Abb. 67. Heiratsfähiges Mädchen der Koita (Neuguinea)

mit Tatauierungen, die vom fünften Jahre ab begonnen und jedes

Jahr fortgesetzt werden. Die ~V~-förmige Zeichnung zeigt die

Heiratsfähigkeit des Mädchens an.]

Die +Wohnstätten+ der Melanesier zeigen verschiedenen Typus; man

begegnet ganz primitiven, bienenkorbähnlichen Hütten neben ziemlich

ansehnlichen, selbst zweistöckigen Häusern (Abb. 71). In den

Küstengebieten, aber weniger am offenen Meere, als vielmehr in seichtem

Wasser der geschützten Buchten, stehen die Häuser auf Pfählen (Abb.

74, 78 und 79) und bilden hier ganze Dörfer. Der Grund dieser Bauweise

mag wohl der sein, sich gegen feindliche Überfälle sowohl von seiten

der Menschen wie auch wilder Tiere, desgleichen gegen Überschwemmungen

zu schützen. Allerdings ist der Aufenthalt im Innern dieser Häuser

zumeist nur auf die Nacht beschränkt, denn tagsüber spielt sich das

Leben entweder auf der am Giebel angebauten überdachten Plattform oder

auf freiem Platze vor dem Hause ab. Die innere Einrichtung der Häuser

ist sehr primitiv. Ein Abteilen des gesamten Innenraumes durch Wände

(Matten) geschieht nur selten, vielmehr hausen alle Familienmitglieder

zusammen mit Schweinen, Hunden und anderem Getier in diesem einzigen

Raum. Als Ruhestätte dient ihnen der bloße Fußboden. Auf Neuguinea sind

bei vielen Stämmen zur Schonung der kunstvollen Haarfrisuren schön

geschnitzte Kopfruhebänkchen oder, richtiger gesagt, Nackenstützen

in Gebrauch. -- Eine eigentümliche Abart der Behausung stellen die

Baumhäuser dar, die ihre Entstehung wohl dem gleichen Grunde wie die

Pfahlhäuser verdanken. Man gelangt zu ihnen auf Strickleitern und

bringt darin nur die Nacht zu, während am Tage zum Aufenthalt der Boden

am Fuße des Baumes dient (Abb. 86 und 92).

Eine typische Erscheinung von Melanesien sind die sogenannten

Junggesellen- und Versammlungshäuser, zumeist stattliche, durch

Schnitzwerk reich verzierte Gebäude, in denen die männlichen

Dorfbewohner die Nacht zubringen, öffentliche Versammlungen abhalten,

die Schilde und Masken, sowie die großen Trommeln aufbewahren.

[Illustration:

Phot. G. Landmann.

Abb. 68. Haarschmuck eines Papua von der Mündung des Flyriver.

Meist zum Tanz, häufig auch alltäglich rollen die Eingeborenen jenes

Gebietes ihr langes wolliges Haar mit ihren mit Kokosnußöl benetzten

Fingern korkzieherähnlich auf, manchmal benutzen sie dazu auch weißen

Schlamm. Die Stirne wird mit einem Büschel Federn des Kasuars oder

Paradiesvogels geschmückt.]

Die +Nahrung+ der Melanesier besteht in dem Ertrag ihres primitiven

Feldbaus, der Yams- und Tarowurzel, Kokosnuß, Bananen- und

Brotbaumfrucht, sowie in dem Fleisch von Fischen, Hühnern, Schweinen

und Hunden. Jagd wird, weil das Wild sehr knapp ist, nur wenig

betrieben, dagegen vielfach Fischfang mittels Speeren und Reusen

(Abb. 81 und 82). Die Genußmittel bestehen in Betel und Tabak.

Früher war über den größeren Teil Melanesiens auch Menschenfresserei

(Kannibalismus) sehr verbreitet (Abb. 87), doch ist sie dank des

europäischen Einflusses so ziemlich gänzlich ausgerottet worden, nur

an einzelnen Orten, wohin dieser Einfluß noch nicht gedrungen ist,

scheint diese Unsitte ihr Dasein noch ganz im Verborgenen zu fristen.

Die Gründe, die zum Kannibalismus treiben, sind häufig abergläubischer

Natur; man hofft durch das Verzehren seines Mitmenschen dessen gute

Eigenschaften, im besonderen seinen Mut sich anzueignen. Gelegentlich

führen aber auch Rache und Haß dazu, aber nur selten wohl gewöhnlicher

Fleischhunger. Nach den Schilderungen des Forschers Loria von den

Sitten der damaligen Bewohner von Logea, einer Insel, die südwestlich

von Neuguinea liegt, wurde der Körper des erschlagenen Feindes in

getrocknete Kokosnußblätter gewickelt, mit einem Strick an einem Baume

über ein Feuer gehängt und geröstet. Sobald der Strick durchgebrannt

und der Leichnam zu Boden gefallen war, stürzten sich alle Teilnehmer

unter mächtigem Freudengeheul auf den halbverkohlten Körper und

schnitten sich mit dem Messer Stück für Stück von ihm ab. In anderen

Gegenden wurde der frische Leichnam vor dem Rösten sachgemäß in Stücke

zerlegt, darauf die einzelnen Teile in Blätter gewickelt und am Feuer

gebraten. Gewöhnlich aß man zuerst das Gehirn, dann die Schenkel und

schließlich den übrigen Körper. Einzelne Stämme, zum Beispiel die

Tugeri, trugen die Mahlzeitüberreste, wie die Knochen, später als

Körperschmuck. Vielfach durften die Frauen, denen die sämtlichen

Zubereitungen zu diesem Mahle oblagen, an ihm nicht teilnehmen, sondern

mußten sich damit begnügen, die saftdurchtränkten Blätter abzulecken.

Eine eigenartige Form des Kannibalismus ist die +Kopfjägerei+, eine

Unsitte, der die Bewohner in den nördlichen Teilen Neuguineas noch

heute huldigen. Die Gründe hierfür sind einmal religiöser Natur; der

erbeutete Schädel soll ein Opfer bedeuten, zum Beispiel für glückliche

Vollendung eines Haus- oder Kanubaues. Oder es liegt ihr Eitelkeit

des jungen Mannes zugrunde, der Wunsch, in den Augen seiner Schönen

Anerkennung und Entgegenkommen zu finden; denn je mehr Schädel von ihm

erbeutet werden, um so höher steht der Kopfjäger im Ansehen. Daher

werden die Opfer zumeist aus ganz geringfügigem Anlaß angegriffen oder

hinterrücks überfallen; der erbeutete Schädel wird vom Rumpfe getrennt,

ins Dorf mitgenommen und vor dem Hause auf einer Stange oder einem

Speer aufgepflanzt.

[Illustration:

Phot. C. M. Woodford.

Abb. 69. Verunstaltetes Ohr bei einem Salomoinsulaner mit eingelegtem

Perlmuschelring.]

[Illustration:

Phot. J. W. Beattie, Hobart.

Abb. 70. Malailaeingeborener mit Nasen- und Ohrenschmuck.

Das Halsband besteht aus Cuscuszähnen, die am Wurzelende durchbohrt und

einer nach dem andern an dünnen Schnüren befestigt werden. Nasenring,

Ohr- und Brustschmuck sind aus der Tricadnamuschel hergestellt.]

[Illustration:

Aus „Kolonie und Heimat“.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 53 / 207 题