Bei einzelnen Stämmen Borneos und Celebes’ begegnen wir auch der
+Verunstaltung des Kopfes+ (Abb. 263). Für gewöhnlich wird der Kopf
der Neugeborenen zwischen zwei festen Gegenständen, von denen der eine
die Unterlage für das Hinterhaupt bildet, der andere, ein Brettchen,
über die Stirn zu liegen kommt, zusammengepreßt, so daß eine Abflachung
der vorderen Kopfpartie daraus hervorgeht, was gleichfalls für ein
Schönheitszeichen angesehen wird. Auch besondere Vorrichtungen sind
hierfür vorhanden (Abb. 262). Auf Celebes muß das Kind in dieser
qualvollen Enge monatelang verharren, nur alle zwei Tage wird es für
kurze Zeit davon befreit, um gebadet zu werden. Auf Borneo dagegen
ist das Vorgehen der Mutter weniger barbarisch, im Gegenteil, man
beobachtete, daß sie mit besonderer Fürsorge sich um ihr Kind kümmerte,
zwischen Brett und Kopf ein Kissen oder ein Polster aus weichen,
fleischigen Blättern legte, ziemlich häufig nachsah und den Apparat
lüftete, sobald ihr Kind ein Unbehagen äußerte. -- Auch die +Ohren+
bleiben von der +Verunstaltung+ nicht verschont (Abb. 260). Das
Läppchen wird durchbohrt und durch Bambuspflöcke oder Tuchknäuel in
genügender Weise erweitert, um einen oder mehrere Ringe aus Messing
oder Edelmetall und so weiter als Schmuck darin einzuhängen, die durch
ihr Gewicht das Ohrläppchen noch weiter ausdehnen, oft bis zu solcher
Länge, daß es wie eine Schlinge bis auf die Schulter herabhängt. Auch
die oberen Teile der Ohrmuschel werden durchlöchert und mit zierlichen
Ringen geschmückt. -- Die Weiber pflegen sich auch vielfach die Haare
am Unterleib abzurasieren oder mittels Pinzette auszurupfen.
Vor Eintritt der Pubertät werden Knaben und auch Mädchen der
+Beschneidung+ unterworfen, namentlich ist dies unter der
mohammedanischen Bevölkerung Brauch. Unbeschnittenen Mädchen ist
es verboten, in geschlechtlichen Verkehr zu treten oder eine Ehe
einzugehen.
[Illustration:
Aus: Hose, Pagan Tribes.
Abb. 255. Dajakkinder im Festgewand.
Die einer Schnürbrust ähnliche Umhüllung beim Mädchen besteht
aus Rotangfasern, die mit kleinen Messingringen bedeckt und mit
Silbermünzen verziert sind.]
+Familienzuwachs+ wird von allen malaiischen Stämmen mit Freuden
begrüßt, besonders sind es Knabengeburten, die gern gesehen werden,
weil dadurch für Fortführung der Familie Gewähr geleistet wird. Eine
Frau, die bei den Batakern dem Gatten keine Knaben schenkt oder alle
Söhne durch den Tod verloren hat, kann nicht nur von ihm verstoßen
werden, sondern ihr Vater muß ihm auch den für sie seinerzeit gezahlten
Brautpreis zurückerstatten.
[Illustration:
Phot. Ch. Hose.
Abb. 256. Kajangeld.
Kostbare alte Perlen, als Brautschmuck von den Kajan um die Hüften
getragen; sie gelten auch als Münze.]
[Illustration:
Phot. Ch. Hose.
Abb. 257. Geld der Dajak in Form alter Tonkrüge,
die wahrscheinlich vor zweihundert bis dreihundert Jahren aus China
und Siam eingeführt wurden und einen sehr großen Wert besitzen, unter
Umständen jeder einen solchen von etwa sechshundert bis achthundert
Mark.]
[Illustration:
Phot. C. B. Cloß.
Abb. 258. Eingeborener der nördlichen Niasinseln.
Die Bewohner der Niasinseln, der Rasse nach Malayo-Polynesier, leben
von Fischfang und Ackerbau. Sie lieben es außerordentlich, sich reich
zu putzen; die Schmuckstücke des oben abgebildeten Insulaners sind aus
reinem Gold. Die Eingeborenen huldigen in religiöser Hinsicht einer
Art von Animismus, der hauptsächlich in der Aussöhnung übelwollender
Geister besteht.]
