Da die Nikobaresen in einem für ihre Lebensweise und ihre Anforderungen
an Behaglichkeit wirklichen Lande des Überflusses leben, so bleibt
ihnen naturgemäß viel freie Zeit übrig, die sie zum großen Teil,
man kann fast sagen, gänzlich auf +religiöse Zeremonien+ und das
Verfertigen der dafür nötigen Gegenstände (Abb. 381) verwenden. Die
Zeremonien beruhen sämtlich auf einer alles beherrschenden Angst vor
Geistern und Gespenstern und auf der daraus folgenden Notwendigkeit,
diese zu verscheuchen und zu bannen. Dieser Gedanke liegt jedweder
Zeremonie zugrunde, ob sie geselliger oder anderer Natur ist; er
füllt einen großen Teil ihres Lebens aus, besonders des Nachts. Ein
Ausfluß dieses Aberglaubens ist auch die feierliche Hinrichtung der
Übeltäter, die sich schwerer Vergehen gegen die Gemeinde, wie Mord,
Gewohnheitsdiebstahl und öffentliches Ärgernis zuschulden kommen
ließen; da in ihren Augen der Teufel von ihnen Besitz ergriffen hat,
so werden sie in aller Form mit großer Grausamkeit getötet. Hexen
und Hexenentdecker gibt es natürlich im Überfluß, da jedes Unglück
und jede Krankheit einer Hexe oder einem Geist zugeschrieben werden.
Das alleinige Heilmittel dafür bleibt dann stets die Austreibung,
die entweder privatim oder von einem Heilpriester vorgenommen wird.
Letzterer, übrigens ein Typus, wie er unter vielen halbkultivierten
Volksstämmen angetroffen wird, erscheint hier in interessanter
Abwechslung in der Gestalt des Mafai, das heißt „eines Menschen, der
priesterlichen Unterricht erhält“ (= Adepten). Ein jeder, der sich dazu
berufen fühlt, kann es zu einem solchen Mafai bringen, deswegen braucht
er schließlich doch noch nicht ein vollkommener Priester zu werden.
Dieser priesterliche „Student“ führt ein behagliches, müßiges Leben,
denn seine Bediensteten besorgen alles; er wird in einer Art Feldstuhl
von einem Ort zum anderen getragen (Abb. 373).
Aus der Fülle abergläubischer Gebräuche der Nikobaresen wollen wir
uns darauf beschränken, eine wenige hier herauszugreifen. Die Familie
und ihre Freunde halten mit Hilfe des Priesters einige allgemeine
Geisterbeschwörungen in der Form eines Geisterfestes ab. Die Männer
sitzen dabei umher, rauchen und trinken, die Weiber schleppen an
Hausvorrat Lebensmittel, Geräte, Waffen und allerlei sonstigen Kram
herbei; letzterer wird, nachdem man tüchtig geheult hat, zerbrochen
und vors Haus geworfen. Dann wird ein besonders gemästetes, großes
Schwein im ganzen gebraten und unter die Vorfahren und die Anwesenden,
hauptsächlich aber unter letztere, verteilt. Dadurch sollen die Geister
besänftigt werden (Abb. 382). Der Priester, der inzwischen vom Trinken
und seiner Geheimniskrämerei in Verzückung geraten ist, beginnt jetzt
sein Geschäft; er ist ganz mit Öl eingerieben und im Gesicht rot
bemalt. Er singt klagend mit tiefer Baßstimme, eilt umher, um den Geist
des Unheils zu fangen, zu beschwatzen, auszuschelten und zu schmähen,
die Frauen begleiten sein Getue mit fürchterlichem Geheul, so lange,
bis nach einem Kampf der Geist angeblich ergriffen, in ein kleines,
verziertes Modellboot gesteckt und weit in die See hinausgetrieben
wird (Abb. 383). Da man sich nun vor dem bösen Geist sicher glaubt,
setzt die Belustigung ein, bis spät in die Nacht dauern Essen, Trinken,
Singen und Tanzen an. Sollte das Boot etwa in einem anderen Dorf landen
und dort sich festsetzen, dann greifen dessen Bewohner die Beleidiger
mit kurzen, dicken Stöcken nach alter Sitte an, bis ein paar Köpfe oder
Gliedmaßen verletzt sind. Erst dann wird der +Friede erklärt+, der
manchmal unter sonderbaren Zeremonien geschlossen wird. Die Männer,
die den letzten Angriff unternommen haben, errichten eine Wand aus
Grasfasern und stellen sich vor sie hin, während die Weiber auf dem
Boden vor ihr Platz nehmen und im Takte mit ihren Händen die Schenkel
schlagen (Abb. 384). Die Männer der Gegenpartei tanzen dann vor ihnen;
jeder Tänzer legt seine Arme auf die Schulter eines der stehenden
Männer und springt mit ihm unter tüchtigem Schütteln auf und ab. Nach
dem Tanze weinen beide Teile und tauschen ihre Waffen untereinander
aus. Hieran schließt sich noch ein Fest, bei dem die Angreifer als
Gäste des fremden Dorfes einen oder zwei Tage bleiben.
