Hahnenkampf auf Borneo 248 250

Betende Menge vor einer Pagode

in Rangoon 360 359

Verbrennung der Leiche eines

Mönchs in Birma 384 384

Totenzeremonie der Chinesen

in Tientsin 428 432

[Illustration]

Einleitung.

Bei allen Kulturvölkern, in noch ausgeprägterem Maße bei denen, die die

höchste Stufe der Zivilisation noch nicht erklommen haben, begegnen wir

unter dem gewöhnlichen Volke, vor allem auf dem Lande, indessen auch

unter den gebildeteren Schichten eigenartigen Gewohnheiten, Sitten,

Anschauungen und Zeremonien, die uns in unserem aufgeklärten Zeitalter

recht sonderbar erscheinen, manchmal direkt abgeschmackt und töricht

anmuten. Und doch steckt hinter solchen Gewohnheiten, über die wir,

wie gesagt, lachen möchten, zumeist ein tiefernster Sinn, den wir aber

von unserem christlichen Standpunkte aus nicht zu fassen vermögen.

Früher begnügte man sich einfach damit, diese Absonderlichkeiten,

denen wir beinahe auf Schritt und Tritt in unserem gewöhnlichen Leben

begegnen können, sofern wir nur danach suchen, als den Ausfluß krassen

Aberglaubens zu betrachten, über dessen Entstehung man sich keine

weitere Vorstellung machte. Seitdem aber die vergleichende Volkskunde

sich dieser Dinge angenommen und die Beobachtung gemacht hat, daß sich

ähnliche Gebräuche, Sitten und dergleichen nicht nur beim eigenen

Volke finden, sondern vielfach auch bei wohl allen höher und niedriger

stehenden Völkern angetroffen werden, ja sogar bei den auf der

untersten Stufe der Kultur stehenden Völkern, den sogenannten Wilden,

und hier in besonderer Häufigkeit und ausgedehnter Ausbildung, so daß

ihr ganzes privates und öffentliches Leben und Treiben von solchen

zeremoniellen Handlungen gleichsam durchsetzt erscheint, seitdem wir

dieses alles festgestellt haben, gewinnen alle diese abergläubischen

Gebräuche, Sitten, Veranstaltungen, Redensarten, Zauberformeln und

ähnliches mehr eine ganz andere Bedeutung in unseren Augen. Wir wissen

jetzt, daß es sich um Überreste uralter, ursprünglicher Anschauungen

handelt, die auf den heidnischen Glauben unserer Altvorderen

zurückgreifen und sich ähnlich bei den auf primitiver Stufe lebenden

Naturvölkern finden, also ein Gemeingut der ursprünglichen Menschheit

vorstellen. An einer Reihe Beispiele sei dies nachstehend weiter

ausgeführt.

