Im Anschluß hieran mögen noch einige Worte über die +Begräbnisgebräuche
beim Tode von Kindern+ folgen. Trotz ihrer niederen Kultur scheint
vielen Melanesiern der Tod ihrer Kleinen doch nahe zu gehen.
Verschiedentlich lesen wir, daß die Eltern die üblichen Totenklagen
ihretwegen anstimmen und sich das Gesicht schwärzen, wie beim Tode
eines Erwachsenen. Auf Kaiser-Wilhelms-Land trennen sich die Eltern
schwer von ihren Lieblingen; sie bemalen sie mit Ocker, wickeln sie in
Blätter ein und bewahren sie eine Zeitlang in ihrer Hütte auf. Bei den
Papua der Torresstraße soll der Fall vorgekommen sein, daß eine Mutter
ihr totes Kind beständig auf ihrem Rücken mit sich herumschleppte (Abb.
188), und ein Papua von Doreh soll sich das Bild seines Söhnchens
auf den Rücken haben einbrennen lassen. Bei den Mafulu herrscht die
seltsame Sitte, daß eine Frau, die ein Kind verloren hat, sich einen
ihrer Finger amputieren läßt; sie unterzieht sich dieser Prozedur
jedesmal, wenn sie dasselbe Unglück trifft; manchmal sogar drei- bis
viermal hintereinander.
[Illustration:
Aus: Spencer & Gillen, Native Tribes of Central-Australia.
Abb. 189. Hochwerfen eines Knaben in die Luft bei einer der
Aufnahmezeremonien des Aruntastammes.]
Australien.
Die Eingeborenen Australiens bieten in ihrem Äußeren ein im großen
und ganzen einheitliches Bild dar, das sie deutlich sowohl von den
Schwarzen Melanesiens als denen Afrikas unterscheidet, wenngleich
zwischen einzelnen Stämmen manche Abweichungen nicht zu verkennen
sind, was in erster Linie wohl mit der verschiedenen Lebensweise,
im besonderen der Ernährung, sodann aber auch mit der verschiedenen
ethnischen Mischung zusammenhängen dürfte. Sie sind eine Rasse von
etwas über Mittelgröße; die Männer werden im Durchschnitt etwa
hundertundsechzig bis hundertachtundsechzig Zentimeter hoch, jedoch
kommen gelegentlich auch große Leute vor. Trotzdem sie im allgemeinen
eine leidlich gut entwickelte Muskulatur besitzen, fallen die
Australier doch durch ihre große Magerkeit auf, die nicht selten so
hochgradig ist, daß man sozusagen die Knochen durch ihre Haut sehen
kann. Fettansatz fehlt ihnen zumeist, wohl infolge ungenügender
Ernährung. Dessenungeachtet ist ihr Körper auffällig geschmeidig
und ziemlich leistungsfähig. Daneben gibt es aber auch Stämme von
kräftiger, muskulöser Gestalt, und zwar dort, wo die Lebensbedingungen
günstigere sind. Die samtweich sich anfühlende Haut der Australier
wird für gewöhnlich als schwarz beschrieben, in Wirklichkeit aber
ist ihre Farbe mehr ein Schokoladenbraun; es kommen aber alle
möglichen Schattierungen vom dunkleren Schwarzbraun bis zum Braun des
Milchkaffees vor. Vielfach wird eine dunklere Farbe durch Einreiben
mit Ocker vorgetäuscht. Der Haarwuchs ist sehr üppig, selbst die Arme
sind zumeist mit kurzen, gekräuselten Haaren dicht bedeckt, oft genug
auch die ganze Körperoberfläche. Das Kopfhaar ist gewellt oder lockig,
und fällt für gewöhnlich bis auf die Schultern herab. Seine Farbe
ist ein glänzendes Schwarz mit einem Stich ins Braune oder Rotbraune;
etwa vorkommende rötliche Haare rühren vom Färben her. Der Bart pflegt
gut entwickelt zu sein. Der Schädel ist von langer, ziemlich hoher
Form. Das Gesicht ist niedrig und breit, die Backenknochen stehen
etwas vor, die niedrige, schmale Stirn dagegen tritt sehr zurück.
Bemerkenswert sind die kräftig entwickelten Augenbrauenwülste, die
große, ausdrucksvolle, tiefliegende Augen überschatten. Die Nase ist
kurz und dick, besitzt einen gerade verlaufenden Rücken und dicke
große Flügel; die Nasenwurzel ist durch eine scharfe Einsattlung von
der Stirn abgesetzt. Diese eigenartige Gesichtsbildung verleiht den
Australiern etwas ungemein Abstoßendes (Abb. 190 und 191).
Die +geistigen und sittlichen Eigenschaften+ der Australier werden
vielfach unterschätzt. Sie sollen nach dem Zeugnisse guter Kenner
über leichte Auffassungsgabe, scharfes Denken, gutes Vermögen, die
Dinge geistig zu verarbeiten, und ein vorzügliches Gedächtnis verfügen
und sich durch persönlichen Mut, Standhaftigkeit, Entschlossenheit,
Ausdauer, Selbstbeherrschung, Stolz, Zuneigung zu Familienmitgliedern
und ein gewisses Gefühl der Stammeszugehörigkeit auszeichnen. Daneben
weisen sie aber auch eine Reihe schlechter Eigenschaften auf, wie
Habsucht, Gefühllosigkeit, Rachsucht, Undankbarkeit, Mißtrauen,
Lügenhaftigkeit, Trägheit und große Unreinlichkeit. Seit der Entdeckung
Australiens durch die Europäer und der Besitzergreifung der brauchbaren
Landstrecken durch sie ist die eingeborene Bevölkerung in stetem
Rückgange begriffen, zumal da die Kolonisatoren rücksichtslos gegen
sie vorgegangen sind und epidemische Krankheiten verheerend auf sie
eingewirkt haben.
[Illustration:
Aus Straß, Naturgeschichte des Menschen.