Die Andamanesen bekunden eine kindliche +Vorliebe für Spiele+;
sie kennen ein einheimisches Blindekuhspiel, Bockspringen und
ein Versteckspiel. Scheinjagden auf Tiere, Scheinbegräbnisse und
Geistersuchen sind ihr Lieblingssport; sie veranstalten auch
gern Wettspiele beim Schwimmen, Werfen, Schaukeln, Bogenschießen
und Ringkampf. Die Beschaffung der Nahrung ist natürlich ihre
Hauptbeschäftigung; dann kommt aber sogleich der regelmäßige +Abend-
oder Nachttanz+, eine seltsame, eintönige Aufführung, bei der die
Füße rhythmisch auf einem besonderen Schallbrett (einem schildartig
ausgehöhlten Stück Holz, das auf einem Querholz ruht) aufschlagen,
ein oder mehrere Lieder aus dem Stegreif gesungen und die Hände in
gleichmäßigem Takte auf die Lenden geklatscht werden. Dieser Tanz
findet jeden Abend statt, sofern sich nur genügend Teilnehmer
zusammenfinden; er wird stundenlang, bei besonderen Gelegenheiten auch
die ganze Nacht lang ausgedehnt. Beide Geschlechter tanzen die ihnen
zugewiesenen Rollen. Diese Vergnügungen und die Schildkrötenjagd sind
die einzigen Beschäftigungen, die den Andamanesen die ganze Nacht
hindurch wachzuhalten vermögen.
[Illustration:
Phot. A. R. Brown.
Abb. 378. Eine andamanesische Mutter,
die ebenso wie ihr Kind am Kopfe geschoren ist.]
Die +Religion+ der Andamanesen besteht in der einfachsten Form des
Animismus, das heißt sie beschränkt sich auf eine unbestimmte Furcht
vor den Geistern der Ahnen und den bösen Geistern des Waldes, der See
und der Krankheit; sie ist darauf bedacht, Handlungen zu vermeiden,
die für diese unangenehm sind. Außerdem kennen sie eine Art höchsten
Wesens, den Sturmgott, Puluga genannt, der früher auf der Erde auf
dem höchsten Berge der Andamanen lebte, jetzt aber im Himmel in einem
großen Hause wohnt. Er hat die ganze Welt und alle Dinge geschaffen,
ausgenommen die bösen Kräfte. Daher besitzt er auch über diese keine
Macht; er begnügt sich damit, ihnen seine Beleidiger anzugeben. Puluga
hat auch eine Frau, die er sich selbst schuf, und viele Kinder, die
sich im Verein mit der Mutter damit vergnügen, von Zeit zu Zeit Fische
und Krabben in die Flüsse und in das Meer für die Bewohner der Erde
zu werfen. Verehrung oder Gottesdienst kommt bei den Andamanesen in
keinerlei Form vor. Man braucht sich gar nicht weiter um die höchste
Gottheit zu kümmern, darf nur das nicht tun, wodurch sie veranlaßt
werden könnte, den Ertrag des Dschungels zu schädigen. Jedoch kennen
sie einige Maßregeln, um sich vor Unglück zu schützen. So tragen sie
stets Feuer bei sich, um den Waldgeist zu verscheuchen, sie werfen
explodierende Blätter ins Feuer und verbrennen Bienenwachs, um den
Sturmgeist fernzuhalten, sie schwirren mit dem Bogen und machen sich
dabei lustig über den Mond bei einer Finsternis und ähnliches mehr.
Die Andamanesen glauben stark an Träume, die oft genug ihr späteres
Benehmen beeinflussen, auch an die Aussprüche weiser Männer, von
solchen, die prophetische Träume haben, mit einem zweiten Gesicht
begabt sind und die Macht besitzen, mit Geistern zu verkehren, oder
imstande sind, Glück und Unglück herbeizuführen. Solche Leute betreiben
eine primitive Zauber- und Hexenkunst und ziehen dabei für sich
Nutzen aus den Dingen, die sie zu diesem Zweck mit Tabu belegen. Der
Andamanese hat eine bestimmte +Vorstellung über die Seele+, die er
von seinem Spiegelbild im Wasser, nicht von seinem Schatten herleitet.
Sie wandert nach dem Tode in eine andere Dschungelwelt und lebt dort,
wie sie hier auf Erden gelebt hat; hin und wieder besucht sie die
Erde und bekundet eine deutliche Neigung, in andere Wesen einzugehen.
Demnach hat jedes empfangene Kind schon vorher ein Dasein geführt.
Auch Tieren und im besonderen Vögeln werden menschliche Eigenschaften
beigelegt. Gefangene, die von den Andamanesen ermordet worden waren,
fand man mit schweren Steinen bedeckt, um die Vögel zu warnen, daß sie
den Engländern nicht verrieten, was vorgefallen war, und wohin sich die
Mörder begeben hatten. Die Andamanesen besitzen eine Unmasse Märchen,
an deren Wirklichkeit sie glauben; in ihnen spielt die Verwandlung von
Menschen in Tiere, Vögel, Fische, Steine und andere Gegenstände eine
große Rolle; daher erblicken sie in den wichtigsten Tieren ihrer Fauna
die tierischen Formen ihrer Ahnen.
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 379. Pfahlbaudorf der Nikobaresen zu Camorta Harbour.
Die großen Gebäude sind Wohnhäuser, die kleineren mit geradem Dach
Küchenhäuser. Die Stangen zur Linken sind zum Schutze gegen die bösen
Geister aufgestellt.]
Das +Kind+ erhält bereits vor der Geburt seinen Namen, der beim
männlichen Geschlecht allerdings meist bei Eintritt der Mannbarkeit,
bei der Hochzeit und im höheren Alter einen Wechsel oder eine
Abänderung erfährt. Heißt ein Knabe zum Beispiel Hira, so wird dieser
Name bei der Reife in Guma-hira, bei der Hochzeit in Maya-hira
und im Alter in Maya-jangi-hira umgeändert. Hübsch ist die Sitte,
ein Mädchen bei der zweiten Namensgebung nach einem von sechzehn
auserwählten Bäumchen zu benennen, das gerade um die Zeit, in der es
das Reifealter erreicht, blüht. Am Morgen nach der Geburt wird dem
Kinde das Kopfhaar geschoren; würde dies sofort geschehen, dann könnte
das Kind sterben. Auch an der Mutter wird dieses Verfahren, wenn auch
nur teilweise, vorgenommen (Abb. 378). Bald nach der Geburt formt der
Vater dem Kinde den Kopf, indem er mit angewärmten Händen ihn von allen
Seiten zusammendrückt; in gleicher Weise verfährt er mit den übrigen
Körperknochen. -- Merkwürdig ist der Brauch, daß innerhalb des Stammes
einer die Kinder des anderen annimmt; Kinder, die nach dem sechsten
oder siebenten geboren werden, leben daher selten bei ihren Eltern.
Haben die Knaben und Mädchen die Zeit der Reife erreicht, so finden
bestimmte Einweihungsfeierlichkeiten statt. Nachdem sie Jahre hindurch
bestimmten Speiseverboten (Enthalten des Genusses von Schildkröten,
Schweinen, bestimmten Fischen, Honig und so weiter) sich unterworfen
haben, werden diese Verbote durch besondere Feiern gruppenweise
wieder aufgehoben. Eine zeitweise Absonderung der Novizen findet aber
nicht statt, und beide Geschlechter dürfen an den Feierlichkeiten
teilnehmen.
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 380. Ringkampf der Nikobaresen,
der bei ihnen sehr beliebt ist. Dieser Kampf wird an den Geisterpfosten
am Landungsplatze des Dorfes abgehalten. Auch die Vorliebe dieses
Volkes für europäische Kleidung zeigt sich in diesem Bilde. Der rechts
außen stehende Eingeborene trägt nichts als einen steifen Hut, neben
ihm steht ein birmanischer Händler, der übernächste trägt außer dem
Tropenhelm nur ein Hemd usw.]
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 381. Modelle der Nikobaresen von Häusern, Kanus, Lärmgeräten, um
die Geister zu erschrecken,
wozu die Brettchen in der Mitte mit eingeschnittenen tanzenden
Männern und Frauen und die Figuren unmittelbar darüber dienen. Die
drei Kopfbedeckungen daneben werden in der Nacht vor dem großen
Erinnerungsfest an die Verstorbenen den ausgegrabenen weiblichen
Schädeln aufgesetzt.]
Die +Heirat+ wird durch die Eltern oder Verwandten zustande gebracht;
auch kleine Kinder werden bereits miteinander verlobt und müssen,
wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht haben, diese Vereinbarung
erfüllen. Die +Ehe+ der Andamanesen ist die Einehe. Auch Leviratsehe
besteht, das heißt die Pflicht für den unverheirateten jüngeren
Bruder, die Witwe des verstorbenen Bruders oder für einen kinderlosen
Witwer, die jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau zu heiraten,
vorausgesetzt, daß kein zu großer Altersunterschied besteht. -- Der
+Hochzeitsritus+ ist ein ganz einfacher und besteht nur darin, daß an
einem Morgen in Gegenwart des Häuptlings und derer, die es angeht, der
Bräutigam seine Beine über die der Braut legt (Abb. 377), und daß man
zum Zeichen der vollzogenen Ehe Fackeln um sie anzündet. Trotz dieser
gewiß einfach zu nennenden Zeremonie, der jede religiöse Bedeutung
abgeht, bleibt die Ehe doch eine feste; eine Scheidung kommt selten
vor, niemals aber nach der Geburt eines Kindes. Ebenso ist Polygamie
oder Blutschande ausgeschlossen. Auf Untreue ruht Todesstrafe für beide
schuldigen Teile, obgleich geschlechtlicher Verkehr schon vor der
Hochzeit die Regel ist.
