Abb. 405. Aufbahrung der Leiche des Königs Chulalongkorn

für mehrere Monate in einer goldenen Urne auf der Spitze einer

kunstvollen goldenen Pyramide im Palaste.]

Er tut dies, wenn er heiraten will. Etwa um das zwanzigste Lebensjahr

herum pflegen die Jünglinge, zwischen vierzehn und siebzehn die jungen

Mädchen die +Ehe+ einzugehen. Sie verheiraten sich in Siam fast

alle; alte Jungfrauen kommen daher in diesem glücklichen Lande kaum

vor. -- In den meisten Fällen ist die Ehe lediglich eine Abmachung

zwischen den Familien, die ursprünglich eine ältere, diplomatisch

sehr gewandte Frau zustande brachte, jetzt aber mehr und mehr von

den Eltern direkt getroffen wird, die diese Dinge frei miteinander

erörtern. Auch Neigungsheiraten kommen heutzutage mehr in Aufnahme.

Einer +Ehezeremonie+ legt der Siamese wenig Gewicht bei, daher

verkürzt er sie vielfach oder läßt sie gänzlich fort; denn um einer

Ehe die gesetzliche Gültigkeit zu verschaffen, bedarf es nur des

Beisammenwohnens. Da aber manche Eltern natürlich das Verlangen

haben, die Hochzeit ihres Kindes zu einem Ereignis zu machen, so spielt

sie sich in sehr vielen Fällen wenigstens zum Teil mit Feierlichkeiten

verknüpft ab. Wenn man die Zeremonie in ihrem vollen Umfange

betrachtet, findet die Hochzeit im Hause der Braut statt und dauert

zwei Tage. Freunde und eine bezahlte Musikbande geben dem Bräutigam das

Geleite dorthin, wo die Freunde sich versammelt haben und sich in den

Empfangsräumen an Essen, Trinken und Betelkauen gütlich tun, während

die Eltern das von beiden Teilen beigesteuerte Kapital für das junge

Paar nachzählen und prüfen. Sobald das Brautpaar erscheint, wird es

mit einer geweihten Schnur zusammengebunden, kniet nieder, wird mit

Reis beschüttet und von den Gästen aus einer Seemuschel mit Weihwasser

begossen. Darauf werden beide getrennt; der Bräutigam bringt seiner

Geliebten mit Hilfe einer Kapelle die Nacht über ein Ständchen. Am

nächsten Morgen werden die amtierenden Mönche festlich bewirtet, und

den ganzen Tag über herrscht eine ausgelassene Lustbarkeit. Am Abend

endlich wird die Braut in aller Form zum Hochzeitsgemach geleitet. Das

junge Paar lebt lange mit der Familie der Frau zusammen, oft bis zur

Geburt des ersten Kindes.

[Illustration:

Phot. Antonio.

Abb. 406. Leichenzeremonie im Hause eines reichen Siamesen.

Der Sarg pflegt auf einem hohen, reich verzierten Unterbau, umgeben von

Leuchtern, für längere Zeit aufgestellt zu werden.]

[Illustration:

Phot. R. Lenz.

Abb. 407. Der künstlerische Gerüstaufbau für die Einäscherung der

Leiche des verstorbenen Königs Chulalongkorn.]

Da die +Vielweiberei+ von Buddha nicht ausdrücklich verboten ist,

so gilt sie für erlaubt, und ein Mann kann daher so viele eheliche

Verbindungen eingehen, als er sich Frauen zu leisten vermag. Die erste

Frau behält aber immer das Vorrecht und bleibt das anerkannte Oberhaupt

aller auf sie noch folgenden. Altert eine Frau, dann hält sie es für

ratsam, ihrem Manne Nebenfrauen zu verschaffen, einmal weil sie dadurch

das Heim für diesen noch weiter anziehend zu gestalten hofft und zum

anderen, weil sie sich dann als Oberhaupt einer großen Häuslichkeit

aufspielen kann. -- +Scheidung+ erfolgt mit beiderseitiger Zustimmung

und hat die Teilung des Besitztums zur Folge, ausgenommen, wenn es

sich um Nebenfrauen handelt, die auf Wunsch des Mannes einfach beiseite

geschoben werden können ohne jedwede Vergütung. Alle Kinder sind

erbberechtigt, aber die von der ersten Frau erhalten den größten Anteil.

[Illustration:

Phot. R. Lenz.

Abb. 408. Einäscherungszeremonie für einen vornehmen Siamesen.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 169 / 207 题