In Siam gilt die +Person des Königs+ für ein übernatürliches Wesen
und ist daher Gegenstand besonderer Heiligkeit und Verehrung. Der
Volksmund behauptet, daß im Königspalaste zu Bangkok ein Dämon, Phra
Deng oder der „Rote Herr“ genannt, der einst ein Halbgott war und zu
Beginn der gegenwärtigen siamesischen Ära vom Himmel herabflog, mit
Ketten gefangen gehalten würde und, solange er nicht entwische, dem
Königshause und dem Volke Glück bringe. Bei allem, was mit dem Hofe
zusammenhängt, wird eine strenge Etikette bewahrt. Die Zeremonien,
die mit dem Thron in Verbindung stehen, zum Beispiel die Krönung,
sind sämtlich religiöser Natur und stark mit brahmanischem Einfluß
durchsetzt, allerdings hat der König Chulalongkorn bereits manchen
der Riten, mit denen seine Vorgänger bedacht wurden, abgeschafft. Zu
den althergebrachten Sinnbildern, wie dem Dreizack, dem Schirm und so
weiter, gehört seit undenklichen Zeiten auch der weiße Elefant, ohne
den, wie auch früher in Indochina, nach der Annahme des Volkes kein
König echt sein könne. Es ist dies eigentlich kein direkt weißes Tier,
sondern ein solches, dessen Hautfarbe pathologischen Ursprunges ist,
ein Albino, denn es besitzt schmutzig graues Haar, weiße Nägel auf
den Zehen und eine gelbe oder rosafarbene Regenbogenhaut. -- Zweimal
im Jahre schwören die Prinzenschaft, der Adel und der Beamtenstand
im ganzen Lande dem König den Eid der Treue. Diese Zeremonie, die
den Namen Teu Nam oder das „Wasserhalten“ führt, kann auf ein
sehr hohes Alter zurückblicken, denn schon am Hofe der Könige von
Brahmanisch-Indien wurde sie vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren
abgehalten. In Bangkok findet sie in Gegenwart des Königs statt. In
einem Tempel ganz dicht beim Palaste versammeln sich die Prinzen und
führenden Staatsbeamten, während draußen auf den weiten Rasenflächen
der äußeren Palastumgrenzung Soldaten aller Truppengattungen in
blinkenden Uniformen und weiße Elefanten in glänzender Ausstaffierung
Aufstellung nehmen. Unter Trommelschlag und Fanfarenklang wird
der König auf einem goldenen Thron aus dem Innern des Palastes
herausgetragen, Tausende von Bajonetten blitzen zum Gruße auf, Kanonen
donnern und zahlreiche Militärkapellen verkünden die Nationalhymne,
während Seine Majestät vor den Truppen entlang passiert und sich
sodann niederläßt, um zu beobachten, wie der Hof und die Staatsbeamten
zu zweien in den Palast hineingehen, vom Tische einen kleinen Becher
Wasser nehmen, das besonders für diesen Zweck unter machtvollen
brahmanischen Formeln geweiht wurde, ihn mit den Lippen berühren und
sich durch eine Außentür wieder zurückziehen. In den Provinzen wird die
gleiche Zeremonie vor den amtlichen Vertretern des Königs vollzogen.
[Illustration:
Phot. Antonio.
Abb 393. Eine königliche Barke,
die jetzt nur noch bei Staatsangelegenheiten gebraucht wird. Früher
benutzte der König häufig eine vergoldete Barke, die mit fünfzig und
mehr rotgekleideten Ruderern bemannt war.]
Höflichkeit und Achtung erfordern, daß bei einer Unterhaltung mit
Personen königlichen Geblütes bestimmte Redensarten, gleichsam nur
gewählte Ausdrücke angewendet werden, ein Brauch, der vielleicht mit
dem allgemeinen Empfinden zusammenhängt, man könne, wenn man einen
gewöhnlichen Gegenstand umschreibt oder ein Fremdwort für ihn sagt,
seine Niedrigkeit gleichsam mildern. Diese sogenannte Palastsprache
ist so fein durchgearbeitet, daß man nicht nur Hunde, Krähen und
andere gewöhnliche und unreine Tiere mit besonderen Worten benennt,
sondern auch die Tätigkeit der hohen Herrschaften, wie essen, schlafen,
gehen, sprechen, baden und so weiter mit gewählteren Ausdrücken
bezeichnet, als wenn man sie auf einfache Leute anwendet. Im übrigen
ist der Siamese bestrebt, jedweder im Range höher stehenden Person
die erforderliche Achtung zu zollen. So wagt zum Beispiel niemand,
seinen Kopf so hoch wie sein Vorgesetzter zu tragen, niemand über eine
Brücke zu gehen, wenn ein anderer von höherem Range sie in demselben
Augenblicke überschreiten will und anderes mehr.
[Illustration:
Phot. F. Chit.
Abb. 394. Überführung eines alten Buddhabildes in einen neuen Tempel,
das sich unter dem Baldachin auf dem festlichen Boot befindet; der
König und sein Hof begleiten diese Überführung in Staatsbooten.]
Die Siamesen sind +Anhänger der Lehre Buddhas+, indessen ist diese
in vieler Hinsicht noch mit dem alten +Geisterglauben+ durchsetzt.
Sie halten das ganze Weltall von allen möglichen Geistern gleichsam
überflutet: von den mächtigen Königen der Himmel und der Höllen, den
Gottheiten der Lehre Brahmas, die sich in dieser Auffassung des Volkes
noch widerspiegelt, an bis zu den kleinsten Elfen, die in der Dachrinne
hausen, und den Kobolden, die in der Nacht die Kinder an den Fußsohlen
kitzeln, herab. Jeder Fluß, jeder See, jeder Berg, jede Klippe, jeder
Baum, jedes Feld, jeder Garten, jede Behausung wird als Sitz von
Geistern, Waldnymphen und Gespenstern gedacht. Auf der Veranda oder auf
dem Hofe eines jeden Hauses steht ein winziges Puppenhäuschen, in dem
ein Spukgeist wohnt, der, falls man ihm fleißig Opfer darbringt, als
Dank das Haus vor Unheil und anderen bösen Geistern beschirmt, wenn er
aber vernachlässigt oder nicht beachtet wird, aus Rache es mit allem
möglichen Bösen heimsucht. Alle Geister sind ihrer Veranlagung nach
bösartig, die meisten von ihnen besitzen aber irgend eine Schwäche
und lassen sich durch Gaben, die ihrem Geschmack zusagen, umstimmen.
Manche wiederum sind schwer zu versöhnen oder leicht zu kränken; ihrem
Zorn schreibt man beinahe alles Unglück zu, das den Menschen trifft,
so die Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen und andere folgenschwere
Naturereignisse, die Unfälle und Krankheiten. Es gibt aber auch
wachsame Geister, die sich angelegen sein lassen, Städte und Paläste
zu schützen, die aus ihren Verstecken hervorkommen und den Kampf
gegen die Einfälle böser Geister aufnehmen, sofern sie gut behandelt
werden. Diese läßt der Aberglaube von gesunden, kräftigen Menschen
herstammen, die vorzeiten man einfach köpfte und an den betreffenden
Stellen unter der Mauer, an den Eingängen und so weiter begrub. So
leicht öffentliche Gebäude auf diese Weise sich vor den bösen Geistern
Schutz verschaffen können, so schwer wird dies dem einzelnen gemacht;
er ist auf die Hilfe eines Vermittlers angewiesen, eines Zauberers,
Wahrsagers oder ähnlichen Geschäftsmannes, der dann meistens eine
Teufelaustreibung vornimmt. Auch die medizinische Wissenschaft der
Siamesen greift auf solchen Hokuspokus zurück, wenngleich ihr auch
eine ganze Reihe von Kräuterheilmitteln, die einen wirklichen Heilwert
besitzen, zur Verfügung stehen. Aber die Ärzte schätzen sie nicht immer
deswegen hoch, weil ihnen eine Heilkraft innewohnt, sondern weil sie
glauben, daß diese gegen die Geister, Hexen und so weiter wirksam sind.
Musik, Tanz, häufiges Baden sind allgemeine Rezepte für die meisten
Krankheiten. Der behandelnde Arzt versucht auch oft, das Übel durch
Pusten, Ausspeien, Pfeifen und Schwenken grüner Zweige auszutreiben.
Der Verkauf von Zaubermitteln ist für den Apotheker eine gute
Einnahmequelle, jedoch wird ihm viel Konkurrenz durch die Tätigkeit der
Buddhamönche gemacht, die als Teufelaustreiber auftreten, obwohl ihnen
diese Tätigkeit untersagt ist. Denn nach der Lehre Buddhas besteht die
Macht der Geister nur in der Einbildung. Aber der Siamese läßt sich von
seinem alten Aberglauben einmal nicht abbringen. -- Die Abbildung 394
zeigt die Überführung einer Buddhastatue in einer festlich geschmückten
Barke nach einem neuen Tempel, begleitet von dem König und seiner
Familie. Die vergoldete königliche Barke (Abb. 393) wird jetzt nur noch
bei besonderen Staatsangelegenheiten benutzt.
[Illustration:
Phot. Antonio.