Ihrem Charakter nach kann man die Siamesen als große Kinder bezeichnen.
Sie sind liebenswürdige, friedfertige, sorglose, nüchterne, besonders
im Darreichen von Almosen freigebige, sehr zum Müßiggang neigende,
leidenschaftslose Menschen, die an den althergebrachten Einrichtungen
zähe festhalten und streng auf Etikette achten. Auch geben sie sich
gern dem +Vergnügen+ hin, besonders haben sie eine ausgesprochene
Vorliebe für das +Theater+. Das „Lakon“, wie die Siamesen das Theater
nennen, findet während der Zeit des Vollmonds statt, so daß die
Teilnehmer nach der Vorstellung am späten Abend noch gut nach Hause
finden können. Sie besuchen diese mit der ganzen Familie und nehmen
sich auch Eßwaren dorthin mit. Die Bühne ist meistens oval, die Zuhörer
sitzen rings herum, außer an dem einen Ende, an dem sich zwei Zugänge
befinden. Kleine umherziehende Gesellschaften, deren es viele im Lande
gibt, sind gewohnt, auch ohne Hintergrund fertig zu werden und ziehen
sich nötigenfalls auch in Gegenwart der Zuhörer um. Im Gegensatz
zu allen anderen orientalischen Völkern übernehmen die Frauen alle
ernsten Männerrollen. Das Drama, das sich vor den Zuschauern abspielt,
verrät keine Gedanken und zusammenhängenden Handlungen, sondern gibt
einzelne Ereignisse aus der Mythologie der Brahmanen wieder, die
durch die Tradition geheiligt sind. Die Trachten, die dabei getragen
werden, sind ganz phantastische, mit bunten Steinen und flimmerndem
Flitter besetzte Gewänder, welche die Überlieferung den Gottheiten und
königlichen Personen von früher zuschreibt (Abb. 390). Durch Auftragen
einer dicken weißen Paste auf das Gesicht als Schönheitsmittel wird
den Darstellern die Möglichkeit genommen, Leidenschaften zum Ausdruck
zu bringen; alle sind vielmehr von tiefem Ernst durchdrungen. Eine
Ausnahme hiervon machen die Clowns, die ungeschminkt, einfach wie
moderne Bauern gekleidet, die heiligsten und heldenhaftesten Stellen
mit komischen Gesprächen unterbrechen, die auf Tagesereignisse
anspielen. -- Auch das Vorführen von +Tänzen+ ist in Siam sehr
beliebt. Alten Traditionen gemäß werden sie hier, wie überhaupt in
Hinterindien, in ganz eigenartiger Weise ausgeführt. Sie bestehen
nämlich in Posen mit gebeugten Knien, wobei die sich windenden Arme
vorgestreckt werden und die Tänzerinnen sich langsam mit dem flachen
Fuß vorwärtsschieben. Dazu kommen aber auch heftigere Kundgebungen,
die sich in mächtigen Sprüngen, Aufschlagen der Absätze und Posieren
in ausgebreiteter Adlerflügelstellung äußern. Auf den Fußspitzen zu
tanzen oder zu pirouettieren, wie unsere Tänzerinnen es tun, ist in
Siam ganz unbekannt. Die Beweglichkeit der siamesischen Tänzerinnen ist
eine außerordentlich große; man könnte fast behaupten, daß diese ihre
Geschmeidigkeit von doppelten Gelenken herrühre. Sie befähigt sie bei
den Bühnenspielen mehr zum Ausdruck zu bringen als die Sprache.
Der Siamese huldigt auch sehr dem +Glücksspiel+; daher sind die
Spielhäuser, besonders in der Hauptstadt Bangkok, Tag und Nacht über
gefüllt. Die Spielregeln sind ganz einfache. Die Spieler sitzen um
eine in vier Felder eingeteilte Matte herum und setzen auf dieser.
