[Illustration]
[Illustration:
Phot. H. J. Shepstone.
Abb. 1. Picknickszene auf Hawai.
Die Teilnehmer essen aus den Kalabassennäpfen ein Gericht, Poi genannt,
das aus zerriebenem Taro hergestellt wird, mit den Fingern. Die
Gitarren sind modernen Ursprungs.]
Polynesien und Mikronesien.
Östlich und nördlich von dem Festlande Australien breitet sich in
der Richtung nach Amerika zu eine aus unzähligen Eilanden bestehende
Inselwelt aus, die man insgesamt als Ozeanien bezeichnet. Innerhalb
ihrer Bevölkerung lassen sich zwei Typen unterscheiden, eine schwarze
und eine braune Rasse; dementsprechend führen die Inseln, auf denen die
erstere vertreten ist, die Bezeichnung „Melanesien“, das heißt schwarze
Inseln; die übrigen, mit denen wir uns zuerst beschäftigen, werden
„Polynesien“ und „Mikronesien“ genannt.
In der polynesischen Inselflur treffen wir dicht hinter Fidschi, wenn
wir nach Osten fahren, zunächst die Tonga- und Samoagruppe, noch weiter
östlich die Cookinseln, Tahiti mit seinen Eilanden, die Paumotu-
und die Marquesasinseln und stoßen schließlich, in der gleichen
Richtung weiter gehend, auf den am weitesten vorgeschobenen Posten,
die Osterinsel. Fast ebenso einsam liegen im Norden die Hawaiinseln
da, während in entgegengesetzter Richtung, nämlich nach Südwest,
gleichfalls isoliert Neuseeland liegt, die größte der Inseln des
Stillen Ozeans.
Nordwestlich von Polynesien und nördlich von Melanesien finden
wir Mikronesien, das heißt die kleinen Inseln. Innerhalb dieses
Archipels unterscheidet die Wissenschaft wieder einzelne Gruppen, die
Karolinen mit den Palauinseln sowie den Marianen oder Ladronen, die
Marshallinseln, die Gilbertinseln und die Ellice- (oder Lagunen-)
Inseln. Mit Ausnahme der beiden letzten Gruppen ist Mikronesien
deutscher Kolonialbesitz.
Die +Bevölkerung Polynesiens+ ist am reinsten in den Samoanern
vertreten, daher möchte ich diese auch als den polynesischen Typus
hinstellen. Die Samoaner sind von hoher Statur -- Körpergrößen
von hundertachtzig Zentimeter und darüber sind bei der männlichen
Bevölkerung keine Seltenheit --, sie haben eine durchweg schöne,
ebenmäßige Gestalt, die besonders beim weiblichen Geschlecht, bei
dem es trotz der kurzen dicken Beine wirkliche Schönheiten gibt,
auffällt (Abb. 2 und 3). Sie besitzen eine hellbraune Hautfarbe,
welliges oder fein gelocktes Haar von schwarzer bis braunschwarzer
Farbe, kurzen Schädel, regelmäßiges Gesicht mit oft leichter Andeutung
der Mongolenfalte, eine kleine, breite Stumpfnase mit kleinen,
runden Nasenlöchern und etwas vorspringende Lippen. Im allgemeinen
zeichnen sich die Polynesier durch eine Reihe guter Eigenschaften wie
Rechtschaffenheit, Friedlichkeit, Gastfreundschaft, Ordnungsliebe,
Reinlichkeits- und Schönheitssinn aus. Damit hängt auch die peinliche
Sorgfalt zusammen, die sie der Pflege und Ausschmückung ihres Körpers,
besonders auch des Kopfhaares, widmen.
[Illustration:
Phot. M. Kiepenheuer.
Abb. 2. Samoanerin in gewöhnlicher Kleidung, mit zierlich geschnitztem
Fächer in der Hand, auf Tapamatten ruhend, die auch die Wand bedecken.]
[Illustration: Abb. 3. Samoaschönheiten mit hübschem Halsschmuck und
Blumen im Haar.]
Leider haben Kleidung und Schmuck der Polynesier seit der Entdeckung
der Inseln infolge des sich mehr und mehr ausbreitenden europäischen
Einflusses eine große Veränderung erfahren. Hier, wo die klimatischen
Verhältnisse so äußerst günstig liegen, bedurfte der Körper kaum des
Schutzes gegen die Witterung, in seiner Bekleidung nahm vielmehr
ein schlichter und einfacher Schmuck die erste Stelle ein (siehe
die Kunstbeilage). +Tatauierungen+ -- diese Schreibweise, die mit
dem polynesischen Worte „tatau = kunstgerecht“ zusammenhängt, nicht
die veranglisierte „Tätowierung“ ist die richtige -- galten für
den wichtigsten und vornehmsten Zierat; nichttatauiert zu sein
war eine Schande. Daher nahm das Auftragen der Zeichnungen (Abb.
