Am nächsten Tage haben die jungen Leute die letzte Feuerzeremonie zu
bestehen. Auch hierbei werden von den Frauen große Feuer angelegt und
die glühende Asche mit grünen Zweigen bedeckt. Dieses Mal aber müssen
die Jünglinge der Reihe nach in das Feuer hineintreten und mitten im
dichten Rauch niederknien, wobei sie eine der Frauen an den Schultern
noch herabdrückt. Damit schließt endlich die Ingwurrazeremonie. Wenn
die Jünglinge alle verschiedenen Feuerproben bestanden haben, werden
sie fortan als vollgültige Mitglieder des Stammes angesehen. Nachdem in
den nächsten Tagen noch einige gewöhnliche Korrobories, an denen auch
die Frauen sich beteiligen, abgehalten worden sind, ziehen die fremden
Gruppen in ihr eigenes Dorf zurück.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 215. Zauberzeremonie, die bezweckt, Insekten zu veranlassen, daß
sie Eier legen.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 216. Zeremonie behufs Vermehrung von Schlangen bei dem
Urabunnastamme.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 217. Totemzeremonie des Aruntastammes.
Die beiden aufgeputzten Männer stellen zwei Vorfahren des Stammes dar;
der eine dieser Vorfahren steht in Verbindung mit der Sonne, der andere
mit einem Baum, dessen Blüten zu einem bestimmten Tranke verwendet
werden.]
Die Zeremonien der Australier hängen eng mit ihrer Religion
zusammen. Ihre +religiösen Vorstellungen+ beruhen auf dem Glauben an
überirdische, meist mythenhafte Wesen und auf Zauberei. Im allgemeinen
werden gute und böse Geister unterschieden, darunter wiederum
mächtigere und unbedeutendere. Leider ist es den Europäern bis jetzt
nur in unvollkommenem Maße möglich gewesen, in das religiöse Leben
und Denken der Australier einzudringen. Dazu kommt, daß unter ihnen
selbst nur ganz verschwommene Begriffe von den Geistern und so weiter
herrschen, so daß wir nur ein mangelhaftes Bild von ihrer Religion
besitzen. Eine große Rolle spielt dabei das bekannte Totemwesen. Ein
jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Gruppen (Clans oder Sippen), von
denen jede in einem, zumeist genetischen Verhältnis zu irgend einem
Gegenstand oder einer Erscheinung in der Natur zu stehen glaubt, zu
seinem Totem. Dieses ist zumeist ein bestimmtes Tier oder eine Pflanze,
die zu Nahrungszwecken dienen, aber auch eine Naturerscheinung. Dieses
Totem, nach dem sich die Sippe auch benennt, wird von ihr verehrt.
Die eine Gruppe steht, um ein paar Beispiele anzuführen, mit einem
Känguruh, andere mit dem Opossum oder dem Emu oder einer Schlange,
wieder andere mit einer Akazienart, einem Grassamen und ähnlichem,
noch andere mit Regen, Wind, Feuer und so weiter in Zusammenhang
(Abb. 205, 208, 211 und 213). Für gewöhnlich darf kein Mitglied einer
Totemgruppe sein eigenes Totem verzehren, wenn es sich um ein Tier oder
eine Pflanze handelt, oder es töten, wenn es das erstere betrifft,
denn es ist ihm heilig, wohl aber ist ihm gestattet, das einer anderen
Gruppe zu essen, beziehungsweise zu töten. Ferner besteht vielfach
der Glaube, daß die Anhänger eines Totems bewirken können, daß dieses
sich vermehrt oder zunimmt, also einem bestimmten Teile der Natur zu
befehlen imstande sind. Ein Känguruhmann zum Beispiel kann das Känguruh
zur starken Vermehrung zwingen, ein Regenmann Regen hervorrufen, ein
Feuermann stets sein eigenes Feuer erzeugen, so daß er dazu keiner
Vorrichtungen bedarf. Wohl gemerkt, diese Fähigkeit beschränkt sich
immer nur auf das eigene Totem. Ein Mitglied des Känguruhtotems kann
daher keinen Regen machen, und ein Mann des Regentotems nichts dazu
tun, daß sich das Känguruh vermehre. In vielen Gegenden Australiens
bestehen gewisse Zeremonien, die besonders zu dem Zwecke abgehalten
werden, um das Totem zu vermehren. Jede Totemgruppe pflegt eine
bestimmte Stelle zu besitzen, an der man diese Zeremonien vornimmt;
meistens ist dies das Verbreitungszentrum des betreffenden Tieres
oder der Hauptstandort der Pflanze. Ein paar Beispiele von solchen
Zeremonien. Handelt es sich darum, die Vermehrung von Schlangen zu
erwirken, so erscheint an dem betreffenden Totemplatz der mit rotem und
gelbem Ocker angemalte und mit dem Waningakopfputz (das weitere über
ihn siehe weiter unten) ausgerüstete Oberste der Schlangentotemgruppe,
kniet vor den versammelten Mitgliedern nieder und streckt die Arme
ganz lang aus, wobei er in jeder Hand einen angespitzten Knochen hält.
