Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige
Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger,
als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht
zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren
Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in
Gefangenschaft.
Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter
hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal
auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige
Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz
hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei
meinem Nachhauseflug folgendes:
Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen
zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die
ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind
kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran.
Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte
aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen,
wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben wäre. Also, Gas
gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing's an zu regnen. Die
Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble
war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der
Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,«
und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde
herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und
Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich
schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück
Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer.
Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten
werden.
Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm.
Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein
guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur
noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden.
Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders
Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch
fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas
zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht,
daß der Blitz nicht in das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den
sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der
nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der
Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen.
Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort
hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet.
Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch
haben kann, steuerte ich darauf zu.
Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog
zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen.
Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo
schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht
eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin,
verschwunden.
Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert,
durch einen Gewittersturm hindurchfliegen.
In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente,
die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte.