Eines Tages kaufte der Hodscha eine Leber; als er sie nach Hause trug,

begegnete ihm ein Freund, und der fragte ihn, wie er sie zubereiten

werde. Der Hodscha antwortete, er werde sie so zubereiten, wie man das

allgemein gewöhnlich tue. »Ach nein,« sagte der Freund, »es gibt eine

andere Zubereitungsart, die werde ich dich lehren, und wenn du die

Leber auf diese Weise zubereitest, so wirst du sehn, was das für ein

Wohlgeschmack werden wird.«

Darauf sagte der Hodscha: »Im Gedächtnis kann ich das nicht behalten;

schreib mir deine Anweisung auf einen Zettel, und ich schaue dann auf

das Geschriebene und koche danach.«

Wie nun der Hodscha mit neugieriger Lüsternheit heimging, riß ihm

ein Falke die Leber aus der Hand und stieg damit in die Höhe. Ohne

irgendwie ärgerlich zu werden, zeigte ihm der Hodscha das Rezept

seines Freundes und rief ihm zu: »Du bemühst dich umsonst, die Speise

bringst du ja doch nicht fertig; die Leber hast du mir wohl genommen,

den Zettel aber nicht.«

499.

Der Hodscha Nasreddin hatte, wenn er einen Schüler wegschicken wollte,

damit er den Krug beim Brunnen fülle, die Gewohnheit, den Schüler

zuerst zu prügeln und ihm erst dann den Krug einzuhändigen. Da fragte

ihn einmal einer seiner Freunde: »Warum prügelst du eigentlich den

Schüler, wann du ihm den Krug gibst?«

Nasreddin antwortete ihm: »Damit er achtgibt, daß er ihn nicht

zerbricht; denn wann er einmal zerbrochen ist, dann ist es unnütz, ihn

zu prügeln.«

500.

In der Zeit, wo der Hodscha Nasreddin sein Feld bearbeitete, ging er

jeden Morgen hin, zeigte es dem Himmel und sagte: »Herr, dies ist das

Feld deines Dieners; ich bitte dich, begieße es ordentlich, damit es

Frucht trage.« Damit fuhr er eine lange Zeit fort, bis eines Nachts ein

Platzregen fiel; und da sagte er: »Auf meinem Felde werden jetzt Ähren

wachsen, so groß wie ich.«

Nachdem er am Morgen in heller Freude aufgestanden war, ging er sein

Feld besuchen; als er aber hinkam, erkannte er nicht einmal den Ort

mehr. Sein Feld war nämlich an einem Gießbache gelegen, und den hatten

die von oben kommenden Wassermassen so überschwemmt und so anschwellen

lassen, daß Nasreddin nicht mehr wußte, wo sein Feld war. Als er sah,

in was für einem Zustande es war, erhob er Augen und Hände zum Himmel

und sagte: »Du bist nicht daran schuld, Herr; schuld daran bin ich

Dummkopf, weil ich dir mein Feld gezeigt habe.«

501.

Eines Nachts beklettelte sich der Hodscha Nasreddin im Schlafe; als

er dann am Morgen beim Erwachen sah, in was für einer Verfassung er

war, sagte er zu seiner Frau, weil er sich vor ihr schämte: »Ach Weib,

heute Nacht habe ich einen entsetzlichen Traum gehabt, so daß ich noch

immer zittere. Da waren drei Minarete, eines auf dem andern, und in der

Spitze des dritten steckte eine Nadel, und auf der Nadel war ein Tisch,

und auf dem Tische saß ich, und ich habe wohl geschrien, weil sich der

Tisch so bewegte, daß, wenn er gefallen wäre, auch ich mit ihm gefallen

wäre, und ich hätte mich zum mindesten in tausend Stücke zerschlagen.«

Seine Frau sagte: »Wenn ich einen solchen Traum gehabt hätte, ich hätte

mich sicher vor Angst beklettelt.«

Nun sagte Nasreddin: »Auch mir ist es so ergangen; aber behalte es bei

dir und sag niemand etwas.«

502.