In den Dörfern Thüringens pflegen die Kinder am Pfingstheiligabend

Lärchenbäume zu holen und sie um den Dorfbrunnen herum einzugraben,

die Mädchen aber bunte Papierketten anzufertigen, Girlanden und

Kränze aus Fichtengrün zu winden, ausgeblasene, bemalte Eier auf

Schnüren aufzureihen und schließlich die Bäume mit diesem Putz zu

schmücken. Dieser schönen Sitte liegt der alte heidnische Gedanke

zugrunde, die Quellen zur Frühlingszeit zu schmücken und auf diese

Weise für das segenspendende Element den Quellgöttern den schuldigen

Dank abzustatten. In Bayern ist es auf dem Lande Sitte, bei unreinem

Trinkwasser in dieses einen glühend gemachten Stein hineinzuwerfen; bei

den Wanderzigeunern Siebenbürgens muß ein Weib, das gern Mutter werden

möchte, Wasser trinken, in das der Mann glühende Kohlen unter Hersagen

der Worte: „Wie ich die Flamme bin, so sei du die Kohle!“ geworfen

hat. Beide Male dürfte dieser Aberglaube mit der reinigenden Kraft des

Feuers zusammenhängen. In katholischen Gegenden Süddeutschlands werden

am Morgen des Sonnabends vor Ostern alle Kirchenlichter ausgelöscht,

und mit Hilfe von Stahl und Feuerstein, Hohlspiegel oder Kristallen

(Linsen) wird ein „neues“ Feuer erzeugt, an dem man die Altarkerzen

anbrennt. In feierlicher Prozession begibt man sich darauf auf den

Kirchhofplatz, wo ein mächtiger Holzstoß errichtet wurde, und zündet

diesen mit einer dieser Osterkerzen an, verbrennt auch in seiner

lodernden Flamme die Wolle, die der Priester bei der Taufe oder beim

Spenden der letzten Ölung zum Abwischen des heiligen Öles gebrauchte,

Kirchenlichterreste, alte Meßgewänder und anderes mehr, und wirft

schließlich an manchen Orten eine Strohfigur hinein, die den Verräter

Judas Ischariot darstellen soll. Dieses ganze Verfahren ist gleichfalls

ein Überbleibsel jener uralten heidnischen Feuer, die vorzeiten zu

Ehren der im Kampfe über die froststarrenden Winterriesen siegreichen

Licht- und Frühlingsgötter bei unseren Vorfahren emporloderten und

vermöge ihrer läuternden Kraft die schädigenden und unheilbringenden

Dämonen verscheuchen sollten. Der gleiche Gedanke liegt den im Anfange

des vorigen Jahrhunderts bei uns noch üblichen Not- oder Willfeuern

zugrunde, die veranstaltet wurden, wenn Mißernte, Viehseuche, Pest oder

ähnliches Mißgeschick ein Dorf heimgesucht hatten; nachdem alle Feuer

in der Gemeinde ausgelöscht worden waren, kamen die jungen Burschen

zusammen und erzeugten durch Reiben oder Drehen eines runden Holzes in

der Vertiefung eines anderen ein Feuer, von dem sich die Dorfbewohner

erst wieder mit ihrem Hausfeuer versorgten, und mit dem sie einen

Haufen Reisig in Brand steckten, dessen Asche über die Felder gestreut

und den kranken Tieren in das Fressen gegeben wurde. In Holstein wird

zwischen Fastnacht und Ostern ein Spiel von den Kindern gespielt, bei

dem die eine Hälfte der Mitwirkenden einen Ring (Kreis) um die in der

Mitte sitzende Königstochter bildet, die andere Hälfte aber draußen

steht und die Kette zu durchbrechen und unter Absingen von Liedern

die gefangene Königstochter zu befreien sucht. Dieses von den Kleinen

heutzutage gedankenlos betriebene Spiel enthält noch Anklänge an den

Glauben unserer Vorfahren von dem Kampfe der Winter- und Sommergötter.

Nach dieser Anschauung wurde die Sonnengöttin von den Winterriesen

geraubt und in einer Eisburg gefangen gehalten, aus der sie befreit

werden mußte, weil sie sonst der Erde den Lenz nicht zu bringen

vermochte.

Die Griechin, die fruchtbar zu werden wünscht, berührt mit ihrem

Unterleib in der Nähe der Kallirrhoe bei Athen einen Felsen; diese

Handlung steht offenbar zu dem Opfer in Beziehung, das ihre Vorfahren

vordem der Mutter Erde aus dem gleichen Grunde darzubringen pflegten.

Die Spanierin der Pyrenäen tut das gleiche an einer steinernen Figur

in der Nähe von Bouy d’Oueli, sie umarmt und küßt außerdem noch

die Statue. Hierin liegen offenbar Anklänge an den Phalluskultus.

Deutlicher traten solche noch Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts in

der kleinen italienischen Stadt Iseria zutage, wo alljährlich am 27.

September die unfruchtbaren Frauen in der Kapelle der beiden Märtyrer

Kosmas und Damian aus Wachs hergestellte Opfer darbrachten. Im Dorfe

Tunxdorf in der Provinz Hannover besteht noch heute die Sitte, daß die

jungen Mädchen am ersten Sonntage im Mai Spalier bilden und eine etwa

anwesende jung verheiratete Frau zwingen, dazwischen durchzulaufen, und

ihr dabei leichte Schläge mit einer Rute versetzen. Dieses Stäupen oder

Auspeitschen, bei dem sich das junge Volk weiter nichts denkt, und das

in anderen Gegenden noch vielfach nicht nur an Menschen, zum Beispiel

am Aschermittwoch, sondern auch an Tieren und Bäumen vorgenommen wird,

geschah früher in der Absicht, die Fruchtbarkeit der betreffenden

Person, Tiere und Pflanzen zu steigern. Daher wurden ursprünglich

die Frauen mit der Gerte auch auf den Unterleib geschlagen; später,

als diese ursprüngliche Bedeutung des Schlagens verloren gegangen

war, erstreckte sich das Stäupen auf den ganzen Körper, wenigstens

auf keine einzelne Teile von ihm. Auch das Einholen des Maibaumes,

eine in der ganzen germanischen und slawischen Welt weit verbreitete

Sitte, hängt offenbar mit dem Phalluskult zusammen. An einzelnen Orten

tritt an Stelle des Maibaums bei diesen Frühlingsfesten eine männliche

Puppe oder auch eine lebendige männliche Person, die als Partnerin

ein entsprechendes weibliches Wesen erhält. Zweifelsohne soll hierbei

auf das Erwachen der Liebe und der Zeugungstriebe in der Natur beim

Eintritt des Frühlings angespielt werden.

In Bosnien hängt eine unfruchtbare Frau, die gern Kinder haben möchte,

am Vorabend des St. Georgtages ein neues Frauenhemd unter einen

fruchttragenden Baum und sieht am anderen Morgen vor Sonnenaufgang

nach, ob etwa irgend ein lebendes Wesen auf das Hemd gekrochen ist.

Trifft dies zu, dann erblickt sie hierin ein Anzeichen, daß ihr Wunsch

in Erfüllung gehen wird. Bei diesem Aberglauben handelt es sich um ein

Überbleibsel der primitiven Auffassung, daß die Seelen, im besonderen

die der Kinder, in einem Baume leben und von hier aus durch ein Tier in

den Leib der Mutter übertragen werden können.

In Norddeutschland wird die jung Vermählte, wenn sie zum ersten Male

das neue Heim betritt, dreimal um den Herd geführt, in Böhmen muß sie

sich dreimal vor ihm verneigen und drei ihrer Haare ins Feuer werfen.

Wir dürfen in diesen zeremoniellen Handlungen Nachklänge des Opfers vor

den Ahnen der Familie erblicken, denn der Herd galt ursprünglich für

den heiligsten Platz des Hauses; hier stand der Hausaltar und vor allem

die Ahnenbilder.

In der Kaschubei stürzen bei der Feier des Erntefestes die jungen

Burschen und Mädchen aus einem Versteck mit Eimern voll Wasser

hervor und begießen damit die Schnitter dermaßen, daß an ihnen kein

trockenes Haar bleibt, um für das nächste Jahr eine recht reiche

Ernte zu erzielen. Dieser Vorgang erinnert an ähnliche Verfahren der

Naturvölker, die dadurch das belebende Naß des Regens herbeizuführen

suchen.

Bei den Zeltzigeunern Siebenbürgens tritt der Mann stets in die

Sippe seiner Frau ein, die der Ehe entsprießenden Kinder gehören ihr

ebenfalls an und dürfen niemals in die Sippe der Mutter hineinheiraten,

wohl aber in die des Vaters. Es handelt sich bei diesem Brauch um ein

Nachleben der Idee von der Mutterherrschaft (Matriarchat) zur Urzeit.

In Montenegro schläft die erste Nacht nach der Trauung der Brautführer

neben der Braut, angeblich „alles in Ehren“, und in Kupres in Bosnien

pflegt jeder der männlichen Hochzeitsgäste die Braut an die Wand

zu drücken, gleichsam um damit die eheliche Umarmung symbolisch

anzudeuten. Jene Sitte steht wahrscheinlich mit dem früheren Recht der

Erstnacht (~Jus primae noctis~) in Beziehung, diese weist auf die

in der Urzeit bestehende Gemeinschaftsehe zurück.

In jüdischen Familien besteht der Brauch, daß eine Witwe, wenn sie

wieder eine Ehe eingehen will, dem früheren Schwager die Knoten an

einem besonders für diesen Zweck vorhandenen Schuh auflöst, ihm

diesen auszieht, vor ihm auf den Boden speit und dabei die biblischen

Worte ausruft: „So soll man mit jedem Mann tun, der seines Bruders

Haus nicht bebauen will.“ Erst wenn die Witwe dies getan hat, erhält

sie die Berechtigung, sich wieder zu verheiraten. Durch diesen uns

höchst sonderbar anmutenden Vorgang soll angedeutet werden, daß die

sich wieder Verheiratende von der Verwandtschaft des ersten Mannes

freigegeben worden ist; er ist zurückzuführen auf den uralten Brauch

der Leviratsehe bei den alten Israeliten, wonach nach dem Tode des

Mannes, wenn er keinen männlichen Erben hinterlassen hatte, der jüngere

Bruder die Pflicht hatte, die Witwe zu ehelichen, um mit ihr einen

Stammhalter zu erzeugen, der dann auch den Namen des Verstorbenen

annahm, denn dem neuen Gatten wurde es zur ganz besonderen Pflicht

gemacht, für die Nachfolge zu sorgen und die Familie des älteren

Bruders fortzupflanzen. Die Leviratsehe ist aber wieder nur eine Form

der Polyandrie, der Vielmännerehe, die noch heutigentags vorkommt.

Bei den Chewsuren nimmt der Ehemann während der ersten sieben Wochen

nach der Niederkunft seiner Frau an keiner Festlichkeit teil, sondern

bleibt abgesondert zu Hause; man bringt ihm vom Festschmaus Bier und

Fleisch ins Haus. In diesem Brauch lebt die in der Vorzeit und auch

bei einzelnen Naturvölkern noch vorkommende Sitte des Männerkindbettes

(Couvade) fort. Der Mann mußte nach der Geburt der Frau an ihrer

Stelle längere Zeit mit dem Neugeborenen im Bette liegen, sich gewisse

Nahrungsbeschränkungen auferlegen und die Besuche der Anverwandten

empfangen.

