Ich war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da kriegte ich die
telegraphische Nachricht: »Lothar verwundet, nicht lebensgefährlich.«
Mehr nicht. Nähere Erkundigungen ergaben, daß er wieder mal recht
leichtsinnig gewesen war. Er flog mit Allmenröder zusammen gegen den
Feind. Da sah er tief unten, ziemlich weit drüben, einen allein
herumkrebsenden #Englishman#. Das sind so die feindlichen
Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders lästig fallen.
Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit
ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa
zweitausend Meter hoch, der Engländer tausend. Er pürscht sich 'ran,
setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der
Engländer zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls
im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz
schnuppe, ob es drüben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er muß
'runter. Das ist ja auch natürlich das richtige. Ab und zu mache ich's
auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal
gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spaß. Erst ganz kurz
über dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann ihm den Laden
vollschießen. Der Engländer stürzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt
nicht mehr übrig.
Nach so einem Kampfe, besonders in geringer Höhe, in dem man sich so oft
gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist,
hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun
war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ungünstiges
Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, daß er
doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der
Vimy-Höhe. Die Vimy-Höhen sind etwa hundert Meter höher als die andere
Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-Höhen verschwunden --
behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus.
Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat,
gehört nicht zu den angenehmsten Gefühlen, die man sich denken kann. Man
kann nichts dagegen tun, daß einen der Gegner beschießt. Nur selten
treffen sie. Mein Bruder näherte sich der Linie. In so geringer Höhe
kann man jeden Schuß hören, es hört sich an, wie wenn Kastanien im Feuer
platzen, wenn der einzelne Infanterist schießt. Da -- mit einem Male
fühlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er zählt zu den
Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen können. Bei einem anderen
macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes
Blut stört ihn. Er fühlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterläuft,
zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der Hüfte. Unten wird noch immer
geknallt. Also ist er noch drüben. Da endlich hört es so sachte auf, und
er ist über unsere Front hinüber. Nun muß er sich aber beeilen, denn
seine Kräfte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine
Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Zündung schnell herausgenommen, der
Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen
Kräften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in
seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf
die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von
allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von
einer alten Taube in Köln, die von einem Monteur zum Start
zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich
hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und
nach fünf Minuten wieder landet. Das wollen viele Männer gesehen haben.
Ich habe es nicht gesehen -- aber ich bin doch fest davon überzeugt, daß
es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von
allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Berühren mit dem
Erdboden nichts getan. Erst im Lazarett fand er die Besinnung wieder.
Er wurde nach Douai transportiert.
Es ist für einen Bruder ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn man den
anderen in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt sieht. So sah ich
zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herhängt und
von einem Engländer attackiert wird. Es wäre für ihn ein leichtes
gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht bloß in der Tiefe zu
verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm
scheinbar gar nicht. Ausreißen kennt er nicht. Zum Glück hatte ich dies
beobachtet und paßte auf. Da sah ich, wie der Engländer, der über ihm
war, immer auf ihn 'runterstößt und schießt. Mein Bruder versucht, seine
Höhe zu erreichen, unbekümmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da --
mit einem Male überschlägt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene
Maschine stürzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine
gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist für den
zusehenden Bruder nicht das schönste aller Gefühle. Aber ich habe mich
so sachte daran gewöhnen müssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick.
Wie er erkannt hatte, daß der Engländer ihm über war, markierte er ein
Angeschossensein. Der Engländer hinterher, mein Bruder fängt sich und
hat ihn im Umsehen überstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich
nicht so schnell wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da saß ihm
mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke später schlugen die
Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann stürzt das Flugzeug
brennend ab.
Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert
Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn
Schritt daneben stehen, so heiß wurde mir. Und nun muß man sich
vorstellen, daß auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen
fünfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins
Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon
besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten.
Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B.
einmal ein englisches Flugzeug brennend abstürzen. Die Flammen schlugen
erst in fünfhundert Metern Höhe heraus. Die Maschine stand in hellen
Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, daß der eine der
Insassen aus fünfzig Metern Höhe herausgesprungen ist. Es war der
Beobachter. Fünfzig Meter Höhe! Man muß sich mal die Höhe überlegen. Der
höchste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe
mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen
mag! Die meisten brächen sich's Genick, wenn sie aus dem Hochparterre
herausspringen würden. Jedenfalls, dieser brave »Franz« sprang aus
seinem brennenden Flugzeug aus fünfzig Meter Höhe heraus, das bereits
mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als
einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all
dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand
hatte nicht einmal gelitten.
