Zum Schluß sei noch das Rek Na-Fest oder das „erste Pflügen“ erwähnt,
eine Zeremonie, um die Götter des Ackerbaues günstig zu stimmen und zu
erfahren, wie voraussichtlich die nächste Ernte ausfallen wird. Mit ihm
wird die Feldarbeit eröffnet. Ehemals führte der König selbst diese
Zeremonie aus, jetzt vertritt ihn dabei ein hoher Beamter, meistens der
Ackerbauminister (Abb. 399). Dieser lenkt einen vergoldeten Pflug, der
von bunt angeschirrten Ochsen gezogen wird (Abbild. 400), dreimal um
ein geweihtes Feld, auf das nachher Reis gestreut und sofort vom Volke
wieder aufgelesen wird, in dem Glauben, daß, wenn man diese Körner
unter die eigene Saat mischt, sie gute Ernte zeitigen werden. Außerdem
werden zwei jungen Ochsen verschiedene Getreidesorten vorgelegt und
aufgepaßt, von welcher sie am meisten fressen. Diese wird aber nicht
angebaut, weil dann die Ernte schlecht ausfallen würde. Zum Schluß der
Zeremonie werden die Ernteaussichten der bevorstehenden Jahreszeit
verkündet.
[Illustration:
Aus „Anthropos“.
Abb. 401. Siamesische Tafel, um das Horoskop zu stellen.
Der silberne Schirm zum Beispiel bedeutet: Ehren, Macht, Achtung;
der Mann ohne Kopf: Verlust eines Prozesses, materiellen Verlust,
auch gewaltsamen Tod; der königliche Palast: hohe Würden, Protektion,
Einfluß auf andere und so weiter.]
[Illustration:
Phot. Antonio.
Abb. 402. Ein siamesischer Knabe, zur Zeremonie des
Haarknotenabschneidens vorbereitet.
Er ist in schöne Gewänder gekleidet und mit den Familienkostbarkeiten
geschmückt.]
Allerlei +Gebräuche+ knüpfen sich auch +an die wichtigsten Augenblicke
im Leben der Siamesen+. Sobald ein +Kind geboren+ ist, wird es von der
weisen Frau sogleich auf Anzeichen hin untersucht, die dem Wahrsager
als Unterlage dienen könnten, um ihm die Zukunft zu prophezeien, und
dann sich selbst überlassen, während die Mutter, auf einem Plankenbett
liegend, der Hitze eines großen Feuers ausgesetzt wird, das angeblich
ihre Genesung beschleunigen soll. Ist das Kind einen Monat alt
geworden, dann wird ihm feierlichst der Kopf glatt geschoren und vom
Familienwahrsager das Horoskop gestellt. Um die Zeit herum, wenn es die
ersten Schritte macht, wird der Wahrsager noch einmal herbeigerufen
und, nachdem er von neuem das Horoskop und andere üble Vorbedeutungen
in Betracht gezogen hat, ein Name für das Kind unter denen ausgewählt,
die sich für das Jahr, den Monat, Tag und Augenblick am besten eignen.
Um das Horoskop zu stellen, bedient man sich einer Tafel (Abb. 401),
die um den Mittelpunkt angeordnet in zwölf Segmenten je eine Figur
trägt (Buddhapyramide, Drache, Zauberin, Wahrsager, silberner und
goldener Sonnenschirm, Mann ohne Kopf und so weiter). Jeder von ihnen
kommt eine besondere glück- oder unglückbringende Bedeutung für die
Begebenheiten des täglichen Lebens zu. Bei der Benutzung dieser
Wahrsagetafel fängt man bei der Buddhapyramide an zu zählen und geht,
wenn es sich um ein männliches Wesen handelt, nach links, wenn um ein
weibliches, nach rechts herum. Zunächst zählt man die Wochentage,
dann in gleicher Weise die Monattage und schließlich die Jahre, von
denen jedes unter einem der zwölf Zeichen steht, von dem gleichen
Ausgangspunkt aus ab, bis man zu seinem Datum kommt, und ermittelt
auf diese Weise drei Figuren. Wenn alle drei unglückverheißend sind,
dann steht zweifelsohne ein Mißerfolg zu erwarten; wenn man nur eine
böse Figur unter den dreien erhält, dann ist die Vorhersage gut,
sind alle drei aber günstige, dann kann das Unternehmen nur glücklich
ausschlagen. -- Das Siamesenbaby tyrannisiert gleichsam seine
Hausgenossen. Alle seine Verwandten sind seine Sklaven und erfüllen ihm
seine leisesten Wünsche; von allen wird es verwöhnt und verhätschelt.
