(10. Oktober 1915)
Es gibt so einige Augenblicke im Leben, die einen besonderen
Nervenkitzel verursachen, so z. B. der erste Alleinflug.
Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines Abends: »So, nun flieg' mal
alleine los.« Ich muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet hätte:
»Ich habe zu große Angst.« Aber dies Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger
niemals in den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder übel meinen
Schweinehund 'runterschlucken und mich in die Maschine setzen.
Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; ich hörte nur noch
mit halbem Ohre zu, denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt doch
die Hälfte.
Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine bekam ihre bestimmte
Geschwindigkeit, und mit einem Male konnte ich nicht umhin,
festzustellen, daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein
ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir war jetzt alles Wurscht.
Mochte passieren, was da wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken
gewesen. Mit Todesverachtung machte ich eine Riesenlinkskurve, stellte
an dem genau bezeichneten Baum das Gas ab und wartete der Dinge, die
sich nun ereignen würden. Nun kam das Schwierigste, die Landung. Mir
waren die notwendigen Handgriffe genau in Erinnerung. Ich machte sie
mechanisch nach, jedoch reagierte die Maschine ganz anders als sonst, wo
Zeumer drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, machte einige
falsche Bewegungen, stand auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine
»Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir den Schaden, der sich zum
Glück bald beheben ließ, und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner
Seite.
Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion wieder an mein Flugzeug,
und siehe da, es ging wunderbar.
Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung machen. Ein Herr v. T.
war Richter. Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir
befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz ausstieg und nun zu meinem
größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts
anderes übrig, als später meine erste Prüfung noch einmal zu machen.