Major Hawker

Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von

mir am 23. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann

war.

Dem Luftkampf nach hätte ich mir's schon denken können, daß es ein

Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte.

Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und

beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten

als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich

gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war

tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf

mich 'runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt

und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte

der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen

Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während

ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide

wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in

dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann

dreißigmal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und hinter den anderen

zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun

hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er

hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und

so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen.

Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein

Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun

die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich

günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich

schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer

Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die

Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe

waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: #»Well, well, how do you

do?«#

Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht

weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir

meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und

konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe

aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt.

Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt,

und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte

oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres,

nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert

hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen

ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In

hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren

sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der

Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte

ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der

Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen

Erfolg gebracht.

Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer

Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den

Eingang über meiner Haustür.

#Pour le mérite#

Der Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit an der Spitze sämtlicher

Jagdflieger. Dieses war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte

ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem Freund Lynker gesagt,

als wir zusammen schulten und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel --

was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da meinte ich so scherzhaft:

»Nun, so an der Spitze der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön

sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder ich mir zugetraut noch

andere Menschen mir. Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben -- natürlich

nicht mir direkt persönlich, aber man hat es mir nachher erzählt -- wie

er gefragt wurde: »Wer hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu

werden?« da soll er mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt haben:

»Das ist der Mann!«

Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten den #Pour le mérite#

bekommen. Ich hatte das Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich war

sehr gespannt. Man munkelte, ich würde eine Jagdstaffel bekommen. Da

kommt eines Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum Führer der

Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß sagen, ich habe mich geärgert. Man

hatte sich so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel Boelcke

eingearbeitet. Nun wieder ganz von neuem anzufangen, das Einleben usw.

war langweilig. Außerdem wäre mir der #Pour le mérite# lieber gewesen.

Nach zwei Tagen -- wir sitzen gemütlich bei der Jagdstaffel Boelcke und

feiern meinen Abschied --, da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier,

daß Majestät die Gnade hatte, mir den #Pour le mérite# zu verleihen. Da

war die Freude natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das

Vorangegangene.

* * * * *

Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst eine Jagdstaffel zu

führen, wie es nachher in Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie

träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen geben würde.

#»Le petit rouge«#

Aus irgend welchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken,

mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, daß sich mein

roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern

schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein.

Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an einer anderen Frontstelle

abspielte wie die übrigen, glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers,

der ganz friedlich unsere Artilleriestellung photographierte,

anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich zu wehren, und mußte

sich beeilen, auf die Erde zu kommen, denn er fing schon an, verdächtige

Zeichen des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: »er stinkt.« Wie

sich herausstellte, war es auch tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing

kurz über der Erde an, in hellen Flammen zu brennen.

Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich

entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur

Landung zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der Gegner schon

verwundet war, denn er brachte keinen Schuß 'raus.

In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich ein Defekt an meiner

Maschine, im normalen Gleitflug, ohne eine Kurve machen zu können,

gleichfalls zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. Mein

Feind landete mit seiner brennenden Maschine glatt, während ich als

Sieger unmittelbar daneben in den Drahthindernissen der Schützengräben

einer unserer Reservestellungen mich überschlug.

Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden #Englishmen# mit mir, die

wegen meines Bruches nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits

erwähnt, keinen Schuß auf mich abgegeben hatten und sich den Grund

meiner Notlandung gar nicht vorstellen konnten. Es waren dies die ersten

Engländer, die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb machte es mir

besonders Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fragte sie unter

anderem, ob sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen hätten.

#»Oh yes,«# sagte der eine, »die kenne ich ganz genau. Wir nennen sie

#'le petit rouge'#.«

Nun kommt eine echt englische -- in meinen Augen -- Gemeinheit. Er fragte

mich, weshalb ich mich vor der Landung so unvorsichtig benommen hätte.

Der Grund lag darin, daß ich nicht anders konnte. Da sagte der Schurke,

er hätte versucht, in den letzten dreihundert Metern auf mich zu

schießen, habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm Pardon -- er nimmt

es an und vergilt es mir nachher mit einem hinterlistigen Überfall.

Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner wieder sprechen können, aus

einem naheliegenden Grund.

Der rote Kampfflieger · 第 77 / 105 题