Zur +Namensfeier+ des Kindes werden alle Verwandten und sämtliche
Dorfältesten eingeladen, außerdem noch so viele Nachbarn, als man
bewirten und im Hause unterbringen kann. Dort sitzen sie, mit ihren
besten Kleidern angetan, in einem Kreise und unterhalten sich geraume
Zeit über Gemeindeangelegenheiten. Ganz plötzlich schlägt dann
einer der älteren Männer einen Namen vor, wie wenn er ihm soeben,
zum Beispiel in Verbindung mit der Meinung seines Nachbarn über die
Ernteaussichten, eingefallen wäre. In Wirklichkeit aber haben ihn die
Eltern nach vierzehntägiger Überlegung bereits ausgewählt. Da es aber
gegen die gute Sitte verstoßen würde, ihn vorher zu verkünden, machen
sie einen Fremden zum Sprachrohr ihres Wunsches.
[Illustration:
Phot. R. W. Marshall.
Abb. 429. Eine Schauzeremonie.
Aus festlichen Anlässen werden oft Tiere der Fabel aus der Heldenzeit
aufgestellt, zum Beispiel die obige furchterweckende Tiergestalt, die
in den Geisterwäldern hausen soll.]
Wenngleich den Eltern also das Recht zukommt, ihrem eigenen Kinde einen
+Namen zu geben+, so sind sie bei dessen +Auswahl+ doch an bestimmte
Vorschriften gebunden. Es ist nicht üblich, Kinder nach ihrem Vater
zu benennen und auch nicht notwendig, daß auch nur ein Bestandteil
ihres Namens auf einen der Eltern hinweist. Familiennamen gibt es
überhaupt nicht. Der Wochentag, an dem das Kind geboren wurde, pflegt
für den Namen entscheidend zu sein. Man geht bei der Namensgebung
folgendermaßen vor: das birmanische Alphabet ist in eine Anzahl
Gruppen eingeteilt wie in alle mit k zusammenhängenden Buchstaben,
in b und seine Verwandten, in alle Zahnbuchstaben und in die Vokale.
Alle diese Buchstaben werden den einzelnen Wochentagen zuerteilt. Für
Horoskopzwecke hat man acht Planetenkörper, der achte ist Rahu, der
dunkle oder boshafte Planet, der Finsternisse hervorruft; er beherrscht
den Mittwoch von Mittag bis Mitternacht und hat den Buchstaben y ganz
für sich. Innerhalb der angeführten Schranken, die den Eltern für
die Namensgebung auferlegt sind, können sie das Kind nennen, wie es
ihnen beliebt. Ein Kind, das Sonntags geboren ist, hat alle Vokale zur
Verfügung. So zum Beispiel kann, da Maung in der birmanischen Sprache
ein männliches, Ma ein weibliches Wesen bezeichnet, ein Sonntagskind
Maung O (= Herr Topf), Ma At (= Fräulein Nähnadel), Maung Eng Saung
= (Herr Verwalter-das-Haus) oder Ma E (= Fräulein Frostig) genannt
werden. Dem Freitag gehört der Buchstabe th und h, daher wird ein
an diesem Tage geborenes Kind etwa die Namen Maung Thaw (= Herr
Geräuschvoll) oder Ma Ho (= Fräulein Drüben) führen. Unter diesen
Umständen ist es auch ein leichtes, wenn man den Namen eines Menschen
kennt, seinen Geburtstag zu wissen. Ein Mann namens Maung Lauk (= Herr
Made) kennzeichnet sich als Mittwochskind, eine Frau namens Ma Ba Tu
(= Frau Ihrem-Vater-ähnlich) als Donnerstagskind und andere mehr.
Im Grunde genommen hat ein Birmane an einem Tage jeder Woche seinen
Geburtstag; viele Menschen vom Lande haben sowohl den Monat als auch
das Jahr ihrer Geburt vergessen oder überhaupt nicht gewußt. Mit
Eintritt der Entwicklungsjahre steht es einem jeden aber frei, seinen
Namen zu wechseln. Man braucht, um dies kundzutun, nur ein Päckchen Tee
umherzuschicken und zu erwähnen, daß man fortan soundso heißen wird.
[Illustration:
Phot. R. Grant Brown.
Abb. 430. Maskierte Figuren,
wie sie gelegentlich eines großen Festes, ähnlich wie bei dem beliebten
Vot-the oder Marionettenspiel im kleinen, verwendet werden.]
Die +Kinder+ gehen die ersten Jahre ihres Lebens, im allgemeinen bis
zum siebenten oder achten Jahre, unbekleidet einher, nur selten werden
sie bereits früher in Gewänder eingekleidet und sind dann gleichsam
Miniaturausgaben der Erwachsenen, deren Kleidung die ihrige vollständig
gleicht. Sie wachsen sorglos und im Genusse völliger Freiheit auf. Von
der frühesten Kindheit an erfreuen sich die Kleinen schon des Genusses
einer Zigarre (Abb. 437). Es ist für den zum ersten Male nach Birma
kommenden Europäer ein ganz seltsamer Anblick, wenn er kleine Mädchen
nur mit „Luft bekleidet“ neben ihren Eltern an einem Glimmstengel
ziehen sieht. Die birmanische Zigarre ist ein wahres Monstrum an
Größe und Dicke, aber sehr mild; sie besteht aus einer Mischung von
wohlriechenden Kräutern und Tabak. -- Von dem angegebenen Alter an
werden die Kinder auf jeden Fall in Kleider gesteckt und in die Schule
gesandt; soweit nicht bereits europäischer Einfluß sich bemerkbar
gemacht hat, sind dies die Klosterschulen. Die buddhistischen Mönche
nämlich sind keine Prediger in unserem Sinne, keine Verkünder des
Wortes Gottes an das Volk; nur durch ihr entsagungsvolles Beispiel
wollen sie auf dieses einwirken, dafür aber erteilen sie der Jugend
Unterricht. Die Klosterschule (Abb. 438) nun soll den Birmanenjüngling
auf das bedeutungsvollste Ereignis seines Lebens vorbereiten, auf das
Anlegen des gelben Mönchgewandes. Erst von diesem Augenblick an gilt
der Birmane für einen Mann und kann durch seine Taten sich Verdienste
für sein ferneres Leben erwerben, um sich dadurch einen Aufstieg in der
Daseinsstufe zu ermöglichen.
