Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel.
Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und
gerade heute war es mal wieder sehr heftig.
Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit
dem Ausruf: »Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!« Noch etwas
verschlafen gucke ich zum Fenster 'raus, und tatsächlich, da kreisen
über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich 'raus aus meinem Bett,
die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit
am Start. Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen Augenblick
wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig.
Schnell noch die Warmpelze, dann geht's los.
Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind
viel näher. Ich fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen würde, so
daß ich von weitem zusehen müßte, wie vor meinen Augen sich einige
Luftkämpfe abspielen. Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden ein,
auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun
beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, bald
macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Jagdflugzeug. Ich war
ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht
mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß
wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die
größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat,
der gewinnt.
Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn 'runtergedrückt, ohne ihn
wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von
der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in
meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige
Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus fliegt und mir zu
entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und
zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir
liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten
Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner
Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er
rannte mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein.
Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids.
Er verteidigte sich bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war es zum
Schluß doch mehr Dummheit von ihm. Es war eben mal wieder der Punkt, wo
ich eine Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. Runter mußte er
doch. So hatte er seine Dummheit mit dem Leben bezahlen müssen.
* * * * *
Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der
Morgenarbeit kehrte ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft
und waren sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen
von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte.
Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten abgeschossen, wir waren
sehr vergnügt und bereiteten uns für neue Kämpfe vor.
Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. Da kommt ein guter Freund
-- Leutnant Voß von der Jagdstaffel Boelcke -- zu mir, um mich zu
besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte am Tage vorher seinen
Dreiundzwanzigsten erledigt. Er stand also mir am nächsten und ist wohl
zurzeit mein heftigster Konkurrent.
Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch ein Stückchen begleiten.
Wir machen einen Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich sehr
schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil
zu haben.
Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die Gegend unbekannt war, fing
es schon an, ungemütlich zu werden. Über Arras traf ich meinen Bruder,
der gleichfalls bei meiner Staffel ist und sein Geschwader verloren
hatte. Er schließt sich uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter
Vogel).
Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. Sofort zuckt es mir
durch den Kopf: »Nummer Dreiunddreißig!« Trotzdem es neun Engländer
waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie es doch vor, den Kampf zu meiden.
(Ich werde nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) Aber wir
holten sie doch ein. Schnelle Maschine ist eben die Hauptsache.
Ich bin dem Feind am nächsten und greife den hintersten an. Zu meinem
größten Entzücken merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir
einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, daß ihn seine Kameraden
im Stich lassen. Ich habe ihn also bald allein vor. Es ist wiederum
derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun hatte. Er machte es mir
nicht leicht. Er weiß, worauf es ankommt, und besonders aber: der Kerl
schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen nachher noch ziemlich
genau feststellen. Der günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns
beide Kämpfenden über unsere Linien. Der Gegner merkt, daß die Sache
doch nicht so einfach ist, wie er sich wohl gedacht hat, und
verschwindet in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war es seine
Rettung. Ich stoße hinter ihm her, komme unten heraus und -- Anlauf muß
eben der Mensch haben -- ich sitze wie durch ein Wunder genau hinter
ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein greifbares Resultat. Da --
endlich habe ich ihn getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst,
der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er muß also landen, denn sein
Motor bleibt stehen.
Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. Er mußte erkennen, daß er
ausgespielt hatte. Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort
totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch dreihundert Meter
hoch. Aber der Kerl verteidigte sich genau wie der von heute morgen, bis
er unten gelandet war. Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn
hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen
hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und
zerschießt mir die ganze Maschine.
Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn
nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es
auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war
übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind.
Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten
feiern.