Abb. 392. Das Einfangen wilder Elefanten.]

In Siam gilt die +Person des Königs+ für ein übernatürliches Wesen

und ist daher Gegenstand besonderer Heiligkeit und Verehrung. Der

Volksmund behauptet, daß im Königspalaste zu Bangkok ein Dämon, Phra

Deng oder der „Rote Herr“ genannt, der einst ein Halbgott war und zu

Beginn der gegenwärtigen siamesischen Ära vom Himmel herabflog, mit

Ketten gefangen gehalten würde und, solange er nicht entwische, dem

Königshause und dem Volke Glück bringe. Bei allem, was mit dem Hofe

zusammenhängt, wird eine strenge Etikette bewahrt. Die Zeremonien,

die mit dem Thron in Verbindung stehen, zum Beispiel die Krönung,

sind sämtlich religiöser Natur und stark mit brahmanischem Einfluß

durchsetzt, allerdings hat der König Chulalongkorn bereits manchen

der Riten, mit denen seine Vorgänger bedacht wurden, abgeschafft. Zu

den althergebrachten Sinnbildern, wie dem Dreizack, dem Schirm und so

weiter, gehört seit undenklichen Zeiten auch der weiße Elefant, ohne

den, wie auch früher in Indochina, nach der Annahme des Volkes kein

König echt sein könne. Es ist dies eigentlich kein direkt weißes Tier,

sondern ein solches, dessen Hautfarbe pathologischen Ursprunges ist,

ein Albino, denn es besitzt schmutzig graues Haar, weiße Nägel auf

den Zehen und eine gelbe oder rosafarbene Regenbogenhaut. -- Zweimal

im Jahre schwören die Prinzenschaft, der Adel und der Beamtenstand

im ganzen Lande dem König den Eid der Treue. Diese Zeremonie, die

den Namen Teu Nam oder das „Wasserhalten“ führt, kann auf ein

sehr hohes Alter zurückblicken, denn schon am Hofe der Könige von

Brahmanisch-Indien wurde sie vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren

abgehalten. In Bangkok findet sie in Gegenwart des Königs statt. In

einem Tempel ganz dicht beim Palaste versammeln sich die Prinzen und

führenden Staatsbeamten, während draußen auf den weiten Rasenflächen

der äußeren Palastumgrenzung Soldaten aller Truppengattungen in

blinkenden Uniformen und weiße Elefanten in glänzender Ausstaffierung

Aufstellung nehmen. Unter Trommelschlag und Fanfarenklang wird

der König auf einem goldenen Thron aus dem Innern des Palastes

herausgetragen, Tausende von Bajonetten blitzen zum Gruße auf, Kanonen

donnern und zahlreiche Militärkapellen verkünden die Nationalhymne,

während Seine Majestät vor den Truppen entlang passiert und sich

sodann niederläßt, um zu beobachten, wie der Hof und die Staatsbeamten

zu zweien in den Palast hineingehen, vom Tische einen kleinen Becher

Wasser nehmen, das besonders für diesen Zweck unter machtvollen

brahmanischen Formeln geweiht wurde, ihn mit den Lippen berühren und

sich durch eine Außentür wieder zurückziehen. In den Provinzen wird die

gleiche Zeremonie vor den amtlichen Vertretern des Königs vollzogen.

[Illustration:

Phot. Antonio.

Abb 393. Eine königliche Barke,

die jetzt nur noch bei Staatsangelegenheiten gebraucht wird. Früher

benutzte der König häufig eine vergoldete Barke, die mit fünfzig und

mehr rotgekleideten Ruderern bemannt war.]

Höflichkeit und Achtung erfordern, daß bei einer Unterhaltung mit

Personen königlichen Geblütes bestimmte Redensarten, gleichsam nur

gewählte Ausdrücke angewendet werden, ein Brauch, der vielleicht mit

dem allgemeinen Empfinden zusammenhängt, man könne, wenn man einen

gewöhnlichen Gegenstand umschreibt oder ein Fremdwort für ihn sagt,

seine Niedrigkeit gleichsam mildern. Diese sogenannte Palastsprache

ist so fein durchgearbeitet, daß man nicht nur Hunde, Krähen und

andere gewöhnliche und unreine Tiere mit besonderen Worten benennt,

sondern auch die Tätigkeit der hohen Herrschaften, wie essen, schlafen,

gehen, sprechen, baden und so weiter mit gewählteren Ausdrücken

bezeichnet, als wenn man sie auf einfache Leute anwendet. Im übrigen

ist der Siamese bestrebt, jedweder im Range höher stehenden Person

die erforderliche Achtung zu zollen. So wagt zum Beispiel niemand,

seinen Kopf so hoch wie sein Vorgesetzter zu tragen, niemand über eine

Brücke zu gehen, wenn ein anderer von höherem Range sie in demselben

Augenblicke überschreiten will und anderes mehr.

