Abb. 190. Australisches Mädchen.]

[Illustration:

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 191. Australierin mit Schmucknarben.

Die bei den Eingeborenen als schön geltenden Narben werden ihnen in der

Zeit des Wachstums beigebracht.]

Die Australier +leben+ zerstreut über das Land +in kleinen Gruppen+

zusammen, in +Horden+ von höchstens hundert Mitgliedern, die das Land

durchstreifen und deren mehrere sich gewöhnlich zu einem Stamme,

allerdings oft genug in ganz losem Zusammenhange aneinandergeschlossen

haben. Jede Horde besitzt eine ziemliche Selbständigkeit und erledigt

ihre eigenen Angelegenheiten; die Ordnung innerhalb der Gruppe liegt in

den Händen älterer Männer, die sich durch große Klugheit, Gewandtheit,

Mut und gewisse Zauberkräfte vor den anderen hervorgetan haben und

darauf achten, daß die überkommenen Gebräuche streng weiter bewahrt

und Übertreter bestraft werden. -- Das gemeinsame Band, das die Horden

eines Stammes umschlingt, pflegen in erster Linie die gemeinsame

Sprache oder Mundart, ferner gemeinsame Gewohnheiten und Anschauungen

sowie gegenseitige Heirat und Tauschverkehr zu sein. Der Grund dafür,

daß es in Australien zu keiner Bildung größerer Verbände unter den

Eingeborenen gekommen ist, liegt darin, daß die trockene, dürre Natur

des Landes größere Menschenansammlungen nicht zu ernähren imstande

ist. -- In ihrer +Nahrung+ sind die Australier nicht wählerisch;

sie genießen alles, was sie auf ihren Streifzügen auf dem Lande und

zu Wasser erbeuten, hauptsächlich Beuteltiere, wie zum Beispiel das

Känguruh und Opossum, ferner Emue, Schlangen, Fische und so weiter,

und was ihre Weiber mit Hand und Grabstock an Wurzeln, Früchten,

Pilzen, Flechten und kleinem Getier wie Würmern, Larven, Insekten,

Ameisen, Heuschrecken, Raupen aus dem Boden ausgraben oder auflesen.

Mit großem Geschick verstehen sie sich darauf, der Fährte des Wildes

nachzugehen, sich an dasselbe wie ein Raubtier heranzupirschen und

aus unmittelbarer Nähe mittels Wurfspießes zu erlegen. Wenn der Wind

ungünstig steht, beschmieren sich gewisse Stämme Südaustraliens mit

Schlamm, um der Witterung vorzubeugen, oder, wenn es an Deckung fehlt,

bedecken sie ihren Körper mit stark beblätterten Zweigen; bei der Jagd

auf Wasservögel hüllen sie ihr Haupt in Schilf. Die Fische werden im

seichten Wasser entweder mit der Hand direkt ergriffen oder mittels

eines flachen Gegenstandes aufs Trockene geschleudert; in tieferen

Gewässern benutzt man Schlepp- oder Stellnetze, auch Hürden und Dämme,

sowie Fischspeere. -- Kleinere Tiere, sowie Wurzeln und Knollen werden

roh verzehrt, alles übrige in glühender Asche, auf heißen Steinen

oder, wie wir es in Polynesien bereits kennen lernten, in erhitzten

Erdgruben geröstet, beziehungsweise gargekocht. Das dazu erforderliche

Feuer gewinnt man entweder durch Bohren, Quirlen oder Reiben.

Menschenfresserei kam früher häufig vor, war aber wohl kaum allgemein

verbreitet. Sie entsprang dem Bestreben, durch Verzehren von Herz und

Nieren seines Feindes sich dessen gute Eigenschaften, in besonderem

Mut anzueignen, sowie der Rachsucht, Leckerei und in Zeiten der Not

auch dem Mangel an Fleisch. Im Innern des australischen Erdteils

scheint man dieser Unsitte noch zu frönen; hier bestand auch früher

Endokannibalismus, das heißt das Leichenverzehren von Angehörigen.

[Illustration:

Aus: Weule, Leitfaden der Völkerkunde.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 106 / 207 题