Ein andermal schoß ich einen Engländer ab. Der Flugzeugführer hatte
einen tödlichen Kopfschuß, das Flugzeug stürzte steuerlos, senkrecht,
ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern Höhe in die Erde. Eine ganze
Weile später erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter
nichts als einen wüsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der
Beobachter habe nur einen Schädelbruch, und sein Zustand sei nicht
lebensgefährlich. Glück muß eben der Mensch haben.
Wieder einmal schoß Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das
Flugzeug stürzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug
bis zur Hälfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war
durch einen Bauchschuß besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur
einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben.
Andererseits habe ich es wieder erlebt, daß ein guter Freund von mir bei
einer Landung mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine
hatte überhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam
auf den Kopf, überlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte,
fiel auf den Rücken -- und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen.
* * * * *
Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem
Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat,
gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an
Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst
spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erzählt: Es war im Winter
1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite.
Kein Mensch wußte, rücken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil
gefroren, so daß man schlecht durchreiten konnte. Brücken gab's
natürlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein
Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam
zurückgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei
soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten
festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So
ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er
sich nicht erkältet.
Im Winter 1915 ging er auf mein Drängen hin zur Fliegerei, wurde,
gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr später Flugzeugführer. Die
Schule als Beobachter ist gewiß nicht schlecht, gerade für einen
Jagdflieger. März 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu
meiner Jagdstaffel.
Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugführer,
der noch an kein Looping und ähnliche Scherze dachte, sondern zufrieden
war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen
nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht
hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem
dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir
trennt und sich gleichfalls auf einen Engländer stürzt und ihn erlegt.
Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein
Beweis, wie wenig das Abschießen eine Kunst ist. Es ist nur die
Persönlichkeit oder, anders ausgedrückt, der Schneid des Betreffenden,
der die Sache macht. Ich bin also kein Pégoud, will es auch nicht sein,
sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht.
Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits zwanzig Engländer
abgeschossen. Dies dürfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei,
daß ein Flugzeugführer vierzehn Tage nach seinem dritten Examen den
ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat.
Sein zweiundzwanzigster Gegner war der berühmte Captain Ball, weitaus
der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major
Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es
machte mir besonders Freude, daß es nun mein Bruder war, der den zweiten
Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und
begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den
anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Blöße. Es blieb bei einem kurzen
Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie glückte es dem einen, sich
hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich plötzlich beide in
dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte
Schüsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schießen. Jeder
hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr
gering, die Geschwindigkeit doppelt so groß wie normal. Eigentlich
unwahrscheinlich, daß einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas
tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark überzogen und überschlug
sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde für einige
Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mußte aber
feststellen, daß ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen hatte.
Also landen! Schnell die Zündung 'raus, sonst brennt die Kiste. Der
nächste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des
Überschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls
aufbäumte und überschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von
ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er über mir oder unter mir?
Drüber war er nicht mehr, dafür aber sah er unter sich den Dreidecker
sich dauernd überschlagen und noch immer tiefer stürzen. Er stürzte und
stürzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es
war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen
Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen.
Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben
Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschuß bekommen. Er trug bei
sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner
Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit
zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain
Ball sechsunddreißig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen
Meister gefunden. Oder war es Zufall, daß eine Größe wie er gleichfalls
den normalen Heldentod sterben mußte?
Captain Ball war ganz gewiß der Führer des Anti-Richthofen-Geschwaders,
und ich glaube, der #Englishman# wird es nun lieber aufstecken, mich zu
fangen. Das täte uns leid, denn dadurch würde uns manche schöne
Gelegenheit genommen, bei der wir die Engländer gut belapsen könnten.
Wäre mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet worden, ich glaube, er wäre
nach meiner Rückkehr vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundfünfzig auf
Urlaub geschickt worden.