Bombenflüge in Rußland

Juni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten nicht, wo es hinging, aber

den richtigen Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig erstaunt,

wie uns unser Kommandeur mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach

Rußland gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland mit unserem Wohnzug,

aus Speise- und Schlafwagen bestehend, und kamen schließlich nach Kowel.

Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen wohnen. Dieses Wohnen in

Zügen hat ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets fertig, um

weiterzureisen, und man hat immer dasselbe Quartier.

Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein Schlafwagen das

Fürchterlichste, was es geben kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei

guten Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen Wald zu ziehen, wo

wir uns ein Zelt aufbauten und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne

Zeiten.

* * * * *

In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel Bomben. Wir beschäftigten uns

damit, die Russen zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen

unsere Eier. An einem dieser Tage zog unser ganzes Geschwader los, um

eine sehr wichtige Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest hieß Manjewicze

und lag etwa dreißig Kilometer hinter der Front, also nicht so

übertrieben weit. Die Russen hatten einen Angriff geplant, und zu diesem

Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich mit Zügen angefüllt. Ein Zug

stand neben dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden Zügen

belegt. Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder

Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel

für einen Bombenflug.

Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile

für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen

Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage

zweimal los. An diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze zum Ziele

gesteckt. Jede Staffel für sich zog geschlossen gen Rußland. Die

Maschinen standen am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch einmal

seinen Motor, denn es ist eine peinliche Sache, auf der falschen Partei

notzulanden und besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger wie

wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn ganz bestimmt tot. Das

ist auch die einzige Gefahr in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es

da nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer vor, so hat er

sicherlich Pech und wird abgeschossen. Die Ballonabwehrgeschütze in

Rußland sind manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. Gegen

den Westen jedenfalls ist das Fliegen im Osten eine Erholung.

* * * * *

Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. Sie sind bis auf ihr

letztes Ladegewicht mit Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal

einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug.

Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die

Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall, daß« noch zwei

Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es

ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der

Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug

mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen

Mittagsglut, ist nicht von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm.

Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen die einhundertfünfzig

»Pferde«, aber es ist doch kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung

und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man in einer ruhigeren

Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist

schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen

festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas

geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen

abgeschossen hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können.

Ich habe sehr gern Bomben geworfen. Mein Beobachter hatte es sachte sehr

ordentlich wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu überfliegen und mit

Hilfe eines Zielfernrohres den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei

zu legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. Ich habe ihn öfters

hinter mir.

Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen gewiß die Elche und Luchse

herumturnen. Die Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich die

Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das einzige größere Dorf in der

ganzen Gegend war Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose Zelte

aufgeschlagen und am Bahnhof selbst unzählige Baracken. Rote Kreuze

konnten wir nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. Dieses

konnte man an einzelnen rauchenden Häusern und Baracken noch

feststellen. Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang des

Bahnhofs war durch einen Treffer offenbar versperrt. Die Lokomotive

dampfte noch. Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo in einem

Unterstand oder so was Ähnlichem. Auf der anderen Seite fuhr gerade eine

Lokomotive mit großer Fahrt heraus. Natürlich reizte einen das, das Ding

zu treffen. Wir fliegen das Ding an und setzen einige hundert Meter

davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg war da, die Lokomotive blieb

stehen. Wir machen kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, fein

gezielt durch das Zielfernrohr, auf den Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es

stört uns niemand. Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz in der Nähe,

aber seine Piloten sind nicht zu sehen. Abwehrgeschütze knallen nur ganz

vereinzelt und in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. Wir heben

uns noch eine Bombe auf, um sie besonders nutzbringend beim

Nachhauseflug anzuwenden. Da sehen wir, wie ein feindlicher Flieger auf

seinem Hafen startet. Ob er sich wohl mit dem Gedanken trägt, uns

anzugreifen? Ich glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in der

Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen ganz gewiß das

bequemste, sich der persönlichen Lebensgefahr zu entziehen.

Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht

besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu

beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch

viel mehr Angst als die gebildeten Engländer. Besonders interessant ist

es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es bringt ungeheure Unruhe

unter die Leute. Man sieht sie mit einem Male nach allen

Himmelsrichtungen davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef von so

einer Kosakeneskadron sein, die von Fliegern mit Maschinengewehren

beschossen wird. Allmählich konnten wir wieder unsere Linien sehen. Nun

wurde es Zeit, daß wir unsere letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen,

einen Fesselballon, »_den_« Fesselballon der Russen, mit einer Bombe zu

bedenken. Wir konnten ganz gemütlich auf wenige hundert Meter

heruntergehen und den Fesselballon bewerfen. Anfangs wurde er mit großer

Hast eingezogen, wie aber die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen

auf. Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich getroffen hatte,

sondern eher, daß die Russen ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich

ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten schließlich unsere Front,

unsere Gräben und waren, als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt,

wie wir feststellten, daß man uns von unten doch beschossen hatte,

wenigstens zeigte dies ein Treffer in der Tragfläche.

* * * * *

Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in derselben Gegend auf einen

Angriff der Russen angesetzt, die den Stochod zu überschreiten

beabsichtigten. Wir kamen an die gefährdete Stelle, mit Bomben beladen

und sehr viel Patronen fürs Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer

großen Überraschung, wie bereits der Stochod von feindlicher Kavallerie

überschritten wird. Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also war

es klar: Trifft man diese, so kann man dem Feind ungeheuer schaden.

Außerdem wälzten sich über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. Wir

gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter und konnten nun genau

erkennen, daß die feindliche Kavallerie in großer Geschwindigkeit über

den Übergang marschierte. Die erste Bombe krachte nicht weit von ihr,

die zweite, dritte folgte unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste

Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, aber nichtsdestotrotz

hat der Verkehr vollständig aufgehört, und alles, was Beine hat, ist

nach allen Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, denn das waren

nur drei Bomben; es kam ja noch das ganze Geschwader hinterher. Und so

konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem

Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß

daran. Was unser positiver Erfolg war, kann ich natürlich nicht sagen.

Die Russen haben es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe ich

mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen habe. Ob es

stimmt, wird die Kriegschronik der Russen nach dem Kriege mir wohl

mitteilen.

Endlich!

Die Augustsonne war fast unerträglich auf dem sandigen Flugplatz in

Kowel. Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute

kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in

Kowel besuchen.« Abends erschien der berühmte Mann, von uns sehr

angestaunt, und erzählte vieles Interessante von seiner Reise nach der

Türkei, von der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im Großen

Hauptquartier zu melden. Er sprach davon, daß er an die Somme ginge, um

dort seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze Jagdstaffel

aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte er sich aus der Fliegertruppe ihm

geeignet erscheinende Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn zu bitten,

daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei

unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre -- im Gegenteil, wir

machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis mit unseren

Bomben so manchen Bahnhof eingetöppert -- aber der Gedanke, wieder an der

Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für

einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen.

Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte

es plötzlich an meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem

#Pour le mérite#. Ich wußte nicht recht, was er von mir wollte. Ich

kannte ihn zwar, wie bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich

nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein

Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich

fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte.

Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und fuhr quer durch

Deutschland direkt nach dem Feld meiner neuen Tätigkeit. Endlich war

mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste

Zeit meines Lebens.

Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte ich damals nicht zu

hoffen. Beim Abschied rief mir ein guter Freund noch nach: »Komm' bloß

nicht ohne den #Pour le mérite# zurück!«

Der rote Kampfflieger · 第 72 / 105 题