Der Fürst Pleß hatte mir gelegentlich eines Besuches im Hauptquartier
erlaubt, bei ihm auf seiner Jagd ein Wisent abzuschießen. Der Wisent ist
das, was im Volksmund mit Auerochse bezeichnet wird. Auerochsen sind
ausgestorben. Der Wisent ist auf dem besten Wege, das gleiche zu tun.
Auf der ganzen Erde gibt es nur noch zwei Stellen, und das ist in Pleß
und beim Revier des ehemaligen Zaren im Bialowiczer Forst. Der
Bialowiczer Forst hat natürlich durch den Krieg kolossal gelitten. So
manchen braven Wisent, den sonst nur hohe Fürstlichkeiten und der Zar
abgeschossen hätten, hat sich ein Musketier zu Gemüte geführt.
Mir war also durch die Güte Seiner Durchlaucht der Abschuß eines so
seltenen Tieres erlaubt worden. In etwa einem Menschenalter gibt es
diese Tiere nicht mehr, da sind sie ausgerottet.
Ich kam am Nachmittag des 26. Mai in Pleß an und mußte gleich vom
Bahnhof losfahren, um den Stier noch am selben Abend zu erlegen. Wir
fuhren die berühmte Straße durch den Riesenwildpark des Fürsten entlang,
auf der wohl manche gekrönte Häupter vor mir entlang gefahren sind. Nach
etwa einer Stunde stiegen wir aus und hatten nun noch eine halbe Stunde
zu laufen, um auf meinen Stand zu kommen, während die Treiber bereits
aufgestellt waren, um auf das gegebene Zeichen mit dem Drücken zu
beginnen. Ich stand auf der Kanzel, auf der, wie mir der Oberwildmeister
berichtete, bereits mehrmals Majestät gestanden hat, um so manchen
Wisent von da aus zur Strecke zu bringen. Wir warten eine ganze Zeit. Da
plötzlich sah ich im hohen Stangenholz ein riesiges schwarzes Ungetüm
sich heranwälzen, genau auf mich zu. Ich sah es noch eher als der
Förster, machte mich schußfertig und muß sagen, daß ich doch etwas
Jagdfieber kriegte. Es war ein mächtiger Stier. Auf zweihundertfünfzig
Schritt verhoffte er noch einen Augenblick. Es war mir zu weit, um zu
schießen. Getroffen hätte man ja vielleicht das Ungetüm, weil man eben
an so einem Riesending überhaupt nicht vorbeischießen kann. Aber die
Nachsuche wäre doch eine unangenehme Sache gewesen. Außerdem die
Blamage, vorbeizuschießen. Also warte ich lieber, daß er mir näher
kommt. Er mochte wohl wieder die Treiber gespürt haben, denn mit einem
Male machte er eine ganz kurze Wendung und kam in windender Fahrt, die
man so einem Tiere nie zugetraut hätte, heran, genau spitz auf mich zu.
Schlecht zum Schießen. Da verschwand er hinter einer Gruppe von dichten
Fichten. Ich hörte ihn noch schnaufen und stampfen. Sehen konnte ich ihn
nicht mehr. Ob er Wind von mir bekommen hatte oder nicht, weiß ich
nicht. Jedenfalls war er weg. Noch einmal sah ich ihn auf eine große
Entfernung, dann war er verschwunden.
War es der ungewohnte Anblick eines solchen Tieres oder wer weiß was --
jedenfalls hatte ich in dem Augenblick, wo der Stier herankam, dasselbe
Gefühl, dasselbe Jagdfieber, das mich ergreift, wenn ich im Flugzeug
sitze, einen Engländer sehe und ihn noch etwa fünf Minuten lang
anfliegen muß, um an ihn heranzukommen. Nur mit dem einen Unterschied,
daß sich der Engländer wehrt. Hätte ich nicht auf einer so hohen Kanzel
gestanden, wer weiß, ob da nicht noch andere moralische Gefühle
mitgespielt hätten?
Es dauerte nicht lange, da kommt der zweite. Auch ein mächtiger Kerl. Er
macht es mir sehr viel leichter. Auf etwa hundert Schritt verhofft er
und zeigt mir sein ganzes Blatt. Der erste Schuß traf, er zeichnet. Ich
hatte ihm einen guten Blattschuß verpaßt. Hindenburg hatte mir einen
Monat vorher gesagt: »Nehmen Sie sich recht viel Patronen mit. Ich habe
auf meinen ein halbes Dutzend verbraucht, denn so ein Kerl stirbt ja
nicht. Das Herz sitzt ihm so tief, daß man meistenteils vorbeischießt.«
Und es stimmte. Das Herz, trotzdem ich ja genau wußte, wo es saß, hatte
ich nicht getroffen. Ich repetierte. Der zweite Schuß, der dritte, da
bleibt er stehen, schwerkrank. Vielleicht auf fünfzig Schritt vor mir.
Fünf Minuten später war das Ungetüm verendet. Die Jagd wurde
abgebrochen und »Hirsch tot« geblasen. Alle drei Kugeln saßen ihm dicht
überm Herzen, sehr gut Blatt.
Wir fuhren nun an dem schönen Jagdhaus des Fürsten vorbei und noch eine
Weile durch den Wildpark, in dem alljährlich zu der Brunstzeit die Gäste
des Fürsten ihren Rothirsch usw. erlegen. Wir hielten noch und sahen uns
das Innere des Hauses im Promnitz an. Auf einer Halbinsel gelegen, mit
wunderschönem Blick, auf fünf Kilometer Entfernung kein menschliches
Wesen. Man hat nicht mehr das Gefühl, in einem Wildpark zu sein, wie man
sich wohl im allgemeinen vorstellt, wenn man von der Fürstlich Pleßschen
Jagd spricht. Vierhunderttausend Morgen Gatter sind eben kein Wildpark
mehr. Da gibt es kapitale Hirsche, die nie ein Mensch gesehen hat, die
kein Förster kennt, und die gelegentlich in der Brunstzeit erlegt
werden. Man kann wochenlang laufen, um ein Wisenttier zu Gesicht zu
bekommen. In manchen Jahreszeiten ist es ausgeschlossen, sie überhaupt
zu sehen. Dann sind sie so heimlich, daß sie sich in den Riesenwäldern
und unendlichen Dickichten vollständig verkriechen. Wir sahen noch
manchen Hirsch im Bast und manchen guten Bock.
Nach etwa zwei Stunden kamen wir kurz vor Dunkelheit wieder in Pleß an.