Das Wort »Krieg« war uns Grenzkavalleristen zwar geläufig. Jeder wußte
haarklein, was er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so eine
rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen würde. Jeder aktive
Soldat war selig, nun endlich seine Persönlichkeit und sein Können
zeigen zu dürfen.
Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die interessanteste Tätigkeit
zugedacht: aufklären, in den Rücken des Feindes gelangen, wichtige
Anlagen zerstören; alles Aufgaben, die einen ganzen Kerl verlangen.
Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit ich mich durch
langes Studium schon seit einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts
um zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum erstenmal gegen den
Feind.
Die Grenze bildete ein Fluß, und ich konnte erwarten, daß ich dort zum
erstenmal Feuer bekommen würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich ohne
Zwischenfall die Brücke passieren konnte. Ohne weitere Ereignisse
erreichten wir den mir von Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des
Dorfes Kielcze am nächsten Morgen.
Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu haben oder vielmehr besser ohne
selbst bemerkt worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte ich es
anstellen, daß mich die Dorfbewohner nicht bemerkten? Mein erster
Gedanke war, den Popen hinter Schloß und Riegel zu setzen. So holten wir
den vollkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause.
Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm
die Leiter weg und ließ ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, daß, wenn
auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich
bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein
Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend.
Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen zu schicken. So
löste sich bald mein kleines Häuflein an Meldereitern auf, so daß ich
schließlich den letzten Melderitt als Überbringer selbst übernehmen
mußte.
Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. In dieser kam plötzlich
der Posten zu mir zum Kirchturm gelaufen -- denn in dessen Nähe hatte ich
meine Pferde hingestellt -- und rief mir zu: »Kosaken sind da!« Es war
pechfinster, etwas Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor den
Augen.
Wir führten die Pferde durch eine schon vorher vorsichtshalber durch die
Kirchhofsmauer geschlagene Bresche auf das freie Feld. Dort war man
infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in vollständiger Sicherheit.
Ich selbst ging mit dem Posten, den Karabiner in der Hand, nach der
bezeichneten Stelle, wo die Kosaken sein sollten.
Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und kam an die Straße. Da
wurde mir doch etwas anders zumute, denn der ganze Dorfausgang wimmelte
von Kosaken. Ich guckte über die Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde
stehen hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen sich sehr
unvorsichtig und laut. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig bis dreißig.
Einer war abgesessen und zum Popen gegangen, den ich am Tage vorher aus
der Haft entlassen hatte.
Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. Also doppelt aufpassen.
Auf einen Kampf konnte ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als
zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. Also spielte ich »Räuber
und Gendarm«.
Nach einigen Stunden Rast ritten die Besucher wieder von dannen.
Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber doch einen kleinen
Quartierwechsel vorzunehmen. Am siebenten Tage war ich wieder in meiner
Garnison und wurde von jedem Menschen angestarrt, als sei ich ein
Gespenst. Das kam nicht etwa wegen meines unrasierten Gesichts, sondern
vielmehr weil sich Gerüchte verbreitet hatten, Wedel und ich seien bei
Kalisch gefallen. Man wußte Ort, Zeit und nähere Umstände so haargenau
zu erzählen, daß sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet
hatte. Selbst meiner Mutter hatte man bereits Kondolenzbesuche gemacht.
Es fehlte nur noch, daß eine Todesanzeige in der Zeitung stand.
* * * * *
Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben Zeit. Ein
Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft
zu requirieren. Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. Ganz erregt
kam er von seinem Auftrag zurück und berichtete selber folgendes:
»Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die Puppen stehen, worauf ich
plötzlich in einiger Entfernung feindliche Infanterie erkenne. Kurz
entschlossen ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen zu: 'Lanze gefällt,
zur Attacke, marsch, marsch, hurra!' Den Leuten macht es Spaß, es
beginnt ein wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche Infanterie
entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, die ich in meiner Kurzsichtigkeit
verkannt habe.«
Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner Attacke zu leiden.
[Illustration: Abgeschossen und an der Starkstromleitung verbrannt. Am
Kanal zwischen Brebières und Vitry]
[Illustration: Abgeschossener Vikkers-Zweisitzer bei Noyelle-Godault]