mit einem menschlichen Schädel.]
Die +religiösen Übungen+ der Melanesier, zu denen die absonderlichsten
Götzenbilder dienen (Abb. 141 u. 144), gipfeln vor allem auf Neuguinea
-- denn hierüber sind wir am besten unterrichtet -- in dem Bestreben,
durch Gebete und Opfer die Macht des Mana sich anzueignen oder zum
eigenen Wohle nutzbar zu machen. In einigen Teilen Melanesiens bezieht
sich diese Verehrung hauptsächlich auf die Seelen Verstorbener, zum
Beispiel auf den Salomonen und den mehr westlich gelegenen Inseln, auf
anderen wieder sowohl auf diese wie auch auf Geister, zum Beispiel auf
den Neuhebriden und östlicheren Inseln. Gebete, die an diese Mächte
gerichtet werden, sind meistens Formeln, von denen man glaubt, daß sie
dem angerufenen Wesen angenehm und nur solchen bekannt sind, die zu
ihm Zutritt haben. Die +Opfer+ entspringen verschiedenen Motiven; sie
werden entweder dargebracht, um an Stelle des Menschen, der gefehlt
hat, die betreffende Macht durch ein Tier zu versöhnen, oder um etwas
von ihr zu erbitten, oder um sie zu erfreuen, mit dem stillen Wunsche,
dabei etwas zu erreichen, oder zum Ausdruck gebührender Aufmerksamkeit
oder Achtung. -- Auf den Neuhebriden und benachbarten Inseln werden zur
Erinnerung an Verstorbene von Rang große, aufrechtstehende Trommeln
errichtet, die nur bei Bestattungsfeierlichkeiten geschlagen werden
(Abb. 146).
[Illustration:
Phot. Rev. G. Brown.
Abb. 142. Melanesische Frauen,
festlich geschmückt zum Empfang ihrer von der Seereise zurückkehrenden
Männer. Die weißen Striche im Gesicht sind mit Kreide gezeichnet.]
Der einfachste und verbreitetste Opferakt ist der, daß den Seelen der
Toten ein kleiner Teil einer Yamswurzel oder einer anderen Speise,
die zum Essen zubereitet wurden, zugeworfen wird als Zeichen des
Gedenkens oder des Anteils für den Geschiedenen. Dieser Brauch herrscht
über ganz Melanesien. Er erfährt eine weitere Entwicklung dadurch,
daß man Speisen auf die Begräbnisstelle oder vor ein Gedenkbild des
Toten legt (Abb. 145), sie aber nicht verbrennt, sondern später wieder
fortnimmt und verzehrt. Eine noch höhere Stufe des Totenkultus stellt
die Sitte dar, die Speisen ebenfalls auf das Grab, vor das Gedenkbild
oder auf einen Altar zu legen, aber anzubrennen und später auch wieder
zu essen. Als Beispiel für ein solches Opfer führe ich die Schilderung
einer Zeremonie an, die auf der Insel San Cristobal (Salomonengruppe)
vorgenommen wurde, bevor man einen Kriegszug unternahm.
Die Macht, der ein solches Opfer dargebracht wurde, war der Seelengeist
eines Mannes genannt Harumä, der vor noch nicht zu langer Zeit
gestorben war, denn einige ältere Männer erinnerten sich noch seiner.
Dieser Geist stand in dem Glauben, stark und mächtig im Kriege zu sein,
etwas zwar Seltsames, wenn man bedenkt, daß Harumä, als er lebte, ein
freundlicher und wohlwollender Mann gewesen ist, der wohl gut mit
Mana ausgestattet, aber durchaus kein großer Krieger war. Harumäs
Totenschrein war ein kleines Haus im Dorfe, in dem seine Überreste
aufbewahrt wurden. Alte Männer des Dorfes versammelten sich hier, der
Hauptopferbringer wählte einen Mann aus, der an dieser Stätte ein
Schwein erdrosselte. Das tote Tier legte man nun in eine Schüssel und
zerschnitt es darin, damit sich das Blut in ihr ansammle und nicht auf
die Erde fließe. Nachdem dies geschehen war, nahm der Auserwählte ein
Stück Fleisch, schöpfte mit einer Kokosnußschippe etwas Blut aus der
Schüssel, betrat dann den Schrein und nahm das Stück Fleisch, sowie die
mit Blut gefüllte Schale mit hinein. Nun legte er erst seine Tasche
weg, wusch sich die Hände, damit der Ahne ihn nicht mit Widerwillen
abweise, und rief laut aus: „Harumä, Häuptling im Kriege! wir bringen
dir dieses Schwein zum Opfer, damit du uns beistehen mögest, jenen
Ort zu bestrafen; alles, was wir von dort forttragen werden, soll
dein Eigentum sein, und wir werden dir angehören.“ Hierauf brannte er
das Fleisch am Feuer auf einem Steine des Altares an und goß Blut in
die Glut. Diese flammte hoch auf und der Schrein füllte sich mit dem
Geruch des angebrannten Schweinefleisches, ein Zeichen, daß der Geist
des Harumä die Bitte erhört hatte. Das Fleisch wurde darauf verzehrt.