[Illustration:

Phot. F. Chit.

Abb. 394. Überführung eines alten Buddhabildes in einen neuen Tempel,

das sich unter dem Baldachin auf dem festlichen Boot befindet; der

König und sein Hof begleiten diese Überführung in Staatsbooten.]

Die Siamesen sind +Anhänger der Lehre Buddhas+, indessen ist diese

in vieler Hinsicht noch mit dem alten +Geisterglauben+ durchsetzt.

Sie halten das ganze Weltall von allen möglichen Geistern gleichsam

überflutet: von den mächtigen Königen der Himmel und der Höllen, den

Gottheiten der Lehre Brahmas, die sich in dieser Auffassung des Volkes

noch widerspiegelt, an bis zu den kleinsten Elfen, die in der Dachrinne

hausen, und den Kobolden, die in der Nacht die Kinder an den Fußsohlen

kitzeln, herab. Jeder Fluß, jeder See, jeder Berg, jede Klippe, jeder

Baum, jedes Feld, jeder Garten, jede Behausung wird als Sitz von

Geistern, Waldnymphen und Gespenstern gedacht. Auf der Veranda oder auf

dem Hofe eines jeden Hauses steht ein winziges Puppenhäuschen, in dem

ein Spukgeist wohnt, der, falls man ihm fleißig Opfer darbringt, als

Dank das Haus vor Unheil und anderen bösen Geistern beschirmt, wenn er

aber vernachlässigt oder nicht beachtet wird, aus Rache es mit allem

möglichen Bösen heimsucht. Alle Geister sind ihrer Veranlagung nach

bösartig, die meisten von ihnen besitzen aber irgend eine Schwäche

und lassen sich durch Gaben, die ihrem Geschmack zusagen, umstimmen.

Manche wiederum sind schwer zu versöhnen oder leicht zu kränken; ihrem

Zorn schreibt man beinahe alles Unglück zu, das den Menschen trifft,

so die Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen und andere folgenschwere

Naturereignisse, die Unfälle und Krankheiten. Es gibt aber auch

wachsame Geister, die sich angelegen sein lassen, Städte und Paläste

zu schützen, die aus ihren Verstecken hervorkommen und den Kampf

gegen die Einfälle böser Geister aufnehmen, sofern sie gut behandelt

werden. Diese läßt der Aberglaube von gesunden, kräftigen Menschen

herstammen, die vorzeiten man einfach köpfte und an den betreffenden

Stellen unter der Mauer, an den Eingängen und so weiter begrub. So

leicht öffentliche Gebäude auf diese Weise sich vor den bösen Geistern

Schutz verschaffen können, so schwer wird dies dem einzelnen gemacht;

er ist auf die Hilfe eines Vermittlers angewiesen, eines Zauberers,

Wahrsagers oder ähnlichen Geschäftsmannes, der dann meistens eine

Teufelaustreibung vornimmt. Auch die medizinische Wissenschaft der

Siamesen greift auf solchen Hokuspokus zurück, wenngleich ihr auch

eine ganze Reihe von Kräuterheilmitteln, die einen wirklichen Heilwert

besitzen, zur Verfügung stehen. Aber die Ärzte schätzen sie nicht immer

deswegen hoch, weil ihnen eine Heilkraft innewohnt, sondern weil sie

glauben, daß diese gegen die Geister, Hexen und so weiter wirksam sind.

Musik, Tanz, häufiges Baden sind allgemeine Rezepte für die meisten

Krankheiten. Der behandelnde Arzt versucht auch oft, das Übel durch

Pusten, Ausspeien, Pfeifen und Schwenken grüner Zweige auszutreiben.

Der Verkauf von Zaubermitteln ist für den Apotheker eine gute

Einnahmequelle, jedoch wird ihm viel Konkurrenz durch die Tätigkeit der

Buddhamönche gemacht, die als Teufelaustreiber auftreten, obwohl ihnen

diese Tätigkeit untersagt ist. Denn nach der Lehre Buddhas besteht die

Macht der Geister nur in der Einbildung. Aber der Siamese läßt sich von

seinem alten Aberglauben einmal nicht abbringen. -- Die Abbildung 394

zeigt die Überführung einer Buddhastatue in einer festlich geschmückten

Barke nach einem neuen Tempel, begleitet von dem König und seiner

Familie. Die vergoldete königliche Barke (Abb. 393) wird jetzt nur noch

bei besonderen Staatsangelegenheiten benutzt.

[Illustration:

Phot. Antonio.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 165 / 207 题