Ein Bauer, der seinen Esel verloren hatte, bat den Hodscha Nasreddin,

in der Moschee zu verkündigen, daß ihn der Finder seinem Herrn

zurückgeben solle. Als das allgemeine Gebet vorüber war, sagte

Nasreddin: »Muselmanen, wer von euch sein ganzes Leben lang keinen

Kaffee und keinen Schnaps getrunken hat, wer nie geraucht hat, wer nie

Karten, Brett oder Dame gespielt hat, wer nie die Geselligkeit gesucht

hat, der trete vor, damit ich ihn sehe.«

Alle, die in der Moschee anwesend waren, dachten, daß keiner

dasei, wie ihn der Hodscha beschrieben habe, und daß sich niemand

unterstehn werde, vorzutreten; aber es trat doch einer vor, und der

sagte zum Hodscha: »Ich habe Zeit meines Lebens weder Wein, noch

Kaffee getrunken, habe keinerlei Spiel gespielt und war nie in einer

Gesellschaft.«

Da drehte sich der Hodscha um und rief: »Wo ist denn der, der den Esel

verloren hat? Schau, da ist einer, den nimm; einen größern Esel als den

wirst du nie finden.«

503.

Einmal kam ein Woiwode bei dem Dorfe des Hodschas Nasreddin vorbei; und

die Einwohner schickten Nasreddin als ihren Gesandten zu ihm, damit er

ihm die Huldigung aller Bauern darbringe. Als der Woiwode Wuchs und

Gestalt Nasreddins sah, sagte er zu ihm: »Hat sich denn kein Mensch

gefunden, den die Bauern hätten zu mir schicken können, daß sie mir

dich geschickt haben?«

Unverzüglich antwortete Nasreddin: »Die Menschen, Herr, schicken sie zu

den Menschen; mich haben sie zu dir geschickt.«

504.

Einer von seinen Freunden fragte den Hodscha Nasreddin: »Wie gehts dir

mit deiner Armut?«

»Sehr gut,« antwortete der Hodscha.

Und der Freund fragte weiter: »Wie kann es denn einem Armen gut gehn?«

Nasreddin antwortete: »Ich habe mich daran gewöhnt, mein Freund; darum

gehts mir gut.«

505.

Einmal baute der Hodscha einen Backofen. Als den seine Nachbarn

besichtigten, sagte der eine, die Tür hätte nach Osten gehört, der

andere nach Westen, wieder einer nach Süden, und kein einziger war mit

dem Erzeugnis Nasreddins einverstanden.

Geärgert darüber riß Nasreddin den Ofen nieder und baute ihn nun auf

einen Wagen. Die Nachbarn kamen wieder zur Besichtigung und begannen

auch wieder zu tadeln, daß die Tür nicht die richtige Lage habe; aber

als der erste sagte: »Die Tür sollte hier sein«, antwortete Nasreddin:

»Wartet«, und drehte den Wagen, bis die Tür dort war, wo dieser Nachbar

gesagt hatte. Und als ein anderer sagte: »Die Tür müßte dort sein«,

drehte er sofort wieder den Wagen, und so tat er allen seinen Nachbarn

Genüge.

Und er sagte: »Einen bessern Weg, so vielen Leuten und mir selber den

Willen zu tun, habe ich nicht gefunden.«

506.

Der Hodscha kaute Mastix[13]. Als er dann zu Tische ging, nahm er das

Stück Mastix aus dem Munde und klebte es auf die Nasenspitze. Einer von

seinen Freunden fragte ihn: »Warum tust du das?«

Er antwortete: »Es ist ganz gut, wenn man das, was einem gehört, vor

Augen hat.«

507.

