Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer bin, war meine Tätigkeit vor
Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst
im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich
Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich
aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum
besseren Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe war es noch nicht,
aber das Weiteste, was ich mich vorwagen durfte, war fünfzehnhundert
Meter hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang unter der Erde
in einem bombensicheren, geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit
nach vorn genommen. Das war eine große körperliche Anstrengung. Denn man
ging bergauf, bergab, die Kreuz und die Quer', durch unendlich viele
Annäherungsgräben und Schlammlöcher hindurch, bis man dann endlich vorn
dort angekommen war, wo es knallte. Bei einem so kurzen Besuch bei den
Kämpfenden kam ich mir immer sehr dumm vor mit meinen gesunden Knochen.
Man fing damals an, unter der Erde zu arbeiten. Wir waren uns noch gar
nicht klar darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen bauen oder
eine Sappe vorschieben. Man kannte die Namen zwar aus der
Befestigungslehre von der Kriegsschule her, aber das war nun mal
Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher nicht gern
beschäftigt hätte. Aber dort vorn an der Combres-Höhe buddelte alles
emsig. Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und gab sich unendliche
Mühe, möglichst tief in die Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die
Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man
hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf
er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem
suchte man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern (Handgranaten).
Fünfhundert Meter vor und fünfhundert Meter hinter den Gräben war der
dichte Wald der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich vielen
Gewehrkugeln und Granaten, die dort ständig durch die Luft sausten. Man
würde nicht glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch leben
könnte. Die Truppe vorne empfand es gar nicht mal so schlimm wie die
Etappenleute.
Nach so einem Spaziergang, der meistenteils in den allerzeitigsten
Morgenstunden stattfand, fing für mich wieder der langweiligere Teil des
Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen.
* * * * *
An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich mit meinem
Lieblingshandwerk, dem Jagen. Der Wald von La Chaussée bot mir dazu
reichlich Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten Sauen gespürt
und war nun damit beschäftigt, diese ausfindig zu machen und mich nachts
anzusetzen. Schöne Vollmondnächte mit Schnee kamen mir zu Hilfe. Ich
baute mir mit Hilfe meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten
Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich so manche Nacht auf
Bäumen zugebracht und wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden.
Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine Sau war interessant, sie kam
jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle
in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich
natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich
mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte
Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während
sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre mir beinahe versoffen,
wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an
einem Lauf festzuhalten.
Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen in einer ganz schmalen
Schneise, da wechseln vor mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich
schnell 'runter, den Karabiner meines Burschen ergriffen und einige
hundert Schritt vorgelaufen. Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar
ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen Keiler gesehen und war
nun sehr erstaunt, wie riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er als
Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist eine schöne Erinnerung.
* * * * *
So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen
Tages etwas Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten eine kleine
Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig, denn nun mußte ja
doch eigentlich der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren kommen!
Aber Kuchen! Es wurde mir etwas ganz anderes zugedacht, und dieses
schlug dem Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch an meinen
Kommandierenden General, und böse Zungen behaupten, ich hätte gesagt:
»Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier
zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich
auf mich einschnappen wollen, aber schließlich hat man mir meine Bitte
gewährt, und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war mir
mein größter Wunsch erfüllt.
Das erstemal in der Luft!
Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen! Ich war
in einer etwas begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts
darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, schnurrte mir etwas anderes
vor. Abends ging ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten Morgen
für den großen Moment frisch zu sein. Wir fuhren 'rüber auf den
Flugplatz, ich setzte mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der
Propellerwind störte mich ganz ungeheuer. Eine Verständigung mit dem
Führer war mir nicht möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein Stück
Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte sich, der Schal
löste sich, die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz und gut, es
war kläglich. Ich war noch gar nicht darauf gefaßt, schon loszusausen,
da gab bereits der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu rollen.
Immer schneller, immer schneller. Ich hielt mich krampfhaft fest. Mit
einem Male hörte die Erschütterung auf, und die Maschine war in der
Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg.
Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, d. h. also, wo ich
meinen Führer hinzudirigieren hatte. Wir flogen erst ein Stück
geradeaus, dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, rechtsum, mal
linksum, und ich hatte über meinem eigenen Flughafen die Orientierung
verloren. Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich fing so sachte an,
mir mal die Gegend unter mir anzusehen. Die Menschen winzig klein, die
Häuser wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich und zierlich. Im
Hintergrund lag Köln. Der Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein
erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer konnte mir jetzt was
anhaben? Keiner! Daß ich nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz
Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein Pilot meinte, jetzt müßten
wir landen.
Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. Daß ich irgend welche
Beschwerden, wie etwa bei einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist
nicht zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln sind mir,
nebenbei gesagt, widerlich. Man fühlt sich unsicher darin, aber im
Flugzeug hat man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man sitzt ganz
ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz
ausgeschlossen. Es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig
geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die
Luft zu sausen, besonders nachher, als es wieder 'runterging, das
Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen und mit einemmal
eine ungeheure Ruhe eintrat. Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und
dachte natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles so
selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man
wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl
der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und hätte den ganzen Tag im
Flugzeug sitzen können. Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start.