Andamanen und Nikobaren.
Die Andamanen und Nikobaren sind zwei im Bengalischen Golf zwischen
Vorder- und Hinterindien gelegene Inselgruppen, die trotz ihrer
räumlichen Nähe doch ganz verschiedene Menschen aufweisen. Beide stehen
unter englisch-indischer, wenn auch eigener lokaler Verwaltung. In Port
Blair auf den Andamanen befindet sich die Strafkolonie des indischen
Königreichs, etwa sechzehntausend Menschen, die zu lebenslänglicher
oder doch wenigstens langjähriger Haft auf diesem idyllisch schön
gelegenen Stück Erde verurteilt sind.
Die +Ureinwohner+ der +Andamanen+ sind Negrito, Leute von sehr kleiner
Statur (ein Meter achtundvierzig Zentimeter für die Männer) und dunkler
Hautfarbe mit kurzem Kopf und spiralgelocktem Haar (Abb. 374 und 375),
also Verwandte der Semang auf Malakka und der eigentlichen Negrito
auf den Philippinen, die wie diese auf recht niederer Kulturstufe
stehen. Hingegen sind die +Bewohner+ der +Nikobaren+ hochgewachsene,
hellfarbige Menschen mit langem Schädel und langem, schlichtem Haar,
die eine höhere Kultur bereits besitzen, wahrscheinlich von der
südöstlichen Spitze des asiatischen Festlandes herstammen und den
wilden Malaien verwandt sind. So verschieden wie die Bewohner der
Andamanen und Nikobaren in ihrem Äußern sind, ebenso unterscheiden sie
sich in ihren Gebräuchen und religiösen Ansichten.
Die +Andamanesen+ kennen feste +Wohnungen+ nicht; sie leben unter
Laubdächern. Ihre +Kleidung+ ist sehr primitiv und besteht aus einem
Blätterschurz; vielfach gehen sie auch ganz nackt. +Körperschmuck+
ist bei ihnen nur gering entwickelt. Beliebt ist +Bemalung+ mit rotem
Ocker, besonders unter den Weibern, die sich außerdem ihr Gesicht,
bisweilen auch Arme, Beine und Rumpf mit breiten weißen Farbstreifen
schmücken. Kokette Personen legen sich ein aus Pflanzenfasern
geflochtenes schmales Band um die Hüften, an dem als Berlocke ein
kleiner schöngeglätteter und gebleichter Fischknochen herabhängt.
Auch +Tatauierung+ kommt bei beiden Geschlechtern vor (Abb. 374). Es
scheint, daß diese Muster, die durch kleine Einschnitte auf Brust und
Rücken hervorgebracht werden, teils Kennzeichen der geschlechtlichen
Reife, teils Stammesmarken abgeben. Die +Waffen+ der Andamanesen sind
Bogen und Pfeil, sowie Speere. Ihre +soziale Einrichtung+ ist die
Großfamilie; eine feste Organisation gibt es nicht. Die +Erzeugung
des Feuers+ ist ihnen merkwürdigerweise unbekannt, auch ihre Sprache
besitzt keinerlei Bezeichnung, die dafür spricht, daß sie vormals sich
auf die Feuerzubereitung verstanden hätten. Trotzdem verfügen sie
heutzutage wohl über Feuer, aber es wird stets an schon vorhandenem
angezündet. Dagegen sind die Andamanesen imstande, rohes +Topfgeschirr+
anzufertigen und es auch bereits mit einfachen Mustern zu versehen.
Ihre +Nahrung+ sind die Erträge der Jagd und des Bodens. Bemerkenswert
ist die Sitte, daß ein jeder, ganz gleich ob Mann oder Weib, irgendein
Tier sein ganzes Leben lang von seiner Nahrung ausschließen muß;
bei Übertretung dieser Vorschrift steht zu gewärtigen, daß sich
dem Betreffenden die Haut abschält, er weiße Haare bekommt und so
weiter. Bei der Auswahl der verbotenen Speise ist in den meisten
Fällen die Behauptung der Mutter maßgebend, daß diese dem Kinde
Verdauungsbeschwerden mache, in anderen Fällen wird irgendein Tier aus
eigenem Antrieb erwählt, natürlich zumeist ein wenig schmackhaftes
(Individualtotemismus).
Die Andamanesen stehen in +geistiger Hinsicht+ auf der Stufe des
Kindes. Nach den Schilderungen von Richard Temple sind sie gegen Fremde
argwöhnisch, aber auch gastfrei, undankbar, nachäffend, eitel und unter
dem Einfluß der Eitelkeit fleißig und ausdauernd, gelehrig, aber nur
bis zu einer gewissen Grenze, die schnell erreicht wird, geistig leicht
ermüdend, von kurzem, aber zähem Gedächtnis, geneigt für Spiel und
Scherz; sie sind ferner sorglos und unbekümmert, waghalsig, aber nicht
mutig, selbstsüchtig, aufbrausend, ganz unverantwortlich im Zorn, aber
leicht auch zu besänftigen. Unter sich sind sie in der Regel liebevoll
und freundlich, rücksichtsvoll gegen alte Leute, Schwache und Hilflose,
gütig gegen ihre Frauen und Kinder und stolz auf die letzteren, die sie
häufig verwöhnen. Werden sie aber gereizt, dann werden sie grausam,
neidisch, verräterisch und rachsüchtig.
[Illustration:
Phot. E. H. Man.
Abb. 374. Andamanese mit Schmucknarben,
die von Frauen an beiden Geschlechtern zwischen acht und achtzehn
Jahren angebracht werden. Sie bestehen aus einer Reihe von
Einschnitten, die mit einem Glasscherben erzeugt werden.]
[Illustration:
Phot. Lady Eadley-Wilmot.
Abb. 375. Trauernde Andamanesen,
die ihren Körper mit olivgrünem Lehm beschmieren und ihn dann mit
gelbem Ocker bemalen. Im Vordergrunde in der Mitte eine trauernde
Mutter mit senkrechter Streifenbemalung, links von ihr eine trauernde
Gattin mit dem Schädel des Verstorbenen auf dem Rücken.]
+Soziale Empfindungen+ werden im allgemeinen nicht in Worte gekleidet.
Kommt man zusammen, dann starrt man sich eine Zeitlang schweigend an,
bis der Jüngere das Schweigen mit einer alltäglichen Bemerkung bricht.
Dann erst erfolgt eifriges Erzählen von Neuigkeiten; diesen zuzuhören
bereitet dem Andamanesen ein großes Vergnügen. Wenn hingegen Verwandte
zusammenkommen, dann setzt sich einer dem anderen auf den Schoß (Abb.
376); sie schmiegen sich fest aneinander an, weinen laut und gebärden
sich überschwenglich; nach einer langen Trennung dauert dieses
Verhalten unter Umständen stundenlang. Beim Abschied reicht man sich
die Hand, pustet darauf und tauscht Abschiedsworte aus.
[Illustration:
Phot. Heywood Seton-Karr.
Abb. 376. Gegenseitige Begrüßung der Andamanesen nach langer
Abwesenheit.]
[Illustration:
Phot. A. R. Brown.