Die geschilderte Zeremonie wurde von einem einzelnen zum Wohle der
Gesamtheit vorgenommen, um einen Erfolg in dem bevorstehenden Kriege zu
erzielen.
[Illustration:
Aus „Kolonie und Heimat“.
Abb. 143. Signaltrommel vom Bismarckarchipel,
die aus einem ausgehöhlten Baumstamme hergestellt wird.]
[Illustration: Abb. 144. Kriegsgott von Hawai,
ganz aus bunten Federn bestehend.]
[Illustration:
Aus: Rannie, South Sea Cannibals.
Abb. 145. Erinnerungsbilder an Verstorbene auf den Salomonen,
die häufig auf einem Haufen Steine über der Grabstätte errichtet und
denen Opfergaben dargebracht werden.]
Es kommt aber auch vor, daß ein Eingeborener durch Mitteilung anderer
von gewissen Dingen Kenntnis erhalten hat, die ein besonderer
Vorfahrengeist sehr liebt, und diese zu seinem eigenen Vorteil
verwertet. Dies ist gewöhnlich im Kampf oder im Streit gegen einen
persönlichen Feind der Fall. Denn ohne diese Geisterhilfe würde
sich der hoffnungsvolle Sieger nicht nur der Gefahr des Mißerfolges
aussetzen, sondern auch der Wahrscheinlichkeit, daß, selbst wenn er
sein Opfer töten sollte, er dem Geiste dieses Gefallenen auf Gnade
und Ungnade ausgeliefert würde. Daher nimmt er nur unter dem Schutze
eines noch stärkeren Ahnengeistes, der seiner Ansicht nach mehr Mana
besitzt, den Kampf in dem Gefühl der Sicherheit auf. Er bietet zunächst
seinem befreundeten Geist etwas von dessen Lieblingsspeise an und
ruft seine Hilfe und seinen Schutz herbei, bevor er den in Aussicht
stehenden Angriff unternimmt. Befindet sich ein Melanesier in Gefahr
oder bedrängter Lage, so ruft er natürlich ebenfalls ein Wesen an, von
dessen Macht und Bereitwilligkeit ihm zu helfen er überzeugt ist. Er
tut es auch, damit dieses ihn vor Gefahren auf der See bewahre, seinem
Kanu schnelle Fahrt verschaffe, ihm in Krankheitsfällen beistehe,
beim Fischen oder bei der Ernte ihm einen guten Erfolg beschere und
anderes mehr. Fällt das Ergebnis zur Zufriedenheit aus, so richtet
der Betreffende Lobsprüche an seinen Geist. Aber, wie gesagt, muß
es sich um den Geist oder die Seele solcher Männer handeln, die bei
Lebzeiten Mana in sich trugen; die Seelen unbedeutender Männer sind
ebenso wie vor so auch nach ihrem Tode ohne Gewicht und vermögen nichts
auszurichten. Dagegen wird die Seele eines bedeutenden Mannes an Mana
nach dem Tode noch mehr erhalten und daher imstande sein, die Wünsche
derer zu erfüllen, die sich darauf verstehen, sich ihrer Hilfe zu
versichern.
Die +eigentlichen Geister+, das heißt diejenigen, die niemals als
Wesen in menschlicher Gestalt gesteckt haben, sind häufiger Gegenstand
einer Zeremonie auf den westlichen Inselgebieten Melanesiens. Die Art
und Weise ihrer Verehrung weicht indessen von der oben geschilderten
nicht unwesentlich ab. Diese Geister haben nämlich weder Totenschreine
noch Gedächtnisbilder, wie sie für die abgeschiedenen Seelen großer
Leute errichtet werden, sondern die ihnen geweihten Stätten sind
hauptsächlich das Werk der Natur. Das einzige, was für gewöhnlich
mit einem solchen Geist verknüpft ist, besteht in einem Stein von
etwas seltsamer Form. Solche Steine mögen manchmal wohl individuellen
Geistern aus alter Zeit heilig gewesen sein; oftmals weiß nur ein
einzelner Mensch darüber Bescheid, in welcher Weise man sich ihnen
nähern kann, und zwar kam diese Kenntnis auf ihn durch Überlieferung
von Generation zu Generation. Daher vermag er allein sich dem Steine
zu nähern, weil nur er eine persönliche Bekanntschaft mit dem Geist
besitzt. Jeder andere, der den Vorzug genießen will, von dem Geist
etwas zu erreichen, muß dies durch Vermittlung dieses Mannes tun.