Etliche Leute fragten den Hodscha Nasreddin: »Hast du deine Schuld

bezahlt?«

Er antwortete: »Bezahlt nicht, aber leichter gemacht habe ich sie mir.«

»Und wie«, sagten sie, »hast du sie dir leichter gemacht, ohne sie zu

bezahlen?«

Nasreddin antwortete: »Ich habe sie verjähren lassen.«

508.

Der Hodscha Nasreddin war einigen Freunden Geld schuldig, und denen

sagte er immer, daß er sie am Sonntage bezahlen werde; auf diese

Weise drückte er sich um die Bezahlung. Eines Tages kamen nun mehrere

Gläubiger zu ihm und fragten seine Frau, wie er sie bezahlen wolle.

Sie antwortete ihnen, der Hodscha habe am Tage vorher genügend viel

Distelsamen gekauft, den werde er auf dem Felde aussäen, die Disteln,

die davon wüchsen, die würden sie auf die Straße streuen, wo die

Tiere mit den Baumwollelasten vorüberkämen, und aus dem Erlöse für

die Baumwolle, die an den Disteln hängen bleiben werde, würden alle

Gläubiger bezahlt werden.

Über diese Antwort der Frau lachten alle übermäßig, aber sie entgegnete

darauf und sagte zu ihnen: »Jetzt lacht ihr freilich, weil ihr die

Sicherheit habt, bezahlt zu werden.«

509.

Drei Männer, die ein Säckchen mit Nüssen gefunden hatten, kamen zu

Nasreddin und baten ihn, die Nüsse nach Gottes Weise unter sie zu

teilen. Nasreddin öffnete den Sack und gab dem einen ein paar Nüsse,

dem andern etliche mehr und dem dritten alles, was der Sack noch

enthielt.

Daraufhin sagten die drei zu ihm: »Du hast nicht ordentlich geteilt,

Hodscha.«

Aber der Hodscha antwortete ihnen: »So teilt Gott, ihr Dummköpfe! dem

einen gibt er viel, dem andern gar nichts; hättet ihr mir gesagt, ich

solle sie unter euch nach Menschenweise verteilen, so hätte ich die

drei Teile gleich groß gemacht.«

510.

In der Absicht, bei seinem Nachbar etliche Zwiebeln zu stehlen, stieg

Nasreddin auf das Dach und versuchte, durch das Rauchloch in das Haus

des Nachbars hinabzusteigen. Nun hielt er einen Schatten, den das

Mondlicht machte, für einen Balken und setzte unvorsichtigerweise den

Fuß darauf; so stürzte er vom Rauchloche hinunter und fiel in den

Herdwinkel des Nachbars, wobei er sich den Fuß garstig brach. Auf

diesen Lärm erwachte der Nachbar und er rief seinem Weibe zu, sie solle

rasch Licht machen, damit er den Dieb greife.

Aber der Hodscha sagte zu ihm: »Beeile dich nicht, Nachbar; nach dem

Sturze, den ich getan habe, wirst du mich nicht nur heute, sondern auch

morgen hier haben.«

511.

Der Hodscha Nasreddin verkaufte die Gurken seines Gartens, und von dem

dafür gelösten Gelde kaufte er einen Esel. Als er den nun einmal mit

Holz beladen nach Hause trieb, glitt der Esel in einem Flusse, über

den sie zu setzen hatten, aus, fiel nieder und ertrank. Ohne darüber

auch nur im geringsten zornig zu werden, sagte der Hodscha: »Der aus

dem Gurkengelde gekaufte Esel stirbt eben durchs Wasser.«

512.

Der Hodscha Nasreddin fragte seinen Sohn, ob er schon in seinem Leben

eine süße Speise gegessen habe, und der Sohn antwortete mit Nein. Nun

fragte ihn der Hodscha von neuem: »Was ist denn dann das, was du alle

Tage ißt?« Der Junge antwortete: »Trockenes Brot.« Und Nasreddin sagte

zu ihm: »Und glaubst du denn, daß es auf der Welt noch eine süßere

Speise gibt als das trockene Brot?«

513.

