Abb. 192. Windschirm, den Australiern als Wohnung dienend.]

Die +Wohnungen+ der Australier sind, entsprechend ihrer

umherschweifenden Lebensweise, die denkbar primitivsten. Zumeist sind

sie nicht über einfache Windschirme oder Wetterdächer aus Rindenstücken

oder Zweigen hinausgekommen (Abb. 192). In Nord- und Zentralaustralien

sind dagegen wirkliche Hütten eine keineswegs seltene Erscheinung.

Obwohl das Klima, besonders im Süden, stellenweise recht rauh ist und

häufig empfindliche Wetterstürze stattfinden, ist die +Bekleidung+ des

Australiers eine nur geringe. Man kann bei ihm mehr von einem Schmuck

als von einer Bedeckung sprechen. Die Männer tragen meistens einen

Rinden- oder Bastgürtel, ein winziges Band aus gedrehten Menschenhaaren

oder ein Stückchen Perlschnur; in den Gegenden, wo das Klima einem

schroffen Wechsel unterworfen ist, werden zum Schutze gegen Kälte und

Regen kleine Mäntel aus Känguruh- oder Opossumfell oder Matten über den

Rücken gehängt. In der gleichen Weise wie die Männer bekleiden sich die

Frauen; charakteristisch für sie ist stellenweise ein Mantelsack aus

Känguruhfell, in dem sie die Säugekinder mit sich schleppen. In manchen

Gegenden aber gehen beide Geschlechter, zumal auf ihren Wanderungen,

am liebsten splitternackt. Dagegen legt man allgemein auf reichliche

Körperbedeckung bei den Festen und Tänzen Wert.

[Illustration:

Phot. W. E. Roth.

Abb. 193. Weiber aus Nordqueensland,

die zum Gesang der Männer bei einer Festlichkeit mit ihren Händen den

Takt schlagen.]

Der eigentliche +Schmuck+ besteht aus Schnüren aus Menschenhaar

oder Pelzstückchen um den Hals oder Oberarm. Sehr beliebt ist in

vielen Gegenden ein Putz aus den Schwänzen kleiner Tiere; nicht minder

verbreitet sind Perlmuscheln, Tierzähne, Krebsschalen, Rohrstengel,

geflochtene Grasreifen und ähnliches mehr. Besonders das männliche

Geschlecht bevorzugt den Schmuck. Zum Verzieren des Körpers zählen

auch die Hautbemalung in den Farben Schwarz, Weiß, Rot, auf die wir

gelegentlich der Schilderung der verschiedenen Festlichkeiten noch

zurückkommen, das Färben der Haarkrone mit Erde und das Erzeugen von

Narbenwülsten auf Brust und Rücken; das letztere ist eine bei beiden

Geschlechtern weit verbreitete Sitte (Abb. 191 und 193). Diese Narben,

die aus Einritzungen der Haut mittels Steinmesser oder einfacher

Steinsplitter hervorgehen, sind meistens quer verlaufende, reliefartig

hervortretende Stränge, die nicht nur zur Verschönerung dienen, sondern

auch Alters- und Rangabzeichen darstellen, sowie den Schmerz über

den Tod eines Angehörigen andeuten sollen. Viele Stämme Australiens

betreiben noch andere +körperliche Verunstaltungen+, die ähnliche

Bedeutungen haben, wie das Durchbohren der Nasenscheidewand und

Ausschlagen eines Vorderzahns (Abb. 204). Eine unter den australischen

Stämmen sehr verbreitete, ganz sonderbare Unsitte ist das Aufschlitzen

der männlichen Harnröhre (von den Zentralaustraliern mika genannt),

deren Zweck uns unbekannt ist. Früher glaubte man in diesem operativen

Eingriff eine antikonzeptionelle Präventivmaßregel erblicken zu

dürfen, indessen sprechen verschiedene Gründe (relative Unwirksamkeit,

Unwissenheit der Australier über die Bedeutung dieser Verstümmlung,

Unkenntnis des Vorganges der Konzeption) gegen eine solche Auslegung.

Neuerdings glaubt man, dieser seltsamen Prozedur homosexuelle Bedeutung

beilegen zu sollen. Der +Geschlechtstrieb+ der Australier ist

ein ziemlich reger, zumal die Kinder in ganz frühen Jahren von den

Eltern in die Geheimnisse des geschlechtlichen Lebens eingeweiht

werden. Die Mädchen verlieren ihre Reinheit schon, sobald sich der

Fortpflanzungstrieb einstellt, was bereits um das achte bis zwölfte

Lebensjahr der Fall ist; sie geben sich dann etwas älteren Knaben

preis. Das weibliche Geschlecht soll besonders wollüstig veranlagt

sein. Trotzdem gehen die Australier nicht wahllos Verbindungen

miteinander ein, sondern ihr Geschlechtstrieb scheint im großen und

ganzen auf eine bestimmte Person gerichtet zu sein. Die strengen

Vorschriften bei Eingehen der Ehe regeln außerdem den geschlechtlichen

Verkehr. Nur gelegentlich der großen Korroborietänze, die vielfach

unter obszönen Bewegungen getanzt werden, herrscht bei manchen Stämmen

allgemeine geschlechtliche Vermischung.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 194. Australierin vor einem Steine,

der als der Sitz von Kindergeistern gilt.]

[Illustration:

Phot. Kerry & Co.

Abb. 195. Szene aus einer Borazeremonie (Ostaustralien).

Die einzuführenden Jünglinge müssen eine Anzahl Pantomimen mitmachen,

die ihnen die Männer nachher erklären.]

Die Tatsache, daß verschiedene Australierstämme nicht wissen, daß

der Mensch aus dem Kohabitationsakte hervorgeht, sondern über seine

Entstehung noch ganz primitive Auffassungen haben, gibt uns Anlaß,

hierauf etwas näher einzugehen. Entsprechend den ursprünglichen

Ansichten der Naturvölker, daß die Geister der Verstorbenen unter

anderem in den Wäldern umherstreifen, in den Bäumen und Pflanzen

Wohnung nehmen und sich wieder zu Menschen umwandeln können, glauben

die Australier, daß ein Pflanzengeist bei der Entstehung eines neuen

Menschen in ein Weib fährt und sich in ihm dazu ausbildet, daß es

sich also bei der Geburt um eine Inkarnation, Wiederfleischwerdung

eines Ahnen handelt. Sie halten daher auch eine Beteiligung des Vaters,

das heißt den Geschlechtsverkehr für belanglos, höchstens meinen

sie, daß dadurch die Geschlechtswege passierbar für den Austritt des

Kindes gemacht werden. Die Arunta bilden sich zum Beispiel ein, daß

in gewissen Steinen Kindergeister stecken, die sowohl durch Zauber

wie durch eigene Macht in den Körper eines Weibes übergehen, und zwar

durch den Nabel in der Größe eines kleinen Sandkornes, das aber bereits

vollkommen gestaltete menschliche Wesen, Knaben oder Mädchen, vorstelle

und Leben und Seele besitze. Auf einem solchen Steine befindet sich ein

kleines rundes Loch, durch das die Geister vermutlich hinausgelangen

(Abb. 194). Über ihm ist ein schwarzer Strich mit Holzkohle gezogen,

und jedermann, der diese Stätte zufällig besucht, erneuert ihn. Dieser

Strich trägt den gleichen Namen, wie der Streifen, den dieser Stamm

über die Augen eines neugeborenen Kindes zur Abwendung von Krankheiten

zeichnet. Wenn Frauen diesen Stein aufsuchen, so tun sie dies, um

schwanger zu werden. Ein Mann, der die Kraft und den Willen dazu

besitzt, kann die Frauen aus seiner Umgebung dazu bringen, daß sie

Kinder bekommen, wenn sie zu diesem Steine gehen und einen Zauberspruch

über ihn sprechen. Anderseits, wenn eine junge Frau an diesem Steine

vorbei muß, aber keinen Nachwuchs mehr haben möchte, dann sucht sie

den Geist des Steines über ihr Alter zu täuschen, indem sie sich als

ein altes Weib gibt, ihr Gesicht in Falten zieht, sich vornüber bückt

und an einem Stock geht, auch mit bebender Stimme, wie sie alte Frauen

haben, ausruft: „Komm nicht zu mir, ich bin eine alte Frau“. Auf diese

Weise hofft sie unbehelligt von den Kindergeistern gelassen zu werden.

