Das Totemwesen zeigt seine höchste Entwicklung in Zentralaustralien.
Hier hat man auch die ganze Lehre tiefer durchdacht und sich
ihren Ursprung zurechtgelegt. Vor Zeiten, bevor es noch einen
Menschen gab, lebte in Australien eine Art übernatürlicher Wesen,
die Totemahnen. Sie besaßen ganz erstaunliche Kräfte und auch die
Fähigkeit, sowohl die Natur des Menschen wie die von Tieren oder
Pflanzen in sich zu verkörpern. Alle diese Vorfahren, so meinen einige
Stämme nun, ließen, während sie das Land durchzogen, an bestimmten
Orten viele Kindergeister zurück, die, wie wir bereits vordem (S.
156) entwickelten, in die Frauen übergehen und dann als richtige
Menschenkinder geboren werden. Nach dem Tode kehrt ihr Geist wieder
zu seiner Ursprungsstätte, zum Beispiel in einen heiligen Stein oder
Baum, mit denen er verbunden ist, zurück und wartet dort auf seine
Wiederfleischwerdung. Jedes Stammesmitglied ist also die Wiedergeburt
eines der Vorfahren. Die Stämme im Innern Australiens führen nun
Zeremonien auf, die auf diese Totemvorfahren Bezug nehmen, indem sie
dieselben zur Darstellung bringen (Abb. 217). Allgemein nimmt man an,
daß diese Totemahnen die betreffenden Zeremonien der Sippe persönlich
in der Weise, wie sie heute begangen werden, vordem eingeführt
haben. Die bei den Einweihungsfeierlichkeiten der Jünglinge von uns
erwähnten Zeremonien sind zum Teil solche, die mit dem Totemahnen in
Zusammenhang stehen. Als Beispiel, wie es bei einer solchen zugeht,
möge die Zeremonie des Schlangentotems der Warramunga gelten. Der
Vorfahre dieses Totems soll ein mythisches Wesen Wollunqua gewesen
sein, das eine solche Größe besaß, daß es, wenn es auf dem Schwanz
gestanden hätte, mit seinem Kopf bis in den Himmel hineingereicht
haben würde; jetzt liegt es in ein großes Wasserloch in einem einsamen
Tal gebannt. Bei einer der darauf bezüglichen Zeremonien nun wird ein
Erdhügel geformt und auf ihn die Gestalt einer Schlange gezeichnet
(Abb. 221). Darauf gehen die Männer des Wollunquatotems (Abb. 219) um
den Hügel herum, und einer von ihnen streicht mit einem Zweig über
den Fuß des Hügels (Abb. 221); nachdem man darauf den größten Teil
der Nacht gesungen und um den Hügel getanzt hat, greift man am frühen
Morgen den Hügel mit Speeren, Bumerangs und Keulen an und zertrümmert
ihn. Offenbar soll durch diese Zeremonie Wollunqua verhindert werden,
sein Wasserloch zu verlassen. In dem übrigen Australien, wo kein
Totemglauben herrscht -- nur im Zentrum des Erdteiles treffen wir ihn
im vollen Umfange an --, kommt den Zeremonien eine andere Bedeutung
bei. Allerdings bilden ihren Hintergrund teilweise hier auch noch
mythische Vorstellungen von Vorfahren -- diese Legenden und Erzählungen
von den Ahnen werden den Jünglingen also nicht nur erzählt, sondern
auch dramatisch vorgeführt --, daneben aber auch wieder Geschichten
über Tiere. In diesem Falle ahmen die darstellenden Männer die
Handlungen der Tiere nach oder führen etwas um Zeichnungen, die Tiere
wiedergeben, auf. So zum Beispiel laufen sie auf allen Vieren herum wie
ein grasendes Känguruh und ähnliches. Allen diesen Vorführungen, wie
den die Wanderungen des Totemahnen darstellenden Zeichnungen (Abb.
218 und 220) ist gemeinsam ihre Heiligkeit; daher dürfen sie weder von
Frauen noch von Kindern gesehen werden.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 223. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.
Die Eingeborenen tanzen vor der Hütte, in der andere Männer sitzen und
singen. Die Fackeln, die sie halten, werden später abgebrannt.]