Der Hodscha Nasreddin saß einmal in einem Garten, und da betrachtete

er, wie schwach die Wurzeln der Kürbisse und Melonen seien im

Gegensatze zu der Größe der Kürbisse und Melonen; und da er im Schatten

eines Nußbaumes saß, fiel es ihm auf, daß umgekehrt der Nußbaum so groß

und die Nüsse so klein seien. Und er sagte zu sich: »Eine merkwürdige

Sache! Gott hat sich doch bei seiner Schöpfung wenig Mühe gemacht;

sonst hätte er nicht die Kürbisse und Melonen, die nach ihrer Größe

an großen Bäumen wachsen sollten, an kleinen Pflanzen geschaffen, die

Nüsse aber, die ganz klein sind, umgekehrt an großen Bäumen.«

Während er noch diesen Gedanken und Zweifeln nachhing, fiel plötzlich

durch einen starken Windstoß eine Nuß mit Heftigkeit vom Baume und traf

ihn an der Stirn; das verursachte ihm einen außerordentlichen Schmerz,

und nun sagte er: »Ach, Gott hat schon gewußt, was er tat, und ich habe

es schlecht bedacht; denn wäre die Nuß, die heruntergefallen ist und

mich getroffen hat, ein Kürbis oder eine Melone gewesen, dann weh mir!

sie hätte mir wahrhaftig den Kopf zertrümmert.«

514.

Eines Nachts ging der Hodscha Nasreddin aus, um in einem Laden zu

stehlen, und nahm eine Feile mit. Er feilte gerade an dem Schlosse der

Ladentür, als zufällig einer seiner Freunde daherkam; und der fragte

ihn: »Was machst du da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich spiele Geige.«

Nun fragte ihn sein Freund: »Aber man hört ja keinen Klang von deiner

Geige?«

Nasreddin antwortete ihm: »Morgen wirst du schon den Klang hören.«

Am Morgen hörte er dann, daß der Laden von demunddem in dieser Nacht

ausgeraubt worden war.

515.

In dem Viertel, wo der Hodscha Nasreddin wohnte, war ein Backofen, und

den besuchte der Hodscha manchmal gegen Mittag und zog den Wohlgeruch

der verschiedenen Braten ein.

Eines Morgens brachte nun der Mulazim[14] eine Gans und übergab sie dem

Garkoch, damit sie zu Mittag fertig sei. Als sie gebraten war, nahm sie

der Garkoch aus dem Ofen und legte sie zusammen mit den andern Speisen

auf die

Bank; und er wartete auf den Mulazim, um sie ihm zu übergeben. Um diese

Stunde kam dort Nasreddin vorbei, der damals der Kadi des Dorfes war,

und er blieb vor dem Backofen stehn, um die Speisen zu bewundern; aber

mehr als alles andere schien die Gans seine Lust zu reizen, und er

fragte den Garkoch, wem sie gehöre.

»Dem Mulazim, Effendi,« antwortete der Garkoch.

»Schick sie sofort zu mir,« befahl der Hodscha.

»Aber was mach ich dann mit dem Mulazim? Was gebe ich ihm, wann er

kommt?«

»Schick sie augenblicklich zu mir, sage ich dir,« sagte der Hodscha

beharrlich und fuhr fort: »Es ist besser für dich, du hast den Kadi zum

Freunde als den Mulazim. Schick sie und du wirst es nicht bereuen.«

»Aber was sage ich dem Mulazim, wann er kommt?«

»Dem sagst du,« antwortete der Hodscha, »daß sie inwendig aus dem Ofen

weggeflogen ist, und kümmere dich weiter um nichts.«

Als der Garkoch die Beharrlichkeit des Kadis sah, schickte er ihm die

Gans ins Haus, weil er ihn nicht verdrießlich machen wollte.

Nach fünf Minuten erschien der Mulazim und verlangte seine Gans.