Zunächst macht er diesem ein Geschenk in Gestalt eines Schweines, mit
Matten, einheimischem Muschelgeld und anderen Kostbarkeiten. Letzterer
opfert nun, indem er seine Gabe auf den geweihten Stein legt, dem
Geist, und ruft seine Hilfe an.
[Illustration:
Phot. C. M. Woodford.
Abb. 146. Erinnerungsbilder an verstorbene Eingeborene von Rang auf den
Neuhebriden
in Gestalt großer, aufrechtstehender Trommeln, die nur bei
Begräbnisfeierlichkeiten geschlagen werden.]
[Illustration:
Phot. J. W. Beattie, Hobart.
Abb. 147. Totenschrein für einen vornehmen Eingeborenen der
Salomoinseln.]
Über das +Wesen der Ahnenseelen und Geister+ haben sich die Melanesier
folgende Ansicht gebildet. Der Mensch beherbergt während seines
Lebens in seinem Körper sein „Seelenich“, das ihn bei seinem Tode
als Ahnenseele verläßt. Es kann sich auch während des Schlafes aus
dem Körper entfernen; erwacht der Mensch aber, bevor die Seele
zurückgekehrt ist, so wird der Betreffende wahrscheinlich krank;
bleibt die Seele zu lange fort, dann stirbt der Mensch. Niesen gilt
bei den Koita für ein Anzeichen, daß die Seele wiedergekehrt ist;
wenn ein Mensch wochenlang nicht niest, so wird dies als eine üble
Vorbedeutung angesehen. Stirbt ein Mensch, dann geht seine Seele nach
einem bestimmten Ort, der von den einzelnen Völkern ganz verschieden
lokalisiert wird, im allgemeinen aber für eine Art Paradies gilt,
das heißt eine Stätte, wo die Seele ein ähnliches glückliches Dasein
führt wie bei Lebzeiten, unter anderem Häuser, Gärten, Weiber,
Nahrung und so weiter zur Verfügung hat. Wichtig ist, daß dem
Verstorbenen bei Lebzeiten die Nasenscheidewand durchbohrt worden
ist; andernfalls muß dies nach dem Tode noch nachgeholt werden. Denn
käme er ohne diese Verschönerung des Körpers im Paradies an, dann
hätte er zu gewärtigen, dort mit einem blindschleichenähnlichen
Tiere in der Nase einherspazieren zu müssen. Nach dem Glauben der
Eingeborenen von Neupommern muß die Seele auf ihrer Wanderung zu
ihrem zukünftigen Aufenthaltsort an zwei Felsen vorbei, an denen sie
über ihr Leben ausgefragt wird. War ihr Besitzer freigebig, dann darf
sie weitergehen, war er aber geizig, dann muß sie wieder zurück nach
Süden in ein Gebirge, wo sie in einen Felsen verwandelt wird und in
der Brandung stehen muß. Indessen bleibt die Seele, die den Körper
verlassen hat, nicht dauernd in diesem Geisterreich, sondern zieht
es vor, gelegentlich, meistens in der Nacht in ihre frühere Heimat
zurückzukehren, aber keineswegs immer mit dem Gefühle des Wohlwollens;
im Gegenteil, sie sucht die Zurückgebliebenen zu schädigen, besonders
wenn sie etwas verbrochen haben, zum Beispiel die Begräbnisgebräuche
vernachlässigten, die Stammessatzungen verletzten und ähnliches mehr.