Interessant ist der Glaube, daß irrtümlicherweise auch in einen Mann

ein solches Geisterkind hineingehen könne; in diesem Falle stirbt er,

obgleich ein geschickter Medizinmann vielleicht imstande ist, ihn zu

retten.

[Illustration:

Phot. ~The Royal Colonial Institute~.

Abb. 196. Baum mit Mustern,

die für die Borazeremonie eingeschnitten werden.]

Wie bereits erwähnt, ist es der Ahnengeist, der die +Kinderkeime+

(ratapa) außerhalb des Mutterleibes entstehen und bei passender

Gelegenheit in sie hineintreten läßt. Als Wohnsitz solcher Kinderkeime

gelten Bäume, Felsen, Steine, Wassertümpel und die Tschuringa oder

das +Schwirrholz+. Letzteres ist ein flaches längliches Stück

Holz oder ein Stein, die an einem Ende durchbohrt und mit einer Schnur

versehen sind; wird das Tschuringa rasch und kräftig gedreht, dann

gibt es einen sausenden Ton (wie unsere Waldteufel) von sich. Daß

diesem Gerät, das übrigens bei den Zeremonien der Australier eine große

Rolle spielt, wie wir noch sehen werden, der Wohnsitz eines ratapa

zugeschrieben wird, kommt daher, daß nach dem Glauben der Australier

die Bäume, aus denen es hergestellt wird, aus dem Körper eines von

zwei Hunden zerrissenen geisterhaften Wesens, namens Murtamurta,

gewachsen sind. Eine nähere Berührung mit den angeführten Gegenständen

hat zur Folge, daß eine Frau guter Hoffnung wird. Badet eine Frau zum

Beispiel am Proserpine River (Queensland), so gehen die Kinderkeime der

Pandanuswurzel in sie über; hat sie bei einem anderen Stamm nach dem

Genuß von Lalitjafrüchten Erbrechen, dann ist dies ein Anzeichen, daß

der Lalitjakindeskeim durch ihre Hüften in sie eindrang, oder schlägt

sie einen Gummibaum mit einem Beil, dann wird dadurch gleichfalls ein

Kinderkeim frei. Diese Kinderkeime gehen nun keineswegs immer sogleich

in Menschengestalt in den Leib des Weibes über, sondern auch in der

eines Tieres, zum Beispiel eines Regenvogels (Mädchen) oder einer

Schlange (Knaben) und anderes mehr, verwandeln sich aber im Mutterleib

wieder in einen Menschen. Auch die Berührung einer Frau mit einem

Tschuringaholz genügt, um sie in gute Hoffnung kommen zu lassen.

Während der +Schwangerschaft+ ist die Australierin, wie wir es

schon von der Melanesierin her kennen, bestimmten Speiseverboten

unterworfen, jedoch scheinen diese nicht so umfangreich wie dort zu

sein. Sie darf gewisse Fleischspeisen, hauptsächlich vom Ameisenigel,

Känguruh, Opossum, Emu und Schlangen, bei anderen Stämmen überhaupt

kein Fleisch genießen. Als Grund für diese Einschränkungen wird

angegeben, daß entweder die Mutter eine schwere Krankheit davon

bekomme, oder das Kind am Mutterleibe anwachse oder sterbe und so

weiter. Meistens ist auch der Mann an diese Vorschriften gebunden.

Bei den Urubunna geht er während dieser Zeit auch nicht auf die

Jagd, denn der Geist des Tieres, von dessen Fleisch er aß, würde ihn

begleiten, das Wild warnen und das Wurfgeschoß ablenken.

[Illustration:

Phot. W. E. Roth.

Abb. 197. Fadenspiele aus Nordqueensland.

Sie stellen vor (linke Reihe von oben nach unten:) zwei Männer, die

ein Tal hinabsteigen; zwei Ratten nebeneinander; vier in einer Reihe

gehende Knaben, die sich die Hände reichen; einen laufenden Emu; eine

Fledermaus; zwei ruhende Kakadu; (mittlere Reihe:) einen Kasuar; ein

Krokodil; einen Mann, der auf einen Baum klettert; eine Schildkröte;

(rechte Reihe:) eine Schildkröte; zwei weiße Kraniche; zwei mit Stöcken

fechtende Frauen; eine fliegende Ente; zwei Fische; ein Känguruh.]

[Illustration:

Phot. Kerry & Co.

Abb. 198. Szene aus einer Borazeremonie.

Die Medizinmänner des Stammes führen eine Reihe von Handlungen, die nur

in Kunstgriffen bestehen, aus, um die Knaben in dem Glauben, daß sie

zaubern können, zu bestärken.]

Über die +Geburt+ der Australierin habe ich nichts Näheres in Erfahrung

bringen können. Die Abnabelung wird mittels Muschel, Känguruhknochen,

Stein oder Obsidianmesser vorgenommen und gibt verschiedentlich Anlaß

zu bestimmten Zeremonien. Bei den Narrinjeri bewahrt der Vater die

+Nabelschnur+ sorgfältig in einem Bündel Federn auf. Übergibt er

dieses Bündel dem Vater eines Kindes aus einem anderen Stamme, dann

werden beide Kinder Ngia Ngiampe, das heißt sie dürfen, solange die

Nabelschnur nicht wieder zurückgegeben ist, miteinander nicht nur nicht

sprechen, sondern sich auch nicht berühren oder überhaupt nahekommen.

Nach der Rückgabe des Büschels erlischt diese Vereinbarung. Über ihren

Zweck sich näher auszulassen, würde zu weit führen. -- Wirft bei den

Westaustraliern die Mutter die Nabelschnur ins Wasser, dann wird der

Sohn später ein guter Schwimmer. Die Kaitisch (Zentralaustralien)

wickeln den Nabelstrang in Pelzstreifen und binden diese dem Kinde um

den Hals. Die Warrunga, die ähnlich damit verfahren, überreichen sie,

falls es sich um ein Mädchen handelt, das der Oheim mütterlicherseits

verheiraten muß, später diesem, der sie eine Zeitlang in seinem Armband

trägt und dem Vater des Kindes Waffen schenkt; er darf aber das

Kind selbst nicht eher sehen, als bis es laufen kann. Sobald dieser

Zeitpunkt gekommen ist, erhält er vom Vater Pelzstreifen übersandt,

kommt ins Lager, sieht sich das Kind an und bringt dem Vater Geschenke

mit. Den Nabelschnurrest legt er in einen hohlen Baum, dessen Ort er

niemanden verrät. Bei den Kaitisch müssen der Vater und die Großeltern

mütterlicherseits während der Entbindung im Busch sich aufhalten; bei

der Rückkehr bringt der Großvater einen Strauß mit und berührt mit ihm

das Haupt der Wöchnerin, die darauf ihr Kind in einem hölzernen Gefäß,

das als Wiege dient, in die Höhe hebt und es der Großmutter reicht.

Diese reibt das Kind an ihrem Magen herum und wirft es mehrere Male in

die Höhe, dann umarmt sie es von rückwärts. Der Vater wärmt bei seiner

Rückkehr einen Speer über dem Feuer und läßt ihn über dem Neugeborenen

hin und her gleiten. Darauf zeichnet er dem Kinde einen schwarzen

Kreis um die Augen und den Nabel und gibt es der Mutter zurück. -- Die

+Namengebung+ findet bei einigen Stämmen sogleich nach der Geburt,

bei anderen erst nach Wochen statt. Die Bewohner des unteren Murray

halten es für unheilbringend, dem Kinde einen Namen zu geben, ehe es

gehen kann. In noch anderen Gegenden erfolgt eine zweite Namengebung,

zum Beispiel im Knabenalter. In Westaustralien tauscht man seinen Namen

als Zeichen der Freundschaft aus. Bei den Muralug (Kap York) wird

in Gegenwart aller Verwandten bei der Namengebung eine Festlichkeit

veranstaltet, der Vater aber darf dabei nicht anwesend sein. Die Mutter

hält das Kind über einen Karamubusch und fleht den Segen der Götter auf

das Neugeborene herab.

[Illustration:

Phot. Kerry & Co.

Abb. 199. Szene aus der Borazeremonie der Stämme Ostaustraliens.

Die Jünglinge werden mit bedecktem Kopf den Pfad von einem Teil des

Borakreises zum anderen längs der eingegrabenen Zeichnungen geführt.]

+Zwillinge+ werden in Zentralaustralien sofort getötet, verkrüppelte

Kinder entweder ebenfalls aus dem Wege geräumt oder aus Aberglauben am

Leben gelassen und verehrt. Überhaupt ist in allen Teilen Australiens

der Kindsmord sehr verbreitet, die englische Regierung vermag hiergegen

wenig auszurichten. Oberländer sah am Murray ein Weib, das zehn bis

elf ihrer Kinder getötet hatte. Der Grund für diese Grausamkeit

liegt darin, daß man von einer größeren Anzahl Kinder, meistens bei

mehr als zwei, nicht erbaut ist, weil sie bei der Erziehung unter

den obwaltenden recht ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen

Schwierigkeiten bereiten und auf den langen Märschen lästig fallen. Die

getöteten Kinder wurden früher allgemein gegessen, und zwar beteiligten

sich an dem Mahl nur die Frauen.

[Illustration:

Phot. Kerry & Co.

Abb. 200. Szene aus einer Borazeremonie.

Die Männer gehen mit Speeren auf ein in den Sand gezeichnetes Känguruh

los.]

[Illustration: Abb. 201. Szene aus einer Einführungszeremonie des

Warramungastammes.

Das Schweigegebot, das den Jünglingen bei dieser Zeremonie auferlegt

wird, wird durch Berührung des Hauptes eines der alten Männer mittels

eines beblätterten Zweiges gelöst.]

Auch die Australierin säugt ihre Kinder lange Zeit, in der Regel vier

bis fünf Jahre lang. Solvado beobachtete nicht selten, daß Knaben

ihr Waffenspiel unterbrachen und zur Mutter eilten, die gerade einem

jüngeren Kinde die Brust reichte und sie auch damit versorgte.

Bis zum Alter von etwa sieben Jahren wachsen die +Knaben+ mit den

Mädchen zusammen unter der Obhut der Mutter auf, dann werden sie

getrennt; sie erhalten fortan +Unterweisung+ in mancherlei Künsten.

So eignen sie sich die Kenntnisse, die sie als Jäger brauchen, an,

indem sie im Lande umherstreifen und die Beschaffenheit und den

Aufenthaltsort von Tieren und Pflanzen, die als Nahrung dienen, kennen

lernen; dadurch erwerben sie sich gleichzeitig eine staunenswerte

Beobachtungsgabe. Sie werden ferner in dem Gebrauch der Waffen

unterwiesen und erfahren das Nötigste von den Gebräuchen des Stammes.

Alles dieses wird den Knaben gleichsam spielend beigebracht, nicht

durch systematische Belehrung. Bei einigen Stämmen ist es Sitte,

die Knaben, sobald sie das richtige Alter erreicht haben, aus dem

Heimatdorfe fortzuschicken, um einige Monate unter den Leuten einer

anderen Gruppe desselben Stammes oder auch von fremden Stämmen

zuzubringen und hier ebenfalls Erfahrungen zu sammeln. Während dieses

Aufenthaltes kümmern sich die Männer der Gruppe, bei welcher der Knabe

untergebracht ist, um seine Erziehung; er lernt dadurch andere Orte

und Gebräuche kennen, gewinnt neue Freunde und zieht manchen Vorteil

für sein späteres Leben aus solcher „Pension“. Nach Ablauf dieser Zeit

kehrt er in die Heimat zurück, wobei ihn ein paar Männer begleiten,

die hier einige Tage lang bewirtet werden, und wird dann als Mann

aufgenommen; dieses Ereignis wird für gewöhnlich durch irgend eine

Zeremonie zum Ausdruck gebracht. Die Stammesgruppe, die sich in der

geschilderten Weise für den Knaben verpflichtete, pflegt meistens einen

ihrer eigenen Knaben zur Erziehung der Gruppe zu übergeben, aus welcher

dieser Knabe stammt; es besteht also gleichsam ein Austausch der

Kinder. Dieser beschränkt sich aber nicht nur auf bestimmte Gruppen,

sondern der eine Knabe geht in diese, der andere in jene Gruppe zur

Ausbildung. Es bahnt sich dadurch ein engeres Verhältnis zwischen den

einzelnen Personen wie zwischen den verschiedenen Gruppen eines und

auch eines fremden Stammes an.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 202. Tanzunterricht der Knaben für einen Korroborie.

Der alte Mann lehrt sie diesen Tanz. Er singt und schlägt den Takt dazu

mit zwei Bumerangs.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 203. Zeremonialgegenstände der Australier.