Aus den angeführten Beispielen dürfte zur Genüge hervorgehen, von wie

großer Wichtigkeit für das Verständnis unserer modernen Einrichtungen

und Sitten die Kenntnis der Gewohnheiten und Bräuche bei den niederen

Völkern ist. Leider ist es zurzeit nicht mehr möglich, allen unseren

heutigen Gebräuchen in der Weise auf den Grund zu gehen, wie es

wünschenswert wäre, denn dazu fehlen uns vielfach die Unterlagen.

Die Völkerkunde ist eine verhältnismäßig sehr junge Wissenschaft.

Man sammelte früher wohl hier und da sogenannte „Kuriositäten“ oder

„Raritäten“, wie übrigens der Ausdruck für ethnographische Gegenstände

in den exotischen Ländern noch heute gang und gäbe ist, aber ein

ernsthaftes, systematisch betriebenes Sammeln setzte erst gegen Ausgang

vorigen Jahrhunderts ein, als der große Bastian die Aufmerksamkeit der

wissenschaftlichen Welt auf die Tatsache lenkte, daß die Naturvölker

mit auffälliger Schnelligkeit dem Untergange entgegen eilen, und daher

den Warnruf erließ, in zwölfter Stunde noch alles zu sammeln, was

sich von ihnen noch erhalten hätte. Auf diese eindringliche Mahnung

hin wurden Expeditionen ausgerüstet, und vieles von dem materiellen

Besitz der im Aussterben begriffenen Stämme, also von ihren Waffen,

Werkzeugen, Kleidung und vielen anderen Gegenständen des täglichen

Lebens konnte noch gerettet und den ethnographischen Museen einverleibt

werden. Weniger trifft dies aber für den geistigen Kulturbesitz der

fraglichen Völker, wie Sitten, Gebräuche, religiöse Ansichten und

dergleichen zu, obwohl manche der Forschungsreisenden gerade auch

auf dieses Gebiet bei ihren Forschungen Gewicht legten; aber leider

gehört, um in das Innenleben der primitiven Völker einzudringen, das

ein ganz anderes als bei uns Kulturmenschen ist, viel Zeitaufwand und

Mühe, und zum anderen haben ihre Vorstellungen verschiedentlich durch

europäischen Einfluß, der manchmal auf Umwegen, auf denen man es gar

nicht vermuten würde, schon in früheren Zeiten zu ihnen gelangte, eine

Abänderung erfahren.

An einer zusammenfassenden Darstellung dieser Gebräuche, Sitten

und Gewohnheiten der Völker des Erdenrunds fehlte es bisher in der

Literatur. Aus der Erkenntnis dieses Mangels ist das vorliegende, für

die weitesten Volkskreise bestimmte Buch entstanden. Ist es schon an

und für sich für gebildete Kreise reizvoll, die Sitten und Gebräuche

der verschiedensten Völker der Erde durch Wort und Bild kennen zu

lernen, so ist eine solche Zusammenstellung auch von wissenschaftlichem

Werte unter dem am Eingang bereits erörterten Gesichtspunkte; vermögen

wir doch durch sie unsere modernen Kulturverhältnisse besser zu

verstehen und die Entwicklung der menschlichen Einrichtungen von den

primitiven Zuständen an durch alle Stufen der Kultur hindurch zu

verfolgen. Bei der Abfassung habe ich mich bemüht, ein für jedermann

verständliches Werk zu schaffen, für das die neuesten Arbeiten

bedeutender Forschungsreisender benutzt wurden. Da gerade auch deutsche

Gelehrte an der Erforschung der Probleme der Völkerkunde lebhaften

Anteil genommen haben, so war es mein Bestreben, in dem vorliegenden

Werke die Ergebnisse dieser neben den gleichwertigen fremder, meist

englischer Forscher, zur vollen Geltung zu bringen. Möge daher dieses

die Sitten und Gebräuche aller Völker der Erde behandelnde Werk in

allen Kreisen des deutschen Volkes Beifall finden und das Interesse für

die Völkerkunde in die weitesten Volksschichten hineintragen, sowie

schließlich auch dazu die Anregung geben, daß mancher über die Sitten

und Gebräuche seines eigenen Volksstammes nicht achtlos hinweggeht oder

sie gar belächelt, sondern sie als ein altes Erbstück der Vorväter

weiter pflegt und hegt.

Der Verfasser.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 35 / 207 题