Nun waren die Leute wirklich Diebe, und sie waren sehr erstaunt,

daß der Hodscha die Wahrheit erraten hatte; sie sagten zu ihm: »Es

ist so; wir sehn, du weißt, was die Leute denken und womit sie sich

beschäftigen. Komm also mit uns, wir wollen unser zehn sein.«

Als sie ins nächste Dorf kamen, sahen sie eine Hirtin mit ihrer

Schafherde; sie schlichen sich näher heran und Nasreddin sagte zu

seinen Gesellen: »Geht ihr ein bißchen in den Wald und ich will zu

diesem Mädchen gehn und ihr einige hübsche Geschichten erzählen; und

wenn ich ihr mit dem Finger die Sonne zeige, so kommt rasch hervor und

treibt die Schafe weg.«

Gesagt, getan. Als Nasreddin sah, daß die Diebe zehn Schafe

weggetrieben hatten, sagte er zu der Hirtin: »Gott befohlen, Kind; ich

muß zu meinen Gesellen eilen.«

Er holte sie erst in der Nähe seines Hauses ein, und seine erste Frage

war: »Wie werden wir jetzt diese zehn Schafe verteilen?«

»Herr,« sagten die Diebe, »du bist der älteste von uns und der

gescheiteste und der gerechteste; und wie du sie verteilst, werden wir

zufrieden sein.«

»Wenn es so ist,« sagte Nasreddin, »so mag Gott helfen. Wir sind unser

zehn, und Schafe sind auch zehn; ihr seid euer neun. Nehmt ihr ein

Schaf, so werdet ihr euer zehn sein; ich werde die andern neun nehmen,

und so werden wir auch zehn sein.«

Da sagte einer von den Dieben: »Du Kerl von einem Hodscha, das ist

nicht gerecht.« »Wenn es euch nicht recht ist,« antwortete Nasreddin,

»so verklagt mich beim Kadi; ich werde ihm den ganzen Hergang erzählen,

und er soll nach dem kaiserlichen Gesetze und dem göttlichen Rechte

erkennen.«

468.

Einmal machte der Hodscha Nasreddin im Monat Ramasan in einem Dorfe

den Vorbeter; als der Ramasan zu Ende war, zahlten ihn die Bauern

gut und er kehrte nach Hause zurück. Unterwegs begegnete er einem

Räuber zu Pferde und der sagte zu ihm: »Eh, Hodscha, du hast viel Geld

zusammengebracht. Teil es mit mir; für dich ist es zu viel.«

Nasreddin begann ihn zu bitten, er möge ihn ruhig ziehen lassen, aber

es half ihm nichts. Während nun der Räuber vom Pferde stieg, bückte

sich der Hodscha rasch, nahm einen Stein und wickelte ihn in sein Tuch;

dann sagte er: »Wenn es denn nicht anders geht, da ist das Geld. Aber

du mußt wissen, daß mir darum so leid ist, daß ich nicht imstande bin,

dirs mit der eigenen Hand zu geben; ich werde es auf die Wiese dort

werfen und werde weggehn, und du gehst hin und nimmst es.«

Der Räuber war einverstanden, und Nasreddin warf den eingewickelten

Stein weit von sich. Voller Habgier lief der Räuber hin, ohne auf

Nasreddin zu achten; der aber stieg auf das Pferd und ritt davon.

469.

Einmal wurde Nasreddin von einem, dem er zweihundert Groschen schuldig

war, geklagt, weil er nichts zahlte. Als ihn der Kadi fragte, ob er

ihm das Geld schuldig sei und warum er ihn nicht zahle, antwortete

Nasreddin: »Es ist wahr, ich bin ihm zweihundert Groschen schuldig;

aber es sind schon mehr als vier Jahre her, daß ich ihn um drei Monate

Frist gebeten habe, um das Geld aufzubringen. Er hat mir die Frist

nicht bewilligt; wenn er mir aber keine Frist geben will, wie soll ich

das Geld zusammenbringen?«

470.

Nasreddin stand einmal um Mitternacht auf, ging vors Haus und begann zu

krähen. Die Nachbarn, die das hörten, fragten ihn um den Grund, und er

antwortete ihnen: »Ich habe heute viel Arbeit, und ich möchte gern, daß

es früher Tag wird.«

471.

Der Hodscha wurde einmal gefragt, wie alt er sei, und er sagte:

»Vierzig.« Als man ihn nach einigen Jahren wieder fragte, wie alt er

sei, antwortete er wieder: »Vierzig.« Die Leute begannen zu lachen und

sagten zu ihm: »Hast du uns nicht schon vor ein paar Jahren gesagt, du

seist vierzig? und jetzt sagst du wieder vierzig.«

»Begreift ihr denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ein ehrlicher

Mensch immer bei dem bleiben muß, was er gesagt hat? Wenn ich euch

jetzt sage, daß ich einen Gott habe, wie kann ich denn dann ein paar

Jahre später sagen, daß ich mehrere hätte?«

472.

Ein Bauer sagte eines Tages zu seinem Sohne, er solle heiraten. »Gut,«

sagte der Sohn, »die Gelegenheit ist sowieso günstig; in unserm Dorfe

ist ein Mädchen, ist eine Witwe und ist eine geschiedene Frau. Jetzt

mußt du mir raten, welche ich nehmen soll.«

»Ich kann dir da nicht raten,« antwortete ihm der Vater; »aber in der

Stadt habe ich einen Freund, der wird dir raten.«

Der Bursche ging in die Stadt; als er zu dem Freunde gekommen war,

erzählte er ihm alles. Der jedoch antwortete ihm: »Ich kann dir auch

nicht raten; aber hier in der Stadt lebt Nasreddin: such ihn auf, er

wird dir raten.«

Der Bursche suchte Nasreddin überall, ohne daß ihm jemand hätte sagen

können, wo er ihn finden werde, bis er auf einmal eine Schar Kinder

traf, die Pferdchen spielten; er fragte eines von den Kindern, wo

Nasreddin sei, und dieses antwortete: »Ich bin es.« Da der Bursche

sah, daß ihm nichts andres übrig blieb, erzählte er dem Knaben alles.

Und dieser sagte zu ihm: »Wenn du das Mädchen nimmst, so weißt es du;

wenn du die Witwe nimmst, so weiß es sie.« Als aber der Bursche die

geschiedene Frau erwähnte, da schlug ihn der Knabe mit der Peitsche

über die Beine und ging wieder Pferdchen spielen.

Ärgerlich kehrte der Bursche zu dem Freunde seines Vaters zurück und

sagte zu ihm: »Mein Vater hat mich nicht zu dir geschickt, damit du

mich zu den Kindern schickst, sondern er hat mich zu dir geschickt,

damit du mir rätst.« Und er erzählte ihm, was ihm Nasreddin gesagt

hatte.

»Nun, er hat dir gut geraten,« sagte darauf der Freund; »wenn du das

Mädchen nimmst, wirst du ihr befehlen, und wenn du die Witwe nimmst, so

wird sie dir befehlen. Und daß er dich mit der Peitsche über die Beine

geschlagen hat, damit hat er sagen wollen: Vor einer Geschiedenen lauf

wie vor dem Teufel!«

473.

Der Hodscha wollte sich eines Tages rasieren lassen, kam aber an einen

ungeschickten Barbier, der ihn bei jedem Striche mit dem Messer ein

wenig verletzte. Nasreddin litt arge Qualen: die Tränen rannen ihm

übers Gesicht und aus seinen Augen sprühten Funken. Unterdessen hörte

man draußen einen Lärm, und Nasreddin fragte den Barbier, was das für

ein Lärm sei.

Der Barbier schaute hinaus und sagte zu ihm: »In der Nähe ist ein

Schmied und der beschlägt eben ein Pferd.«

»Ach,« antwortete Nasreddin, »ich dachte, es wird einer rasiert.«

474.

Nasreddin hatte auf dem Markte einige Sachen gekauft und nahm einen

Träger, der sie ihm nach Hause tragen sollte. Unterwegs verlor er den

Träger; er suchte ihn den ganzen Tag, konnte ihn aber nicht finden.

Als er nun nach zehn Tagen mit zwei Freunden über die Straße ging, kam

ihnen der Träger entgegen. Kaum sah ihn Nasreddin, so lief er in eine

Nebenstraße; seine Freunde liefen ihm nach und riefen ihm zu: »Warum

läufst du? Hier kommt doch der Träger, dem du neulich deine Sachen

übergeben hast; er muß ja vor dir laufen, und nicht du vor ihm.«

Nasreddin antwortete: »Ich laufe vor ihm weg, weil er von mir den Lohn

verlangen kann, daß er meine Sachen zehn Tage lang herumgetragen hat,

und das würde mehr ausmachen, als alles zusammen wert ist. Dann wäre ja

die Suppe teuerer als die Schüssel.«

475.

Der Hodscha hatte einen bösen Nachbar, mit dem er Haus an Haus unter

einunddemselben Dache wohnte. Da er mit ihm immer im Streite lebte,

gedachte er ihms einmal heimzuzahlen; er zündete sein Haus an, damit so

auch das des Nachbars verbrenne, und lief aus der Stadt, damit nicht

der Verdacht auf ihn falle.

Als dann beide Häuser brannten, sammelte sich eine große Volksmenge an;

aber anstatt das Feuer zu löschen, schleppten sie aus beiden Häusern

fort, was jeder tragen konnte. Die Leute sagten es Nasreddin, daß sein

Haus brenne, er jedoch antwortete kaltblütig: »Schade, daß ich nicht zu

Hause war; ich hätte auch etwas packen können. Weil ich aber nun beim

Stehlen nicht dabei sein konnte, will ich mich jetzt wenigstens etwas

wärmen hingehn.«

476.

Einmal kam Nasreddin zu einem Freunde auf dem Dorfe, um bei ihm zu

übernachten, und er war sehr hungrig. Der Freund war sehr arm, und an

Speisen war nichts vorhanden als ein gesottener Kürbis, der gerade vom

Feuer weggenommen worden war. Nasreddin sagte: »Gebt her, was da ist;

ich falle vor Hunger um.«

Man legte den Kürbis auf einen Teller und setzte ihm ihn vor: Nasreddin

langte zu und steckte eine Handvoll in den Mund; aber der Kürbis war so

heiß, daß er ihm Zunge und Mund verbrannte, und Nasreddin mußte alles

ausspucken. Nun fragte er: »Was ist das, um Gotteswillen?« und sie

antworteten ihm: »Das ist Kürbis, Herr.«

Am nächsten Morgen zog Nasreddin weiter. Unterwegs sah er an einem

Zaune etliche Kürbisse hängen, und fragte seinen Führer: »Was ist das?«

»Kürbis, Herr,« antwortete der Führer.

Da hielt Nasreddin sein Pferd an, blies auf die Kürbisse, was er nur

konnte, und sagte: »Pfui, Gott vernichte dich, du Unglückszeug!«

477.

Der Hodscha Nasreddin unterwies stets seine Schüler, wie sie sich gegen

ältere Leute zu benehmen hätten, und lehrte sie unter anderm, daß sie,

wenn einer niese, in die Hände klatschen und »Zum Wohlsein« sagen

sollten. Die Schüler gehorchten ihm und taten immer so, wann er oder

ein anderer älterer nieste.

Eines Tages fiel nun Nasreddin unglücklicherweise in einen Brunnen und

begann um Hilfe zu schreien. Die Schüler kamen schnell hinzugelaufen

und ließen ein Seil hinab; er packte das Seil und sie zogen ihn herauf.

Schon hätten sie nur noch einen Ruck zu tun gehabt, daß der Hodscha

seiner schlimmen Lage ledig gewesen wäre, da nieste er, naß und

erkältet, wie er war. Sie ließen das Seil los, klatschten in die Hände

und riefen, wie aus einem Munde: »Zum Wohlsein!«

Und der arme Hodscha plumpste wieder in den Brunnen hinunter.

478.

Der Hodscha wurde gefragt: »Wann wird das Gebären und Sterben aufhören?«

Er antwortete: »Wenn Paradies und Hölle voll sein werden.«

479.

Im Schreiben war der Hodscha nie recht geschickt gewesen. Er las und

schrieb zwar ein wenig, aber was er wußte, hatte er nicht aus dem

Buche, sondern das machte seine natürliche Begabung; und es war auch

eine Zeit, wo er gar nichts geschriebenes lesen konnte, weil er es erst

lernte. Gerade damals brachten ihm nun die Bauern einen Bescheid des

Kadis, damit er ihnen vorlese, was drinnen stehe. Er nahm den Bescheid

und betrachtete ihn lange; da er aber seine Unwissenheit vor den Bauern

nicht eingestehn wollte, so sagte er: »Also seht einmal, Leute, was

euch der Kadi schreibt. Diese langen Buchstaben sagen, daß ihr ihm Heu

bringen sollt, und diese runden sprechen von Eiern. Da ihr demnach

wißt, was der Kadi schreibt, so bringt ihm Heu und einige Hundert Eier.«

Die Bauern taten dies, und der Kadi nahm alles und schwieg.

Wieder brachten die Bauern dem Hodscha einen Bescheid des Kadis und

baten ihn, ihn ihnen vorzulesen. Er nahm die Schrift und sagte zu

ihnen, als er die langen und die runden Buchstaben gesehn hatte:

»Bringt dem Kadi Holz und viel weiße Zwiebeln.«

Die Bauern brachten auch das, und der Kadi war zufrieden. Er nahm

alles und fragte sie: »Wer hat euch denn den Bescheid vorgelesen?« Und

sie sagten, daß es der Hodscha Nasreddin gewesen sei.

Der Kadi ließ den Hodscha rufen und fragte ihn: »Verstehst du denn

etwas von der Schrift?«

»Nein, ehrenwerter Kadi,« antwortete der Hodscha.

»O ja,« sagte wieder der Kadi, »du verstehst dich besser darauf als ich

selber, da du so schön lesen kannst.«

480.

Einmal hatte der Hodscha sein Haus ausgebessert, und es blieb ihm vor

dem Hause ein Haufen Erde liegen. Als er nun von den Nachbarn gefragt

wurde, wohin er diese Erde schaffen werde, antwortete er: »Nichts

leichter als das; ich werde eine Grube machen und sie hineinwerfen.«

»Und was wirst du denn mit der Erde aus dieser Grube tun?«

»Ach, an eine so ferne Zukunft denke ich überhaupt nicht.«

481.

Einmal ging Nasreddin nach Skutari. In der Nähe der Stadt sah er

etliche Kinder, die miteinander spielten. Er trat zu ihnen und sie

sammelten sich um ihn und fragten ihn: »Wohin, Herr?«

»In die Stadt da,« antwortete Nasreddin. »Aber wißt ihr, Kinder, sagt

mir, was ich auf dem Markte kaufen soll, daß ich satt werde und dabei

mein Geld behalte?«

Die Kinder antworteten ihm: »Da mußt du, Herr, ins Schlachthaus gehn,

und dort kaufst du Ochsengedärm: das, was drinnen ist, ißt du und dann

wäschst du die Därme gut aus und verkaufst sie. So kannst du dich

ordentlich satt essen und bekommst noch Geld heraus.«

Als der Hodscha hörte, was die Kinder sagten, dachte er: Wahrhaftig,

mir blüht in Skutari kein Weizen; wenn schon die Kinder so sind, wie

werden erst die Erwachsenen sein! Es ist besser, ich mache mich davon.

Und damit ging er.

482.

Einmal kam ein Türke zum Hodscha Nasreddin und bat ihn, ihm einen Brief

zu schreiben; er wolle ihm gerne zahlen, was man gewöhnlich für einen

Brief bezahle. Der Hodscha sagte: »Wem willst du den Brief schreiben

lassen und wohin?«

»Meinem Sohne in Stambul,« antwortete der Türke.

Nasreddin fragte wieder: »Und welchen Preis soll ich dir für den Brief

machen? ich habe nämlich drei Preise: billig, teuer und noch teuerer.«

»Du weißt, Hodscha, daß ich ein armer Mann bin; ich kann nicht viel

zahlen: mach mir also den billigsten Preis, der überhaupt möglich ist.«

»Also, Freund,« antwortete Nasreddin, »der billigste ist, wenn ich dir

den Brief schreibe und du ihn nach Stambul trägst und dann deinem Sohne

sagst, was du ihm geschrieben hast. Den teuerern Brief, wenn ich den

geschrieben habe und wenn er trocken ist, den kann ich selber nicht

lesen. Am teuersten aber ist es, wenn ich den Brief schreibe und ihn

selbst nach Stambul trage und ihn dort vorlese; denn meine Schrift

kann außer mir niemand lesen, nicht einmal die Stambuler Gelehrten

alle miteinander samt dem Scheich ul Islam.«

483.

Der Hodscha war mit dem Kadi befreundet und ging ihn öfter besuchen, um

mit ihm zu plaudern. Eines Tages ritt er wieder ins Gerichtshaus; das

Pferd band er vor dem Hause an und er ging zum Kadi hinein.