Außer den Zeremonien, die der Verehrung des Totems und der Verkörperung
der heiligen Mythen dienen sollen, kennen verschiedene Stämme noch eine
Reihe anderer Zeremonien, die ganz anderer Natur sind. Als Beispiel
von solchen diene die +Feuerzeremonie+ der Warramunga, die indessen
mit der gelegentlich der Jünglingsweihen stattfindenden und oben
geschilderten nicht identisch ist. Sie geht darauf hinaus, daß alle
Beteiligten die zwischen ihnen bestehenden Streitigkeiten beilegen. Ein
Augenzeuge schreibt, daß die Zeremonie an einem Abend damit einsetzte,
daß, nachdem sich die Männer um einige kleinere Feuer gruppiert hatten,
ein komisches Intermezzo sich abspielte. Einige sprangen zunächst auf,
stürmten mit erhobenen Waffen wütend umher, schrien laut und gebärdeten
sich ganz unsinnig; hierauf begann man mit Neckereien, einer machte
über den anderen höhnische Bemerkungen, suchte ihn auch direkt zu
beleidigen, nahm ihm seine Waffen fort und versteckte sie im Busch; die
jüngeren Leute nahmen den älteren die Speisen weg, eine unter anderen
Umständen ganz unerhörte Beleidigung -- über alles amüsierten sich die
Anwesenden köstlich. Darauf setzte der Tanz ein, an dem die Teilnehmer
sich so grotesk wie möglich benahmen, auch die Frauen wirkten dabei
mit, die vordem den Vorgängen nur von weitem zugesehen hatten. Diese
Belustigungen dauerten bis gegen Mitternacht. Am nächsten Morgen
bemalten sich die Männer mit Ocker und führten eine ganz drollige
Pantomime auf; die Hände hinten am Kopfe haltend, tanzten sie zunächst
in der Richtung des Lagers der Frauen zu, wenn sie sich ihm näherten,
gingen sie bald auf den Händen, bald auf den Knien vorwärts (Abb. 222),
kehrten aber vor dem Lager um und in das ihrige zurück. Hierauf zogen
sich die Männer, einige alte Leute ausgenommen, in den Busch zurück und
blieben hier eine Woche. Wichtig ist bei diesem Akte der Zeremonie, daß
die jungen Männer die Frauen nicht sehen durften. Nach der Rückkehr der
Männer aus dem Walde begannen die Vorbereitungen für die eigentliche
Feuerzeremonie, die unter anderem in der Anfertigung mächtiger Fackeln
aus Zweigen (Abb. 223) und in der Errichtung einer etwa sechs Meter
hohen, mit rotem Ocker bemalten und an der Spitze mit einem Busch
Zweige geschmückten Stange zwischen dem Männer- und Frauenlager
bestanden. Die eigentliche Feuerzeremonie spielte sich nachts ab. Die
sie darstellenden Männer bestrichen sich dazu von Kopf bis zu Fuß mit
rotem Lehm und darüber mit einer dicken Schicht weißen Pfeifentons
und nahmen die Fackeln in die Hand. Dann ging einer zum Angriff über,
indem er mit seiner Fackel wie mit einem vorgestreckten Spieß in die
Menschengruppe hineinstürmte, in der sich einer der Männer befand, mit
dem er im letzten Jahre einen heftigen Streit gehabt hatte. Man wehrte
hier den Angriff mit Keulen und Speeren ab. Damit war das Zeichen zu
einem allgemeinen Durcheinander gegeben. Beide Parteien stürmten nun
aufeinander los, die brennenden Fackeln sausten dabei auf Kopf und
Rumpf nieder und die glühenden Kohlenreste stoben auseinander. Die
Frauen standen klagend daneben und senkten brennende Zweige, um, wie
sie behaupteten, dadurch zu verhindern, daß die Männer sich ernstlich
verletzten. Die lodernde Glut, der mächtige Qualm, im Gegensatz dazu
die weiß angestrichenen Körper, der mächtige Lärm, alles dieses machte
den Eindruck einer recht wilden rohen Szene. Endlich wurden die Fackeln
auf die Erde geschleudert und ihre Flammen gelöscht.
[Illustration:
Phot. Kerry & Co.