Abb. 230. Ein Zauberer (Kurdaitscha)

in Schuhen aus Emufedern und mit solchen am Körper geschmückt an den

Feind heranschleichend.]

Neben den Einschränkungen, die das weit verbreitete Totemwesen bei

den Heiraten der Australier auferlegt, gibt es noch weitere, die

durch das bei ihnen herrschende +klassifikatorische System+, wie die

Wissenschaft es nennt, bedingt werden. In Australien nämlich sind

die Verwandtschaftsgrade von so großer Wichtigkeit, wie bei keinem

anderen Volke der Erde, sie beherrschen und regeln ihr ganzes soziales

Leben. Weil ein Stamm nur wenige hundert Mitglieder umfaßt und diese

vielfach untereinander heiraten, so ist es für die damit vertrauten

alten Leute eine ziemliche Leichtigkeit, Generationen hindurch das

gegenseitige Verwandtschaftsverhältnis zweier Personen festzustellen.

Diese Verwandtschaftsgrade aber werden von den Australiern nicht

nach unseren Grundsätzen bestimmt und bezeichnet, sondern sie

verwenden dazu ein ganz eigentümliches, uns in mancher Hinsicht

unverständliches System, eben das sogenannte klassifikatorische. Sie

besitzen nur eine kleine Anzahl Worte, und jedes derselben wenden

sie auf eine große Anzahl Verwandtschaftsgrade an, auf eine größere

Anzahl verschiedener Personen. Wie wir in unserem Sprachgebrauche

zum Beispiel das Wort „Onkel“ für verschiedene Personen wie

Vaters und Mutters Bruder, Ehegatten der Schwestern der Eltern

und so weiter gebrauchen, so besitzt der Australier für bestimmte

Verwandtschaftsgrade einen bestimmten Ausdruck, aber er wendet ihn

auf eine ganze Reihe von Verwandten an, die derselben bestimmten

Verwandtschaftsklasse angehören. So kennt er kein eigenes Wort für

Vater (das heißt Erzeuger) in unserem Sinne, sondern er bezeichnet mit

einem gemeinsamen Ausdruck nicht nur den wirklichen Vater, sondern

auch den Bruder des Vaters, die Söhne des Bruders des Großvaters, die

Ehegatten der Schwester der Mutter und eine ganze Reihe entfernter

Verwandten mehr. In der gleichen Weise nennt er „Mutter“ nicht nur

seine wirkliche Erzeugerin, sondern dehnt diese Bezeichnung auch auf

die Schwestern der eigentlichen Mutter, die Frauen des Bruders des

Vaters und andere mehr aus. Auf diese Weise erhält jeder Mensch eine

große Anzahl Väter und Mütter. Dabei macht der Australier aber doch

einen Unterschied zwischen seinem eigentlichen Vater, beziehungsweise

seiner eigentlichen Mutter und anderen Männern wie Frauen, die die

gleiche Bezeichnung führen, geradeso wie wir zwischen Vettern ersten,

zweiten und dritten Grades unterscheiden, wenngleich wir diese alle

auf die gleiche Weise so nennen. Ebenso unterscheidet er innerhalb

jeder einzelnen Verwandtschaftsklasse, das heißt den Leuten, welche

die gleiche Verwandtschaftsbezeichnung führen, zwischen näher und

entfernter stehenden Verwandten. Wenngleich er daher allen Männern, die

er mit „Vater“ anredet, die gleiche Ehrfurcht und Hochachtung schuldet,

so macht er doch nach dem Grade der Verwandtschaft zwischen ihnen

Unterschiede. Nach diesem Klassensystem ist also jeder Mann, jede Frau

und jedes Kind, die mit einem Australier in gesellige Beziehung treten,

für ihn verwandt, allerdings in verschiedenem Grade.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 231. Australier beim Tanz, bevor sie ihren Rachezug antreten.

Wenn ein Todesfall eintritt, so glauben die australischen Eingeborenen,

daß er durch Zauberei hervorgerufen worden sei. Die Pflicht der

Verwandten ist es dann, Rache zu üben, doch selten wird dabei Blut

vergossen.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 232. Rückkehr vom Rachezug,

bei der die Weiber die Schilde der Teilnehmer prüfen. Wenn einer hohl

klingt, so steht sein Besitzer unter bösem Einfluß und wird sterben.]

Dieses +Verwandtschaftssystem+ beeinflußt nun das ganze soziale

Leben des Australiers, vor allem seine +Heiratsgesetze+, denn er

darf nur in eine bestimmte Verwandtschaftsklasse hineinheiraten.

Die unter den Australiern vorherrschende Eheform ist die +Polygamie+

(im Durchschnitt zwei bis drei Frauen); Einehe kommt natürlich auch

vor und währt unter Umständen auch zeitlebens. In der Regel leisten

sich die älteren Männer mehr als eine Frau, denn ihre Zahl richtet

sich danach, wieviele Frauen ein Mann zu ernähren imstande ist. Ihm

liegt die Pflicht ob, seine Frau hinreichend mit tierischer Nahrung zu

versorgen, während diese die pflanzliche beschaffen muß. Daher kann

sich ein tüchtiger Jäger eher mehrere Frauen leisten. -- Merkwürdige

Eheverhältnisse herrschen in Zentralaustralien, wo achtzehn- bis

fünfundzwanzigjährige Männer eine Ehegenossin besitzen, die dem Alter

nach ihre Großmutter sein könnte, und wo die ältesten einflußreichsten

Männer der Gemeinde die meisten Frauen aufweisen, und zwar unter

ihnen gleichzeitig Greisinnen und im Backfischalter stehende Mädchen.

Außerdem kommt in Australien noch die sogenannte Piraûruehe vor, das

ist eine Art +Gruppenehe+. In ihr ist eine Anzahl Personen beiderlei

Geschlechts zu einer Gemeinschaft vereinigt, deren männliche Mitglieder

das Recht haben, mit einer größeren oder geringeren Anzahl der

weiblichen Mitglieder Geschlechtsverkehr zu unterhalten. Das Weib,

das die Piraûruehe eingeht, ist stets die rechtmäßige Gattin eines

bestimmten Mannes und bleibt es auch während dieser Zeit, insofern er

ihr seinen Schutz angedeihen läßt und ein Vorrecht hinsichtlich der

ehelichen Beiwohnung vor den anderen Männern beanspruchen kann. Die

Mitehemänner, deren Anzahl übrigens nicht groß zu sein pflegt, sind

gewöhnlich ältere, einflußreiche Leute des Stammes. Stets aber werden

auch bei dem Eingehen der Piraûruehe die Gesetze streng befolgt, welche

Klassen und Verwandtschaftsgrade für die Heirat vorschreiben.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 233. Die Besucher eines befreundeten Lagers bei ihrer Ankunft,

bei der sie mit gewissen Formalitäten empfangen werden.]

Die +Ehe der Australier+ kommt durch Vereinbarung zustande. Zumeist

werden zwei Frauen, die im richtigen Verwandtschaftsverhältnis

zueinander stehen, zu den besonderen Schwiegermüttern ihrer

beiderseitigen Söhne ernannt. Oft trifft man ein solches Abkommen

bereits, wenn diese Frauen noch keine Kinder haben, oder auch gar,

wenn sie selbst noch gar nicht verheiratet sind. Der Mann erhält dann

bereits seine Spezialschwiegermutter vor der Geburt seiner Zukünftigen;

schenkt diese Schwiegermutter einer Tochter das Leben, dann steht

dem betreffenden Manne also das Recht zu, diese sich zur Frau zu

fordern. Anderseits, wenn er eine Schwester besitzt und seine besondere

Schwiegermutter einen Sohn, so muß er diese seine Schwester gegen

die Frau, die er bekommt, eintauschen. Bekommt die Schwiegermutter

aber mehrere Mädchen, dann hat der Bräutigam das Recht auf alle diese

und heiratet sie der Reihe nach, sobald sie das heiratsfähige Alter

erreicht haben. Mag er sie aber nicht sämtlich heiraten, dann kann er

dieses Vorrecht aufgeben, meistens zugunsten eines jüngeren Bruders,

der dann gewöhnlich die Mädchen zu Frauen nimmt, auf die der ältere

Bruder Anspruch hatte. Für den Fall, daß die Spezialschwiegermutter

nur Söhne gebären oder frühzeitig sterben sollte, trifft man eine

Vereinbarung dahin, daß der mutmaßliche Schwiegersohn ein weiteres

Anrecht auf die Töchter anderer Familien hat. Bei allen diesen

Verlöbnissen müssen natürlich die bestehenden Heiratsgesetze

innegehalten werden. Der eigenartigen Beschränkungen im Verkehr

zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn gedachten wir bereits oben.

Im allgemeinen läßt sich aber sagen, daß, wenn ein junger Mann etwa

zwanzig Jahre alt ist, eine dauernde Vereinbarung über seine Zukünftige

bereits getroffen sein wird. Nun kann es allerdings vorkommen, daß

diese erst einige wenige Jahre alt ist, dann muß er eben warten, bis

sie das heiratsfähige Alter erreicht hat, was bereits mit vierzehn

Jahren der Fall sein kann. Während dieser Wartezeit stattet der

Bräutigam dem Mädchen regelmäßig seine Besuche ab und bringt dem Vater

passende Geschenke mit. Sobald nun nach Ansicht des Vaters und der

Angehörigen das Mädchen alt genug geworden ist, um zu freien, wird sie

dem versprochenen Manne übergeben. Eine besondere Festlichkeit findet

bei den meisten Stämmen nicht statt; nachdem die weiblichen Angehörigen

der Braut oder auch diese selbst für ein primitives Obdach gesorgt

haben, erwartet der junge Mann unter ihm gegen Abend das Mädchen, das

ihm von jenen zugeführt wird.

[Illustration:

Phot. W. Saville Kent.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 117 / 207 题