Für solche Taten schickt die Seele Krankheit und Unglück. Daher
opfert man den Seelen der Verstorbenen, um sie gut zu stimmen oder zu
versöhnen. Verschiedentlich nimmt man an, daß die Seelen bestimmte
Gestalt annehmen können, zum Beispiel nach dem Glauben der Mafululeute,
daß die Seele eines jungen Menschen zu einem schimmernden Lichte auf
dem Erdboden oder im Unterholz werde, oder die eines älteren Mannes
zu einer großen Pilzart, die auf den dortigen Bergen wächst, nach dem
Glauben der Sulka (Neupommern), daß sie sich in eine Sternschnuppe
verwandle und anderes mehr. Die Mafulu sind davon überzeugt, daß die
Seelen manchmal in die Dörfer herabsteigen, um sich Nahrung zu holen,
oder auch in anderer Absicht, und da sie ihre Besuche fürchten, so
verschließen sie nachts alle Öffnungen in ihren Häusern, durch welche
die Geister etwa eindringen könnten. Sie waren daher nicht wenig
erstaunt, als sie sahen, daß die katholischen Missionare bei Eröffnung
der Mafulustation alle bei offenen Türen und Fenstern zu schlafen
wagten. Die Mafulu halten überhaupt jeden Ort, der etwas ungewöhnlich
aussieht, wie einen Wasserfall, eine tiefe Stelle in einem Fluß,
eine schmale, tiefe Felsschlucht oder einen seltsam geformten Felsen
für den möglichen Wohnort einer Seele. Sie glauben auch, daß gewisse
Bäume und Schlingpflanzen von Seelen bewohnt werden, und wagen es
daher nicht, diese zu fällen oder abzuschneiden. Geht eine plaudernde
Gruppe Eingeborener an Stätten vorbei, die vermutlich von einer Seele
bewohnt sind, so verstummen sie; ein jeder hat sich zuvor mit einem
Grasbündel, das zu einem Knoten gebunden ist, bewaffnet, und legt es
beim Vorübergehen auf die geheimnisvolle Stelle; dadurch glaubt er jede
Gefahr von sich abzuwenden.
[Illustration:
Phot. G. Landtmann.
Abb. 148. Eingeborener vom Flyriver in dem Aufzug eines aus dem Lande
der Toten zurückgekehrten Geistes.
Die Umhüllung besteht ganz aus Blättern. Die Frauen glauben, daß der
vor ihnen tanzende Geist ihr verstorbener Verwandter sei und weinen
während des Tanzes.]
Bei den Papua westlich des Flyriver führen Männer, die aus dem
Lande der Toten zurückgekehrte Geister darstellen sollen, vor den
eingeborenen Frauen einen Tanz auf. Ihr Körper nebst dem Gesicht ist
ganz mit Blättern bedeckt (Abb. 148), so daß sie nicht erkannt werden
können. Die Frauen glauben, daß die Tänzer ihre verstorbenen Verwandten
sind, und weinen während des Tanzes. -- Auch Geister spielen in dem
Glauben der Melanesier eine große Rolle. Sie glauben sich beinahe auf
Schritt und Tritt von ihnen und ihren Einflüssen umgeben. Man meint,
daß sie bestimmte Orte oder Bezirke, auch Gegenstände, wie Felsen,
Bäume, Quellen, Wasserlöcher bewohnen, die Gestalt von gewissen Tieren,
wie Schlangen, Sternfischen, Krabben und dergleichen, annehmen können
und innerhalb ihres Bereiches ihre Macht ausüben. Wird zum Beispiel ein
Mitglied einer im Freien lagernden Gruppe von irgend einer Krankheit
oder dem Tod befallen, bekommt es durch den Biß eines Insektes Wunden
oder Geschwüre, erfährt es überhaupt eine Widerwärtigkeit, dann
schreibt man dieses Ereignis dem Werke eines Geistes der betreffenden
Stelle, wo der Verunglückte sich gerade aufhielt, zu. Man fürchtet
sich daher vor diesem Orte und meidet ihn beim nächsten Male. Gegen
solche Zufälle sucht man sich durch Zauber zu schützen, beziehungsweise
ihnen vorzubeugen. In der Nähe von Port Moresby zum Beispiel liegt ein
seltsam geformter Hügel, der für den Sitz eines Geistes gilt und daher
nicht betreten wird; mit einem Knüttel oder einem Holz von einem Baume
seiner Umgebung könnte man einem anderen schwere Wunden beibringen.
Tötet jemand in der Umgebung dieses Hügels auf der Jagd ein Wallaby, so
achtet er sorgfältig darauf, daß kein Tropfen Blut auf die Erde fällt.
Sollte dies unglücklicherweise doch geschehen, so wird das Stück Erde
behutsam fortgenommen und in den Fluß geworfen; denn sonst würden die
Menschen, die von dem Tiere essen, erkranken. Wollen Menschen aus einem
bestimmten Wasserloch trinken, das von einem Geiste bewohnt wird, so
müssen sie erst in das kegelförmig zusammengerollte Blatt, mit dem
sie schöpfen, ein Loch machen, damit der Geist herausfalle. Täten sie
dieses nicht, dann würde er in den Menschen, der das Wasser trinkt,
einziehen und ihn zum Anschwellen und Sterben bringen. Bisweilen
nimmt auch ein böser Geist von dem Seelenich eines Mannes Besitz.