4 und 5) fast immer auch den Charakter einer religiösen Zeremonie
an. Währenddessen stand der „Patient“ unter verschiedenen Verboten
(Tabu), die sich an manchen Orten sogar noch auf andere Dorfbewohner
ausdehnten. Der Vorgang spielte sich überall in fast der gleichen Weise
ab. Als Werkzeug benutzte man einen Gegenstand, der einer kleinen
Zimmermannsaxt glich; seine Schneide war aus Knochen hergestellt und
am vorderen Ende mit einer Anzahl Zähne wie beim Kamm versehen. Jetzt
bedient man sich auf Mikronesien der Stahlnadeln. Der Operateur, der
das Tatauieren als Beruf ausführt und deswegen eine hochgeachtete
Stellung einnimmt, zieht die Umrisse der Zeichnung auf den Körper
und führt die Farbe ein, indem er mit einem kleinen Stabe auf das
mit schwarzer Farbe getränkte Beilchen schlägt (Abb. 7). Die ganze
Ausführung eines vollständigen Musters nimmt für gewöhnlich mehrere
Monate in Anspruch infolge des bei der Operation entstehenden Schmerzes
und der manchmal unerwartet hinzutretenden heftigen Entzündung. Während
die Tatauierung vorgenommen wird, singt ein Mädchenchor Rituallieder,
wovon, wie man in früheren Tagen glaubte, der Erfolg der Operation
abhängig war. Auf den Marshallinseln pflegt man die Jünglinge immer
gleichzeitig zu einer bestimmten Jahreszeit zusammen zu tatauieren,
wofür eine besondere Hütte gebaut und den Göttern Speiseopfer
dargebracht werden; denn die Gottheiten des Tatauierens nehmen in der
heimischen Götterwelt einen sehr hohen Rang ein. Ein ausgedehnter
Kultus wurde mit den Tatauierungen von den Maori auf Neuseeland
getrieben; das dazu verwandte Werkzeug war nicht gezähnt, sondern besaß
einen geraden Schneiderand; mit ihm wurden Rillen in die Haut geritzt,
wodurch die Operation sich schmerzhafter gestaltete. Das ganze Gesicht
wurde mit ineinandergreifenden Spiralen und Linien bedeckt, sogar
bis auf die Lippen herab (Abb. 6), wo der Schmerz besonders heftig
empfunden wurde. Das Tatauieren auf dieser Insel war das Vorrecht der
regierenden Klasse; mit der Tatauierung waren für den Betreffenden
strenge Tabu verknüpft. Seiner Person wurde während des Vorgangs eine
so hohe, heilige Ehrfurcht entgegengebracht, daß er es nicht einmal
wagte, selbst seine Nahrung zu sich zu nehmen aus Furcht, sie könnte
ihm verhängnisvoll werden; daher wurde er von anderer Hand gefüttert.
In einem besonderen mit Schnitzerei verzierten Holztrichter gab man
ihm zu trinken. Die Tatauierungen der Häuptlinge spielten im ersten
Verkehre zwischen Maori und Europäern eine interessante Rolle insofern,
als in den uns hinterlassenen Papieren, die sich auf die Abtretung
von Land beziehen, der Häuptling als Unterschrift einen Teil seines
tatauierten Gesichtes hinzeichnete.
[Illustration:
Aus: Kraemer, Samoainseln.
Abb. 4. Tatauierungsmuster eines Samoaners,
~a~) von der Hinterseite, ~b~) von der Vorderseite des
Oberschenkels und der Hüfte.]
[Illustration:
Aus: Kraemer, Samoainseln.
Abb. 5. Tatauierungsmuster einer Samoanerin,
~a~) von der Rückseite, ~b~) von der Vorderseite des
Oberschenkels.]
Ein eigentümliches +Schmuckstück+, das Tiki-Tiki der Maori, verdient
besondere Erwähnung (Abb. 11). Es besteht aus einer kleinen
merkwürdigen Figur aus Nephrit oder Jadeit, die für gewöhnlich von
dem Familienoberhaupt um den Hals getragen wurde und den primitiven
Ahnen vorstellen soll. Man vererbte es von Generation auf Generation
als kostbares Familienstück, und daher gilt es noch heutigentags für
die meisten Eingeborenen als unveräußerlich. -- Die Marshallinsulaner
dehnen die für die Aufnahme des Ohrschmucks angefertigten Löcher in
ihren Ohren dermaßen aus, daß sie diese Ohrschlinge manchmal über
den Kopf streifen können. Ein typischer Schmuck, den Eingeborene von
hohem Rang auf Tonga, Samoa (und auch Fidschi) tragen, besteht in
einer Halskette von Walfischzähnen (Abb. 8), die abgeschliffen und zu
einem klauenartigen Gehänge aufgereiht sind, während der Maori aus
guter Familie das Recht hat, als Haarschmuck die Feder des Huiavogels
zu tragen (Abb. 10). -- Ein sehr hübscher Zug der Ozeanier ist
entschieden ihre große Vorliebe für Blumen als persönlichen Schmuck,
wie wir dies besonders bei den Hawaiern und den Samoanern wie auch bei
anderen Stämmen beobachten können, die sich täglich frische Kränze aus
farbenprächtigen Blumen und, in früherer Zeit, leuchtend bunten Federn
winden (Abb. 3 und 15).
[Illustration:
Phot. A. J. Iles.