Abb. 222. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.]

Das Totemwesen zeigt seine höchste Entwicklung in Zentralaustralien.

Hier hat man auch die ganze Lehre tiefer durchdacht und sich

ihren Ursprung zurechtgelegt. Vor Zeiten, bevor es noch einen

Menschen gab, lebte in Australien eine Art übernatürlicher Wesen,

die Totemahnen. Sie besaßen ganz erstaunliche Kräfte und auch die

Fähigkeit, sowohl die Natur des Menschen wie die von Tieren oder

Pflanzen in sich zu verkörpern. Alle diese Vorfahren, so meinen einige

Stämme nun, ließen, während sie das Land durchzogen, an bestimmten

Orten viele Kindergeister zurück, die, wie wir bereits vordem (S.

156) entwickelten, in die Frauen übergehen und dann als richtige

Menschenkinder geboren werden. Nach dem Tode kehrt ihr Geist wieder

zu seiner Ursprungsstätte, zum Beispiel in einen heiligen Stein oder

Baum, mit denen er verbunden ist, zurück und wartet dort auf seine

Wiederfleischwerdung. Jedes Stammesmitglied ist also die Wiedergeburt

eines der Vorfahren. Die Stämme im Innern Australiens führen nun

Zeremonien auf, die auf diese Totemvorfahren Bezug nehmen, indem sie

dieselben zur Darstellung bringen (Abb. 217). Allgemein nimmt man an,

daß diese Totemahnen die betreffenden Zeremonien der Sippe persönlich

in der Weise, wie sie heute begangen werden, vordem eingeführt

haben. Die bei den Einweihungsfeierlichkeiten der Jünglinge von uns

erwähnten Zeremonien sind zum Teil solche, die mit dem Totemahnen in

Zusammenhang stehen. Als Beispiel, wie es bei einer solchen zugeht,

möge die Zeremonie des Schlangentotems der Warramunga gelten. Der

Vorfahre dieses Totems soll ein mythisches Wesen Wollunqua gewesen

sein, das eine solche Größe besaß, daß es, wenn es auf dem Schwanz

gestanden hätte, mit seinem Kopf bis in den Himmel hineingereicht

haben würde; jetzt liegt es in ein großes Wasserloch in einem einsamen

Tal gebannt. Bei einer der darauf bezüglichen Zeremonien nun wird ein

Erdhügel geformt und auf ihn die Gestalt einer Schlange gezeichnet

(Abb. 221). Darauf gehen die Männer des Wollunquatotems (Abb. 219) um

den Hügel herum, und einer von ihnen streicht mit einem Zweig über

den Fuß des Hügels (Abb. 221); nachdem man darauf den größten Teil

der Nacht gesungen und um den Hügel getanzt hat, greift man am frühen

Morgen den Hügel mit Speeren, Bumerangs und Keulen an und zertrümmert

ihn. Offenbar soll durch diese Zeremonie Wollunqua verhindert werden,

sein Wasserloch zu verlassen. In dem übrigen Australien, wo kein

Totemglauben herrscht -- nur im Zentrum des Erdteiles treffen wir ihn

im vollen Umfange an --, kommt den Zeremonien eine andere Bedeutung

bei. Allerdings bilden ihren Hintergrund teilweise hier auch noch

mythische Vorstellungen von Vorfahren -- diese Legenden und Erzählungen

von den Ahnen werden den Jünglingen also nicht nur erzählt, sondern

auch dramatisch vorgeführt --, daneben aber auch wieder Geschichten

über Tiere. In diesem Falle ahmen die darstellenden Männer die

Handlungen der Tiere nach oder führen etwas um Zeichnungen, die Tiere

wiedergeben, auf. So zum Beispiel laufen sie auf allen Vieren herum wie

ein grasendes Känguruh und ähnliches. Allen diesen Vorführungen, wie

den die Wanderungen des Totemahnen darstellenden Zeichnungen (Abb.

218 und 220) ist gemeinsam ihre Heiligkeit; daher dürfen sie weder von

Frauen noch von Kindern gesehen werden.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 223. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.

Die Eingeborenen tanzen vor der Hütte, in der andere Männer sitzen und

singen. Die Fackeln, die sie halten, werden später abgebrannt.]