Wenn zum Beispiel jemand auf seiner Rückkehr aus dem Busch das Fieber
mit dem es begleitenden Schüttelfrost bekommt, so nimmt man an, er
sei gefallen und ein Geist habe sein Seelenich mitgenommen. Es ist
dann eine besondere Zeremonie nötig, um den Geist zu veranlassen,
daß er wieder herausgeht. Wertvolle Zieraten werden an ein langes
Bambusrohr gebunden, und der Kranke sowie seine Freunde gehen an die
Stelle zurück, von der er glaubt, daß er dort hingefallen sei und die
Besinnung verloren habe; zwei andere Männer bringen das Rohr mit. Jetzt
stellen sie einen Topf auf die Erde, füllen ihn mit einer besonderen
Grasart und einem brennenden Feuerstock und halten das Bambusrohr in
horizontaler Lage darüber. Während das Gras knisternd brennt und die
Männer den Topf umstehen, jeder mit einem Steine in der Hand, schlagen
sie mit diesem auf den Topf und zertrümmern ihn unter Stöhnen. Dann
kehrt die Gesellschaft mit ihrem Bambus in das Dorf zurück, aber
niemand darf sich dabei umsehen. Zu Hause angekommen legt sich der
Kranke nieder, der Bambusstock wird über seinem Lager aufgehängt. Es
scheint dabei der Aberglaube zu bestehen, daß der Geist die Seelen der
Ziergegenstände, die an dem Bambusstock befestigt sind, als Ersatz für
die Seele des kranken Mannes hinnehme und daß daraufhin sich dieser
wieder erhole.
+Zauberei und Magie+ nehmen einen großen Platz in den abergläubischen
Vorstellungen der Melanesier ein. So verwenden die Wahrsager auf den
Inseln der Torresstraße eigens dazu präparierte Menschenschädel (Abb.
149 und 150). Wir haben bereits mehrfach diese beiden Punkte berührt.
Der Zauberer, der seine geheimnisvolle Kraft ausübt, tut dies mit Hilfe
eines Geistes, und zwar vermöge des Mana, das dieser ihm verliehen
hat. Solche Fähigkeiten werden von ihren Inhabern wieder auf andere
vererbt, indem diese von ihnen darin eingeweiht werden. Jegliche
Krankheit, die nicht gerade eine gewöhnliche ist, also im natürlichen
Verlaufe des Lebens vorkommt und dann auch als eine solche aufgefaßt
wird, gilt ihnen als das Werk eines Geistes oder einer Ahnenseele. Die
Wesen jedoch, denen für gewöhnlich die Verursachung von Krankheiten
zugeschrieben werden, sind Seelen, die entweder beleidigt wurden, oder
die um ihre verderbliche Hilfe von den mit ihnen verbundenen Menschen
durch Opfer und Zaubersprüche angegangen wurden, oder die aus reiner
Bosheit gegen die Lebenden so handeln. Der gewöhnliche Glaube geht
dahin, daß der Geist den Menschen dabei auffrißt. Oft muß zunächst
erst die Seele oder der Geist ausfindig gemacht werden, welche die
Krankheit hervorgerufen haben; hat sich zum Beispiel herausgestellt,
daß der Kranke verbotenerweise einen geweihten Ort betrat, dann
liegt die Annahme nahe, daß der Geist dieses Ortes seine Krankheit
herbeigeführt haben muß. In diesem Falle wird der Vertraute dieses
Geistes geholt, der daraufhin eine Zeremonie mit dem Kranken vornimmt
-- so kaut er auf Florida (Salomoinseln) Ingwer und bläst ihn in das
Ohr des Patienten -- und den Geist bittet, die Krankheit zu beseitigen.
Wird der Kranke nicht gesund, dann versucht man es mit einem anderen,
möglicherweise beleidigten Geist auf die gleiche Art. Kann man das
betreffende überirdische Wesen überhaupt nicht feststellen, so wendet
sich jemand, der mit einem mächtigen Geist vertraut ist, an diesen
und bittet ihn um Vermittlung bei dem beleidigten Geist, wobei ohne
weiteres vorausgesetzt wird, daß jener diesen kenne. In manchen Fällen
vermutet man auch, daß irgend ein Mensch, der dem Kranken übel will,
seinen eigenen ihm vertrauten Geist angerufen und dazu gebracht hat,
die Krankheit zu verursachen; dann bemüht man sich, einen mit einem
noch mächtigeren Geist verbundenen Menschen zu veranlassen, daß er
aus Mitgefühl den verzehrenden Geist abrufe. Weigert er sich, dies zu
tun, dann bleibt immer noch die Möglichkeit, seine Zuflucht zu einem
zu nehmen, der zu einem noch mächtigeren Geiste Beziehungen unterhält,
damit der den anderen austreibe. Der Ausgang, ob Genesung oder Tod,
beeinflußt dann die öffentliche Meinung über die relative Macht der
verschiedenen Seelen oder Geister.
