Abb. 421. Ein Geisterhaus (Nat-haw) zu Kyèbogyi (Karenland)

mit Opferaltären außerhalb seiner Umzäunung. Auf dem rechten Altar

liegen der Kopf und die Eingeweide eines geopferten Büffels.]

Es gibt in Birma sehr viele +religiöse Feste+, bei denen man einen

großen Pomp zu entfalten pflegt. Es finden großartige Umzüge statt

(Abb. 425 und 428), bei denen die Götter auf phantastisch ausgeputzten

Wagen (Abb. 426 und 427) heimgefahren werden, Vorführungen werden

veranstaltet, bei denen Helden und Tiere der mythischen Zeit wieder

auftauchen und anderes mehr (Abb. 429 bis 432). Am höchsten werden

davon im ganzen Lande das Neujahrsfest, das die Europäer für gewöhnlich

unter dem Namen Wasserfest (Abb. 433) kennen, und das Tawadeinthafest

(nach Ablauf der Passionszeit) (Abb. 435) geschätzt. Daneben werden

aber noch eine ganze Reihe weiterer Feste gefeiert, die aber zumeist

in die heiße Jahreszeit verlegt sind, weil es sich dann viel leichter

wandern läßt und Feldarbeit nicht verrichtet werden kann. -- Das

+Neujahrsfest+ ist ein allgemeines Landesfest. Früher wurde das Datum

dazu mühsam von den Ponna oder brahmanischen Astrologen in Mandalay

ausgerechnet. Dem Feste liegt der Gedanke zugrunde, daß der König der

Nats vom Himmel dann herabsteige und nach einem eintägigen Aufenthalte

auf der Erde dahin wieder zurückkehre. Es wird zur Erinnerung an eine

Wette zwischen dem Könige und einem Brahmanen gefeiert; der Einsatz

beider war ihr Kopf. Der Brahmane, der Athi hieß, verlor seine Wette.

Der Natskönig ließ dem Verlierer einfach den Kopf abhauen, und dieser

wandert Jahr um Jahr von einer der sieben Schwestern zur anderen.

Er ist glühend heiß und muß durch reichliches Begießen mit Wasser

kühl gehalten werden. Aus diesem Grunde begießen sich alle Menschen

gegenseitig drei Tage lang zur Erinnerung an diese Tatsache mit Wasser.

Die älteren und würdigen Leute werden bei diesem „Um Verzeihung bitten

mit Wasser“ mit Nachsicht behandelt, aber die Jugend und vor allem die

Mädchen widmen sich mit großer Begeisterung dieser Aufgabe. -- Das

+Tawadeinthafest+ will auf den Besuch Bezug nehmen, den Buddha Gautama

dem Berg Meru abstattete, um seiner Mutter, der Königin Maya, das ewige

Gesetz zu predigen. Die wichtigste Zeremonie dabei ist das Herumtragen

der Padethabäume. Unter +Padetha+ verstehen die Birmanen einen Baum,

der auf der nördlichen Insel der birmanischen Fabelwelt wachsen und an

seinen Zweigen alles mögliche tragen soll, was man sich nur wünschen

kann. In der gegenwärtigen Zeit hat er die Gestalt einer hohen Pyramide

angenommen, die mit allen nur denkbaren Gegenständen behängt ist

(Abb. 435), von Büchsen mit kondensierter Milch und Sardinen an bis

zu Waschschüsseln und Uhren. Mit diesen Bäumen stolzieren Männer

im Stadtviertel oder im Dorf umher und legen sie schließlich in der

Klosterumfriedigung nieder, wo die Mönche, je nachdem sie Zeit und

Lust haben, die Opfergaben abnehmen. Am ausgelassensten ist bei dem

Tawadeinthafeste die Jugend, die mit besonderem Interesse das Pwè

verfolgt. Ein Pwè ist eine Vorführung oder Vorstellung irgendeiner

Art; es kann sich dabei sowohl um einen Boxerwettkampf wie auch um ein

ernstes mysteriöses Schauspiel handeln. Die höchste Bedeutung legen die

Birmanen dem Pwè in Gestalt einer dramatischen Vorstellung bei. Die

Bühne ist ein mit Bambusmatten belegter Platz, in dessen Mitte immer

ein Baum steht. Die Schauspieler singen im tiefsten Alt und führen

dabei Tänze auf, die aber nach unserer Auffassung nur in künstlichen

Gliederverrenkungen und schlangenförmigen Bewegungen bestehen; dabei

spielt eine Musikbande auf, so daß die Zuhörer auf eine harte Probe

gestellt werden, zumal eine Vorstellung eine ganze Nacht, auch

mehrere Nächte und selbst ein paar Tage andauert. Aber die Birmanen

halten unentwegt so lange aus. Für gewöhnlich beginnt die eigentliche

Vorstellung, nachdem die Dunkelheit eingesetzt hat. -- Sehr ansprechend

sind dagegen die Yein oder +A-neyein Pwè+, Tänze, die von jungen

Mädchen und Kindern aufgeführt und oft wochenlang vorbereitet werden

(Abbild. 434). Den Unterricht erteilt eine richtige Ballettlehrerin,

die sehr streng vorgeht und große Ansprüche an das Können ihrer

Schülerinnen stellt. Sie gibt gewöhnlich den Kehrreim der Melodie an,

nach der getanzt wird; die meisten der Tänzerinnen fallen dann in diese

Melodie ein. Die Mädchen haben ihre buntesten Gewänder an und sind mit

Familienschmuck gleichsam überladen. Die Tänze werden sowohl stehend

wie sitzend ausgeführt und bestehen nur in rhythmischen Bewegungen der

in hohem Grade schmiegsamen Körper. Die Füße werden dabei überhaupt

nicht von der Erde gehoben; der Takt ist der Minutentakt, und der Reiz

des Ganzen liegt lediglich in den glänzenden Farben der Kleidung, der

ernsten Feierlichkeit der Tänzerinnen und in dem genauen Einhalten des

Taktes.

[Illustration:

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 422. Medizinmänner (Tumsa) der Katschin.

Unter gewöhnlichen Umständen sind es einfache Dorfbewohner wie alle

andern, sie arbeiten gleich den übrigen auf den Feldern, aber wenn

Geister in wichtigen Angelegenheiten um Rat befragt werden sollen,

legen sie besondere Kleider an.]

[Illustration:

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 423. Bettelmönche beim Auszug aus dem Kloster.

Die Mönche stehen bei Tagesanbruch auf und beginnen ihren täglichen

Bettelumzug. Sie gehen hintereinander, der Abt an der Spitze und die

übrigen dem Alter nach.]

Ganz anders dagegen sind die +Tänze der Bergstämme+ (Abb. 436), die in

wilden Bewegungen bestehen, sei es, daß es sich um Bewerbungstänze,

Totentänze oder Geistertänze der verschiedensten Art handelt. Ihnen

liegt fast immer ein religiöses Moment zugrunde; man will dadurch

die unsichtbaren Geister der Luft versöhnen. Selbst die Tänze der

Wa, wenn sie ausziehen, um Köpfe zu erbeuten, sind gewissermaßen

religiöser Natur, denn die Schädeljagd ist für sie sozusagen eine

landwirtschaftliche Notwendigkeit. Würde ein Dorf nicht jedes Jahr

seinen Schädel erhalten, dann würde der Regen ausbleiben und die

Gemeinde eine Mißernte erleben.

[Illustration:

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 424. Opfergaben, die man den Mönchen dargebracht hat.

Wohlhabende Leute spenden oft am ersten Tage Blumen, am

nächsten Früchte und andere Eßwaren und am dritten allerlei

Gebrauchsgegenstände. Die sämtlichen Geschenke werden in einem Schuppen

des Klosters gesammelt; die Nachbarn kommen, um sie zu besichtigen.]

[Illustration:

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 425. Blumenfestzug birmanischer Mädchen und Frauen,

die in kostbare Gewänder gekleidet sind und in Gefäßen Blätter und

Zweige des heiligen Feigenbaums tragen, zur Pagode gelegentlich der

Feiertage, besonders des Neujahrsfestes.]

[Illustration:

Phot. R. Grant Brown.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 176 / 207 题