Abb. 227. Eingeborener mit Waningahaarputz.]

Wir schließen hieran eine Besprechung des Glaubens an +Magie und

Zauberei+, durch den das Leben der Eingeborenen Australiens stark

beeinflußt wird. Wird ein Mann in einem Kampfe durch einen Speer

verwundet oder getötet, so kommt dies daher, daß der Speer verzaubert

war; verfehlte ein Speer, der nach einem Känguruh geworfen wurde,

sein Ziel, so war dabei ebenfalls Zauberei im Spiele. Um sich gegen

solchen Zauber zu wehren, beziehungsweise ihm vorzubeugen, besitzen

manche Stämme in Westaustralien kleine Zauberlieder oder Sprüche, die

Männer und Frauen, wenn sie mit irgend einer Arbeit beschäftigt sind,

singen. Ein Mann, der sich zum Beispiel Widerhaken an seinen Speer

schnitzt, singt dann ein bestimmtes Lied, damit sie stark werden und

nicht abbrechen; ein anderes Lied wieder, wenn er eine Speerschleuder

anfertigt und so weiter. Ähnlich wie wir es bereits von den Melanesiern

her kennen, werden +Krankheit und Tod+ nicht auf natürliche Ursachen

zurückgeführt, sondern als die Wirkung +böser Zauberei+ gedeutet,

die einer, der dem Betreffenden übel wollte, ihm zufügte. Mancherlei

Zaubermittel gibt es, um bei einem anderen Krankheit oder sogar den Tod

hervorzurufen. Am verbreitetsten ist das Verfahren des Zuspitzens, wie

man es bezeichnen kann. Bei einzelnen Stämmen kann nur ein Zauberer

es ausüben, bei anderen hingegen jedermann, sofern er nur den dazu

erforderlichen Apparat besitzt. Es gibt von ihm zwar verschiedene

Formen, indessen ist der wesentliche Teil daran stets ein Stück Knochen

oder Holz, das an dem einen Ende zugespitzt ist; ihm wohnt der böse

Zauber inne. Während der Mann nämlich den Stock oder Knochen zuspitzt,

murmelt er Flüche, wie etwa: „Möge dein Herz auseinandergerissen

werden“ oder: „Möge dein Rücken sich spalten und deine Rippen

auseinandergezerrt werden“ und ähnliches mehr und legt dadurch den

Zauber in den angespitzten Gegenstand hinein. Ebenso verschieden wie

die Form des Werkzeuges ist auch seine Anwendung; sie beruht in der

Hauptsache darauf, daß der Knochen oder Stein nach der Richtung der

zu schädigenden Person gerichtet wird. Natürlich darf das Opfer von

diesen Machenschaften nichts erfahren. Ein solcher Richtapparat, der

von zwei Personen bedient wird, besteht aus einer langen gedrehten

Schnur aus Menschenhaar, an deren einem Ende fünf kleine Richtknochen

und an deren anderem ein solcher und ein paar Klauen von Adlerfalken

an einem Stück Harz sitzen. Der vordere Mann hält bei seiner Anwendung

die Richtknochen und der hintere die Vogelklauen, ersterer richtet

die Knochen nach der Richtung, wo derjenige, dem er Schaden zufügen

will, weilt, und stößt sie mit einem Ruck dorthin. Der böse Zauber

nimmt dementsprechend diese Richtung und dringt in den Menschen, auf

den es abgesehen ist, ein. Dieser erkrankt und bekommt heftige innere

Schmerzen, die den Falkenklauen zugeschrieben werden, da diese, wie man

annimmt, die inneren Organe umkrallen (Abb. 228 und 229).

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 228. Zauberhandlung, um einen Menschen zu töten,

indem der kniende Mann rechts mit einem Zauberknochen in die Richtung

zeigt, in welcher der Gegner vermutet wird.]