[Illustration:
Phot. A. C. Haddon.
Abb. 149. Präparierter und verzierter Schädel zum Wahrsagen auf den
Inseln der Torresstraße.
Wer seine Wirksamkeit in Anspruch nehmen will, legt ihn nachts neben
seinen Kopf; im Traume wird ihm die Wahrheit kund.]
[Illustration:
Phot. A. C. Haddon.
Abb. 150. Präparierter und verzierter Schädel zum Wahrsagen auf den
Inseln der Torresstraße.]
Von den Eingeborenen Neumecklenburgs, Neulauenburgs und noch anderer
Inseln Melanesiens wird zur Behandlung von Schädelverletzungen, die
zumeist durch Schleudersteine entstehen, sowie zur Beseitigung von
Epilepsie oder Linderung andauernder heftiger Kopfschmerzen die
Trepanation vorgenommen, das heißt die Freilegung der Schädeloberfläche
und unter Umständen die Öffnung der Schädelhöhle. Man begnügt sich
auch in weniger ernsten Fällen mit einem Schaben des Stirnknochens;
auch hiervon können tiefe Narben zurückbleiben (Abb. 151). Ein
Obsidiansplitter, ein scharfer Haifischzahn oder eine geschärfte
Muschel geben das primitive Handwerkszeug für diese Operationen ab.
Wenn man in einer Gegend von Neumecklenburg die Vermutung hat, daß ein
Mann durch Zauberei gestorben ist, so versammeln sich seine Freunde
in der nächsten Nacht um sein Haus; ein Zauberer ruft seine Seele an
und fragt sie, wer der Schuldige war. Erhält er keine Antwort, so ruft
er den Namen eines Verdächtigen aus, und die Umstehenden lauschen
eifrig auf die Antwort. Kommt aber keine solche, so wird ein anderer
Name gerufen; dies wiederholt sich so lange, bis ein Laut, sei es
auch nur ein Geräusch, wie wenn jemand mit dem Finger auf ein Brett
tippt, vernommen wird. Daraufhin hält man den zuletzt Genannten für den
Schuldigen; das heißt, man glaubt, daß nicht er direkt den Tod seines
Nächsten verschuldet hat, sondern die Macht des ihm vertrauten Geistes.
In manchen Gegenden der Salomoinseln entdeckt der zur Erkrankung eines
Menschen herbeigerufene Zauberer den Geist, der das Unheil angerichtet
hat, dadurch, daß er einen Stein an einem Bindfaden, den er in der Hand
hält, befestigt und die Namen der kürzlich Verstorbenen aufruft. Gerät
der senkrecht an dem Faden hängende Stein bei irgend einem Namen in
Bewegung, dann erkennt man daran, daß es nur die Seele dieses Mannes
gewesen sein kann. Nun werden die Namen von Geschenken für den Geist,
zum Beispiel Yamswurzel, Fische, Schweinefleisch und dergleichen, der
Reihe nach genannt; der Ausschlag des Steines zeigt dann an, was der
Geist zur Besänftigung ausgewählt hat. Das von ihm geforderte Geschenk
wird am Grabe des Toten oder an einem geweihten Orte geopfert.
[Illustration:
Aus: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee.
Abb. 151. Junger Mann mit tiefen Stirnnarben,
die von einer Operation am Schädel herrühren; sie wurde in der
frühesten Kindheit vorgenommen, um Epilepsie oder Kopfschmerzen dadurch
zu beseitigen.]
[Illustration:
Aus: Seligmann, The Melanesians.
Abb. 152. Ein zu Zauberkünsten dienender menschlicher Schädel aus Roro
(Neuguinea).
Der Schädel ist in einen Weidenkorb gestellt mit der Basis nach außen,
die ein Gesicht darstellen soll.]