An beiden Seiten sind Zauberstöcke dargestellt, mit denen die

Eingeborenen glauben, durch „Zielen“ auf einen Menschen diesem

Unheil bringen zu können; oben ist ein Halsschmuck der Leute des

Adlerhabichtclans, unten ein Tschuringa und in der Mitte ein Halsband

mit Quaste abgebildet.]

Schon beim Heranwachsen zum Jüngling haben die Knaben sich bestimmten

+Speiseverboten+ zu unterziehen. Die verschiedenen Stämme besitzen ihre

eigenen Bestimmungen darüber, aber es gelten immer die beliebtesten

Speisen als verboten, zum Beispiel der Emu, der für die Australier

eine große Delikatesse bedeutet, oder in den Küstengegenden der Dugong

oder die Schildkröte; sonstige Gerichte, die anderwärts auf dieser

Verbotstafel stehen, sind das Stachelschwein, der Wombat, Aale, Emueier

und Honig. Je mehr sich der heranwachsende Jüngling dem Mannesalter

nähert, um so mehr werden für ihn diese Speiseverbote eingeschränkt,

ihm die beliebten Speisen also wieder freigegeben. Zu einem bestimmten

Zeitpunkte entscheiden ein paar Männer darüber, ob er jetzt von einem

bestimmten Verbot zu befreien ist, etwa von dem Verbot, Fleisch vom

Beuteldachs (Bandikut) zu essen. Es wird dafür ein solches Tier

eingefangen und gekocht; einer der Männer reibt dem Jünglinge das

Fett über den Mund und gibt ihm von dem Fleisch zu essen; fortan ist

es ihm gestattet von dieser Nahrung zu sich zu nehmen. In ähnlicher

Weise werden die verschiedenen Speiseverbote nacheinander aufgehoben.

Manche Stämme dehnen diesen Widerruf auf eine sehr lange Spanne Zeit

aus; so kommt es schließlich soweit, daß ein Mann bereits alt und grau

geworden ist, ehe er alle Speisen essen darf. Auch die Frauen müssen

sich ähnlichen Vorschriften unterziehen und sich bestimmter Speisen

bis zu einem gewissen Alter enthalten. Bei manchen Stämmen scheint

das Erzeugen von Schmucknarben mit der Aufhebung dieser Verbote in

Zusammenhang zu stehen; bei jedem Widerruf werden eine oder mehrere

Narben beigebracht.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 204. Ausschlagen eines Schneidezahnes bei einem Mädchen des

Kaitischstammes,

ein Brauch, der vielen australischen Stämmen eigen ist und bei Knaben

oder Mädchen in einem gewissen Alter ausgeführt wird.]

Wie unter den Melanesiern, so sind auch unter den Eingeborenen

Nordqueenslands +Fadenspiele+ sehr verbreitet. Es handelt sich

hierbei darum, eine Schnur zwischen den Fingern zu allerlei Figuren --

beliebt sind unter anderem Fische, Schildkröte, fliegender Fuchs, Kanu,

Kokospalme -- zu verstricken (Abb. 197).

Die +Zeremonien+, mit denen die Jünglinge in +die geheimen Sitten ihres

Stammes eingeführt werden+, stimmen in ihren großen Zügen in fast ganz

Ostaustralien (Viktoria, Neusüdwales und einem Teil von Queensland)

miteinander überein, dagegen wechseln sie in ihren Einzelheiten sowie

in ihrem Namen von Stamm zu Stamm. Der Einfachheit halber wollen wir

sie kurz als +Borazeremonien+, dem bei einigen Stämmen von Neusüdwales

üblichen und in die Wissenschaft eingeführten Namen, bezeichnen. Erst

wenn ein Mann mehrere Boraversammlungen mitgemacht hat, gilt er für

ein völlig eingeweihtes Mitglied des Stammes, indessen ist für ihn

die erste Sitzung, bei der er als Knabe zugegen war, die bei weitem

wichtigste.

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 205. Teilnehmer einer Einführungszeremonie (Pflaumenbaumtotem) bei

den Arunta.

Sie sind mit Streifen aus gelbem Ocker und Kohle bemalt und mit Daunen

beklebt; die sitzende Person trägt einen hohen Kopfputz, der einen

Pflaumenbaum darstellen soll.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 206. Schlußszene der Einführungszeremonie bei dem Aruntastamme.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 107 / 207 题