Mit der unschuldigsten Miene nahm der Garkoch die Schaufel und fuhr

damit in den Ofen, um scheinbar die Gans zu suchen; er drehte sie

hieher, er drehte sie dorthin, aber umsonst.

»Merkwürdig,« sagte er, immer herumstöbernd, »sie muß weggeflogen sein.«

»Vorwärts, mach schnell,« entgegnete der Mulazim; »es ist meine

Essenszeit und ich habe einen teuflischen Hunger.«

Aber die Gans kam nicht zum Vorschein.

Der Mulazim hatte unterdessen zu schreien angefangen, der Garkoch

stocherte fortwährend weiter, wobei er immer wiederholte, die Gans

scheine davongeflogen zu sein, und vor der Bank sammelte sich eine

Menge Leute an. Schließlich verlor der Mulazim die Geduld und er

stürzte sich auf den Garkoch; der riß die Schaufel aus dem Ofen, um

sich damit zu verteidigen, aber dabei flog der Schaufelgriff einem

Juden, der dabeistand, ins Gesicht und schlug ihm ein Auge aus.

Als der Garkoch sah, in welch schlimmer Lage er war, sprang er über die

Bank und lief, um sich zu retten; aber ihm setzte nicht nur der Mulazim

nach, sondern auch der Jude und die Freunde des Juden.

Auf dem Wege war eine Haustür offen und dort lief er hinein, um sich zu

verbergen. In dem Hofe saß aber eine schwangere Frau, und als die sah,

wie er plötzlich hereinstürzte und was für eine Menge ihn verfolgte,

erschrak sie und tat eine Fehlgeburt.

Der Garkoch versteckte sich in einen Winkel, um nicht gefangen zu

werden; aber zu denen, die ihn schon gejagt hatten, gesellten sich

nun noch die Verwandten der Frau. Das Haus hatte zum Glücke auch eine

Hintertür; durch die lief der Garkoch hinaus, die ganze Menge hinter

ihm, und er rannte in eine Moschee, um sich zu retten, und stieg auf

das Minaret. Da sie ihm aber auch dorthin nachkamen, warf er einen

Blick hinunter; und weil er bedachte, daß sie, wenn er dort bliebe,

heraufkommen und ihn niedermachen würden, stürzte er sich vom Minaret

hinunter auf das Pflaster, just auf einen jüdischen Geldwechsler, der

dort gebückt auf seiner Bank saß, und der war auf der Stelle tot.

Nun erreichten ihn seine Verfolger, und sie schleppten ihn vor den

Kadi. Der hatte sich eben zu Tische gesetzt, um die Gans zu verzehren.

Sie fingen alle miteinander zu schreien an, was jeder von dem Garkoch

erlitten hatte. »Still, der Reihe nach,« sagte streng der Hodscha, der

augenblicklich den Tisch verließ und in sein Amtszimmer ging, wo das

große heilige Buch war, nach dem er Recht sprach; und er sagte zu dem

Mulazim: »Was willst du von dem Manne da?«

»Effendi, am Morgen habe ich ihm eine Gans gebracht, damit er sie

brate, und jetzt sagte er mir, sie sei weggeflogen. Ich verlange, daß

er mir meine Gans wiedergibt.«

Der Hodscha öffnete sofort das Buch, wandte einige Blätter um und las

vor, daß alle hundert Jahre einmal ein solches Wunder geschehe, und

es seien gerade hundert Jahre, seitdem das letzte geschehn sei; und

glückselig sei der zu preisen, der dabei die Gans verloren habe, weil

die ins Paradies geflogen sei und ihn dort erwarte.

Freudestrahlend entfernte sich der Mulazim. Als zweiter kam der Jude

mit dem ausgeschlagenen Auge.