Während er beim Kadi saß und mit ihm sprach, wurde ein Mensch

vorgeführt, und der wurde überwiesen, daß er ein falsches Zeugnis

abgelegt hatte. Zu jener Zeit war für solche Verbrecher als Strafe

festgesetzt, daß sie verkehrt auf einem Pferde sitzend durch die ganze

Stadt geführt wurden. Da nun gerade das Pferd Nasreddins da war, wurde

diese Strafe auf seinem Pferde vollzogen.

Ein paar Tage später wurde der Mensch wieder wegen eines falschen

Zeugnisses ergriffen und mußte wieder zu Pferde durch die Stadt geführt

werden. Und da sie bei Gericht kein Pferd zur Hand hatten, liefen sie

zum Hodscha und verlangten sein Pferd.

Aber er antwortete ihnen: »Ich gebe mein Pferd nicht her; sagt lieber

dem Kerl, er soll entweder dieses Handwerk aufgeben oder sich selber

ein Pferd kaufen, damit er darauf reiten kann, wenn er etwas anstellt.«

484.

Der Hodscha trug einmal Getreide in die Mühle, und seine Frau hatte ihm

den Sack mit dem Getreide zugebunden. Unterwegs ging der Sack auf, und

er mußte ihn bis zur Mühle zehnmal neu zubinden.

Als er nach Hause zurückkam, machte er seine Frau tüchtig herunter

und sagte zu ihr: »Wie hast du denn den Sack zugebunden? ich habe

vielleicht zehnmal stehn bleiben müssen, um ihn zuzubinden.«

485.

Eines Tages pflanzte der Hodscha Weinreben; ein Spaßvogel, der

vorüberging, grüßte ihn: »Guten Morgen, Hodscha! Bist du schon müde?«

»Gott segne dich!« antwortete der Hodscha; »ich bin noch nicht müde.«

»Was machst du denn da?«

»Weinreben pflanze ich; siehst du das nicht?«

»Aber wann wirst du von ihnen Trauben bekommen?«

»Wenn Gott das Glück gibt, in drei Jahren.«

»Ja, warum pflanzst du sie denn dann jetzt, warum nicht erst im dritten

Jahre? Bist du denn verrückt?« Mit diesen Worten ging der andere weg

und Nasreddin setzte sich nieder und begann zu überlegen: Es ist wahr:

er ist ein gescheiter Mensch; er hat recht mit dem, was er sagt. Damit

warf er den Karst über die Schulter und machte sich auf den Heimweg.

Als seine Frau sah, daß der Hodscha so rasch wieder nach Hause kam,

fragte sie ihn: »Was gibts denn? warum kommst du so bald schon zurück?«

Und er erzählte ihr, wie es war, und fuhr fort: »Segen über ihn, über

diesen klugen Mann! ich hätte mich meiner Seele nicht darauf besonnen,

daß es eine richtige Dummheit ist, heuer Weinstöcke zu pflanzen und

erst nach drei Jahren Trauben zu verkosten!«

486.

Der Hodscha war bei regnerischem Wetter über Land gewesen. Als er

heimkam, zog ihm seine Frau die Schuhe aus und hängte sie zum Feuer,

damit sie trocken würden; er aber stand auf und sagte: »Bist du dumm!

Warum tust du die Schuhe zum Feuer, damit sie verbrennen? Trag sie

lieber vors Haus in den Mondschein; es ist ja draußen wie bei Tage.«

Die Frau gehorchte ihm und hängte die Schuhe vors Haus. Als sie sie

dann am Morgen hereinholte, und als er bemerkte, daß sie von der

Winterkälte und dem Winde steif geworden waren, sagte er: »Siehst

du jetzt, um wie viel der Mond besser trocknet als das Feuer? ich

verwundere mich auch gar nicht, daß er sie getrocknet, ja sogar

geradezu ausgedörrt hat!«

IX.

Griechische Überlieferungen

487.

Eines Tages nahm der Hodscha Nasreddin seinen Esel beim Zaume und

zog ihn so hinter sich her. Einige Gassenjungen, die das sahen,

beschlossen, den Esel zu stehlen, ohne daß der Hodscha etwas davon

merkte, und einer von ihnen sagte zu seinen Kameraden: »Ich will die

Sache durchführen; ihr müßt aber mit dem Esel sofort, wann ihr ihn

habt, auf den Markt gehn und ihn verkaufen.« Und so liefen sie dem

Hodscha nach.

Nach einem kleinen Stück Weges nahm der Knabe dem Esel den Zaum ab,

legte sich ihn selber um und lief so, mit dem Zaume um den Kopf, hinter

dem Hodscha her; unterdessen nahmen die andern den Esel und brachten

ihn auf den Markt, um ihn zu verkaufen.

Nach einer Weile sah sich der Hodscha um, und da sah er, daß er anstatt

eines Esels einen Menschen angehalftert führte. »Wer bist du?« fragte

er ihn. »Ich bin dein Esel,« sagte der Gassenjunge, »und bevor ich ein

Esel geworden bin, war ich ein Mensch; weil ich aber eines Tages meinen

Eltern Kummer bereitet habe, haben sie mich verflucht und ich bin ein

Esel geworden. Zuerst hat man mich an einen Bäcker verkauft, dann an

einen Gärtner, und zum Schlusse habt Ihr mich gekauft. Eben jetzt, als

Ihr mich hinter Euch herzogt, haben mich meine Eltern auf der Straße

gesehn; sie hatten Mitleid mit mir und baten Gott und, siehe da, auf

einmal bin ich wieder ein Mensch geworden!«

Verdutzt griff der Hodscha in seinen Bart und sagte nach einer kurzen

Überlegung: »Was du da sagst, ist ja nicht unglaublich, wenn es auch

nicht gerade mich hätte treffen müssen. Geh also, mein Kind, und

betrübe deine Eltern künftighin nicht mehr.« Und damit entließ er ihn.

Da er aber ohne Esel nicht sein konnte, ging er auf den Markt, um einen

zu kaufen. Dort sah er nun den seinigen, wie er von dem Ausrufer zum

Verkaufe herumgeführt wurde; er trat leise an ihn heran und sagte ihm

ins Ohr: »Du bist wieder ein Esel geworden, hast also deine Eltern

wieder erzürnt. Vorwärts also, komm wieder in meinen Stall; du bist

nicht danach, daß du wieder ein Mensch würdest.« Und völlig überzeugt,

daß der Esel der seinige sei, nahm er ihn wieder zurück.

488.

Der Hodscha wollte seinen Esel verkaufen; er führte ihn hinaus und

übergab ihn dem Ausrufer. Der beschrieb, indem er ihn herumführte,

seine Vorzüge, daß er brav, jung, kräftig, schnell usw. sei. Die

Käufer, die das hörten, überboten einander; da nun aber auch der

Hodscha glaubte, sein Esel habe diese Vorzüge tatsächlich, wollte

er nicht, daß er in fremde Hände komme, und begann auch selber

mitzubieten. Und so blieb ihm schließlich der Esel; er nahm ihn also

und führte ihn wieder nach Hause und erzählte die ganze Geschichte

seiner Frau.

Die hatte an eben diesem Tage Lust nach Schlagsahne gehabt und hatte,

während ihr der Milchhändler die Sahne zuwog, verstohlen und ohne daß

er es bemerkt hätte, ihre goldenen Armbänder von den Händen gezogen und

sie in die Wagschale zu den Gewichten geworfen, um den Milchhändler

zu betrügen und mehr Sahne zu erhalten. Das mußte sie dem Hodscha

erzählen und der sagte nun zu ihr: »Sehr gut, Frau; so wollen wir denn

fortan alle beide unser Hauswesen fördern: ich draußen und du daheim.«

489.

Der Hodscha ging einmal in ein Bad. Die Wärter gaben ihm ein altes

Badetuch[11] und ein beschmutztes baumwollenes Reibzeug[12] und

behandelten ihn nicht so, wie es sich gehört hätte. Der Hodscha sagte

nichts, hinterließ aber, als er aus dem Bade wegging, auf dem Spiegel

zehn Asper, einen Betrag, den damals nur sehr reiche Leute geben

konnten, und darüber waren die Wärter sehr erstaunt.

Nach einer Woche ging er wieder in dasselbe Bad, und nun setzten die

Wärter eine Ehre darein, ihm alle Aufmerksamkeit und Hochachtung zu

erzeigen. Der Hodscha sagte wieder nichts, hinterließ aber beim Weggehn

nur einen Asper auf dem Spiegel. Wieder wunderten sich die Wärter, und

sie sagten zu ihm: »Was ist das?«

Er antwortete ihnen: »Dieser eine Asper ist die Bezahlung für das

Bad in der vergangenen Woche; die zehn Asper, die ich euch in der

vergangenen Woche gegeben habe, sind die Bezahlung für das heutige.«

490.

Der Hodscha kaufte einmal auf dem Markte Gemüse und warf es in seinen

Sack; dann bestieg er seinen Esel, um heimzukehren, und nahm den Sack

auf seine Schultern. Unterwegs begegnete ihm einer und der fragte ihn,

warum er den Sack nicht dem Esel auflege, sondern ihn selber trage.

Er antwortete: »Damit das arme Tier nicht gar zu müde wird.«

491.

Einer gab dem Hodscha ein Hemd, damit er es auf dem Markte verkaufe.

Das Hemd war aber gestohlen, und das wußte der Hodscha. Auf dem Markte

wurde nun in der großen Menge dem Hodscha das Hemd gestohlen.

Als er zurückkam fragte ihn der, der ihm das Hemd gegeben hatte, um wie

viel er es verkauft habe, und der Hodscha antwortete: »Der Markt war

heute sehr flau, und darum habe ich es um deinen Preis verkauft, um so

viel nämlich, wie du dafür gezahlt hast.«

492.

Der Hodscha brachte seinen Esel auf den Markt und übergab ihn dem

Ausrufer. Es kam ein Käufer, und der wollte die Zähne des Esels

betrachten, um sich über sein Alter zu unterrichten; aber der Esel biß

ihn. Es kam ein anderer Käufer, und der hob ihm den Schwanz auf; aber

der Esel schlug aus. Nun sagte der Ausrufer zum Hodscha: »Deinen Esel

da kauft niemand; denn wer von vorn an ihn herantritt, den beißt er,

und wer von hinten kommt, den schlägt er.«

»Das ist es ja,« antwortete der Hodscha; »ich habe ihn auch nicht

hergebracht, um ihn zu verkaufen, sondern damit die Welt sieht, was ich

die Zeit her von ihm zu leiden gehabt habe.«

493.

Einmal zankte sich der Hodscha in der Nacht mit seiner Frau,

und die gab ihm in ihrer Wut einen Fußtritt, daß er die Treppe

hinunterkollerte. Als es Tag geworden war, fragten die Nachbarn, die

diesen Lärm gehört hatten, den Hodscha, was geschehn sei, und er

antwortete, daß er mit seiner Frau einen Streit gehabt habe.

»Sehr gut,« antworteten sie, »aber was war das für ein Lärm?«

»Bei dem Streite«, sagte er, »ist meine Frau sehr zornig geworden,

und da hat sie meinen Kaftan mit einem Fußtritte über die Treppe

hinabgestoßen.«

Als sie ihm aber vorhielten, daß ein Kaftan, wenn er hinuntergestoßen

werde, nicht imstande sei, einen solchen Lärm zu verursachen, sagte er:

»Ach, warum nötigt ihr mich so? begreift ihr denn nicht, daß in dem

Kaftan ich gesteckt habe?«

494.

Ein Freund ersuchte den Hodscha um ein wenig Geld und um etwas Frist.

Der Hodscha antwortete: »Geld kann ich dir nicht geben, aber Frist gebe

ich dir, weil du mein Freund bist, soviel du willst.«

495.

Eines Tages hatte der Hodscha seinen Esel verloren; als er ihn suchen

lief, fragte er die Leute, ob sie ihn gesehn hätten, sagte aber dabei

gleichzeitig: »Preis sei dem Herrn!«

Man fragte ihn, warum er Gott preise, und er antwortete: »Ich preise

den Herrn, weil ich nicht oben gesessen habe; denn hätte ich oben

gesessen, so wären wir unfehlbar alle beide in Verlust geraten.«

496.

Der Hodscha hatte wieder einmal seinen Esel verloren; da ließ er den

Ausrufer verkündigen: »Wer denundden Esel findet, der mag ihn als

Finderlohn behalten samt Halfter und Sattel.«

497.

Einer sagte zum Hodscha: »Dort tragen sie eine Gans.«

Der Hodscha antwortete: »Was geht das mich an?«

»Sie tragen sie zu dir ins Haus.«

»Was geht das dich an?«

498.

Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 7 / 14 段