Ein Mann, der zu seiner Rechten kniet, nimmt sich den Knochen aus der
entsprechenden Hand, hebt an seinem Oberarm eine Hautfalte hoch und
durchsticht sie mit diesem Knochen; dasselbe tut ein Mann, der zur
Linken sich niedergelassen hat (Abb. 216). Der Oberste singt darauf,
in der gleichen Stellung verharrend, ein Lied oder einen Zauberspruch,
dessen Inhalt den Anwesenden heutzutage unverständlich erscheint,
und die Zeremonie ist beendigt. Wenn daraufhin die Schlangen recht
zahlreich geworden sind, bringen Männer, welche der betreffenden Gruppe
nicht angehören, einige dieser Tiere dem Obersten mit den Worten:
„Siehe, hier sind Schlangen“. Dieser nimmt etwas Schlangenfett, reibt
sich damit die Arme ein und antwortet: „So esset alle“. Damit will er
besagen, daß die Schlangen dank seiner Zeremonie so zahlreich geworden
sind, daß jeder Stamm sie in genügender Menge zur Verfügung hat. --
Um Würmer, eine Delikatesse für die Australier, zu vermehren, reibt
ein Mann die Magengegend eines anderen mit einem heiligen Steine, der
das Ei eines solchen Tieres darstellen soll (Abb. 214); oder singt
die Insekten an, auf daß sie Eier legen (Abb. 215). Um Regenwetter
herbeizuführen, wurde bei den Kurna an einem Wasserloch eine Grube
ausgeworfen und über ihr eine Hütte errichtet. Nachdem sich in ihr
alle Anwesenden, darunter auch Gäste, versammelt hatten, schnürte
sich einer der älteren Männer ein Band fest um den linken Oberarm
und öffnete mit einem spitzen Steine eine Blutader in der Gegend des
Ellenbogengelenkes. Das ausströmende Blut ließ er über die am Boden
dicht gedrängt Hockenden laufen, auf die mit Blut bespritzten Stellen
streute er Vogeldaunen. Jetzt wurden einige vor Beginn der Zeremonie in
die Wassergrube geworfene Steine herausgenommen und an einem entfernten
Platz in das Astwerk eines der höchsten Bäume gelegt. Währenddessen
zerrieben andere Männer Gipsspat zu feinem Pulver und streuten es
auf die Oberfläche des Wassers. Schließlich stießen alle Anwesenden
die Hütte mit dem Kopfe um. Das fließende Blut soll den vom Himmel
strömenden Regen versinnbildlichen, die Daunen leichte, die Steine
schwere Wolken; das Verstecken der Steine in den Baumgipfeln geschieht
in der Absicht, daß sie der Regengeist sehe, und mit dem Niederreißen
der Hütte soll angedeutet werden, daß der Geist in gleicher Weise die
Wolken durchbohren möge. Um anderseits kühle Witterung zu bekommen,
zünden geschmückte Männer hinter einem Windschirm ein Feuer an,
lassen sich an ihm nieder und geben an, daß sie frieren und vor Kälte
zittern. Hierdurch hoffen sie eine Abkühlung des Wetters herbeiführen
zu können. Manche Stämme nehmen an, daß ein Mann sich in sein Totem
verwandeln könne, wenn dieses ein Tier ist. Ein Totemtier verletzt
nach der allgemeinen Annahme niemals seine menschlichen Verwandten;
daher braucht zum Beispiel ein Anhänger des Schlangentotems nicht zu
befürchten, von einer Schlange gebissen zu werden.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 218. Bodenzeichnungen für die Wollunquatotemzeremonie.
Diese Zeichnungen gelten den Eingeborenen als heilig und dürfen
von Frauen nicht gesehen werden; in diesem Bilde stellen sie die
Wanderungen des mythischen Vorfahren Wollunqua dar.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 219. Warramungaleute im Schmuck für eine Zeremonie des
Wollunquatotems.
Der Gegenstand über dem Kopf des einen Mannes ist aus Grasstengeln
hergestellt und mit Schnur aus Menschenhaar umwickelt; er soll
Wollunqua, eine mythische Schlange, darstellen.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 220. Schlußszene bei der Wollunquatotemzeremonie des
Warramungastammes,
bei der den Aufführenden der Kopfputz abgenommen wird.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 221. Szene aus der Wollunquatotemzeremonie des Warramungastammes.
Ein Mann streicht mit einem Zweige über die auf einem Erdhaufen
dargestellte mythische Schlange Wollunqua; dies soll sie versöhnen.]
Alle Mitglieder einer jeden Totemsippe halten sich für nahe
Blutsverwandte; die Mitgliedschaft zu einer Gruppe wird durch die
Erbfolge geregelt. In Gegenden (Ostaustralien), wo ein Kind dem Clan
der Mutter angehört, erbt es das Totem der Mutter, in anderen wieder,
wo es zur Gruppe des Vaters zählt, nimmt es dessen Totem an. Bei noch
anderen Stämmen wird das Totem nicht vererbt, sondern auf andere Weise
erworben. Wie wir schon hörten, ist jedes Totem an einen bestimmten
Platz oder Gegenstand gebunden. Wird bei den Arunta zum Beispiel ein
Kind geboren, so erhält es das Totem der Stelle, in dessen Nähe es
angeblich von der Mutter empfangen wurde. Glaubt also eine Frau, daß
sie ihr Kind bei einem bestimmten Baume oder einem Felsen empfangen
habe, der mit dem Emu in Verbindung steht, so bekommt das Kind das
Emutotem, ganz gleich welcher Sippe die Mutter angehört.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.