Besitzt eine Ortsgruppe einen oder zwei Knaben, die nach Ansicht der
älteren Männer das erforderliche Alter für die erste Bora erreicht
haben, so wird darüber in einer Sitzung ein Beschluß gefaßt und die
Vorbereitungen für die erste Sitzung getroffen, die vielleicht erst
nach Monaten zustande kommt. Es werden nun Boten ausgeschickt, um die
benachbarten Gruppen davon zu benachrichtigen. Auf diesen Gängen führen
die Boten gewöhnlich diesen oder jenen Gegenstand, je nach der bei den
einzelnen Stämmen herrschenden Sitte, mit sich, bald einen Botenstock,
ein kleines Stück Holz, das Kerben aufweist, bald ein Schwirrholz, oder
einen Männergürtel, oder einen Strauß Federn. Unter Vorzeigung dieses
Kennzeichens macht der Bote vor den alten Männern des Lagers Mitteilung
über Zeit und Ort der nächsten Bora, ladet sie ein und fordert sie
gleichzeitig auf, diejenigen Knaben mitzubringen, die ihrem Alter
nach eingeführt werden können. Ein solcher Bote gilt stets für heilig
und unverletzlich, selbst wenn er zu feindlich gesinnten Eingeborenen
kommen sollte. Kurz vor dem festgesetzten Tage begibt sich die das Fest
gebende Gruppe aufs Feld in die Nähe der Stelle, wo die Bora abgehalten
werden soll. Die eingeweihten Männer beginnen dann den Erdboden für
die Feier vorzubereiten. Der Plan hierzu fällt an den verschiedenen
Orten verschieden aus, allgemein üblich ist jedoch eine Dreiteilung des
Boragrundes. Man unterscheidet einen großen, kreisförmigen, sorgfältig
gesäuberten und geglätteten Platz, der von einem niedrigen Erddamm
umgeben ist, sodann einen oft vierhundert bis vierhundertfünfzig Meter
langen Pfad, der von dem großen Kreis in den Busch führt und in einen
kleinen gelichteten Kreis endet, der ebenfalls von einem niedrigen Damm
umzäunt wird. Frauen dürfen nur den größeren Kreis aufsuchen, aber
keine davon, überhaupt kein Uneingeweihter darf den Pfad erblicken;
auf Übertretung steht Todesstrafe. Auf jeder Seite des Pfades werden
nämlich verschiedene Zeichnungen auf dem Erdboden gemacht, entweder in
Gestalt erhöhter Erdhügel oder von Umrißzeichnungen (Abb. 195), die
mit einem Beil hergestellt werden und meistens verschiedene Tierarten,
zum Beispiel Känguruhe, Emue, Schlangen und so weiter, manchmal auch
geometrische Muster (Abb. 199) darstellen. Die Bäume zu beiden Seiten
des Pfades werden mit Schnitzereien verziert (Abb. 196), entweder
gleichfalls mit geometrischen Mustern oder mit Tieren. An einer Stelle
des Pfades oder des kleineren Kreises findet sich oft ein Erdhügel
aufgeworfen in Form einer menschlichen Gestalt, die ein mythisches
Wesen darstellt. Dieses, von einigen Stämmen Baiame genannt, hat nach
dem Aberglauben der Eingeborenen die Borazeremonien eingeführt und
findet sich bei jeder Veranstaltung wieder ein, um zuzusehen, ob die
Feier auch nach den alten Vorschriften durchgeführt wird.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 207. Szene eines Korroborietanzes des Aruntastammes.
Die sitzenden Leute singen und schlagen den Takt zu dem Tanz mit ihren
Bumerangs. In der Laubhütte schmücken sich die Tänzer.]
Rückt der Tag für die Zeremonie heran, so treffen die eingeladenen
Gäste aus der Umgebung allmählich ein. Sobald sich eine Gruppe dem
Borafeld nähert, sendet sie einen Boten voraus, der ihre Ankunft
ankündigt. Man empfängt die Gäste mit großer Feierlichkeit, die
teilweise in einem Tanze im großen Kreise besteht. Den Eingeweihten
unter ihnen wird dann der Pfad gezeigt, ebenso der kleine Kreis und
die Zeichnungen. Bei diesen Gelegenheiten, wo Männer aus verschiedenen
Gegenden zusammenströmen, kommt es zum Austrag alter Kränkungen durch
einen Kampf; aber wenn dann die Uneinigkeiten ausgeglichen sind, ist
der Friede wieder hergestellt, und die Zeremonie geht vor sich, sobald
der letzte Trupp der Eingeladenen eingetroffen ist.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 208. Mann mit Froschtotem.
Der hohe Kopfputz stellt einen heiligen Baum dar, und die Daunen an des
Mannes Kopf und Körper seine Wurzeln.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 209. Schlußszene eines Korroborietanzes,
die der vorderste, ein übernatürliches Wesen darstellende Mann anführt.]
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 210. Szene aus der Feuerzeremonie des Aruntastammes.