Mehr Bedeutung als den übrigen Ereignissen des Lebens legt man
der +Bestattung der Toten+ bei. Kleine Kinder werden nur einfach
unter dem Fußboden der elterlichen Hütte begraben, dagegen die
Erwachsenen entweder in einer flachen Gruft beigesetzt, oder, was
als eine besondere Ehre gilt, zu einem Bündel zusammengebunden, auf
eine Plattform oder in die Zweige eines Baumes gelegt. Kränze aus
Rohrblättern werden sichtbar um den Platz herum aufgehängt, der
ungefähr drei Monate lang vereinsamt bleibt. Merkwürdig ist, daß dieses
alles ohne irgendwelches Weinen oder Wehklagen vor sich geht. Nach
Ablauf dieser Zeit werden die Knochen des Verstorbenen ausgegraben,
gewaschen, zerbrochen und an die Bekannten verteilt, auch zu Schmuck
verarbeitet; man legt ihnen großen Wert bei, einmal als Andenken an
den Toten und zum anderen als Linderungsmittel bei Schmerzen wie
überhaupt als Heilmittel bei Krankheiten; es genügt, sie einfach auf
die erkrankte Körperstelle zu legen. Der Schädel erfährt meistens eine
besondere Ehrung. Der nächste Angehörige pflegt ihn mit roter Farbe
bemalt und mit Fransen aus Holzfasern verziert, vom Halse herab das
ganze Leben lang auf dem Rücken oder auf der Brust zu tragen (Abb.
375). Die Trauer selbst besteht darin, daß man sich den Kopf mit
grüngrauem Lehm beschmiert und den übrigen Körper mit gelbem Ocker
bemalt -- die Eltern schmücken sich mit senkrechten Streifen --, sowie
das Tanzen einstellt.
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 382. Opfer an die bösen Geister in Gestalt von Früchten,
dargebracht von den Angehörigen eines Toten, um sie bei guter Laune zu
erhalten.]
Die +Nikobaresen+, die bereits bei ihrer Einwanderung die Eigenschaften
der Kontinentalvölker, denen sie angehörten, mitbrachten, aber diese
frühere Halbkultur wegen der isolierten Lage ihrer neuen Heimat
unverändert beibehielten, sind ein intelligentes Volk, das sich mit
Leichtigkeit fremde Sprachen aneignet und sehr bewandert ist im Handel
mit ihrem Hauptausfuhrartikel, den Erzeugnissen der Kokospalme. Der
Wunsch, fremde Sprachen, Kleidung und Manieren nachzuahmen, und die
erfrischende Naivität, die dabei zum Ausdruck kommt, lassen sie dem
Fremden gegenüber als ein äußerst amüsantes Volk erscheinen (Abb.
380). Wie ihre Stammesgenossen auf dem Festlande leben sie ebenfalls
in festen Wohnungen, die für gewöhnlich auf Pfählen, entweder direkt
auf dem trockenen Lande oder an Hintergewässern oder an sonstigen
geeigneten, vor hohem Seegang geschützten Stellen gruppenweise (Dörfer)
errichtet sind (Abb. 379). Die Nikobaresen waren früher Strand- und
Seeräuber, bis die indische Regierung diesem Unfug Einhalt tat; sonst
sind sie nach der Schilderung von Temple ein ruhiges, friedliebendes,
gegen Kinder, alte Leute und Frauen gütiges Völkchen. Ihre Verwaltung
ist ganz demokratisch und liegt in den Händen eines Häuptlings; dabei
halten sie streng an den althergebrachten Gewohnheiten fest.
Die +Stellung der Frau+ ist bei den Nikobaresen eine verhältnismäßig
hohe; sie ist hier nicht mehr die Sklavin des Mannes, sondern genießt
volle Freiheit. Das mag zum Teil daher rühren, daß Mädchengeburten
auf diesen Inseln relativ spärlich sind und daher mehr Nachfrage nach
weiblichen Wesen herrscht. Ein Mädchen hat auch das Recht, einen ihr
unangenehmen Freier zurückzuweisen. Bei der Hochzeit bekommt die
Braut eine Aussteuer an Schweinen, Kokos- und Pandanusbäumen mit.
Der Ehemann siedelt merkwürdigerweise in das Haus seiner jungen Frau
über, nicht umgekehrt. -- Kommt die +Nikobaresin in andere Umstände+,
dann wird sie und ihr Gatte von allen Arbeiten befreit. Wo sie beide
hinkommen, werden sie freudig aufgenommen, und ihnen zu Ehren wird
das beste Schwein geschlachtet. Für gewöhnlich verlangt man dann von
der Schwangeren auch, daß sie Samenkörner in die Erde lege, weil man
sich von dieser Saat eine besondere Fruchtbarkeit verspricht. -- Da
hochgradige Schädelabflachung auch unter diesen Insulanern für schön
gilt, ist es allgemeiner Brauch, daß die Mütter ihren Kindern sogleich
von der Geburt an den Kopf in eine bestimmte Form bringen, indem sie
ihn mit angefeuchteten Händen jeden Tag mehrere Stunden lang sanft
zusammendrücken.
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 383. Kleines Boot, in das der Priester einen Geist gebannt hat und
in dem dieser stromab treibt.]
[Illustration:
Phot. A. R. Brown.