»Effendi, der Garkoch hat mir mit der Schaufel das Auge ausgeschlagen.«

Der Hodscha blätterte wieder in dem Buche und las, es sei natürlich

recht und billig, daß sich nun der Garkoch hinstelle, damit ihm

der Jude ein Auge ausschlage; weil aber nach dem Buche ein Auge

eines Osmanen so viel wert sei, wie zwei eines Juden, müsse sich der

Jude zuerst hinstellen, damit ihm der Garkoch auch noch das andere

ausschlage, und dann dürfe er dem Garkoch eines ausschlagen. Der

Hodscha hatte seinen Spruch noch nicht beendigt, so war der Jude schon

unsichtbar geworden.

Als dritter kam der Gatte der Frau, die die Fehlgeburt getan hatte.

Über diesen Fall schrieb das Buch, daß der Garkoch mit der Frau ein

andres Kind machen solle. Es ist begreiflich, daß es auch der dritte

Kläger vorzog, sich davonzumachen.

Zum Schlusse kam der Bruder des erschlagenen Geldwechslers.

Wieder wandte der Hodscha die Blätter um, und er fand, daß der Kläger

den Garkoch auf dieselbe Weise töten solle: der Garkoch müsse sich

nämlich unter das Minaret setzen, und er solle sich von oben auf ihn

fallen lassen und ihn also töten.

Nachdem daher auch der letzte Reißaus genommen hatte, dankte der

Garkoch dem Hodscha; und jetzt erinnerte er sich der Worte des

Hodschas, daß es für ihn besser sei, den Kadi als den Mulazim zum

Freunde zu haben.

Anmerkungen

literatur- und stoffgeschichtlichen Inhalts

II. Arabische Überlieferungen

1. Aus dem Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha

339. _Nawadir_, S. 2 (Basset _RTP_, XVI, S. 458); Buadem, Nr. 84;

_Tréfái_, Nr. 124; Serbisch, S. 80 ff.; Kroatisch, S. 51.

Als älteste Version nennt Basset am angegebenen Orte eine Erzählung al

Masudis[15] in den _Prairies d’or_, Paris, 1861 ff., V (Basset schreibt

VII), S. 390 ff. von einem Araber der Wüste und von Haddschadsch, dem

Feldherrn Abdulmeliks (685-705); vgl. aber auch Bar-Hebraeus, S. 151,

Nr. 602.

340. _Nawadir_, S. 2 (_RTP_, XVI, S. 459).

341. _Nawadir_, S. 2 (_RTP_, XVI, S. 459); Buadem, Nr. 85; _Tréfái_,

Nr. 125; Serbisch, S. 81; Kroatisch, S. 48.

_Fourberies_, S. 17.

342. _Nawadir_, S. 2 (_RTP_, XVI, S. 460); Buadem, Nr. 92; _Tréfái_,

Nr. 126; _Fourberies_, Nr. 1; Serbisch, S. 84; Kroatisch, S. 59 ff.

_Fourberies_, S. 17; _Tréfái_, S. 13.

Roda Roda, S. 154.

343. _Nawadir_, S. 2 (_RTP_, XVI, S. 460); Buadem, Nr. 93 und 132;

Serbisch, S. 84; Kroatisch, S. 40.

Die Schnurre kehrt im _Nuzhat al udaba_, in zwei Fassungen wieder, von

denen eine auf Dschoha bezogen ist (Basset in der _RTP_, XV, S. 673 und

im _Keleti Szemle_, I, S. 222).

Vgl. dazu folgende Stelle im _Roger Bontemps en Belle humeur_, Cologne,

1670, S. 357:

Or un certain Seigneur du pays de Bretagne en avoit un (bouffon) le

plus plaisant qui se pouvoit rencontrer, non seulement en ses actions,

mais aussi en reparties: un jour l’ayant envoyé de Paris à Lion pour

aller resiouir un sien Cousin qui estoit malade, passa par une ville où

l’on faisoit garder les portes à raison de la contagion. Le Capitaíne

le voyant asses bien montré, se voulut informer qu’il estoit, et d’où

il venoit; c’est pourquoy il luy demanda: Monsieur où allés vous

maintenant? Monsieur, respondit le bouffon, il le faut demander à ma

beste, c’est elle qui me meine.

344. _Nawadir_, S. 2 (_RTP_, XVI, S. 461); _Tréfái_, Nr. 127;

_Fourberies_, Nr. 8.

345. _Nawadir_, S. 3; _Tréfái_, Nr. 128. Von Giufà: Gonzenbach, I, S.

51 ff.; Pitrè, III, S. 366, Nr. 9 und 378; Crane, S. 297. Von Dschahan:

Ilg, II, S. 44, Nr. 93.

Gonzenbach, II, S. 228; Pitrè, III, S. 376; Crane, S. 380;

_Fourberies_, S. 18; Köhler-Bolte in der ZVV, VI, S. 73; Köhler, I, S.

99 und 341.

Merkwürdigerweise nirgends erwähnt finde ich die Fassung des _Kathá

Sarit Ságara_, II, S. 77; weiter seien genannt die letzte Erzählung des

_Sackful of News_‚ (Hazlitt, II, S. 187; dazu Clouston, _Noodles_, S.

97 ff.), Merkens, III, S. 142, Nr. 140, Böhm, _Lettische Schwänke_, S.

44 (dazu S. 117) und Frison, _Contes et légendes de Basse-Bretagne_,

Nr. 66 in der _RTP_, XXII, S. 404 ff.

In vielen Überlieferungen klettert der oder die Dumme, oft auch ein

Mann mit seiner dummen Frau, auf einen Baum; es kommen Diebe, die dort

ihre Beute teilen wollen, und die suchen, als schließlich die Tür von

oben auf sie herunterfällt, das Weite, indem sie alles zurücklassen.

Zu dieser Art Erzählungen gehören auch die meisten der an den oben

angeführten Stellen beigebrachten Varianten, wozu noch kommen F. M.

Luzel, _Contes populaires de Basse-Bretagne_, Paris, 1887, III, S.

396 ff., P. Sébillot, _Contes et légendes de la Haute-Bretagne_, Nr.

96 in der _RTP_, XXIV, S. 142 ff., Pitrè, _Novelle popolari toscane_,

S. 186 ff. (von Giucca matto) und S. 193, R. Forster, _Fiabe popolari

dalmate_, Nr. 13 im _Archivio_, X, S. 313 ff., Ilg, II, S. 37 ff. und

Merkens, I, S. 204 ff., Nr. 247; vergl. auch _Archiv für slavische

Philologie_, XXII, S. 309. In dem Märchen, wozu Cosquin, I, S. 241

ff. die in Rede stehenden Züge bespricht, ist das Mitnehmen der Tür

anders motiviert; ebenso bei J. Fleury, _Litterature orale de la

Basse-Normandie_, S. 161 ff., bei Jacobs, _English Fairy_‚ _Tales_,

S. 28 ff. (s. auch S. 231) und bei demselben, _More English Fairy

Tales_, S. 10 ff. (s. auch S. 220 ff.). Eine Kuhhaut fällt auf die

teilenden Diebe bei Luzel, III, S. 414 ff. und 427 ff. und bei Carnoy,

_Littérature orale de la Picardie_, S. 192 ff. (s. Cosquin, II, S. 225

ff.); in den _Folk Tales from Tibet_‚ von W. F. O’Connor, S. 35 ff.

genügt es, daß der auf dem Baume sitzende einen Anteil an der Beute

verlangt, um die Diebe zur Flucht zu veranlassen. Ähnliche Geschichten

bringen Cosquin, II, S. 108 ff., 112 ff. und 115, ferner Andrews,

_Contes ligures_, S. 90 ff., Monnier, S. 238 ff. und Ilg, II, S. 5 ff.

Zu ~dem Motive von der Verscheuchung der Diebe~ vgl. weiter die Nrn.