In manchen Gegenden Melanesiens gibt es +verschiedene Methoden, um
Krankheit oder Tod herbeizuführen+, aber allen liegt doch der Gedanke
zugrunde, daß das Opfer mit dem Geist in irgend einer Weise in
Verbindung gebracht werden muß, der ihm schaden soll. Für gewöhnlich
macht man es so. Man nimmt etwas vom Körper des ausersehenen Opfers
(Abb. 152 und 153), zum Beispiel ein Haar, ein Stück Fingernagel oder
etwas, was sonst mit ihm eng verbunden war, sagen wir ein Überbleibsel
seiner Mahlzeit, die er kürzlich eingenommen hat, oder ein Blatt, mit
dem er sich den Schweiß von der Stirn trocknete, und leitet darauf
die böse Zauberkraft eines Knochens von einem Toten, dessen Seele die
ausübende Kraft ist, oder eines Steines, der Mana besitzt, um Unheil
anzurichten, oder irgend eines anderen derartigen Gegenstandes. Oder
man wirft den betreffenden Gegenstand auch auf eine geweihte Stätte,
die der Geist bewohnt. Dadurch soll dessen Träger krank werden oder
sonst ein Unglück erleiden. Das Opfer erfährt bald davon durch einen
Dritten, daß es verzaubert worden ist, und die Einbildung, daß ihm ein
Unheil, zumeist der Tod bevorstehe, wirkt so mächtig auf sein Gemüt
ein, daß es tatsächlich krank und von Tag zu Tag hinfälliger wird.
Die Angehörigen wenden sich nun an einen Zauberer, der daraufhin den
fremden Geist mit Hilfe des ihm vertrauten zu bestimmen versucht, daß
er von seinem Opfer abläßt. Um solchem Unheil vorzubeugen, ist es daher
allgemein Brauch bei diesen Leuten, daß sie etwaige Gegenstände, die
für diese Zwecke Verwendung finden könnten, sorgfältig verstecken,
damit sie nicht einem Übelwollenden in die Hände fallen. Ein anderes
Vorgehen zur Abwendung eines Zaubers wurde in einer Gegend von
Deutsch-Neuguinea beobachtet. Ein Kranker sandte öfters einen Boten
nach einem bestimmten Orte, wo die verdächtige Seele hausen sollte,
um von dort ein Büschel Gras zu holen; dieses trug er in die Blätter
einer besonderen Pflanze eingewickelt und mit einer bestimmten
Schlingpflanze noch zusammengebunden zurück. Der Kranke wurde mit
dem kleinen Bündel gestreichelt, damit die böse Macht, von der er
besessen wäre, dorthin übergehe; darnach wurde das Büschel tüchtig
geschlagen, um die Macht zu zermalmen, oder es wurde in den Rauch des
Feuers gehängt, um sie zu ersticken. -- Die Eingeborenen verwenden
auch Heilmittel, die nach ihrem Glauben Zauber und Krankheit zu bannen
vermögen. Manchen von ihnen mag zwar eine gewisse Heilkraft zukommen,
aber zumeist beruht ihre Wirksamkeit doch auf dem Glauben an die Macht
eines übernatürlichen Geistes; der ausübende Zauberer ist mit dem
Geisterwesen vertraut, und der in Betracht kommende Geist bringt eben
die Heilung zustande.
[Illustration:
Aus: Brown, The Melanesians.
Abb. 153. Die Mittel eines Zauberers.
Der Inhalt der Netze besteht aus Körperteilen (Haaren, Zehennägeln und
dergleichen) von einem Menschen, der verhext werden soll.]
Die Geister und Seelen haben auch das +Wetter+ in der Hand; und ebenso
beherrschen es alle diejenigen, die mit diesen vertraut sind und ihre
Vermittlung anrufen können. Daher gibt es auch Wettermacher, die Wind
und Stille, Regen und Sonnenschein, Hungersnot und reichliche Ernte
herbeiführen zum Vorteil derer, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen, oder
zum Schaden der Feinde letzterer (Abbild. 154 u. 155). Die Geister und
Seelen können auch Beschwörungsformeln, Steinen, Blättern und anderen
leblosen Gegenständen Macht verleihen, damit sie aus sich heraus das
Wetter beeinflussen. Die Methoden, die diese Wettermacher anwenden,
sind ganz verschiedene. Auf einer der Salomonen zum Beispiel wurde
folgendes Verfahren eingeschlagen, um Sonnenschein herbeizuführen.
Bestimmte Blätter und Schlingpflanzenranken wurden von einem Insulaner
an das Ende eines Bambusstockes gebunden und über ein Feuer gehalten.
Der Mann fachte das Feuer an und sang dabei, um dem Feuer Mana
einzuverleiben, das dieses wiederum auf die Blätter übertragen sollte.