Das Leben der Nikobaresen ist von zahlreichen +Tabu+ durchsetzt, die
ihnen manchmal wirklich recht unbequem werden. Die sonderbarsten
derartigen Verbote dürften diejenigen sein, die die Sprache und
Nomenklatur der Leute beeinflussen. Ein jeder Mensch hat das Recht,
sich ein beliebiges Wort aus der Landessprache, sei es noch so
wesentlich oder ganz allgemein, als Name anzueignen; stirbt er aber,
dann wird dieses Wort für etwa eine ganze Generation mit Tabu belegt,
aus Furcht, man könnte, wenn man es ausspräche, den Geist herbeirufen.
Einen noch augenfälligeren Beweis dafür, wie stark der Aberglaube
häusliche Gepflogenheiten beeinflußt, können wir in der Gewohnheit
erblicken, im Hauseingang Schreckbilder der Geister aufzuhängen;
es sind dies manchmal lebensgroße Figuren menschlicher Wesen, die
oft mit Speeren bewaffnet sind, manchmal auch mythische Tiere, mit
Fischen, Krokodilen, Vögeln und Schweinen als Unterlage und bildliche
Darstellungen aller möglichen Dinge in bunten Farben auf flache
Arekablattscheiden gemalt. Auch draußen vor dem Hause befinden sich
ähnliche Geisterscheuchen.
Die +Begräbnisfeierlichkeiten+ der Nikobaresen sind zahlreich und
ziehen sich sehr in die Länge; sie verfolgen lediglich den Zweck, die
Geister in Furcht zu versetzen, an anderen Orten auch, um den Geist bei
guter Laune zu erhalten und die Lebenden vor seinem Zorn zu schützen.
Ein Todesfall bringt viel Unkosten mit sich, die die Eingeborenen
aber gern auf sich nehmen, falls nur der Geist dadurch beschwichtigt
wird. Die Leichen werden zwischen Sonnenuntergang und Tagesanbruch
begraben, damit die Schatten der Trauergesellschaft nicht in die
Gräber fallen und mit dem Toten begraben werden; denn der Schatten des
Nikobaresen ist das sichtbare Zeichen seines Geistes, vielfach feiert
man daher noch ganz besonders „das Speisen der Schatten“. Der Geist
des Verstorbenen gilt für um so gefährlicher, je kürzere Zeit seit dem
Tode vergangen ist; darum hält man an manchen Stellen recht bald ein
Fest ab, bei dem die Toten wieder ausgegraben, die Knochen gesäubert
und nochmals in der Erde beigesetzt werden. An manchen Orten nimmt
diese Sitte die Form einer gemeinsamen alljährlich wiederkehrenden
Ausgrabung aller kürzlich Verstorbenen an, die mit großer Feierlichkeit
einhergeht; die Knochen werden sodann in einem Beinhause untereinander
gemischt; die Geister können nun keinen Schaden mehr anrichten. In noch
anderen Dörfern legt man die Leichen in ein Halbkanu, das zu diesem
Zwecke in der Mitte durchgeschnitten wurde, und stellt dieses in die
Gabelung zweier Pfosten ins Dschungel, bis der Körper herausfällt
und das Fleisch von den Schweinen verzehrt wird. Ab und zu finden
die Gebeine dieser Leichen unter großem Gepränge ebenfalls Aufnahme
in einem gemeinsamen Beinhause. Und in noch anderen Orten gibt es
neben dem Begräbnisplatze besondere Sterbehäuser, in die man sich
zurückzieht, wenn es ans Sterben geht (Abb. 385).
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 385. Begräbnisplatz mit Grabpfosten und Sterbehaus auf den
Nikobaren.]