428 und 446.

346. _Nawadir_, S. 3 (_RTP_, XVII, S. 36).

Die Geschichte stammt aus Bar-Hebraeus, dessen 615. Facetie (S. 154)

lautet:

When another silly man was cracking an almond the kernel slipped away

out his hands, and he said, »Glory be to Thee, O God, for even the

kernel of the almond trieth to escape death.«

347. _Nawadir_, S. 4 (_RTP_, XVII, S. 92 ff.).

_Fourberies_, S. 18 ff.; Hartmann, S. 50.

Diese Fassung des weitverbreiteten Motives von der ~Vertauschung

eines Toten gegen einen Hammel~ stimmt so ziemlich mit _Fourberies_,

Nr. 21 überein. Seine anscheinend älteste Form steht in der

Sprichwörtersammlung Maidanis (_Arabum proverbia_, I, S. 403) und

ist in al Kaljubis _Nawadir_‚ übergegangen; sie lautet nach Bassets

Übertragung in der _RTP_, XV, S. 41:

Man erzählt, daß Dschoha bei Tagesanbruch aus dem Vorraum seines Hauses

gekommen und über einen Leichnam gestolpert ist, der dort lag; er warf

ihn in einen Brunnen. Sein Vater zog den Toten, als er davon erfuhr,

heraus und begrub ihn; dann erwürgte er einen Hammel und warf ihn in

den Brunnen. Die Verwandten des Toten begannen die Straßen Kufas zu

durchstreifen und nachzuforschen. Dschoha sah sie und sagte zu ihnen:

»Der Leichnam ist in unserm Brunnen.« Sie gingen hin und ließen ihn

hinabsteigen, damit er den Leichnam heraufbringe. Als er unten war,

rief er: »Hatte der Tote Hörner?« Alle lachten und gingen weg.

Zu der arabischen Variante aus Tunis, die als Nr. 383 wiedergegeben

ist, und zu ihrem augenscheinlich verdorbenen berberischen Gegenstücke,

der Nr. 415, gibt es zahlreiche Parallelen, darunter, wie Basset

bemerkt, noch eine Dschohageschichte bei Mornand, _La vie arabe_,

Paris, 1856, S. 117, in die ebenso wie in die tunisische Erzählung

das noch zu besprechende Motiv des ~Wurstregens~ verwoben ist, und

eine von Abu Nuwas bei Pharaon, S. 182 ff.; von einem Ungenannten

erzählt Rivière in dem _Recueil de contes populaires de la Kabylie du

Djurdjura_, Paris, 1882 ff.: _La tête d’un cheik_‚[16].

Das Motiv ist wie so viele andere mit Dschoha verknüpfte nach Sizilien

übergegangen; man vergleiche die als Nr. 430 mitgeteilte Giufàerzählung

samt ihren Varianten. Sicherlich auch dem Volksmunde nacherzählt ist

die 21. Novelle Morlinis (meine Ausgabe S. 82 ff.), die bei Straparola

die 4. Novelle der 8. Nacht bildet.

Um den Leichnam eines jungen Mädchens, der mit einer Ziege vertauscht

wird, handelt es sich in zwei Versionen, die Cosquin, II, S. 182

ff. zitiert, einer afghanischen bei Thorburn, _Bannú or Our Afghan

Frontier_, London, 1876, S. 207 ff. und einer indischen bei Minaef,

_Indeiskija skasky_, St. Petersburg, 1877, Nr. 15; hierher gehören noch

Swynnerton, S. 178 ff. und P. Sébillot, _Contes de la Haute-Bretagne_,

Nr. 45 in der _RTP_, XII, S. 51 ff. Vgl. noch Clouston, _Noodles_, S.

152 ff., Böhm, _Lettische Schwänke_, S. 44 ff. und 117, Sébillot in der

_RTP_, VII, S. 704 und Chauvin, VI, S. 126.

Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 8 / 14 段