Wir schließen hieran eine Besprechung des Glaubens an +Magie und
Zauberei+, durch den das Leben der Eingeborenen Australiens stark
beeinflußt wird. Wird ein Mann in einem Kampfe durch einen Speer
verwundet oder getötet, so kommt dies daher, daß der Speer verzaubert
war; verfehlte ein Speer, der nach einem Känguruh geworfen wurde,
sein Ziel, so war dabei ebenfalls Zauberei im Spiele. Um sich gegen
solchen Zauber zu wehren, beziehungsweise ihm vorzubeugen, besitzen
manche Stämme in Westaustralien kleine Zauberlieder oder Sprüche, die
Männer und Frauen, wenn sie mit irgend einer Arbeit beschäftigt sind,
singen. Ein Mann, der sich zum Beispiel Widerhaken an seinen Speer
schnitzt, singt dann ein bestimmtes Lied, damit sie stark werden und
nicht abbrechen; ein anderes Lied wieder, wenn er eine Speerschleuder
anfertigt und so weiter. Ähnlich wie wir es bereits von den Melanesiern
her kennen, werden +Krankheit und Tod+ nicht auf natürliche Ursachen
zurückgeführt, sondern als die Wirkung +böser Zauberei+ gedeutet,
die einer, der dem Betreffenden übel wollte, ihm zufügte. Mancherlei
Zaubermittel gibt es, um bei einem anderen Krankheit oder sogar den Tod
hervorzurufen. Am verbreitetsten ist das Verfahren des Zuspitzens, wie
man es bezeichnen kann. Bei einzelnen Stämmen kann nur ein Zauberer
es ausüben, bei anderen hingegen jedermann, sofern er nur den dazu
erforderlichen Apparat besitzt. Es gibt von ihm zwar verschiedene
Formen, indessen ist der wesentliche Teil daran stets ein Stück Knochen
oder Holz, das an dem einen Ende zugespitzt ist; ihm wohnt der böse
Zauber inne. Während der Mann nämlich den Stock oder Knochen zuspitzt,
murmelt er Flüche, wie etwa: „Möge dein Herz auseinandergerissen
werden“ oder: „Möge dein Rücken sich spalten und deine Rippen
auseinandergezerrt werden“ und ähnliches mehr und legt dadurch den
Zauber in den angespitzten Gegenstand hinein. Ebenso verschieden wie
die Form des Werkzeuges ist auch seine Anwendung; sie beruht in der
Hauptsache darauf, daß der Knochen oder Stein nach der Richtung der
zu schädigenden Person gerichtet wird. Natürlich darf das Opfer von
diesen Machenschaften nichts erfahren. Ein solcher Richtapparat, der
von zwei Personen bedient wird, besteht aus einer langen gedrehten
Schnur aus Menschenhaar, an deren einem Ende fünf kleine Richtknochen
und an deren anderem ein solcher und ein paar Klauen von Adlerfalken
an einem Stück Harz sitzen. Der vordere Mann hält bei seiner Anwendung
die Richtknochen und der hintere die Vogelklauen, ersterer richtet
die Knochen nach der Richtung, wo derjenige, dem er Schaden zufügen
will, weilt, und stößt sie mit einem Ruck dorthin. Der böse Zauber
nimmt dementsprechend diese Richtung und dringt in den Menschen, auf
den es abgesehen ist, ein. Dieser erkrankt und bekommt heftige innere
Schmerzen, die den Falkenklauen zugeschrieben werden, da diese, wie man
annimmt, die inneren Organe umkrallen (Abb. 228 und 229).
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 228. Zauberhandlung, um einen Menschen zu töten,
indem der kniende Mann rechts mit einem Zauberknochen in die Richtung
zeigt, in welcher der Gegner vermutet wird.]