[Illustration:
Phot. R. Lenz.
Abb. 386. Begräbniswagen mit der Leiche des letzten verstorbenen
Königs.]
Hinterindien.
Hinterindien, der zwischen dem Bengalischen Meerbusen und der
chinesischen Südsee liegende Abschnitt des südöstlichen asiatischen
Festlandes (abgesehen von der malaiischen Halbinsel) zerfiel vor dem
Eingreifen der Engländer und Franzosen in mehrere Staaten: Birma, Siam,
Annam, Tonking, Kotschinchina und Kambodscha. Mit Ausnahme von Siam,
das ein eigenes, selbständiges Reich geblieben ist, haben alle andern
die europäische Oberherrschaft anerkannt, jedoch hat sich in ihnen
eine herrschende Oberschicht erhalten, die wir als Birmanen, Siamesen,
Annamiten und so weiter bezeichnen. In ihrem Äußeren machen diese
Völker einen ziemlich einheitlichen Eindruck; ihr Rassenverhältnis
ist im übrigen aber noch nicht aufgeklärt. Es scheint jedoch so viel
festzustehen, daß sich zu einer bodenständigen Urbevölkerung, die
wahrscheinlich der indoaustralischen Grundrasse angehörte, also den
Senoi, Kubu, Toala und so weiter verwandt war, im Laufe der Zeiten von
Westen her sich nordindische (Tibet) und von Norden her chinesische
Elemente hinzugesellten, die teils die einheimische Bevölkerung
allmählich aufsogen, teils in die unzugänglichen Landesteile
verdrängten. Die aus diesem Mischungsprozeß, an dem übrigens auch die
Malaien Anteil nahmen, hervorgegangene Bevölkerung bezeichnet man als
Thaivölker (= freie Männer). Diese Thai haben sich wieder in vier
große Stämme gegliedert, in die Thosmuong im Nordosten (Tonking und
Annam), die Schan mit den Khamti, Sing-po und Katschin im Nordwesten
(Oberbirma), die Laotier im Südosten (Französisch-Laos) und die
Siamesen im Südwesten (Siam).
In +kultureller Hinsicht+ stehen die Thaivölker den Chinesen und
Tibetern näher, in gesellschaftlicher aber schließen sie sich mehr
an die Malaien an. Im allgemeinen sind die Kulturverhältnisse
Hinterindiens recht verschiedene. Die in die Berge zurückgedrängten
Stämme haben zumeist ihren ursprünglichen Zustand noch bewahrt,
hingegen die genannten herrschenden Stämme der fruchtbaren Ebenen
sich eine gewisse Halbkultur angeeignet, die teils indischem, teils
chinesischem Einflusse ihre Entstehung verdankt. Überreste der ersteren
sind die großartigen zahlreichen, von Birma bis nach Kotschinchina
hin vorkommenden Tempelruinen, die mit ihren reichen Skulpturen und
Sanskritinschriften von der ehemaligen Herrschaft des Brahmanentums
Zeugnis ablegen; es sei unter anderem nur an die prächtigen Tempelreste
von Angkor-Wat (erbaut 825 vor Christi) und Nakhon-Thom erinnert.
Beschäftigen wir uns nunmehr mit den Sitten und Gebräuchen in den
einzelnen Ländern Hinterindiens.
Siam.
Über die Abstammung der +Siamesen+ haben wir uns im vorstehenden
bereits ausgelassen. Ihr +Äußeres+ wird gekennzeichnet durch eine
mittelgroße Gestalt, olivbraune Hautfarbe, schwarzes glattes
Haar, auffallend kurzen Kopf, rautenförmiges Gesicht, vorstehende
Backenknochen, große Augen, flache, kurze Nase, aufgeworfene Lippen
und kurzes Kinn. Dieser im allgemeinen unangenehme Eindruck wird
beim männlichen Geschlecht noch durch die unschöne Haartracht (kurz
abgeschnittene, bürstenartig hochstehende Haare) und die schwarz
gefärbten Zähne verstärkt. Die Frauen dagegen tragen das Kopfhaar lang
und halten sich ihre Zähne mehr oder weniger weiß. Wie alle Malaien
wohnen die Siamesen meistens auch in Pfahlbauten. Auf den großen
Flüssen bringen sie ihr Leben vielfach direkt auf Booten zu, so daß
sozusagen schwimmende Dörfer hier entstehen (Abb. 389).
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel.