Am Abend des 20. April machen wir einen Jagdflug, kommen sehr spät nach
Hause und haben Schäfer unterwegs verloren. Natürlich hofft jeder, daß
er vor Dunkelheit noch den Platz erreicht. Es wird Neun, es wird Zehn,
Schäfer kommt nicht. Benzin kann er nicht mehr haben, folglich ist er
irgendwo notgelandet. Daß einer abgeschossen ist, will man sich nie
zugeben. Keiner wagt es in den Mund zu nehmen, aber jeder fürchtet es im
stillen. Das Telephonnetz wird in Bewegung gesetzt, um zu ermitteln, wo
ein Flieger gelandet ist. Kein Mensch kann uns Auskunft geben. Keine
Division, keine Brigade will ihn gesehen haben. Ein ungemütlicher
Zustand. Schließlich gehen wir schlafen. Wir waren alle fest überzeugt,
er würde sich noch einfinden. Nachts um Zwei werde ich plötzlich
geweckt. Die Telephonordonnanz teilt mir strahlend mit: »Schäfer
befindet sich im Dorf #Y# und bittet um Abholung.«
Am nächsten Morgen zum Frühstück öffnet sich die Tür, und mein braver
Pilot steht in so verdrecktem Anzug vor mir, wie ihn der Infanterist
nach vierzehn Tagen Arras-Schlacht am Leibe hat. Großes Hallo! Schäfer
ist quietschvergnügt und muß seine Erlebnisse zum besten geben. Er hat
einen Bärenhunger. Nachdem er gefrühstückt hat, erzählt er uns
folgendes:
»Ich fliege nach Hause an der Front entlang und sehe in ganz niedriger
Höhe drüben scheinbar einen Infanterieflieger. Ich greife ihn an,
schieße ihn ab und will wieder zurückfliegen, da nehmen mich die
Engländer unten aus den Schützengräben mächtig vor und beknallen mich
ganz unheimlich. Meine Rettung war natürlich die Geschwindigkeit des
Flugzeugs, denn daß sie beim Schießen vorhalten müssen, daran denken die
Kerle natürlich nicht. Ich war vielleicht noch zweihundert Meter hoch,
aber ich muß doch versichern, daß ich gewisse Körperteile mächtig
angespannt habe, aus erklärlichen Gründen. Mit einem Male gibt es einen
Schlag, und mein Motor bleibt stehen. Also landen. Komme ich noch über
die feindlichen Linien, oder komme ich nicht? Das war sehr die Frage.
Die Engländer haben es bemerkt und fangen wie wahnsinnig an zu schießen.
Jetzt höre ich jeden einzelnen Schuß, denn mein Motor läuft nicht mehr,
der Propeller steht still. Eine peinliche Situation. Ich komme herunter,
lande, meine Maschine steht noch nicht, da werde ich aus einer Hecke des
Dorfes Monchy bei Arras ganz kolossal mit Maschinengewehrfeuer
beschossen. Die Kugeln klatschen nur so in meine Maschine herein. Ich
'raus aus der Kiste und in das nächste Granatloch 'rein, war eins. Dort
besann ich mich mal erst, wo ich mich befinde. So allmählich wird mir
klar, daß ich über die Linien 'rüber bin, aber noch verdammt nahe bei
ihnen. Gott sei Dank ist es etwas spät abends. Das ist meine Rettung.
Es dauert nicht lange, da kommen die ersten Granaten an. Natürlich sind
es Gasgranaten, und eine Maske hatte ich selbstverständlich nicht mit.
Also mir fingen die Augen ganz erbärmlich an zu tränen. Die Engländer
schossen sich vor Dunkelheit auch noch mit Maschinengewehren auf meine
Landungsstelle ein, ein Maschinengewehr offenbar auf mein Flugzeug, das
andere auf meinen Granattrichter. Die Kugeln klatschten oben immer
dagegen. Ich steckte mir daraufhin, um meine Nerven zu beruhigen, erst
mal eine Zigarette an, ziehe mir meinen dicken Pelz aus und mache mich
zum Sprung auf! Marsch, marsch! bereit. Jede Minute erscheint eine
Stunde.
Allmählich wurde es dunkel, aber nur ganz allmählich. Um mich herum
locken die Rebhühner. Als Jäger erkannte ich, daß die Hühner ganz
friedlich und vertraut waren, also war keine Gefahr, daß ich in meinem
Versteck überrascht wurde. Schließlich wurde es immer finsterer. Auf
einmal geht ganz in meiner Nähe ein Pärchen Rebhühner hoch, gleich
darauf ein zweites, und ich erkannte daraus, daß Gefahr im Anzuge war.
Offenbar war es eine Patrouille, die mir Guten Abend sagen wollte. Nun
wird's die höchste Zeit, daß ich mich aus dem Staube mache. Erst ganz
vorsichtig auf dem Bauche kriechend, von Granatloch zu Granatloch. Ich
komme nach etwa anderthalb Stunden eifrigen Kriechens an die ersten
Menschen. Sind es Engländer, oder sind es Deutsche? Sie kommen heran,
und beinahe wäre ich den Musketieren um den Hals gesprungen, als ich sie
erkannte. Es war eine Schleichpatrouille, die sich im neutralen
Zwischengelände herumtreibt. Einer der Leute führte mich zu seinem
Kompagnieführer, und hier erfuhr ich denn, daß ich am Abend zuvor etwa
fünfzig Schritte vor der feindlichen Linie gelandet sei und unsere
Infanterie mich bereits aufgegeben hatte. Ich nahm mal erst ein
ordentliches Abendbrot zu mir und trete dann den Rückmarsch an.
Hinten wurde viel mehr geschossen als vorn. Jeder Weg, jeder
Annäherungsgraben, jedes Gebüsch, jeder Hohlweg, alles lag unter
feindlichem Feuer. Am nächsten Morgen griffen die Engländer an, sie
mußten also heute abend ihre Artillerievorbereitung beginnen. Ich hatte
mir also einen ungünstigen Tag für mein Unternehmen ausgesucht. Erst
gegen zwei Uhr morgens erreichte ich das erste Telephon und konnte mich
mit meiner Staffel in Verbindung setzen.«
Wir waren alle glücklich, unseren Schäfer wieder zu haben. Er legte
sich ins Bett. Jeder andere hätte mal für die nächsten vierundzwanzig
Stunden auf den Genuß des Jagdfliegens verzichtet. Mein Schäfer
attackierte aber bereits am Nachmittag desselben Tages wiederum über
Monchy einen ganz tieffliegenden B. E.