Äußerst zahlreich sind die +Zeremonien+ der Melanesier, die sich +auf
den Eintritt in die verschiedenen Lebensstadien+ beziehen. Schon +vor
der Geburt+ ist das Kind Gegenstand abergläubischer Fürsorge und
Furcht. Während der Schwangerschaft müssen von der angehenden Mutter
manche Bestimmungen eingehalten und gewisse Zeremonien beobachtet
werden, um die Leibesfrucht vor dem Einflusse böser Geister zu
schützen oder Mißbildungen vorzubeugen, auch um die Niederkunft zu
erleichtern. So verfertigt auf Neupommern der Dorfzauberer für die
Frauen, die zum ersten Male guter Hoffnung sind, oder auch für solche,
die eine Fehlgeburt durchgemacht haben, ein Amulett aus Tierzähnen,
Muscheln und Rotangfasern, das die weiblichen Teile versinnbildlicht
und über der Brust oder den Rücken getragen wird (Abb. 88). --
Vielfach begegnen wir auch gewissen Speiseverboten; so dürfen die
schwangeren Motu-Motu-Frauen (Britisch Neuguinea) keine Taro- oder
Yamswurzel und Süßkartoffeln, die Schwangeren anderer Gegenden
keine scharfen Speisen zu sich nehmen, ebenso dürfen die Kunifrauen
(Britisch-Neuguinea) keine Schlangen, Leguane und dergleichen essen.
Die angehenden Mütter glauben, daß diese Tiere sich sonst in ihrem
Leibe festsetzen und dadurch die Geburt hindern könnten und anderes
mehr. Bei verschiedenen Stämmen müssen sich die Schwangeren einige
Zeit vor der Geburt von der Außenwelt absondern, zumeist in einer
für diesen Zweck eigens erbauten kleinen Hütte, in der sie kein
männliches Wesen, der eigene Mann nur vereinzelt besuchen darf. Die
Verpflegung der Abgesonderten geschieht durch Frauen, die ihr auch
in der schweren Stunde beistehen. -- Geht jemand auf der Insel Andei
(Nordküste Neuguineas) an einem solchen Hüttchen vorbei, dann darf er
auf dem gleichen Wege nicht wieder zurückkehren, andernfalls würden
die Gärten durch Schweine verwüstet werden. Wer die Mutter mit dem
noch säugenden Kinde trifft, muß das Gesicht von ihr abwenden, um
nicht krank zu werden. Im Bismarckarchipel begibt sich die Schwangere
kurz vor ihrer Entbindung an den Meeresstrand und wirft sich mit einem
Stein in die brandende Welle. Hebt diese sie empor, so muß sie von
neuem untertauchen; sie hofft dadurch die Geburt zu erleichtern und des
Kindes Wohlbefinden zu fördern. -- Auch der Mann übernimmt während der
Schwangerschaft der Frau gewisse Pflichten. Die Motu-Motu-Männer müssen
in dieser Zeit auf den Genuß von Krokodilfleisch und Fischen, die Papua
von Kaiser-Wilhelms-Land auf Betelkauen und Tabakrauchen verzichten.
Selbst männliche Verrichtungen müssen eingestellt werden, so dürfen
die Ehemänner der Papua von Kaiser-Wilhelms-Land sich nicht aufs Meer
wagen, weil sie dort ertrinken könnten, auch keine Fische fangen, weil
dies sich doch nicht lohne, überhaupt die männlichen Dorfbewohner
insgesamt das Dorf nicht verlassen, weil sonst die Plantagen nicht
gedeihen würden und dergleichen mehr.
[Illustration:
Phot. George Brown.
Abb. 72.