in Schuhen aus Emufedern und mit solchen am Körper geschmückt an den
Feind heranschleichend.]
Neben den Einschränkungen, die das weit verbreitete Totemwesen bei
den Heiraten der Australier auferlegt, gibt es noch weitere, die
durch das bei ihnen herrschende +klassifikatorische System+, wie die
Wissenschaft es nennt, bedingt werden. In Australien nämlich sind
die Verwandtschaftsgrade von so großer Wichtigkeit, wie bei keinem
anderen Volke der Erde, sie beherrschen und regeln ihr ganzes soziales
Leben. Weil ein Stamm nur wenige hundert Mitglieder umfaßt und diese
vielfach untereinander heiraten, so ist es für die damit vertrauten
alten Leute eine ziemliche Leichtigkeit, Generationen hindurch das
gegenseitige Verwandtschaftsverhältnis zweier Personen festzustellen.
Diese Verwandtschaftsgrade aber werden von den Australiern nicht
nach unseren Grundsätzen bestimmt und bezeichnet, sondern sie
verwenden dazu ein ganz eigentümliches, uns in mancher Hinsicht
unverständliches System, eben das sogenannte klassifikatorische. Sie
besitzen nur eine kleine Anzahl Worte, und jedes derselben wenden
sie auf eine große Anzahl Verwandtschaftsgrade an, auf eine größere
Anzahl verschiedener Personen. Wie wir in unserem Sprachgebrauche
zum Beispiel das Wort „Onkel“ für verschiedene Personen wie
Vaters und Mutters Bruder, Ehegatten der Schwestern der Eltern
und so weiter gebrauchen, so besitzt der Australier für bestimmte
Verwandtschaftsgrade einen bestimmten Ausdruck, aber er wendet ihn
auf eine ganze Reihe von Verwandten an, die derselben bestimmten
Verwandtschaftsklasse angehören. So kennt er kein eigenes Wort für
Vater (das heißt Erzeuger) in unserem Sinne, sondern er bezeichnet mit
einem gemeinsamen Ausdruck nicht nur den wirklichen Vater, sondern
auch den Bruder des Vaters, die Söhne des Bruders des Großvaters, die
Ehegatten der Schwester der Mutter und eine ganze Reihe entfernter
Verwandten mehr. In der gleichen Weise nennt er „Mutter“ nicht nur
seine wirkliche Erzeugerin, sondern dehnt diese Bezeichnung auch auf
die Schwestern der eigentlichen Mutter, die Frauen des Bruders des
Vaters und andere mehr aus. Auf diese Weise erhält jeder Mensch eine
große Anzahl Väter und Mütter. Dabei macht der Australier aber doch
einen Unterschied zwischen seinem eigentlichen Vater, beziehungsweise
seiner eigentlichen Mutter und anderen Männern wie Frauen, die die
gleiche Bezeichnung führen, geradeso wie wir zwischen Vettern ersten,
zweiten und dritten Grades unterscheiden, wenngleich wir diese alle
auf die gleiche Weise so nennen. Ebenso unterscheidet er innerhalb
jeder einzelnen Verwandtschaftsklasse, das heißt den Leuten, welche
die gleiche Verwandtschaftsbezeichnung führen, zwischen näher und
entfernter stehenden Verwandten. Wenngleich er daher allen Männern, die
er mit „Vater“ anredet, die gleiche Ehrfurcht und Hochachtung schuldet,
so macht er doch nach dem Grade der Verwandtschaft zwischen ihnen
Unterschiede. Nach diesem Klassensystem ist also jeder Mann, jede Frau
und jedes Kind, die mit einem Australier in gesellige Beziehung treten,
für ihn verwandt, allerdings in verschiedenem Grade.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 231. Australier beim Tanz, bevor sie ihren Rachezug antreten.
Wenn ein Todesfall eintritt, so glauben die australischen Eingeborenen,
daß er durch Zauberei hervorgerufen worden sei. Die Pflicht der
Verwandten ist es dann, Rache zu üben, doch selten wird dabei Blut
vergossen.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 232. Rückkehr vom Rachezug,
bei der die Weiber die Schilde der Teilnehmer prüfen. Wenn einer hohl
klingt, so steht sein Besitzer unter bösem Einfluß und wird sterben.]
Dieses +Verwandtschaftssystem+ beeinflußt nun das ganze soziale
Leben des Australiers, vor allem seine +Heiratsgesetze+, denn er
darf nur in eine bestimmte Verwandtschaftsklasse hineinheiraten.
