(17. September 1916)
Wir standen alle auf dem Schießplatz, und einer nach dem anderen schoß
sein Maschinengewehr ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am
Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, und am nächsten
Morgen wollte Boelcke mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner
von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. Was Boelcke uns sagte,
war uns daher ein Evangelium. In den letzten Tagen hatte er, wie er sich
ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei
Engländer abgeschossen.
Der nächste Morgen, der 17. September, war ein wunderbarer Tag. Man
konnte mit regem Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir
aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue Instruktionen, und
zum ersten Male flogen wir im Geschwader unter Führung des berühmten
Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten.
Wir waren gerade an die Front gekommen, als wir bereits über unseren
Linien an den Sprengpunkten unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches
Geschwader erkannten, das in Richtung Cambrai flog. Boelcke war
natürlich der erste, der es sah, denn er sah eben mehr als andere
Menschen. Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und jeder strebte,
dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir waren uns alle klar, daß wir unsere
erste Prüfung unter den Augen unseres verehrten Führers zu bestehen
hatten. Wir näherten uns dem Geschwader langsam, aber es konnte uns
nicht mehr entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem Gegner. Wollte
er zurück, so mußte er an uns vorbei. Wir zählten schon die feindlichen
Flugzeuge und stellten fest, daß es sieben waren. Wir dagegen nur fünf.
Alle Engländer flogen große, zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch
Sekunden, dann mußte es losgehen. Boelcke war dem ersten schon verflucht
nahe auf die Pelle gerückt, aber noch schoß er nicht. Ich war der
zweite, dicht neben mir meine Kameraden. Der mir am nächsten fliegende
Engländer war ein großer, dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte
nicht lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich schoß, und ich
schoß vorbei, er auch. Es begann ein Kampf, in dem es für mich
jedenfalls darauf ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja nur in
meiner Flugrichtung schießen konnte. Er hatte es nicht nötig, denn sein
bewegliches Maschinengewehr reichte nach allen Seiten. Er schien aber
kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein
letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu
gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, »der muß fallen«,
wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er
wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal
der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht
auf: »So mußt du's machen.«
Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft meine Garbe kreuzend. Daran
dachte ich nicht, daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader
gab, die ihrem bedrängten Kameraden zu Hilfe kommen konnten. Nur immer
der eine Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was da will!« Da, endlich
ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und
fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner
guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr.
Ich war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich,
fast hätte ich einen Freudenjauchzer ausgestoßen, denn der Propeller des
Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! Der Motor war
zerschossen, und der Feind mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner
Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den schwankenden
Bewegungen des Apparates, daß irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz
in Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht mehr zu sehen, sein
Maschinengewehr ragte ohne Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also
getroffen, und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen.
Der Engländer landete irgendwo unmittelbar neben dem Flughafen eines
mir bekannten Geschwaders. Ich war so aufgeregt, daß ich mir das Landen
nicht verkneifen konnte, und landete in dem mir fremden Flughafen, wo
ich fast im Eifer meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die beiden
Flugzeuge, der Engländer und meines, waren nicht sehr weit voneinander
entfernt. Ich lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten nach
dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, fand ich, daß meine Annahme
stimmte. Der Motor war zerschossen und beide Insassen schwer verletzt.
Der Beobachter starb gleich, der Führer auf dem Transport zum nahen
Lazarett. Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken
einen Stein auf sein schönes Grab.
Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den anderen Kameraden bereits
beim Frühstück und wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war.
Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.«
Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke,
der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns
Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben.
Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches Geschwader sich mehr
bis Cambrai getraute, solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab.