Es ist unmöglich, in Kürze alle Einzelheiten der Zeremonie (Abb.
195, 198 bis 200) zu beschreiben, die überdies bei den verschiedenen
Stämmen anders ausfallen. Am ersten Abschnitt, der am großen Borakreis
sich abspielt, beteiligen sich auch die alten Frauen; von den übrigen
Vorgängen ist das weibliche Geschlecht ausgeschlossen. Die Knaben
werden zu dem kleineren Ring geführt, die Zeichnungen an den Bäumen und
die Figuren auf dem Erdboden ihnen von älteren Männern, die während der
ganzen Zeit ihre Beschützer sind, gezeigt und erklärt (Abb. 199). Die
Männer führen Zauberspiele und Pantomimen auf, welche die Knaben sich
mitansehen müssen und von jenen erklärt werden. Bei dieser Gelegenheit
erblicken die Knaben auch zum erstenmal ein Tschuringa oder Schwirrholz
(Abb. 203), jenes Stück Holz von spitz-ovaler Form, das mit einer an
seinem Ende befestigten Schnur schnell in Bewegung gesetzt wird und
einen summenden Ton hervorbringt. Frauen bekommen dieses Gerät niemals
zu Gesicht, die Knaben werden auch davor gewarnt, einer Frau gegenüber
jemals von ihm zu sprechen, geschweige denn es einer solchen zu zeigen.
Sollte ein weibliches Wesen aus Unachtsamkeit etwa ein Schwirrholz
erblicken, so wird es getötet. Es wird den Frauen vorgeredet, daß der
Ton, den das Schwirrholz verursacht, die Stimme eines übernatürlichen
Wesens sei. Solange die Zeremonie der Bora vor sich geht, hört man ihn.
Die Zeremonien bestehen zum großen Teil in Pantomimen, bei denen die
Darsteller die Tätigkeit von Tieren nachahmen. Alle diese Vorgänge,
sowie die Dinge, die den Novizen in dieser Zeit gezeigt werden, sind
heilig und dürfen von den Frauen nicht gesehen werden. -- Die Knaben
haben meistens auch noch einen blutigen Eingriff an ihrem Gliede zu
erdulden; es wird an ihnen die Beschneidung, das heißt die Abtrennung
der Vorhaut vollzogen. Bei einigen Stämmen erfolgt nach einigen Wochen
noch eine zweite Operation, das Bloßlegen (Aufschlitzen) der Harnröhre,
die wir bereits oben (S. 154) erwähnten. Bei den Arunta wird mit
dem bei diesen Eingriffen abfließenden Blute ein kleines Schwirrholz
bestrichen, damit es später als Liebeszauber diene. Der Jüngling, der
ein Mädchen zur Heirat geneigt machen will, läßt es dann schwirren.
Bei anderen Stämmen gehört zu den Einweihungsfeierlichkeiten auch das
Ausschlagen eines Vorderzahnes (Abb. 204), das Hochwerfen der Knaben
in die Luft (Abb. 189), das Anbringen von Narben und eine Art von
Feuerprobe. Während aller dieser Vorgänge werden die Knaben scharf
beobachtet, ob sie sich dabei richtig benehmen; befolgt einer von
ihnen nicht die Befehle seines Beschützers, so wird er umgebracht.
Solange die Borazeremonie dauert, sind die Knaben und ihre Begleiter
von den Frauen und Mädchen getrennt. Die Männer verbringen einen Teil
des Tages mit der Beschaffung der Nahrung durch Jagd, die übrige
Zeit gilt den Vorführungen. Am Schluß werden die Knaben den Frauen
zugeführt, und öfters wird noch ein Fest veranstaltet, an dem sich
auch diese beteiligen. Die Knaben aber leben noch eine Zeitlang,
manchmal vier Monate, mit ihren Beschützern im Busch und werden von
ihnen über alle Gesetze und Gebräuche des Stammes, sowie über die
Notwendigkeit, diese zu befolgen und den älteren Männern zu gehorchen,
unterwiesen. Während dieser Probezeit dürfen die Knaben keine Frauen
sehen, noch von ihnen gesehen werden. Bei einigen Stämmen dauert dies
so lange, bis sich für die Knaben Gelegenheit bietet der nächsten Bora
beizuwohnen. Zur vollständigen Mannbarwerdung müssen die Jünglinge
mehrere Boraversammlungen besuchen, bei deren jeder sie immer etwas
Neues sehen, das ihnen vordem noch vorenthalten wurde.
[Illustration:
Phot. W. E. Roth.
Abb. 212. Zaubergestalt von Nordqueensland,
die zur Vertreibung der Moskitos verbrannt wird.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 213. Szene aus der Adler-Habicht-Zeremonie des Aruntastammes bei
den Einführungsfeierlichkeiten der Jünglinge.
Die beiden handelnden Personen stellen zwei dieser Vögel im Streite um
ein Stück Fleisch dar.]
[Illustration: Szene aus einem Korroborie,
einer Art dramatischer Pantomime und Tanz. Der am Boden liegende
Eingeborene soll einen schlafenden Mann darstellen, während der auf ihn
Zuschreitende zwischen den Zehen ein in Rinde gehülltes Pulver eines
Zaubersteines hält, das er auf den Schlafenden fallen läßt, um ihn so
zu töten.]
Die Feuerzeremonie oder Ingwurra (Abb. 210), um auf sie noch einmal
etwas ausführlicher zurückzukommen, ist das letzte Stadium der
Einweihungsfeierlichkeiten bei den Arunta und führt die Bevölkerung
von weit und breit auf Einladung zusammen. Eigentlich ist sie eine
Aufeinanderfolge verschiedener Akte. Die Feierlichkeiten werden
wochenlang mit den üblichen Korrobories eingeleitet, an denen sich
auch die Frauen beteiligen. Ein Korroborie, eine Art dramatischer
Unterhaltung, ein pantomimischer Tanz (Abb. 202, 207, 209 und farbige
Kunstbeilage), den ein Gesang begleitet, besteht gewöhnlich aus einem
Zyklus von Vorführungen, von denen eine jede einen Abend ausfüllt,
so daß das Ganze mehrere Abende hintereinander in Anspruch nimmt.
Den Korrobories folgt als zweiter Akt die Ingwurrazeremonie. Jetzt
trennen sich die Frauen von den Männern und bleiben auf dem Felde,
während letztere mit Ausnahme einiger Tagesstunden, die sie der Jagd
widmen, auf dem Festplatz leben und diese Zeit auf die Vorbereitung und
Aufführung heiliger Zeremonien verwenden. Da wir weiter unten auf diese
etwas ausführlicher zurückkommen, wollen wir hier nur erwähnen, daß sie
die heiligen Mythen des Stammes versinnbildlichen und für die jungen
Leute ein Mittel abgeben sollen, sie in den Glaubensauffassungen, die
damit in Zusammenhang stehen, zu unterweisen. Diese Vorbereitungen
erfordern eine geraume Zeit, obwohl jede Aufführung eigentlich nur
wenige Minuten dauert. Wenn damit Monate vergangen sind, beginnen nun
die wirklichen Zeremonien, die sich auf etwa zwei Wochen erstrecken.
Täglich werden die jungen Leute, die aufgenommen werden sollen, auf
die Jagd gesandt, deren Beute sie aber nicht für sich behalten dürfen,
sondern an die älteren Männer abliefern müssen. Bevor sie des Abends
zurückkehren, besorgen sich die Frauen Feuer, trockenes Gras und
Reisig. Die Jünglinge versehen sich bei ihrer Ankunft aus dem Busch mit
einer Anzahl beblätterter Zweige, stellen sich in einem dichten Viereck
zusammen, laufen den sie erwartenden Frauen, die das Gras und das Holz
angezündet haben und es auf die Eindringlinge zu werfen sich bemühen,
entgegen, und suchen sich dagegen, so gut sie können, mit ihren Zweigen
zu schützen. Nach einiger Zeit kehren sie auf den Festplatz zurück,
bringen hier ihre Zweige unter und legen sich nieder; sie müssen so
stundenlang ohne etwas zu sprechen verharren (Abb. 206). Nachdem sich
dieser Vorgang mehrere Tage hindurch wiederholt hat und die heiligen
Zeremonien inzwischen Tag und Nacht ihren Fortgang genommen haben,
werden die Knaben auf zwei Tage in den Busch geschickt, um hier eine
eingreifendere Feuerprobe durchzumachen. Die älteren Männer, denen
die Novizen anvertraut sind, zünden aus Kloben und Ästen ein großes
Feuer von etwa zwei bis drei Meter im Durchmesser an, bedecken die
Glut, sobald das Feuer heruntergebrannt ist, mit Zweigen und fordern
die Jünglinge auf, sich auf die Äste zu legen und hier vier bis fünf
Minuten auszuhalten (Abb. 210). Trotzdem die auf die glühende Asche
gelegten Sträucher die direkte Berührung mit ihr verhindern, so daß die
jungen Leute sich nicht verbrennen können, erfordern die große Hitze
und der Rauch doch einen großen Aufwand an Energie, um diese Probe
durchzuführen. Sodann kehren die Jünglinge nach dem Lagerplatz zurück.
Hier wird der Abend mit allerlei Neckereien zugebracht; die Frauen in
dem Lager und die Männer auf dem Festplatze rufen einander Scherzworte
zu und ziehen einander auf. Bei solcher Gelegenheit darf ein Mann auch
seiner Schwiegermutter zurufen, mit der er sonst jeglichen Verkehr
meiden muß. In fast ganz Australien nämlich bestehen zwischen beiden
Parteien merkwürdige Sitten. Sieht ein Mann seine Schwiegermutter
kommen, so muß er sich verstecken und sie vorüberlassen, damit
sich beide auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Ist ein Verstecken
unmöglich, so muß er nach rechts oder links mit abgewendetem Gesicht
abbiegen, einen großen Bogen um sie machen und ihr auf jeden Fall
ausweichen. Bei einzelnen Stämmen darf er sich mit ihr überhaupt in
kein Gespräch einlassen. Vernachlässigt jemand diese Vorschriften, so
kann er vom Häuptling in Strafe genommen werden.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.