Eines ganz seltsamen Zauberbrauches müssen wir noch gedenken, der,

sofern er wirklich auf Wahrheit beruht, vielleicht der +Kraft der

Suggestion+ zuzuschreiben ist. Gewisse Männer sollen die Macht

besitzen, einen Mann oder eine Frau zu töten und ihre Opfer später

wieder ins Leben zurückzurufen, aber nur noch auf ein paar Tage, so daß

schließlich doch der Tod bei ihnen eintritt. Ein Mensch, der mit dieser

Macht ausgestattet ist, kann sie entweder aus freiem Antriebe für sich

allein gegen jemanden, dem er böse gesinnt ist, ausüben, oder sie in

den Dienst einer Gruppe von Männern stellen, deren ausführendes Organ

er somit wird. In solchem Falle vollzieht er die Todesstrafe an einer

Person, über die die alten Männer sie verhängt haben. Zu diesem Zwecke

reibt sich dieser Gewaltige, der bei den Arunta Kurdaitscha heißt,

ganz und gar mit Holzkohle ein, schmückt sein Gesicht und sonstigen

Körper mit weißen Daunen, zieht Schuhe aus Emufedern an, die mit Blut

zusammengeklebt sind und Zauberwirkung besitzen sollen; er ist ferner

mit Schild und Speer, sowie mit einem oder zwei Tschuringa ausgerüstet

(Abb. 230). -- Der Aberglauben, nach dem gewisse Männer eine solche

seltsame Macht besitzen, ist über ganz Australien verbreitet. Auf

diese Weise sucht man unbequeme Leute im geheimen ins Jenseits zu

befördern. Es hält aber schwer herauszubekommen, in welcher Weise

man dabei verfährt. Anscheinend ist dies bei den einzelnen Stämmen

ganz verschieden. Bei den Diäri zum Beispiel braucht der Zauberer in

einer faustgroßen Grube nur eine Mischung von Harz aus den Wurzeln

des Eisenholzes und dem Kote des auserkorenen Opfers zu verbrennen;

wenn dann dieses an der betreffenden Stelle vorbeigeht, muß es über

kurz oder lang sterben. Energischer gehen diese Zauberer in anderen

Gegenden vor. Sie sollen hier ihr Opfer durch einen Schlag auf den

Kopf bewußtlos machen, ihm die Lenden aufschneiden, das Nierenfett

entfernen und die Wunde schließlich mit Gras verstopfen. Der Mann

kehrt zwar wieder zum Bewußtsein zurück, stirbt aber in ein paar

Tagen. In westaustralischen Gegenden bedient man sich einer noch

grausameren Methode. Der Mörder, beziehungsweise der Vollstrecker

eines Urteils schleicht an sein Opfer heran, während es schläft,

kneift ihm die Nasenlöcher leicht zusammen, damit es den Mund öffne,

den er ihm sofort mit Sand verstopft. So geknebelt schleppt er den

Mann eine kleine Strecke in den Busch hinein, nimmt ihn beim Kopfe,

dreht diesen mit einem besonderen Kunstgriff schnell herum, so daß

der Halswirbel ausgerenkt wird, und bringt den Kopf sofort wieder in

seine natürliche Lage zurück. Man behauptet, daß, wenn ein Opfer diese

Marter durchgemacht hat, es noch ein paar Tage in einem Dämmerzustand

verharre, dann aber doch sterbe.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 229. Zauberhandlung, um einen Menschen zu töten.

Der Eingeborene rechts hält einen Zauberstock (siehe Abb. 203) in der

Richtung des Gegners, der von dem bösen Zauber befallen werden soll,

welcher bei Anfertigung des Zauberstockes über diesen gesprochen worden

ist.]

Die Zauberer genießen in Australien einen großen Ruf; sie vermögen

nach Angabe der Eingeborenen, wie schon gesagt, Krankheiten und Tod

zu bewirken, die Todesstunde des Menschen vorauszusagen, Schwerkranke

aber auch wieder gesund zu machen und selbst Tote wieder ins Leben

zurückzuführen. Bei der Heilung einer Krankheit gehen sie in der Weise

vor, daß sie die Körperstelle, die sie für den Sitz des Leidens halten,

zunächst reiben, drücken, anblasen, an ihr saugen und schließlich ein

Stöckchen oder einen Stein hervorbringen, den sie angeblich aus dem

Körper entfernt haben und als die Ursache der Krankheit bezeichnen.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 116 / 207 题