Abb. 214. Zauberzeremonie behufs Vermehrung von Würmern.]

Am nächsten Tage haben die jungen Leute die letzte Feuerzeremonie zu

bestehen. Auch hierbei werden von den Frauen große Feuer angelegt und

die glühende Asche mit grünen Zweigen bedeckt. Dieses Mal aber müssen

die Jünglinge der Reihe nach in das Feuer hineintreten und mitten im

dichten Rauch niederknien, wobei sie eine der Frauen an den Schultern

noch herabdrückt. Damit schließt endlich die Ingwurrazeremonie. Wenn

die Jünglinge alle verschiedenen Feuerproben bestanden haben, werden

sie fortan als vollgültige Mitglieder des Stammes angesehen. Nachdem in

den nächsten Tagen noch einige gewöhnliche Korrobories, an denen auch

die Frauen sich beteiligen, abgehalten worden sind, ziehen die fremden

Gruppen in ihr eigenes Dorf zurück.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 215. Zauberzeremonie, die bezweckt, Insekten zu veranlassen, daß

sie Eier legen.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 216. Zeremonie behufs Vermehrung von Schlangen bei dem

Urabunnastamme.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 217. Totemzeremonie des Aruntastammes.

Die beiden aufgeputzten Männer stellen zwei Vorfahren des Stammes dar;

der eine dieser Vorfahren steht in Verbindung mit der Sonne, der andere

mit einem Baum, dessen Blüten zu einem bestimmten Tranke verwendet

werden.]

Die Zeremonien der Australier hängen eng mit ihrer Religion

zusammen. Ihre +religiösen Vorstellungen+ beruhen auf dem Glauben an

überirdische, meist mythenhafte Wesen und auf Zauberei. Im allgemeinen

werden gute und böse Geister unterschieden, darunter wiederum

mächtigere und unbedeutendere. Leider ist es den Europäern bis jetzt

nur in unvollkommenem Maße möglich gewesen, in das religiöse Leben

und Denken der Australier einzudringen. Dazu kommt, daß unter ihnen

selbst nur ganz verschwommene Begriffe von den Geistern und so weiter

herrschen, so daß wir nur ein mangelhaftes Bild von ihrer Religion

besitzen. Eine große Rolle spielt dabei das bekannte Totemwesen. Ein

jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Gruppen (Clans oder Sippen), von

denen jede in einem, zumeist genetischen Verhältnis zu irgend einem

Gegenstand oder einer Erscheinung in der Natur zu stehen glaubt, zu

seinem Totem. Dieses ist zumeist ein bestimmtes Tier oder eine Pflanze,

die zu Nahrungszwecken dienen, aber auch eine Naturerscheinung. Dieses

Totem, nach dem sich die Sippe auch benennt, wird von ihr verehrt.

Die eine Gruppe steht, um ein paar Beispiele anzuführen, mit einem

Känguruh, andere mit dem Opossum oder dem Emu oder einer Schlange,

wieder andere mit einer Akazienart, einem Grassamen und ähnlichem,

noch andere mit Regen, Wind, Feuer und so weiter in Zusammenhang

(Abb. 205, 208, 211 und 213). Für gewöhnlich darf kein Mitglied einer

Totemgruppe sein eigenes Totem verzehren, wenn es sich um ein Tier oder

eine Pflanze handelt, oder es töten, wenn es das erstere betrifft,

denn es ist ihm heilig, wohl aber ist ihm gestattet, das einer anderen

Gruppe zu essen, beziehungsweise zu töten. Ferner besteht vielfach

der Glaube, daß die Anhänger eines Totems bewirken können, daß dieses

sich vermehrt oder zunimmt, also einem bestimmten Teile der Natur zu

befehlen imstande sind. Ein Känguruhmann zum Beispiel kann das Känguruh

zur starken Vermehrung zwingen, ein Regenmann Regen hervorrufen, ein

Feuermann stets sein eigenes Feuer erzeugen, so daß er dazu keiner

Vorrichtungen bedarf. Wohl gemerkt, diese Fähigkeit beschränkt sich

immer nur auf das eigene Totem. Ein Mitglied des Känguruhtotems kann

daher keinen Regen machen, und ein Mann des Regentotems nichts dazu

tun, daß sich das Känguruh vermehre. In vielen Gegenden Australiens

bestehen gewisse Zeremonien, die besonders zu dem Zwecke abgehalten

werden, um das Totem zu vermehren. Jede Totemgruppe pflegt eine

bestimmte Stelle zu besitzen, an der man diese Zeremonien vornimmt;

meistens ist dies das Verbreitungszentrum des betreffenden Tieres

oder der Hauptstandort der Pflanze. Ein paar Beispiele von solchen

Zeremonien. Handelt es sich darum, die Vermehrung von Schlangen zu

erwirken, so erscheint an dem betreffenden Totemplatz der mit rotem und

gelbem Ocker angemalte und mit dem Waningakopfputz (das weitere über

ihn siehe weiter unten) ausgerüstete Oberste der Schlangentotemgruppe,

kniet vor den versammelten Mitgliedern nieder und streckt die Arme

ganz lang aus, wobei er in jeder Hand einen angespitzten Knochen hält.

Ein Mann, der zu seiner Rechten kniet, nimmt sich den Knochen aus der

entsprechenden Hand, hebt an seinem Oberarm eine Hautfalte hoch und

durchsticht sie mit diesem Knochen; dasselbe tut ein Mann, der zur

Linken sich niedergelassen hat (Abb. 216). Der Oberste singt darauf,

in der gleichen Stellung verharrend, ein Lied oder einen Zauberspruch,

dessen Inhalt den Anwesenden heutzutage unverständlich erscheint,

und die Zeremonie ist beendigt. Wenn daraufhin die Schlangen recht

zahlreich geworden sind, bringen Männer, welche der betreffenden Gruppe

nicht angehören, einige dieser Tiere dem Obersten mit den Worten:

„Siehe, hier sind Schlangen“. Dieser nimmt etwas Schlangenfett, reibt

sich damit die Arme ein und antwortet: „So esset alle“. Damit will er

besagen, daß die Schlangen dank seiner Zeremonie so zahlreich geworden

sind, daß jeder Stamm sie in genügender Menge zur Verfügung hat. --

Um Würmer, eine Delikatesse für die Australier, zu vermehren, reibt

ein Mann die Magengegend eines anderen mit einem heiligen Steine, der

das Ei eines solchen Tieres darstellen soll (Abb. 214); oder singt

die Insekten an, auf daß sie Eier legen (Abb. 215). Um Regenwetter

herbeizuführen, wurde bei den Kurna an einem Wasserloch eine Grube

ausgeworfen und über ihr eine Hütte errichtet. Nachdem sich in ihr

alle Anwesenden, darunter auch Gäste, versammelt hatten, schnürte

sich einer der älteren Männer ein Band fest um den linken Oberarm

und öffnete mit einem spitzen Steine eine Blutader in der Gegend des

Ellenbogengelenkes. Das ausströmende Blut ließ er über die am Boden

dicht gedrängt Hockenden laufen, auf die mit Blut bespritzten Stellen

streute er Vogeldaunen. Jetzt wurden einige vor Beginn der Zeremonie in

die Wassergrube geworfene Steine herausgenommen und an einem entfernten

Platz in das Astwerk eines der höchsten Bäume gelegt. Währenddessen

zerrieben andere Männer Gipsspat zu feinem Pulver und streuten es

auf die Oberfläche des Wassers. Schließlich stießen alle Anwesenden

die Hütte mit dem Kopfe um. Das fließende Blut soll den vom Himmel

strömenden Regen versinnbildlichen, die Daunen leichte, die Steine

schwere Wolken; das Verstecken der Steine in den Baumgipfeln geschieht

in der Absicht, daß sie der Regengeist sehe, und mit dem Niederreißen

der Hütte soll angedeutet werden, daß der Geist in gleicher Weise die

Wolken durchbohren möge. Um anderseits kühle Witterung zu bekommen,

zünden geschmückte Männer hinter einem Windschirm ein Feuer an,

lassen sich an ihm nieder und geben an, daß sie frieren und vor Kälte

zittern. Hierdurch hoffen sie eine Abkühlung des Wetters herbeiführen

zu können. Manche Stämme nehmen an, daß ein Mann sich in sein Totem

verwandeln könne, wenn dieses ein Tier ist. Ein Totemtier verletzt

nach der allgemeinen Annahme niemals seine menschlichen Verwandten;

daher braucht zum Beispiel ein Anhänger des Schlangentotems nicht zu

befürchten, von einer Schlange gebissen zu werden.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 218. Bodenzeichnungen für die Wollunquatotemzeremonie.

Diese Zeichnungen gelten den Eingeborenen als heilig und dürfen

von Frauen nicht gesehen werden; in diesem Bilde stellen sie die

Wanderungen des mythischen Vorfahren Wollunqua dar.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 219. Warramungaleute im Schmuck für eine Zeremonie des

Wollunquatotems.

Der Gegenstand über dem Kopf des einen Mannes ist aus Grasstengeln

hergestellt und mit Schnur aus Menschenhaar umwickelt; er soll

Wollunqua, eine mythische Schlange, darstellen.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 220. Schlußszene bei der Wollunquatotemzeremonie des

Warramungastammes,

bei der den Aufführenden der Kopfputz abgenommen wird.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 221. Szene aus der Wollunquatotemzeremonie des Warramungastammes.

Ein Mann streicht mit einem Zweige über die auf einem Erdhaufen

dargestellte mythische Schlange Wollunqua; dies soll sie versöhnen.]

Alle Mitglieder einer jeden Totemsippe halten sich für nahe

Blutsverwandte; die Mitgliedschaft zu einer Gruppe wird durch die

Erbfolge geregelt. In Gegenden (Ostaustralien), wo ein Kind dem Clan

der Mutter angehört, erbt es das Totem der Mutter, in anderen wieder,

wo es zur Gruppe des Vaters zählt, nimmt es dessen Totem an. Bei noch

anderen Stämmen wird das Totem nicht vererbt, sondern auf andere Weise

erworben. Wie wir schon hörten, ist jedes Totem an einen bestimmten

Platz oder Gegenstand gebunden. Wird bei den Arunta zum Beispiel ein

Kind geboren, so erhält es das Totem der Stelle, in dessen Nähe es

angeblich von der Mutter empfangen wurde. Glaubt also eine Frau, daß

sie ihr Kind bei einem bestimmten Baume oder einem Felsen empfangen

habe, der mit dem Emu in Verbindung steht, so bekommt das Kind das

Emutotem, ganz gleich welcher Sippe die Mutter angehört.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 111 / 207 题