Eines ganz seltsamen Zauberbrauches müssen wir noch gedenken, der,
sofern er wirklich auf Wahrheit beruht, vielleicht der +Kraft der
Suggestion+ zuzuschreiben ist. Gewisse Männer sollen die Macht
besitzen, einen Mann oder eine Frau zu töten und ihre Opfer später
wieder ins Leben zurückzurufen, aber nur noch auf ein paar Tage, so daß
schließlich doch der Tod bei ihnen eintritt. Ein Mensch, der mit dieser
Macht ausgestattet ist, kann sie entweder aus freiem Antriebe für sich
allein gegen jemanden, dem er böse gesinnt ist, ausüben, oder sie in
den Dienst einer Gruppe von Männern stellen, deren ausführendes Organ
er somit wird. In solchem Falle vollzieht er die Todesstrafe an einer
Person, über die die alten Männer sie verhängt haben. Zu diesem Zwecke
reibt sich dieser Gewaltige, der bei den Arunta Kurdaitscha heißt,
ganz und gar mit Holzkohle ein, schmückt sein Gesicht und sonstigen
Körper mit weißen Daunen, zieht Schuhe aus Emufedern an, die mit Blut
zusammengeklebt sind und Zauberwirkung besitzen sollen; er ist ferner
mit Schild und Speer, sowie mit einem oder zwei Tschuringa ausgerüstet
(Abb. 230). -- Der Aberglauben, nach dem gewisse Männer eine solche
seltsame Macht besitzen, ist über ganz Australien verbreitet. Auf
diese Weise sucht man unbequeme Leute im geheimen ins Jenseits zu
befördern. Es hält aber schwer herauszubekommen, in welcher Weise
man dabei verfährt. Anscheinend ist dies bei den einzelnen Stämmen
ganz verschieden. Bei den Diäri zum Beispiel braucht der Zauberer in
einer faustgroßen Grube nur eine Mischung von Harz aus den Wurzeln
des Eisenholzes und dem Kote des auserkorenen Opfers zu verbrennen;
wenn dann dieses an der betreffenden Stelle vorbeigeht, muß es über
kurz oder lang sterben. Energischer gehen diese Zauberer in anderen
Gegenden vor. Sie sollen hier ihr Opfer durch einen Schlag auf den
Kopf bewußtlos machen, ihm die Lenden aufschneiden, das Nierenfett
entfernen und die Wunde schließlich mit Gras verstopfen. Der Mann
kehrt zwar wieder zum Bewußtsein zurück, stirbt aber in ein paar
Tagen. In westaustralischen Gegenden bedient man sich einer noch
grausameren Methode. Der Mörder, beziehungsweise der Vollstrecker
eines Urteils schleicht an sein Opfer heran, während es schläft,
kneift ihm die Nasenlöcher leicht zusammen, damit es den Mund öffne,
den er ihm sofort mit Sand verstopft. So geknebelt schleppt er den
Mann eine kleine Strecke in den Busch hinein, nimmt ihn beim Kopfe,
dreht diesen mit einem besonderen Kunstgriff schnell herum, so daß
der Halswirbel ausgerenkt wird, und bringt den Kopf sofort wieder in
seine natürliche Lage zurück. Man behauptet, daß, wenn ein Opfer diese
Marter durchgemacht hat, es noch ein paar Tage in einem Dämmerzustand
verharre, dann aber doch sterbe.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 229. Zauberhandlung, um einen Menschen zu töten.
Der Eingeborene rechts hält einen Zauberstock (siehe Abb. 203) in der
Richtung des Gegners, der von dem bösen Zauber befallen werden soll,
welcher bei Anfertigung des Zauberstockes über diesen gesprochen worden
ist.]
Die Zauberer genießen in Australien einen großen Ruf; sie vermögen
nach Angabe der Eingeborenen, wie schon gesagt, Krankheiten und Tod
zu bewirken, die Todesstunde des Menschen vorauszusagen, Schwerkranke
aber auch wieder gesund zu machen und selbst Tote wieder ins Leben
zurückzuführen. Bei der Heilung einer Krankheit gehen sie in der Weise
vor, daß sie die Körperstelle, die sie für den Sitz des Leidens halten,
zunächst reiben, drücken, anblasen, an ihr saugen und schließlich ein
Stöckchen oder einen Stein hervorbringen, den sie angeblich aus dem
Körper entfernt haben und als die Ursache der Krankheit bezeichnen.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.