[Illustration:
Phot. R. Grant Brown.
Abb. 431. Szene aus dem Taungnyospiel.
Dikyamba, der Bruder des Königs von Prome, liebte Saw Yu, die Schwester
des Schankönigs von Taungnyo. Er lebte in ihres Vaters Palast und
erhielt, nachdem sie von ihm ein Kind geboren hatte, die Erlaubnis,
sie nach Prome zu nehmen. Hier aber tötete der König von Prome seinen
Bruder und sandte dessen Weib nach Taungnyo zurück. Vor Gram starb sie
aber auf dem Wege dorthin. Die obige Szene stellt die Prinzessin dar,
die zum König bittet, und ihren Gatten, der das Kind hält.]
[Illustration:
Phot. D. A. Ahuja.
Abb. 432. Öffentliche Aufführung in Birma.
Zwei Personen, die einen Prinzen und eine Prinzessin darstellen,
tanzen zur Musik. Das wichtigste Instrument einer birmanischen
Musikkapelle ist das Saing-Kaing, ein kreisförmiges Gestell mit
achtzehn zylindrischen Trommeln in seinem Innern, und ein zweites
ähnlich gebautes mit Gongs, die alle auf einen Ton abgestimmt sind.
Die Stimmung auf einen bestimmten Ton wird bei den Trommeln mit einer
Mischung aus gekochtem Reis und Asche, bei den Gongs mit Bienenwachs
erreicht.]
Für die +Aufnahme in den Orden+ ist ein Mindestalter von zwölf Jahren
vorgeschrieben, allerdings wird der so frühzeitig Aufgenommene dann
hier Novize oder Upazin. Erst mit zwanzig Jahren kann er wirkliches
Mitglied (Akoluth oder Shin) werden. Die Mehrheit der Birmanen
zieht es vor, als Knaben einzutreten, weil sie möglicherweise sterben
könnten, bevor sie das Mannesalter erreicht haben. Die Aufnahme
spielt sich mit großem Gepränge ab. Der Knabe wird, mit möglichst
viel Schmuck beladen, auf einen Pony oder in einen Wagen gesetzt
und im Zuge unter einem goldenen Schirm durch die Straßen geführt;
er spricht unterwegs bei allen Freunden und Bekannten vor, die ihm
moralische Ratschläge geben, und, was eigentlich die Hauptsache ist,
zu den Unkosten der Feierlichkeit beitragen sollen. Alle Verwandten,
in ihre schönsten Gewänder gekleidet, begleiten den Knaben in dem
Zuge, den eine Musikkapelle mit ihren lustigen Weisen eröffnet. Vor
dem Kloster, wo der Umzug endet, legt der Knabe all seinen Putz ab
und zieht sich ein weißes baumwollenes Gewand dafür an. Sein langes
Kopfhaar wird ihm abgeschnitten (Abb. 439), der Kopf rasiert (Abb.
443), mit Safran eingerieben und mit dem Absud von Seifenakaziensamen
gewaschen. Die Haare werden der Mutter oder den Schwestern übergeben,
die, wie es scheint, sich später Zöpfe daraus machen lassen. Nach
diesen Vorbereitungen kniet der Knabe vor den Mönchen nieder, sagt
seine Formel her, mit der er um Aufnahme als Novize bittet, und wird
sodann in aller Form in die Kleider gehüllt, die die Eltern für ihn
beschafft haben. Jetzt ist er zum Mann geworden und dokumentiert dies
auch nach außen hin, indem er sich tatauieren läßt. Der ganze Körper
wird von der Hüfte bis zum Knie mit Tiergestalten (Tigern, Löwen,
Affen und so weiter) und um diese herum mit kabbalistischen Zeichen
als Einfassung bedeckt, und erweckt auf den Beschauer den Eindruck,
als ob sein Besitzer Kniehosen anhätte (Abb. 416). Ein Mann, der sich
in dieser Weise nicht hat tatauieren lassen, gilt für einen Feigling;
er rafft aus diesem Grunde auch nicht sein Lendentuch auf, besonders
nicht, wenn Mädchen in der Nähe sind. Diese Tatauierung wird in blauer
Farbe ausgeführt. Zu ihr gesellt sich vielfach noch eine rote an dem
Oberkörper, die den Zweck haben soll, sich die Liebe der Mädchen zu
erringen oder Unverletzbarkeit gegen Krankheiten zu erlangen. Mädchen
werden nur dann tatauiert, wenn sich Bewerber für sie nicht einfinden
wollen.
[Illustration:
Phot. Sir George Scott.