Der +Kopf+ wird ihm bis ungefähr zum vierten Jahre beständig +rasiert+,
von da ab beginnt die Mutter sein Kopfhaar zu pflegen; sie dreht es
zu einem Büschel oben auf dem Scheitel und steckt eine bunte Nadel
hindurch. Bald darauf bekommt das Kind auch Kleider und wird später in
die Klosterschule des Dorfes gesandt. Von jetzt an nimmt der Lebenslauf
der beiden Geschlechter eine verschiedene Richtung. Die Mädchen nämlich
erhalten für gewöhnlich keinen Unterricht in der Schule, sondern
werden in die Pflichten ihres späteren Hausfrauenberufes eingeführt.
-- Sobald bei den Kindern die Reife sich einzustellen beginnt, also um
das zehnte bis dreizehnte Lebensjahr, wird den Knaben und Mädchen das
+Haarbüschel unter großer Feierlichkeit abgeschnitten+; es ist dies der
wichtigste Augenblick im ganzen Leben des Siamesen. An einem von dem
Wahrsager festgesetzten Tage wird im Hause der Eltern ein Altar mit dem
Buddhabildnis errichtet, und dieser mit Kerzen und Zieraten, soweit
die Mittel es erlauben, geschmückt. Um den Altar herum verteilt man
eine große Schere, eine Schale mit geweihtem Wasser, eine Seemuschel
und andere Gegenstände, die zu der Zeremonie gehören, und stellt auf
einen Ständer in der Nähe kleine Portionen Speise zur Erfrischung für
die Familiengötter hin. Ein geweihter Faden wird sodann unter der
Dachrinne rings um das Haus herumgeführt und seine beiden Enden werden
ins Haus hinein zu den Händen der Mönche geleitet, deren Predigten an
der Schnur entlang gleiten sollen, um die bösen Geister zu verhindern,
störend in die heilige Handlung einzugreifen. Der Ahnen wird auch
nicht vergessen, denn ihre Urnen mit der Asche finden sich auf einem
kleineren Altar aufgestellt. Schließlich ist draußen vor dem Hause
noch ein Gerüst mit einem Baldachin auf vier Pfosten erbaut, unter
dem auf einem spitz zulaufenden Gestelle etwas Speise für den Gott
Kedu, den Spender langen Lebens, gestellt wird. -- Am Nachmittage des
dem eigentlichen Feste vorausgehenden Tages finden sich zuerst die
Familienfreunde, jeder mit einem Geschenk, sodann die Mönche ein, die
bei ihrem Erscheinen mit Gongschlägen begrüßt und mit Tee bewirtet
werden. Nach einer Pause tritt das Kind auf, vornehm angezogen und mit
dem ganzen Familienschmuck behängt (Abb. 402). Die Mönche sprechen
Gebete, in die die anwesenden Besucher einfallen; Musik spielt sodann
auf; Tee, Zigarren, Speise und Betel werden herumgereicht, und alles
widmet sich dem Vergnügen. Der nächste Tag vergeht in ähnlicher Weise
und erst am dritten findet die Hauptzeremonie statt. Vorher wird größte
Ruhe gewahrt, damit die bösen Geister, die sich vielleicht in der Nähe
aufhalten, nicht merken, daß etwas im Gange ist. Kurz vor Sonnenaufgang
erscheint das Kind wieder, den Kopf bis auf das Haarbüschel glatt
rasiert. Das Haarbüschel wird in drei Strähnen geteilt, der Gast, dem
von den Anwesenden die höchste Ehre gebührt, sowie zwei hochbetagte
Anverwandte erfassen jeder eine Strähne und schneiden sie genau bei
Sonnenaufgang ab. Ohrenbetäubender Trommelschlag und Musik setzen in
diesem Augenblick ein. Die Speise für den Ketu wird von der Plattform
draußen genommen und das Kind unter dem Baldachin an ihre Stelle
gesetzt. Darauf treten die Verwandten und Freunde einer nach dem
anderen heran und gießen Wasser aus einer Muschel auf den kahlen Kopf
des Kindes, das bis auf die Haut durchnäßt wird (Abb. 404). Von neuem
bekleidet, und diesesmal mit seinem schönsten Gewand, übernimmt das
Kind die zeremonielle Speisung der Mönche; dieser Abschnitt der Feier
vollzieht sich unter Musikbegleitung sowie unter Hersagen und Absingen
heiliger Worte und endigt mit einer Predigt. -- Der Prunk, mit dem die
Zeremonie des Haarabschneidens vollzogen wird, richtet sich natürlich
nach dem Reichtum und dem Stand der betreffenden Familie. Wird einem
königlichen Prinzen das Haarbüschel abgeschnitten, dann gestaltet sich
diese Zeremonie zu einem wahren Volksfest, bei dem es allenthalben hoch
hergeht.