Außer den Zeremonien, die der Verehrung des Totems und der Verkörperung

der heiligen Mythen dienen sollen, kennen verschiedene Stämme noch eine

Reihe anderer Zeremonien, die ganz anderer Natur sind. Als Beispiel

von solchen diene die +Feuerzeremonie+ der Warramunga, die indessen

mit der gelegentlich der Jünglingsweihen stattfindenden und oben

geschilderten nicht identisch ist. Sie geht darauf hinaus, daß alle

Beteiligten die zwischen ihnen bestehenden Streitigkeiten beilegen. Ein

Augenzeuge schreibt, daß die Zeremonie an einem Abend damit einsetzte,

daß, nachdem sich die Männer um einige kleinere Feuer gruppiert hatten,

ein komisches Intermezzo sich abspielte. Einige sprangen zunächst auf,

stürmten mit erhobenen Waffen wütend umher, schrien laut und gebärdeten

sich ganz unsinnig; hierauf begann man mit Neckereien, einer machte

über den anderen höhnische Bemerkungen, suchte ihn auch direkt zu

beleidigen, nahm ihm seine Waffen fort und versteckte sie im Busch; die

jüngeren Leute nahmen den älteren die Speisen weg, eine unter anderen

Umständen ganz unerhörte Beleidigung -- über alles amüsierten sich die

Anwesenden köstlich. Darauf setzte der Tanz ein, an dem die Teilnehmer

sich so grotesk wie möglich benahmen, auch die Frauen wirkten dabei

mit, die vordem den Vorgängen nur von weitem zugesehen hatten. Diese

Belustigungen dauerten bis gegen Mitternacht. Am nächsten Morgen

bemalten sich die Männer mit Ocker und führten eine ganz drollige

Pantomime auf; die Hände hinten am Kopfe haltend, tanzten sie zunächst

in der Richtung des Lagers der Frauen zu, wenn sie sich ihm näherten,

gingen sie bald auf den Händen, bald auf den Knien vorwärts (Abb. 222),

kehrten aber vor dem Lager um und in das ihrige zurück. Hierauf zogen

sich die Männer, einige alte Leute ausgenommen, in den Busch zurück und

blieben hier eine Woche. Wichtig ist bei diesem Akte der Zeremonie, daß

die jungen Männer die Frauen nicht sehen durften. Nach der Rückkehr der

Männer aus dem Walde begannen die Vorbereitungen für die eigentliche

Feuerzeremonie, die unter anderem in der Anfertigung mächtiger Fackeln

aus Zweigen (Abb. 223) und in der Errichtung einer etwa sechs Meter

hohen, mit rotem Ocker bemalten und an der Spitze mit einem Busch

Zweige geschmückten Stange zwischen dem Männer- und Frauenlager

bestanden. Die eigentliche Feuerzeremonie spielte sich nachts ab. Die

sie darstellenden Männer bestrichen sich dazu von Kopf bis zu Fuß mit

rotem Lehm und darüber mit einer dicken Schicht weißen Pfeifentons

und nahmen die Fackeln in die Hand. Dann ging einer zum Angriff über,

indem er mit seiner Fackel wie mit einem vorgestreckten Spieß in die

Menschengruppe hineinstürmte, in der sich einer der Männer befand, mit

dem er im letzten Jahre einen heftigen Streit gehabt hatte. Man wehrte

hier den Angriff mit Keulen und Speeren ab. Damit war das Zeichen zu

einem allgemeinen Durcheinander gegeben. Beide Parteien stürmten nun

aufeinander los, die brennenden Fackeln sausten dabei auf Kopf und

Rumpf nieder und die glühenden Kohlenreste stoben auseinander. Die

Frauen standen klagend daneben und senkten brennende Zweige, um, wie

sie behaupteten, dadurch zu verhindern, daß die Männer sich ernstlich

verletzten. Die lodernde Glut, der mächtige Qualm, im Gegensatz dazu

die weiß angestrichenen Körper, der mächtige Lärm, alles dieses machte

den Eindruck einer recht wilden rohen Szene. Endlich wurden die Fackeln

auf die Erde geschleudert und ihre Flammen gelöscht.

[Illustration:

Phot. Kerry & Co.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 112 / 207 题