Die unter den Australiern vorherrschende Eheform ist die +Polygamie+
(im Durchschnitt zwei bis drei Frauen); Einehe kommt natürlich auch
vor und währt unter Umständen auch zeitlebens. In der Regel leisten
sich die älteren Männer mehr als eine Frau, denn ihre Zahl richtet
sich danach, wieviele Frauen ein Mann zu ernähren imstande ist. Ihm
liegt die Pflicht ob, seine Frau hinreichend mit tierischer Nahrung zu
versorgen, während diese die pflanzliche beschaffen muß. Daher kann
sich ein tüchtiger Jäger eher mehrere Frauen leisten. -- Merkwürdige
Eheverhältnisse herrschen in Zentralaustralien, wo achtzehn- bis
fünfundzwanzigjährige Männer eine Ehegenossin besitzen, die dem Alter
nach ihre Großmutter sein könnte, und wo die ältesten einflußreichsten
Männer der Gemeinde die meisten Frauen aufweisen, und zwar unter
ihnen gleichzeitig Greisinnen und im Backfischalter stehende Mädchen.
Außerdem kommt in Australien noch die sogenannte Piraûruehe vor, das
ist eine Art +Gruppenehe+. In ihr ist eine Anzahl Personen beiderlei
Geschlechts zu einer Gemeinschaft vereinigt, deren männliche Mitglieder
das Recht haben, mit einer größeren oder geringeren Anzahl der
weiblichen Mitglieder Geschlechtsverkehr zu unterhalten. Das Weib,
das die Piraûruehe eingeht, ist stets die rechtmäßige Gattin eines
bestimmten Mannes und bleibt es auch während dieser Zeit, insofern er
ihr seinen Schutz angedeihen läßt und ein Vorrecht hinsichtlich der
ehelichen Beiwohnung vor den anderen Männern beanspruchen kann. Die
Mitehemänner, deren Anzahl übrigens nicht groß zu sein pflegt, sind
gewöhnlich ältere, einflußreiche Leute des Stammes. Stets aber werden
auch bei dem Eingehen der Piraûruehe die Gesetze streng befolgt, welche
Klassen und Verwandtschaftsgrade für die Heirat vorschreiben.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 233. Die Besucher eines befreundeten Lagers bei ihrer Ankunft,
bei der sie mit gewissen Formalitäten empfangen werden.]
Die +Ehe der Australier+ kommt durch Vereinbarung zustande. Zumeist
werden zwei Frauen, die im richtigen Verwandtschaftsverhältnis
zueinander stehen, zu den besonderen Schwiegermüttern ihrer
beiderseitigen Söhne ernannt. Oft trifft man ein solches Abkommen
bereits, wenn diese Frauen noch keine Kinder haben, oder auch gar,
wenn sie selbst noch gar nicht verheiratet sind. Der Mann erhält dann
bereits seine Spezialschwiegermutter vor der Geburt seiner Zukünftigen;
schenkt diese Schwiegermutter einer Tochter das Leben, dann steht
dem betreffenden Manne also das Recht zu, diese sich zur Frau zu
fordern. Anderseits, wenn er eine Schwester besitzt und seine besondere
Schwiegermutter einen Sohn, so muß er diese seine Schwester gegen
die Frau, die er bekommt, eintauschen. Bekommt die Schwiegermutter
aber mehrere Mädchen, dann hat der Bräutigam das Recht auf alle diese
und heiratet sie der Reihe nach, sobald sie das heiratsfähige Alter
erreicht haben. Mag er sie aber nicht sämtlich heiraten, dann kann er
dieses Vorrecht aufgeben, meistens zugunsten eines jüngeren Bruders,
der dann gewöhnlich die Mädchen zu Frauen nimmt, auf die der ältere
Bruder Anspruch hatte. Für den Fall, daß die Spezialschwiegermutter
nur Söhne gebären oder frühzeitig sterben sollte, trifft man eine
Vereinbarung dahin, daß der mutmaßliche Schwiegersohn ein weiteres
Anrecht auf die Töchter anderer Familien hat. Bei allen diesen
Verlöbnissen müssen natürlich die bestehenden Heiratsgesetze
innegehalten werden. Der eigenartigen Beschränkungen im Verkehr
zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn gedachten wir bereits oben.
Im allgemeinen läßt sich aber sagen, daß, wenn ein junger Mann etwa
zwanzig Jahre alt ist, eine dauernde Vereinbarung über seine Zukünftige
bereits getroffen sein wird. Nun kann es allerdings vorkommen, daß
diese erst einige wenige Jahre alt ist, dann muß er eben warten, bis
sie das heiratsfähige Alter erreicht hat, was bereits mit vierzehn
Jahren der Fall sein kann. Während dieser Wartezeit stattet der
Bräutigam dem Mädchen regelmäßig seine Besuche ab und bringt dem Vater
passende Geschenke mit. Sobald nun nach Ansicht des Vaters und der
Angehörigen das Mädchen alt genug geworden ist, um zu freien, wird sie
dem versprochenen Manne übergeben. Eine besondere Festlichkeit findet
bei den meisten Stämmen nicht statt; nachdem die weiblichen Angehörigen
der Braut oder auch diese selbst für ein primitives Obdach gesorgt
haben, erwartet der junge Mann unter ihm gegen Abend das Mädchen, das
ihm von jenen zugeführt wird.
[Illustration:
Phot. W. Saville Kent.