[Illustration:
Phot. F. Chit.
Abb. 403. Der Kronprinz im Mönchskloster zur Ablegung des üblichen
Ordensgelübdes.]
[Illustration:
Phot. F. Chit.
Abb. 404. Die Zeremonie des Haarknotenabschneidens am siamesischen
königlichen Hofe.
Der König gießt einem seiner Söhne, an dem die Zeremonie soeben
vollzogen wurde, geweihtes Wasser über das Haupt.]
Nachdem ihnen das Haarbüschel abgeschnitten ist, nehmen die Mädchen
ihre häusliche Beschäftigung wieder auf, ebenso bilden sich die Knaben
weiter aus, bis sie das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann
werden sie sozusagen konfirmiert und in den heiligen Orden der Mönche
aufgenommen. Die Lehre Buddhas schreibt nämlich vor, daß jeder, der
sich ernstlich zu ihr bekennt, dies dadurch betätigen muß, daß er vor
der Welt flüchtet und in den Orden sich aufnehmen läßt, allerdings kann
er dieses Gelübde jederzeit widerrufen. Daher legt jeder siamesische
Jüngling, auch wenn er sich nicht den geistlichen Beruf erwählt hat,
das Ordensgelübde ab, um dem Buchstaben des Gesetzes zu genügen (Abb.
403). Wer nicht die Absicht hat, ein Glied des Ordens zu bleiben,
bittet nach einiger Zeit, für gewöhnlich nach drei Monaten, ihn von
seinem Gelübde wieder zu entbinden, was anstandslos gewährt wird. Dann
darf er aus der Abgeschlossenheit wieder in die Welt zurücktreten.
Die Aufnahme in den Orden gestaltet sich für die Angehörigen zu einem
großen Freudenfest. In kostbare Gewänder gekleidet, begibt sich der
Kandidat mit seinen Verwandten, Freunden und allen Mädchen seiner
Bekanntschaft in den Tempel, wirft sich dreimal vor den Mönchen demütig
auf die Erde und wird in aller Form von den Angehörigen vorgestellt,
die den Mönchen Geschenke anbieten. Sodann muß er ein Verhör, ob er
sich geistig und körperlich auch eigne, über sich ergehen lassen, und
wenn seine Antworten zur Zufriedenheit ausgefallen sind, wirft er sich
von neuem auf die Erde und bittet flehentlich, aus der schnöden Welt
befreit und in den Orden aufgenommen zu werden. Daraufhin wird er
seiner vornehmen Gewänder entkleidet und mit dem gelben Gewande des
Mönches angetan, bekommt einen Bettelnapf um die Schultern gehängt
und einen Fächer in die Hand. So ausgestattet, wirft er sich noch
einmal auf die Erde und legt sodann die zehn vorgeschriebenen Gelübde
ab, nämlich niemals ein Leben zu vernichten, niemals zu stehlen oder
zu lügen, stets ein züchtiges Leben zu führen, keine berauschenden
Getränke zu trinken, nur zu der vorgeschriebenen Zeit zu essen, alle
weltlichen Freuden zu meiden, keinen persönlichen Schmuck zu tragen,
nie mit Geld etwas zu tun zu haben und auf der Erde zu schlafen.
Der Abt macht nun öffentlich bekannt, daß der Kandidat in den Orden
aufgenommen ist, und erinnert ihn noch einmal an die Pflichten, die er
übernommen hat, und an die Sünden, die er meiden muß. Wie schon gesagt,
kann der Jüngling jederzeit von seinem Eide auf seinen Wunsch befreit
werden und in die Welt zurückkehren, wie es auch meistens geschieht.
[Illustration:
Phot. R. Lenz.