Dann kletterte er auf einen Baum und befestigte den Bambusstock an
dessen äußerstem Zweig. Während der Wind das biegsame Rohr hin und
her bewegte, verbreitete es Mana um sich, woraus alsdann die Sonne
zum Vorschein kommen sollte. -- Auf den Neuhebriden glauben die
Eingeborenen, sich dadurch Sonnenschein verschaffen zu können, daß sie
Zweige einer Pflanze, die mit Mana getrocknet wurden, über das Feuer
halten, und dabei Zaubersprüche singen in der Hoffnung, daß dadurch
geradeso, wie diese Zweige vertrockneten und in dem Feuer verbrannten,
auch die Erde infolge der kommenden Sonnenhitze Trockenheit annehmen
wird. Auf den Santa-Cruz-Inseln wird, um Wind herbeizuführen, der Zweig
eines bestimmten Baumes ebenfalls unter Absingen von Zaubersprüchen in
der Luft geschwenkt.
[Illustration:
Phot. A. C. Haddon.
Abb. 154. Regenschirm aus Kokosnußblättern,
in dem der Zauberer den Regenzauber verbirgt. Sein oberer Teil wird
schwarz gemacht, um die Wolke vorzustellen, an der Spitze werden junge
Kokosnußblätter aufgehängt, um die fallenden Regentropfen anzudeuten.]
Das ganze Leben und Treiben der Melanesier erscheint von Zauberei
gleichsam durchsetzt zu sein, die bei den verschiedensten
Gelegenheiten, überhaupt bei allem, was des Menschen Herz beschäftigt
und erfreut, angewendet wird. Will zum Beispiel auf Deutsch-Neuguinea
ein Jäger auf seinem Ausfluge Glück haben, so verbrennt er eine
bestimmte Sorte Holz, das aus dem Innern, wo die „Jagdgeister“
hausen, herstammt, und schwärzt sich mit dem Ruß Gesicht, Hände, Knie
und Ellbogen, desgleichen die Nase seines Hundes, oder er mischt
winzige Teilchen eines Krokodilzahnes unter das Hundefutter, damit die
Gier und Kraft dieses Tieres auf seinen Begleiter übergehe, oder er
berührt die Nase des Hundes mit der Klaue eines habichtartigen Vogels,
damit er seine Beute krampfhaft festhalte wie dieser. Um beim Anbau
von Tarowurzeln einen guten Erfolg zu erzielen, muß der Eingeborene
einen Tarostein besitzen, den er anruft, und mit dem er die Tarostücke
berührt, ehe er sie in die Erde legt. Die Entstehung solcher Tarosteine
wird auf folgende interessante Legende zurückgeführt. Es war einmal
ein Geist, der großen Appetit auf Taro hatte und von dieser Wurzel
eine riesige Menge verzehrte; als aber die Wurzeln in seinem Magen
zu sprossen begannen, platzte dieser und die Tarostücke flogen nach
allen Richtungen und verwandelten sich in Steine, die fortan die
Macht besaßen, bei der Tarozucht Erfolg herbeizuführen. Zaubersteine
finden auch Verwendung, um Männer flink, leichtfüßig und ausdauernd
zu machen, so daß sie imstande sind, ohne Ermattung die ganze Nacht
hindurch zu tanzen; man schabt von den Steinen ein Pulver ab und reibt
damit die Glieder dieser Dauertänzer ein. Manche Männer besitzen
auch die +Macht des Weissagens+, die ihnen nach dem Aberglauben
der Eingeborenen meistens durch die Geister und Seelen Verstorbener
verliehen wird; ihre Antworten gehen durch den Mund des Wahrsagers, der
während des Zwiegesprächs mit den Geistern anscheinend die Besinnung
verloren hat. Wird zum Beispiel über einen Kriegszug beraten, so niest
und schüttelt sich einer der Teilnehmer, der im Rufe steht, mit einem
überirdischen Geiste vertraut zu sein, woraus man entnimmt, daß der
Geist bei ihm Einzug gehalten hat. Seine Augen beginnen zu funkeln,
sein Mund zu schäumen, seine Glieder zu zucken, schließlich krampft
sich der ganze Körper zusammen; darauf ertönt aus seiner Kehle eine
Stimme, aber angeblich nicht seine eigene, sondern die des Geistes, die
den Vorschlag der Versammlung mißbilligt oder gutheißt. Diese Antwort
ist dann ausschlaggebend für die Teilnehmer.
[Illustration:
Phot. A. C. Haddon.