz ab

und zieht sich ein weißes baumwollenes Gewand dafür an. Sein langes

Kopfhaar wird ihm abgeschnitten (Abb. 439), der Kopf rasiert (Abb.

443), mit Safran eingerieben und mit dem Absud von Seifenakaziensamen

gewaschen. Die Haare werden der Mutter oder den Schwestern übergeben,

die, wie es scheint, sich später Zöpfe daraus machen lassen. Nach

diesen Vorbereitungen kniet der Knabe vor den Mönchen nieder, sagt

seine Formel her, mit der er um Aufnahme als Novize bittet, und wird

sodann in aller Form in die Kleider gehüllt, die die Eltern für ihn

beschafft haben. Jetzt ist er zum Mann geworden und dokumentiert dies

auch nach außen hin, indem er sich tatauieren läßt. Der ganze Körper

wird von der Hüfte bis zum Knie mit Tiergestalten (Tigern, Löwen,

Affen und so weiter) und um diese herum mit kabbalistischen Zeichen

als Einfassung bedeckt, und erweckt auf den Beschauer den Eindruck,

als ob sein Besitzer Kniehosen anhätte (Abb. 416). Ein Mann, der sich

in dieser Weise nicht hat tatauieren lassen, gilt für einen Feigling;

er rafft aus diesem Grunde auch nicht sein Lendentuch auf, besonders

nicht, wenn Mädchen in der Nähe sind. Diese Tatauierung wird in blauer

Farbe ausgeführt. Zu ihr gesellt sich vielfach noch eine rote an dem

Oberkörper, die den Zweck haben soll, sich die Liebe der Mädchen zu

erringen oder Unverletzbarkeit gegen Krankheiten zu erlangen. Mädchen

werden nur dann tatauiert, wenn sich Bewerber für sie nicht einfinden

wollen.

[Illustration:

Phot. Sir George Scott.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 178 / 207 题