Der Spielleiter wirft eine beliebige Anzahl Muscheln auf ihre Mitte
und zählt von dieser Summe immer vier ab. Der Spieler, dessen Feld
der Zahl der übrig gebliebenen Anzahl Muscheln entspricht, erhält
das Doppelte seines Einsatzes, das übrige streicht der Croupier mit
einer kleinen Harke ein. Auch wettet man noch, ob die Anzahl der
übrig bleibenden Muscheln eine gerade oder ungerade sein wird. Die
Leidenschaft der Siamesen für dieses Spiel ist eine so große, daß sich
um die Spielhöllen herum gleichzeitig Pfandhäuser aufgetan haben, in
denen ein blühendes Geschäft betrieben wird. Täglich kommen Landleute
an, die infolge eines Traumes oder irgend einer anderen Vorbedeutung
die Bank zu sprengen gedenken, aber recht bald nicht nur ihre gesamten
Ersparnisse verloren gehen sehen, sondern auch die ihrer Freunde, unter
Umständen die Ernteerträge eines ganzen Dorfes.
[Illustration:
Phot. R. Lenz.
Abb. 390. Siamesische Ballettänzerinnen.
Ein großer Teil der Theatervorstellungen besteht nur in Schrittänzen,
welche Liebe, Triumph, Zurückweisung versinnbildlichen, und in
Balletten, welche die Schlachtordnung der Truppen oder, wie in obigem
Bild, den Flug von Engeln darstellen.]
Eine sehr beliebte Unterhaltung ist auch das +Ballspiel+, wobei ein
geflochtener leichter Ball mit dem Kopf oder irgend einem Körperteil,
ausgenommen die Arme und Hände, aufgefangen wird, aber vorher die
Erde nicht berühren darf. Ferner ist das +Drachensteigenlassen+ ein
viel betriebener Sport bei heißer Witterung; hierbei werden gleichsam
Duelle ausgetragen, die Besitzer der Drachen suchen sich gegenseitig
die Schnur zu zerreißen oder zu verwirren. Die Drachen haben die Form
eines Sterns, besitzen aber keinen Schwanz. Auch +Hahnenkämpfe+ in der
schon beschriebenen Form und sogar +Fischkämpfe+ sind ein beliebter
Zeitvertreib. Bei letzteren werden in einem Bassin zwei kleine zornige
rote Fische aufeinander losgelassen, und mit Interesse beobachtet man,
wie sie sich gegenseitig zerfleischen.
Die +Elefantenjagd+ ist ein königlicher Sport. Die wilden Elefanten,
die die Steppe durchstreifen, werden zu diesem Zweck zu bestimmten
Zeiten in einem großen Kraal zu Ayuthia, der alten Landeshauptstadt,
zusammengetrieben. Viel Volks strömt bei dieser Gelegenheit zusammen,
um sich die Vorgänge, die sich abspielen, mit anzusehen; auch der König
und sein Hof beobachten sie von einer Loge aus. Von den eingetriebenen
Elephanten werden dann diejenigen, die gezähmt werden sollen,
ausgesucht. Leute, die auf zahmen Elefanten inmitten der Herde sitzen,
legen den auserwählten Tieren sehr geschickt die Endschlinge eines
langen Seils um ein hinteres Bein und befestigen es an einem Pfosten
(Abb. 392). Die wilden Anstrengungen des so eingefangenen Tieres
bereiten den Zuschauern eine große Freude, ebenfalls reizt es sie,
wenn die wieder in Freiheit gelassenen übrigen Elefanten von der Menge
geneckt werden und dabei ein etwas zu waghalsiger Mensch den Tieren zu
nahe kommt, ergriffen und getötet wird.
[Illustration:
Phot. R. Lenz.
Abb. 391. Eine Karenfrau.
Die Karen von Siam sind reine Geisteranbeter, deren Ritus in Opfern
besteht mit den sie begleitenden Festen und Trinkgelagen. Die
Wahrsagekunst wird bei ihnen viel ausgeübt, hauptsächlich mit Hilfe der
Knochen von geschlachtetem Geflügel. Die Frauen schmücken ihre Gewänder
mit Stickereien aus Grassamen, sie tragen silberne Ringe in den Ohren
und, nachdem sie verheiratet sind, ein blaues Tuch um den Kopf.]
[Illustration:
Phot. R. Lenz.