(Mitte März 1917)
Abgeschossen ist eigentlich ein falscher Ausdruck für das, was mir heute
passiert ist. Ich nenne abgeschossen im allgemeinen nur den, der
'runterplumpst, aber heute habe ich mich wieder gefangen und kam noch
ganz heil 'runter.
Ich bin im Geschwader und sehe einen Gegner, der gleichfalls im
Geschwader fliegt. Etwa über unserer Artilleriestellung in der Gegend
von Lens. Ich habe noch ein ganzes Stückchen zu fliegen, bis ich die
Gegend erreiche. Es ist das der nervenkitzelndste Augenblick, das
Anfliegen an den Gegner, wenn man den Feind schon sieht und noch einige
Minuten Zeit hat, bis man zum Kampf kommt. Ich glaube, ich werde dann
immer etwas bleich im Gesicht, aber ich habe leider noch nie einen
Spiegel mitgehabt. Ich finde diesen Augenblick schön, denn er ist
überaus nervenkitzelnd, und all so etwas liebe ich. Man beobachtet den
Gegner schon von weitem, hat das Geschwader als feindlich erkannt, zählt
die feindlichen Apparate, wägt die ungünstigen und günstigen Momente ab.
So zum Beispiel spielt es eine ungeheure Rolle, ob der Wind mich im
Kampfe von meiner Front abdrängt oder auf meine Front zudrückt. So habe
ich mal einen Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß jenseits
der feindlichen Linien gegeben habe, und 'runtergeplumpst ist er bei
unseren Fesselballons, so weit hat ihn der Sturm noch 'rübergetrieben.
Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so stark. Wie ein großer
Mückenschwarm flogen die Engländer durcheinander. So einen Schwarm, der
so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen zu bringen, ist nicht leicht, für
den einzelnen ausgeschlossen, für mehrere äußerst schwierig, besonders,
wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig sind wie in unserem Falle. Aber
man fühlt sich dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen Augenblick
an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der Angriffsgeist, also die Offensive,
ist die Hauptsache, wie überall, so auch in der Luft. Aber der Gegner
dachte ebenso. Das sollte ich gleich merken. Kaum sah er uns, so machte
er umgehend kehrt und griff uns an. Da hieß es für uns fünf Männeken:
Aufgepaßt! Hängt einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir schlossen
uns ebenfalls zusammen und ließen die Herren etwas nähertreten. Ich
paßte auf, ob nicht einer von den Brüdern sich etwas von den anderen
absentierte. Da -- einer ist so dumm. Ich kann ihn erreichen. »Du bist
ein verlorenes Kind.« Auf ihn mit Gebrüll. Jetzt hab' ich ihn erreicht
oder muß ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, ist also
etwas nervös. Ich dachte mir: »Schieß' du nur, du triffst ja doch
nicht!« Er schoß mit einer Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar
vorbeiflog. Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer Gießkanne.
Nicht angenehm, aber die Engländer schießen fast durchweg mit diesem
gemeinen Zeug, also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch ist ein
Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, glaube ich, habe ich
gelacht. Bald sollte ich aber eines Besseren belehrt werden.
Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa hundert Meter, das Gewehr ist
entsichert, ich ziele noch einmal Probe, gebe einige Probeschüsse, die
Gewehre sind in Ordnung. Nicht mehr lange kann es dauern. Im Geiste sah
ich den Gegner schon plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist vorüber. Man
denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die Treffwahrscheinlichkeiten von
ihm und von mir ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten
aufregend in den meisten Fällen, und wer sich dabei aufregt, macht einen
Fehler. Er wird nie einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache.
Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen Fehler gemacht. Nun bin ich
auf fünfzig Meter 'ran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg
nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit einem Male gibt es einen
großen Knall, ich habe kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht es
wieder in meiner Maschine. Es ist mir klar, ich bin getroffen.
Wenigstens meine Maschine, ich für meine Person nicht. Im selben
Augenblick stinkt es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der Motor
nach. Der Engländer merkt es, denn er schießt nun um so mehr. Ich muß
sofort ablassen.
Senkrecht geht es 'runter. Unwillkürlich habe ich den Motor abgestellt.
Es war auch höchste Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und das
Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr des Brennens doch
groß. Vor sich hat man einen über einhundertundfünfzig »Pferde« starken
Explosionsmotor, also glühend heiß. Ein Tropfen Benzin, und die ganze
Maschine brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen Streifen. Ich
kenne ihn beim Gegner genau. Es sind dies die Vorzeichen der Explosion.
Noch bin ich dreitausend Meter hoch, habe also noch ein ganzes Ende bis
auf die Erde. Gott sei Dank hört der Motor auf zu laufen. Die
Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen.
Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht den Kopf herausstecken kann,
ohne durch den Windzug hintenüber gedrückt zu werden.
Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch Zeit, bis ich auf die Erde
komme, zu sehen, was denn meine vier anderen Herren machen. Sie sind
noch im Kampf. Man hört das Maschinengewehrfeuer des Gegners und das der
eignen. Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal eines Gegners?
Aber nein. Dafür ist es zu groß. Es wird immer größer. Es brennt einer.
Aber was für einer? Die Maschine sieht genau so aus wie unsere. Gott sei
Dank, es ist ein Gegner. Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf
fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug heraus, ähnlich wie ich,
senkrecht nach unten, überschlägt sich sogar, überschlägt sich immer
noch -- da -- jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus genau auf mich
zu. Auch ein Albatros. Gewiß ist es ihm so gegangen wie mir.
Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und muß mich so sachte
umgucken, wo ich denn landen will. Denn so eine Landung ist meistenteils
mit Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht immer günstig ab, also
-- aufpassen. Ich finde eine Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt
gerade, wenn man etwas vorsichtig zu Werke geht. Außerdem liegt sie mir
günstig, direkt an der Chaussee bei Hénin-Liétard. Dort will ich auch
landen. Es geht alles glatt. Mein erster Gedanke ist: Wo bleibt der
andere? Er landet einige Kilometer von mir entfernt.
Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. Einige Treffer sind
darin, aber der Treffer, der mich veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen,
ist einer durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen Benzin mehr
drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. Schade um ihn, er lief
noch so gut.
Die Beine lasse ich herausbaumeln aus der Maschine und mag wohl ein
ziemlich törichtes Gesicht gemacht haben. Sofort hat sich eine große
Menge Soldaten um mich versammelt. Da kommt ein Offizier. Er ist ganz
außer Atem. Sehr aufgeregt! Gewiß ist ihm was Schreckliches passiert. Er
stürzt auf mich zu, schnappt nach Luft und fragt: »Hoffentlich ist Ihnen
nichts passiert? Ich habe die ganze Sache beobachtet und bin ja so
aufgeregt! Herrgott, das sah schrecklich aus!« Ich versicherte ihm, daß
mir gar nichts fehlte, sprang herunter, stellte mich vor.
Selbstverständlich verstand er keinen Ton von meinem Namen. Aber er
forderte mich auf, mit seinem Automobil in das nahe Hénin-Liétard
hineinzufahren, wo sein Quartier war. Es war ein Pionieroffizier.
Wir sitzen bereits in dem Wagen und fahren gerade an. Mein Gastgeber hat
sich noch immer nicht beruhigt. Plötzlich erschrickt er und fragt:
»Herrgott, wo ist denn Ihr Kraftfahrer?« Zuerst wußte ich nicht recht,
was er meinte, guckte ihn wohl etwas verwirrt an. Dann wurde mir klar,
daß er mich für den Beobachter eines zweisitzigen Flugzeuges hielt und
nach meinem Flugzeugführer fragte. Schnell faßte ich mich und sagte ganz
trocken: »Ich fahre allein.« Das Wort »fahren« ist in der Fliegertruppe
verpönt. Man fährt nicht, man »fliegt«. In den Augen des braven Herrn
war ich ganz entschieden durch die Tatsache, daß ich allein »fahre«,
sichtbar gesunken. Die Unterhaltung wurde etwas spröder.
Da kommen wir in seinem Quartier an. Ich habe noch immer meine
schmutzige Öllederjacke an, einen dicken Schal um. Unterwegs hat er mich
natürlich mit unendlich vielen Fragen bestürmt. Überhaupt war der ganze
Herr bedeutend mehr aufgeregt als ich. Da zwang er mich, auf einem Sofa
mich hinzulegen, oder wollte dies tun mit der Begründung, daß ich doch
von meinem Kampf noch ganz echauffiert sein müßte. Ich versicherte ihm,
daß ich schon manchmal luftgekämpft hätte, was ihm aber gar nicht in den
Kopf kommen wollte. Ich sah gewiß nicht sehr kriegerisch aus.
Nach einiger Unterhaltung kommt er natürlich mit der berühmten Frage:
»Haben Sie schon einmal einen abgeschossen?« Meinen Namen hatte er, wie
gesagt, nicht gehört. »Ach ja,« sagte ich, »ab und zu.« »So -- so haben
Sie etwa schon zwei abgeschossen?« »Nein, aber vierundzwanzig.« Er
lächelt, wiederholt seine Frage und meint, unter »abgeschossen« verstehe
er einen, der 'runtergefallen sei und unten liegenbliebe. Ich
versicherte ihm, das wäre auch meine Auffassung davon. Jetzt war ich
ganz unten durch, denn jetzt hielt er mich für einen mächtigen
Aufschneider. Er ließ mich sitzen und sagte mir, daß in einer Stunde
gegessen würde, und wenn es mir recht sei, könne ich ja mitessen. Nun
machte ich doch von seinem Anerbieten Gebrauch und schlief eine Stunde
fest. Dann gingen wir 'rüber ins Kasino. Hier pellte ich mich aus und
hatte zum Glück meinen #Pour le mérite# um. Leider aber keine
Uniformjacke darunter, sondern nur eine Weste. Ich bitte um
Entschuldigung, daß ich nicht besser angezogen bin, und mit einem Male
entdeckt mein guter Häuptling an mir den #Pour le mérite#. Er wird
sprachlos vor Erstaunen und versichert mir, daß er nicht wüßte, wie ich
heiße. Ich sagte ihm nochmals meinen Namen. Jetzt schien ihm etwas zu
dämmern, daß er wohl schon mal von mir gehört hatte. Ich bekam nun
Austern und Schampus zu trinken und lebte eigentlich recht gut, bis
schließlich Schäfer kam und mich mit meinem Wagen abholte. Von ihm
erfuhr ich, daß Lübbert wieder mal seinem Spitznamen Ehre gemacht hatte.
Er hieß nämlich unter uns »Kugelfang«, denn in jedem Luftkampf wurde
seine Maschine arg mitgenommen. Einmal wies sie vierundsechzig Treffer
auf, ohne daß er selbst verwundet war. Diesmal hatte er einen
Streifschuß an der Brust bekommen und lag bereits im Lazarett. Seine
Maschine flog ich gleich nach dem Hafen. Leider ist dieser hervorragende
Offizier, der das Zeug dazu hatte, einmal ein Boelcke zu werden, einige
Wochen später den Heldentod fürs Vaterland gestorben.
Am Abend kann ich meinem Gastgeber aus Hénin-Liétard noch Bescheid
sagen, daß ich heute ein Viertelhundert voll gemacht habe.