Abb. 71. Eingeborenendorf in Neumecklenburg.]

Äußerst zahlreich sind die +Zeremonien+ der Melanesier, die sich +auf

den Eintritt in die verschiedenen Lebensstadien+ beziehen. Schon +vor

der Geburt+ ist das Kind Gegenstand abergläubischer Fürsorge und

Furcht. Während der Schwangerschaft müssen von der angehenden Mutter

manche Bestimmungen eingehalten und gewisse Zeremonien beobachtet

werden, um die Leibesfrucht vor dem Einflusse böser Geister zu

schützen oder Mißbildungen vorzubeugen, auch um die Niederkunft zu

erleichtern. So verfertigt auf Neupommern der Dorfzauberer für die

Frauen, die zum ersten Male guter Hoffnung sind, oder auch für solche,

die eine Fehlgeburt durchgemacht haben, ein Amulett aus Tierzähnen,

Muscheln und Rotangfasern, das die weiblichen Teile versinnbildlicht

und über der Brust oder den Rücken getragen wird (Abb. 88). --

Vielfach begegnen wir auch gewissen Speiseverboten; so dürfen die

schwangeren Motu-Motu-Frauen (Britisch Neuguinea) keine Taro- oder

Yamswurzel und Süßkartoffeln, die Schwangeren anderer Gegenden

keine scharfen Speisen zu sich nehmen, ebenso dürfen die Kunifrauen

(Britisch-Neuguinea) keine Schlangen, Leguane und dergleichen essen.

Die angehenden Mütter glauben, daß diese Tiere sich sonst in ihrem

Leibe festsetzen und dadurch die Geburt hindern könnten und anderes

mehr. Bei verschiedenen Stämmen müssen sich die Schwangeren einige

Zeit vor der Geburt von der Außenwelt absondern, zumeist in einer

für diesen Zweck eigens erbauten kleinen Hütte, in der sie kein

männliches Wesen, der eigene Mann nur vereinzelt besuchen darf. Die

Verpflegung der Abgesonderten geschieht durch Frauen, die ihr auch

in der schweren Stunde beistehen. -- Geht jemand auf der Insel Andei

(Nordküste Neuguineas) an einem solchen Hüttchen vorbei, dann darf er

auf dem gleichen Wege nicht wieder zurückkehren, andernfalls würden

die Gärten durch Schweine verwüstet werden. Wer die Mutter mit dem

noch säugenden Kinde trifft, muß das Gesicht von ihr abwenden, um

nicht krank zu werden. Im Bismarckarchipel begibt sich die Schwangere

kurz vor ihrer Entbindung an den Meeresstrand und wirft sich mit einem

Stein in die brandende Welle. Hebt diese sie empor, so muß sie von

neuem untertauchen; sie hofft dadurch die Geburt zu erleichtern und des

Kindes Wohlbefinden zu fördern. -- Auch der Mann übernimmt während der

Schwangerschaft der Frau gewisse Pflichten. Die Motu-Motu-Männer müssen

in dieser Zeit auf den Genuß von Krokodilfleisch und Fischen, die Papua

von Kaiser-Wilhelms-Land auf Betelkauen und Tabakrauchen verzichten.

Selbst männliche Verrichtungen müssen eingestellt werden, so dürfen

die Ehemänner der Papua von Kaiser-Wilhelms-Land sich nicht aufs Meer

wagen, weil sie dort ertrinken könnten, auch keine Fische fangen, weil

dies sich doch nicht lohne, überhaupt die männlichen Dorfbewohner

insgesamt das Dorf nicht verlassen, weil sonst die Plantagen nicht

gedeihen würden und dergleichen mehr.

[Illustration:

Phot. George Brown.

Abb. 72.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 54 / 207 题