Damit die +Schwangerschaft+ einen guten Verlauf nehme und das Kind
sich wohl entwickle, müssen allerlei Opfer dargebracht oder bestimmte
Zeremonien vollzogen werden. Fühlt sich zum Beispiel eine Frau auf den
Seranglaoinseln Mutter, so muß sie ein Stück Ingwer von einem Priester
durch Anblasen und Abbeten einer Koransure weihen lassen, einen Teil
davon kauen, ihn wieder von sich speien und den Rest gut verwahren,
auf der Insel Roti muß sie dem Geiste Tefamuli ein Opfer, bestehend
in einem roten Hahn, einem Büschel Pisang, sieben Sirehfrüchten,
einem Teller Rohreis und einer Kokosschale darbringen; auf Borneo muß
die Dajakfrau den Wassergeistern ein kleines Häuschen opfern, das
unter Gesang und Trommelschlag entweder in den Fluß versenkt oder
in den Wipfel eines Baumes gestellt wird. Das in ihm befindliche,
die Schwangere darstellende Püppchen soll all das Unheil, das der
angehenden Mutter drohen könnte, an sich ziehen. Bei anderen Stämmen
trägt die Schwangere ein Amulett, um sich und ihre Frucht gegen die
bösen Geister zu schützen, oder befolgt aus dem gleichen Grunde
bestimmte Vorschriften. Bei den Alfuren im nördlichen Celebes hütet
sie sich, mit fliegendem Haar einherzugehen, weil sich in ihm die
bösen Geister mit Leichtigkeit festsetzen könnten, ebensowenig darf
sie abends oder bei Regen das Haus verlassen; auf Roti kaut die
Schwangere das Stroh ihres Hauses und speit es von Zeit zu Zeit um sich
aus; auf Nias darf sie nicht an Orten vorbeigehen, wo vordem einmal
ein Mensch ermordet oder ein Tier getötet wurde, ebenso kein Schwein
stechen oder zerlegen, weil sich sonst bei dem Kinde etwas einstellen
würde, das den Krümmungen des sterbenden Menschen oder Tieres gleicht,
sie darf auch nicht in einen Spiegel oder ein Bambusrohr hineinsehen,
weil das Kind sonst einäugig oder schielen würde, nichts verkorken oder
verstopfen, weil das Kind sonst an Verstopfung leiden würde, an keinem
Orte vorbeigehen, wo der Blitz eingeschlagen hat, weil sonst das Kind
eine schwarze Haut erhielte, aus dem Kochtopf nicht essen, weil sonst
die Nachgeburt hängen bliebe und vieles andere mehr. Verschiedentlich
vermeidet es die Schwangere auch, daß ihr Blick auf häßliche
Gegenstände oder Tiere fällt, weil sie fürchtet, daß das Kind davon
etwas annehmen könnte. So darf sie zum Beispiel bei den Kenjah sich
keinen langnasigen Affen ansehen. Wie auch anderwärts sind der Frau,
die guter Hoffnung ist, eine ganze Reihe Speisen verboten, die unter
Umständen so zahlreich sind, daß man meinen könnte, daß ihr eigentlich
nichts mehr zu essen übrig bliebe.
[Illustration:
Phot. W. H. Furneß.
Abb. 259. Dajak mit Stiftzähnen,
die mit Bronzestückchen in Sternform ausgelegt sind.]
Selbst der Ehemann bleibt von bestimmten Tabuvorschriften nicht
verschont. Wenn er bei den Alfuren nach seiner Rückkehr die Leiter
seines Hauses hinansteigt, muß er einzelne Stufen auslassen, damit die
Geister, die ihm folgen könnten, auf eine andere Fährte gelenkt werden
und somit nicht mit in das Haus eindringen; bringt er seiner Frau
gekochten Reis von einem Feste heim, so muß er ein paar Dornen in die
Speise stecken und, bevor davon gegessen wird, etwas unter die Hütte
werfen; bei den Atschinesen darf er während der ersten fünf Monate der
Schwangerschaft kein Tier töten, auch nicht einmal einen Tiger oder
eine Schlange, weil sonst die Geburt sich schwer abwickeln und das Kind
Eigenschaften dieses Tieres annehmen würde; auf den Mentaweiinseln
muß er eine Reihe häuslicher Arbeiten verrichten, die sonst der Frau
zufallen, und anderes mehr.
[Illustration:
Aus: Hose, Pagan Tribes.
Abb. 260. Lirongfrau mit lang ausgedehnten Ohrläppchen.
Die Durchbohrung der Ohrläppchen wird schon im frühen Alter
vorgenommen. Wenn das Loch groß genug ist, wird ein Kupferring von fast
zwei Zentimeter Durchmesser eingeführt, von Zeit zu Zeit werden weitere
Ringe eingehängt, so daß, wenn die Schlinge bis zum Schlüsselbein
herabhängt, oft ein Gewicht von über zwei Pfund an jedem Ohre hängt.]
Auch Verwandte und Freunde nehmen gelegentlich an den bevorstehenden
Mutterfreuden Anteil. Erfahren sie zum Beispiel auf Java, daß eine
Frau guter Hoffnung ist, dann bringen sie ihr Geschenke dar. Bei den
Ärmeren bestehen diese in Reis, der durch Safran gelb gefärbt ist, in
wohlriechenden Ölen und Kerzen; in den höheren Ständen fügt man noch
Kleidungsstücke, goldene und silberne Armbänder, goldene Schmucknadeln
und Kupferbecher hinzu. Im siebenten Monat erwidern die Eltern die
Geschenke durch einen Festschmaus, bei dem die Schüssel mit Reis, der
gelb -- die Glücksfarbe -- gefärbt ist, niemals fehlen darf. Darauf
wäscht die angehende junge Mutter ihren Körper mit der Milch einer
Kokosnuß, die der Gatte geöffnet haben muß; auf ihre Schale sind ein
Knabe und ein Mädchen mit größter Sorgfalt gezeichnet; hierdurch soll
die Mutter günstig beeinflußt werden, daß sie ein schönes Kind zur Welt
bringt. Nach dieser Waschung nimmt sie noch ein Bad, in das lieblich
duftende Blumen gestreut worden sind, zieht sich sodann neue Kleider
an und macht der Hebamme, die sie bei ihren Reinigungen unterstützte,
ein Geschenk an Reis, Kokosnüssen und Betel. Am Abend findet noch eine
Vorführung des Wayangschattenspieles (siehe S. 250) statt.
[Illustration:
Phot. W. H. Furneß.