Nach Frankreich

In meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. Wohin? -- Keine Ahnung, ob

West, Ost, Süd, Nord.

Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. Aber in diesem Fall hatten

wir wohl den richtigen Riecher: Westen.

Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur Verfügung. Man mußte

sich auf eine lange Bahnfahrt verproviantieren. Getränke fehlten

natürlich nicht. Aber schon am ersten Tage merkten wir, daß so ein

Abteil zweiter Klasse doch verflucht eng ist für vier kriegsstarke

Jünglinge, und so zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. Ich

richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens zur Wohn- und Schlafstätte

ein und hatte damit ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte Luft,

Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer Station verschafft, die Zeltbahn

wurde darauf gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so fest, als

läge ich in Ostrowo in meinem Familienbett. Die Fahrt ging Tag und

Nacht, erst durch ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. Wir

hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der Transportführer wußte nicht,

wo es hinging. Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand

ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten.

Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk; das merkte man. Die

Ulanen wurden besonders angestaunt. Der Zug, der vorher durch die

Station geeilt war, mochte wohl verbreitet haben, daß wir bereits am

Feinde gewesen waren -- und wir hatten erst acht Tage Krieg. Auch hatte

im ersten Heeresbericht bereits mein Regiment Erwähnung gefunden.

Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 eroberten Kalisch. Wir

waren also die gefeierten Helden und kamen uns auch ganz als solche vor.

Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden und zeigte dies den erstaunten

Mädchen. Das machte großen Eindruck. Wir behaupteten natürlich, es

klebte Blut daran, und dichteten dem friedlichen Schwert eines

Gendarmeriehäuptlings ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch

schrecklich ausgelassen. Bis wir schließlich in Busendorf bei

Diedenhofen ausgeladen wurden.

Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem langen Tunnel. Ich muß

sagen, es ist schon ungemütlich, in einem Tunnel in Friedenszeiten

plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. Nun erlaubte sich ein

Übermütiger einen Scherz und gab einen Schuß ab. Es dauerte nicht lange,

so fing in diesem Tunnel ein wüstes Geschieße an. Daß keiner verletzt

wurde, ist ein Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie herausgekommen.

In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine derartige Hitze, daß uns die

Pferde umzufallen drohten. Die nächsten Tage marschierten wir immer nach

Norden, Richtung Luxemburg. Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, daß

mein Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit einer

Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte ihn sogar noch einmal

fährten, gesehen habe ich ihn erst ein Jahr später.

In Luxemburg wußte kein Mensch, wie sich dieses Ländchen gegen uns

verhielt. Ich weiß noch wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm von

weitem sah, ihn mit meiner Patrouille umzingelte und gefangennehmen

wollte. Er versicherte mir, daß, wenn ich ihn nicht umgehend losließe,

er sich beim Deutschen Kaiser beschweren würde. Das sah ich denn auch

ein und ließ den Helden wieder laufen. So kamen wir durch die Stadt

Luxemburg und Esch durch, und man näherte sich jetzt bedenklich den

ersten befestigten Städten Belgiens.

Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, wie überhaupt unsere ganze

Division, die reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich aufgeregt.

Aber so ein Manöver-Vorpostenbild war einem ab und zu ganz bekömmlich.

Sonst hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. Rechts und

links, auf jeder Straße, vor und hinter uns marschierten Truppen von

verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl eines wüsten

Durcheinanders. Plötzlich wurde aus dem Kuddelmuddel ein großartig

funktionierender Aufmarsch.

Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich nicht. Mich versetzte

jedenfalls jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein

deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen. Ich hatte ja

nicht einmal eine Ahnung, daß die deutschen Apparate Kreuze trugen und

die feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter Feuer

genommen. Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es

ihnen gewesen sei, von Freund und Feind gleichmäßig beschossen zu

werden.

Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen weit voraus, bis wir

eines schönen Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz spaßig den

Buckel 'runter, wie ich zum zweitenmal die Grenze überschritt. Dunkle

Gerüchte von Franktireurs und dergleichen waren mir bereits zu Ohren

gekommen.

* * * * *

Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung mit meiner

Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich habe an diesem Tage nicht weniger

als hundertundzehn Kilometer mit meiner gesamten Patrouille geritten.

Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende Leistung meiner Tiere. In

Arlon bestieg ich nach den Grundsätzen der Taktik des Friedens den

Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse Feind war noch weitab.

Man war damals noch ziemlich harmlos. So hatte ich z. B. meine

Patrouille vor der Stadt stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad

mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. Wie ich wieder

'runterkam, stand ich inmitten einer murrenden und murmelnden Menge

feindselig blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich geklaut, und ich

konnte nun eine halbe Stunde lang zu Fuß laufen. Aber das machte mir

Spaß. Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. Ich fühlte

mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher.

Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige

Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere

Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge

dieser Herren an die Wand stellen müssen.

* * * * *

Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und erfuhr dort, daß drei Tage

vorher, ganz in der Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen

gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages bei der Kavalleriedivision,

machte dort noch einen blinden Alarm mit und kam nachts spät bei meinem

Regiment an.

Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, man war eben doch schon

mal am Feind gewesen, hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die

Spuren des Krieges gesehen und wurde von jedem einer anderen Waffe

beneidet. Es war doch zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen

Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen.

Der rote Kampfflieger · 第 55 / 105 题