Nun schickte er alle Mönche, die dort waren, hinaus; der eine ging

Kaffee machen, der andere Heilmittel holen. Als Juvadi ganz allein war,

zog er den Knüttel unter dem Oberkleide hervor und begann den Guardian

zu prügeln und sagte: »Ist es ein Farre oder ein Bock? ha? ist es ein

Farre oder ein Bock? ha?« Und er ließ nicht eher von dem Guardian

ab, als bis der schier tot war. Dann entwich er. Als die Mönche

zurückkehrten und den Guardian in diesem Zustande sahen, begannen sie

zu jammern und fragten ihn: »Wer hat dich geschlagen?« Der Guardian

antwortete: »Der, der hier war.« Die Mönche sagten: »Wir wollen ihn

suchen gehn.«

Und so setzten sie den Guardian auf einen Sessel und machten sich an

die Verfolgung Juvadis. Der sah sie von weitem; da sagte er zu einem

Manne, der mit dem Karste arbeitete: »Guter Mann, schau wie viel Leute

dich prügeln kommen.« Der erschrak, warf den Karst weg und entfloh;

nun nahm Juvadi den Karst und begann zu ackern. Die Mönche holten

den andern ein und prügelten ihn weidlich durch; und der arme Teufel

schrie: »Warum schlagt ihr mich? ich habe euch doch nichts getan.«

Juvadi lachte von weitem, warf den Karst weg und ging nach Hause und

sagte: »Nun habe ich mich für meinen Farren bezahlt gemacht.«

438.

Es war Fastnacht. Juvadis Mutter schlachtete einen Hahn und kochte

ihn mit Makkaroni; als Juvadi kam, aßen sie ihn. Nach dem Essen sagte

Juvadi zur Mutter: »Mutter, wie heißt das, was wir gegessen haben?« Die

Mutter antwortete: »Das war ein Morgensänger.«

Nun hörte Juvadi einen Mann, der auf der Straße sang; er ging hin,

tötete ihn und brachte ihn der Mutter. Die Mutter begann zu schreien:

»Du Tölpel, das war ein Mensch und kein Morgensänger.« Juvadi sagte:

»Macht nichts, Mutter; ich stecke ihn in einen Sack und gehe ihn in

eine Schlucht werfen.«

Auf dem Wege begegnete er einem Manne, der auch einen Sack trug, und zu

dem sagte er: »Freund, was trägst du da in dem Sacke?« Der antwortete:

»Ein Schwein.« Juvadi sagte: »Wollen wir tauschen?« Der Unglückselige

sagte: »Ja«, und sie tauschten. Juvadi ging zu seiner Mutter nach Hause

und sagte zu ihr: »Mutter, bring einen Kessel, damit wir das Schwein

abbrühen. Schließ die Tür; ich muß einen Botengang machen.« Und er ging

zu dem, dem er den Sack mit dem Toten gegeben hatte, und sagte zu ihm:

»Was hast du getan? jetzt gehe ich zum Richter und zeige dich an.« Der

andere sagte unter Tränen: »Sag nichts; ich gebe dir fünfzig Dukaten.«

So nahm Juvadi den Toten und die fünfzig Dukaten. Dann ging er zu

der Tür der Mönche, stellte den Toten auf die Füße und läutete an;

der Sakristan öffnete die Tür von innen und der Tote fiel nieder. Der

Sakristan sagte: »Steh auf! steh auf! was ist dir geschehn?« Juvadi kam

hervor und sagte: »So also werden die Leute umgebracht?« Der Sakristan

sagte: »Sag nichts; ich gebe dir fünfzig Dukaten.« Und Juvadi: »Wenn

du willst, daß ich nichts sage, mußt du mir fünfzig Dukaten, eine

Mönchskutte und den Toten geben.« Juvadi nahm den Toten, zog ihm die

Kutte an, steckte ihm eine Pfeife in den Mund, setzte ihn auf den

Abtritt der Mönche und kauerte sich nieder. Es kam der Guardian, um

ein Bedürfnis zu verrichten; da fand er den, der dort saß, und er

sagte: »Steh auf; ich muß ein Bedürfnis verrichten.« Dann packte er

ihn und stieß ihn, und der fiel nieder. Der arme Guardian sagte: »Auf!

auf! was habe ich dir denn getan?« Juvadi kam hervor und sagte: »So

also werden die Leute umgebracht? jetzt gehe ich zum Richter und sag

ihms.« Erschrocken sagte der Guardian: »Sei barmherzig und sag nichts;

ich gebe dir hundert Dukaten, und wir begraben ihn.« Juvadi nahm die

hundert Dukaten und sie legten den Toten ins Grab. Dann ging Juvadi

voll Fröhlichkeit mit den zweihundert Dukaten nach Hause und sagte zur

Mutter: »Mutter, wie viel hat mir der Morgensänger eingebracht! Jetzt

bin ich reich geworden!«

439.

Eines Tages ging Juvadi um Reisig, und da fand er einen Eichenast

mit Eicheln dran; den nahm er auf die Arme und trug ihn mit viel

Achtsamkeit weg. Als er nahe beim Orte war, setzte er sich darauf

wie auf ein Pferd und zog ihn so weiter. An einem Fenster des Königs

stand die kleine Prinzessin, und die begann aus vollem Halse zu

lachen. Juvadi sah sie an und sagte: »Du sollst schwanger sein von

mir.« Alsbald wurde sie schwanger, und nach neun Monaten gebar sie

ein Mädchen. Der König war darüber so aufgebracht, daß er den Rat

zusammenrief und sagte: »Ratet mir, was ich mit der machen soll, von

der diese Schande kommt; ich kann es gar nicht glauben, was sie sagen.«

Der Rat antwortete: »Lassen wir alle Männer des Reiches kommen, und

da werden wir sehn, wen es Babba ruft.« Da befahl der König, daß sich

alle Männer in seinem Hause einfänden. So kamen seine Barone, Fürsten,

Ritter, Bürger und Bauern; aber das Kind rief niemand Babba. Nur

Juvadi, der nicht kommen wollte, war übrig geblieben; aber der König

zwang ihn, zu kommen. Kaum hatte ihn das Kind gesehn, als es sich auch

schon in seine Arme warf und ihn Babba nannte. Nun rief der König

den Rat von neuem zusammen und sagte: »Was für eine Strafe soll die

erhalten, von der diese Schande kommt?« Sie antworteten: »Schließen wir

sie in ein Faß und rollen wir es einen Abhang hinunter.« So ließen sie

ein Faß machen und die Königin legte einen Sack mit Feigen und Rosinen

hinein; und sie schlossen die Prinzessin, ihre Tochter und Juvadi

hinein und gingen es von einem Abhange hinunterstürzen. Als es rollte,

sagte Juvadi: »Laß mich heraus, laß mich heraus; ich gebe dir Feigen

und Rosinen.« Und er warf Händevoll Feigen und Rosinen aus dem Fasse.

Das blieb in einer Ebene stehn; Juvadi zerbrach es und sie gingen

heraus.

In der Nähe war eine Hexe, die lachte so heftig, daß ihr eine

Halsgeschwulst, die sie hatte, verging. Darüber ganz glücklich, sagte

sie zu Juvadi: »Was willst du? ich kann alles und tue dir gutes.«

Juvadi antwortete: »Schaff mir ein Haus; denn wir haben keine Wohnung.«

Die Hexe nahm eine Gerte, machte einen Kreis rundum und sagte:

»Hier soll ein Palast werden mit aller Bequemlichkeit der Welt.« So

wurde dort ein schöner Palast und Juvadi ging ganz vergnügt mit der

Prinzessin und der Tochter hinein. Und die Prinzessin sagte zu Juvadi:

»Du mußt noch behext werden, damit dir deine Dummheit ausgetrieben

wird.«

440.

Eines Morgens hatte die Prinzessin Juvadi verloren; sie schrie in allen

Gemächern und fand ihn endlich an einem Fenster. Dort pustete er mit

dem Munde und machte Bu, bu ... bu, bu ... bu. Sie schrie: »Was machst

du da?« Juvadi antwortete: »Ich puste auf die Fliegen und Wespen da,

damit sie nicht hereinkommen; sie könnten uns beißen und wir müßten

sterben.«

441.

Juvadi war wieder einmal verloren und die Prinzessin konnte ihn nicht

finden. Am Tage darauf fand sie ihn, wie er mit einem Kuhschwanze

in der Hand in die Luft starrte und Bu, bu ... bu, bu ... bu, bu

pustete. Sie sagte: »Juva’, was machst du da?« Und Juvadi lachte aus

vollem Halse: »Ich habe ein Wildschwein getötet, und dann ist ein Wind

gekommen und hat mich in die Höhe gehoben; ich habe mich aber so

kräftig gewehrt, daß mir beim Hinundherreißen der Schwanz in der Hand

geblieben ist.«

442.

Ein andermal sagte Juvadi: »Ich gehe in den Hühnerstall, Eier holen.«

Er ging, nahm ein Messer, tötete alle Hühner und hängte sie ringsum

an die Wände. Sie gingen ihn suchen, fanden den Schaden und schrien:

»Warum hast du das getan?« Und Juvadi: »Ich bin ein Metzger geworden.

Was wollt ihr?«

Die Prinzessin nahm einen Stock und prügelte Juvadi weidlich durch;

dann jagte sie ihn wegen all dieser dummen Streiche aus dem Hause.

443.

Juvadi hatte ein Gärtchen, und dort war ein einzelner Kirschbaum. Er

pflegte ihn mit aller Sorgfalt, aber der Baum trug nicht eine einzige

Kirsche. Eines Tages verlor Juvadi die Geduld und sagte: »Jetzt will

ich diesen vermaledeiten Baum fällen, der nichts trägt.« Er fällte

den Kirschbaum und machte ein Kreuz daraus; das pflanzte er in das

Gärtchen. Er glaubte, wenn er zu Jesus Christus beten werde, werde ihm

der alle Gnaden erweisen; aber er mochte heute beten oder morgen oder

übermorgen, eine Gnade sah er niemals. Da packte er erbost das Kreuz,

warf es zur Erde, daß es in tausend Stücke zersprang, und sagte: »Dich

kenne ich schon, wie du noch ein Kirschbaum warst.«

444.

Man erzählt, daß Juvadi eines schönen Tages einen Gevatter besuchen

gegangen ist. Der Gevatter, dessen Weib gerade Brot bereitete,

sagte zu ihm: »Willkommen, Juva’; bleib bei uns und hilf uns das

Brot bereiten.« Während die Frau in der Küche war, um das Essen zu

kochen, ging Juvadi nachsehn, ob der Teig aufgegangen sei; er kam

in eine Kammer, deren Wände überall Ritzen hatten, durch die der

Wind einundausging, und sagte: »Da machen sie Brot und das Haus ist

voller Löcher; aber ich will das in Ordnung bringen.« Er nahm den

Teig und besserte alle Wände aus, indem er alle Löcher verschmierte.

Als die Gevatterin diesen Schaden sah, begann sie zu schreien: »Um

Gotteswillen, um Gotteswillen! was tust du? wenn mein Mann kommt,

bringt er mich um.« Juvadi sagte ganz entrüstet: »Statt mir zu danken,

weil das Haus löchrig war, gibst du mir böse Worte.« Und er entwich.

445.

Einmal ging Juvadi eine Gevatterin besuchen. Als sie ihn sah, sagte sie

vergnügt: »Willkommen, Gevatter; es wird mir eine Freude sein, wenn du

heute Morgen bei mir bleibst. Gib mir acht auf das Kindchen, das ich

niedergelegt habe, und ich verrichte indessen die häusliche Arbeit.«

Juvadi nahm das Kind; da er sah, daß sein Kopf ganz weich war, nahm

er eine Nadel und stach hinein, so daß das Gehirn heraustrat. Und er

sagte: »Madonna mia! da hat das Kind ein Geschwür und niemand denkt

daran.« Als die Mutter das Kind tot sah, war sie ganz weg vor Schmerz

und schrie: »Mein ... Kind ... mein ... Kind, ich habe dich einem

Tölpel anvertraut.« Juvadi sagte: »Für mein gutes Werk erhalte ich

einen schlechten Lohn.« Und er ging.

446.

Eines Tages ging Juvadi hinaus, stieg auf einen Felsen, begann zu

pissen und sagte zu den einzelnen Bächlein: »Du gehst dorthin, du

dahin, du gehst rechts und du gehst links.« Eine Bande von Räubern,

die unter dem Felsen waren und viel Silbergeld teilten, hörten ihn so

reden; sie glaubten, die Häscher seien da, und entflohen. Juvadi stieg

hinab, nahm alles Silber und kehrte, mit Geld beladen, heim.

447.

Eines Tages ging Juvadi mit seinem Esel um Holz. Er saß auf einer

Eiche und schnitt gerade an einem Aste, als ein Mann vorbeikam und zu

ihm sagte: »Juva’, paß auf, du fällst herunter, wenn der Ast bricht.«

Juvadi antwortete: »Kümmere dich nicht darum; ich sterbe noch nicht.«

Aber als er das sagte, fiel er auch schon herunter, und es fehlte

wenig, so wäre er tot gewesen. Nun sagte er zu dem Manne: »Guter Mann,

wann werde ich denn sterben?« »Wann dein Esel drei Fürze tut.« Juvadi

glaubte es und vergaß es keineswegs. Er mußte eine Anhöhe ersteigen,

und der Esel, der zu schwer beladen war, ließ einen Furz. »Oh, jetzt

geht es böse,« sagte Juvadi, »nun muß ich bald sterben.« Er ging weiter

und hörte wieder, wie der Esel einen Furz ließ, und er zitterte noch

mehr vor Angst. Als er dann den letzten hörte, wurde er ohnmächtig

und fiel wie ein Toter zu Boden; und er blieb auf dem Wege liegen.

Der Esel, der den Weg, wer weiß, wie oft gemacht hatte, ging mit dem

Holze, aber ohne Juvadi, nach Hause. Als die Mutter den Esel ohne

den Sohn kommen sah, erschrak sie und ging weg, um zu sehn, was ihm

geschehn sei; sie fand Juvadi mit dem Gesichte nach oben auf dem Wege

liegen. Und sie holte den Geistlichen, einen Bruder mit dem Kreuze, den

Sakristan mit dem Weihwasser und vier Männer mit der Bahre. Sie luden

ihn auf; aber sie klagten, weil er sehr schwer war, und setzten ihn

alle zehn Schritte nieder. Als sie an eine Stelle des Weges gekommen

waren, hob Juvadi den Kopf und schrie: »Dorthin geht.« Die, die ihn

trugen, warfen ihn vor Angst, weil sie ihn tot glaubten, zu Boden, und

der arme Juvadi zerschlug sich den Kopf und starb nun wirklich.

VII.

Kroatische Überlieferungen

448.

Einmal war Nasreddin schwer krank und lag still und hilflos da. Seine

Frau, die bei ihm saß, weinte, und das machte ihn unruhig. Da kam ihm

ein Einfall, und er sagte zu ihr mit schwacher Stimme: »O weh, o weh!

Hör auf zu weinen; zieh dich schön an, nimm deine besten Sachen und

deinen ganzen Schmuck und mach dich so hübsch, wie du kannst.«

»Ach Effendi,« sagte sie und begann noch mehr zu weinen, »wie könnte

ich das, wo du so krank bist?«

»Wenn du mich liebst,« bat der Hodscha, »dann tust du, was ich dir

gesagt habe.«

Nun wurde in ihr die weibliche Neugier rege. »Nein,« sagte sie

entschieden; »ich werde es nicht früher tun, als bis du mir gesagt

hast, warum du es von mir verlangst.«

»Ich möchte es dir ja sagen, aber ich fürchte, du wirst dich dann über

mich ärgern.«

»Nein, wahrhaftig nein.« Und zum Beweise schwor sie ihm, daß sie alles

machen werde, wann sie den Grund gehört haben werde.

Und der Hodscha sagte: »Denkst du denn nicht auch, liebes Weib, daß

Asrael, wenn er um meine Seele kommen und dich so schön gekleidet und

geschmückt sehn wird, lieber dich mitnehmen wird als mich?«

In diesem Augenblicke hörte die Frau zu weinen auf.

449.

Der Hodscha saß vor seinem Hause und rauchte. Da kam sein nächster

Nachbar und sagte nach dem gewöhnlichen Gruße: »Aber Hodscha, warum

brällt denn dein Esel schon seit dem frühen Morgen?«

»Warum fragst du mich? frag ihn.«

450.

Einmal ging der Hodscha Nasreddin spazieren; ein junger Zigeuner lief

ihm nach und bettelte, er solle ihm etwas schenken. Dem Hodscha, der

die Zigeuner haßte, fiels nicht ein, sich umzudrehn, geschweige denn

ihm etwas zu geben. Plötzlich schrie der Zigeuner aus vollem Halse:

»Schenk mir etwas, Herr, sonst werde ich etwas tun, was ich noch nie

getan habe!«

Nasreddin drehte sich um, warf ihm einen Para zu und fragte ihn, was er

zu tun beabsichtigt hätte. Darauf antwortete der Zigeuner: »Ja, Herr,

hättest du mir nichts geschenkt, so hätte ich arbeiten müssen, und das

habe ich noch nie getan.«

451.

Einmal kam wieder sein nächster Nachbar zum Hodscha und fragte ihn,

warum er seinen Hund habe die ganze Nacht bellen lassen, so daß er und

die Seinigen im Schlafe gestört worden seien.

Nasreddin, der wohl zugehört hatte, lachte und antwortete: »Ich glaube,

du wirst doch nicht von mir verlangen wollen, daß ich bellen soll.«

452.

Als Nasreddin einmal besonders gut aufgelegt war, erzählte er in einer

Gesellschaft, daß er, als er in Stambul gewesen sei und in dem Garten

des Sultans, dort Bienen gesehn habe, so groß wie Schafe.

Da fragte ihn einer von den Zuhörern: »Wie groß waren denn dann die

Bienenstöcke?«

Nasreddin antwortete: »Gerade so groß wie bei uns.«

»Wie konnten denn da die Bienen hinein und heraus?«

»Ich bin gerade dazu gekommen, als sie hinein wollten; als sie mich

aber bemerkt haben, sind sie erschrocken und weggeflogen. Deshalb kann

ich euch nicht recht sagen, wie sie es anstellen, um hineinzukommen.«

453.

Nasreddin ging einmal in den Garten, legte sich unter einen alten

Birnbaum und schlief ein. Unterdessen kam ein Freund von ihm mit der

Nachricht, daß seine Mutter gestorben sei. Nasreddins Sohn führte den

Freund in den Garten, weckte den Vater und sagte zu ihm: »Vater, steh

auf; Mujkan[10] Djehaić ist gekommen und hat die Nachricht gebracht,

daß deine Mutter gestorben ist.«

»O, o,« sagte der Hodscha, »das ist ein bitterer Schmerz; und wie

bitter wird er erst morgen sein, wenn ich aufwache!«

Damit drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter.

454.

Auf einem Spaziergange erzählten einander zwei Schüler Nasreddins

merkwürdige Geschichten und suchten sich gegenseitig durch Lügen zu

übertrumpfen. Unter anderm sagte der eine: »Als ich einmal in Stambul

war, habe ich einen Kohlkopf gesehn, unter dem sich dreihundert Leute

verstecken konnten.«

Darauf antwortete ihm der andere: »Aber Bruder, das ist gar nichts

gegen das, was ich in Athen gesehn habe, als ich dort war. Dort habe

ich nämlich einen großen Kessel gesehn, an dem schmiedeten dreihundert

Leute, und die standen so weit von einander, daß einer den andern nicht

hören konnte.«

Nun sagte der erste: »Wozu soll denn so ein großer Kessel dienen?«

»Aber Bruderherz, wie kannst du nur so dumm fragen? um den großen

Kohlkopf zu kochen, den du gesehn hast.«

455.

Eines Abends zankten sich Nasreddin und seine Frau, und er sagte zu

ihr: »Ich war wahrhaftig blind, als ich dich mit deiner Häßlichkeit

genommen habe.« Deswegen schimpfte sie ihn zusammen, was sie nur

konnte, und sagte schließlich zu ihm: »Die Eule hat auch an der Lerche

etwas auszusetzen gehabt! Wie kannst du mir sagen, daß ich häßlich sei,

wo du doch weit und breit der häßlichste Kerl bist!«

Das war für den stolzen Nasreddin zu viel, und er beschloß, ein Mittel

zu suchen, um schöner zu werden. Nachdem er überall herumgefragt hatte,

wandte er auch einige Salben und Pulver an, aber sein Ziel konnte er

nicht erreichen.

Nun kamen eines Tages etliche Zigeunerinnen zu ihm, und die sagten ihm,

sie würden ihn in ein paar Stunden so jung und schön machen, daß ihn

jedermann bewundern werde. Voller Freude machte er die Sache mit ihnen

ab.

Am nächsten Morgen stand er früh auf und schickte sein ganzes Gesinde

aufs Feld und seine Frau zu ihrer Mutter; dann setzte er sich vors

Haus, um die Zigeunerinnen zu erwarten. Um neun Uhr kamen sie. Sie

gingen um ihn herum und besprachen ihn und redeten ihm ein, er werde

noch an diesem Tage schön wie die Sonne werden, nur müsse er ihre

Anordnungen befolgen. Er ließ sich täuschen und holte ein Faß, das sie

ihm gezeigt hatten, und stellte es mitten ins Zimmer; sie befahlen ihm,

unter dieses Faß zu kriechen, worauf sie ihn damit bedecken und dann

herumgehn und ihn besprechen würden.

Als er ihnen gehorcht hatte und unter dem Fasse war, legten sie noch

einige schwere Steine darauf; dann begannen sie, herumzugehn und

dabei zu murmeln. Während aber einige um das Faß herumgingen und ihre

Besprechungen vornahmen, machten die andern die Kisten und Kasten auf

und nahmen alles, was sie wollten, im Zimmer sowohl, als auch in der

Küche; und dann schlichen sie alle leise hinaus und liefen davon.

Als es nun völlig still geworden war, rief Nasreddin, sie sollten das

Faß aufheben und ihn herauslassen; aber vergebens: es meldete sich

niemand. Und seine ganze Stärke nutzte ihm nichts; er mußte warten,

bis jemand nach Hause kommen werde. Erst in der Dämmerung kamen die

Frau und die andern heim, und sie hatten eine schwere Mühe, daß sie die

Steine vom Fasse herunterbekamen; und sie erstaunten, wie gründlich das

Haus durchstöbert und ausgeplündert worden war. Nasreddin war, als er

aus seinem Kerker befreit wurde, schier ohnmächtig, weil er nicht Luft

genug gehabt und den ganzen Tag nichts gegessen hatte.

Im Gesichte war er, wie er gewesen war, und die schönsten Sachen waren

gestohlen und weggetragen, und von den Zigeunerinnen war keine Spur und

kein Laut. Jetzt sah er ein, daß er samt seiner Schlauheit der Gefoppte

war.

VIII.

Serbische Überlieferungen

456.

Die Frau Nasreddins bekam einmal einen Anfall von Schüttelfrost, und da

bat sie ihn, einen Arzt zu holen; er sprang sofort auf und ging. Als er

aber schon im Flur war, rief ihm die Frau aus dem Fenster zu: »Es ist

nicht mehr notwendig, den Arzt zu rufen; ich bin nicht mehr krank.«

Der Hodscha ging jedoch trotzdem zu dem Arzte und sagte zu ihm: »Meine

Frau ist krank geworden und hat mich gebeten, einen Arzt zu holen.

Als ich dann schon im Flur war, hat sie mir zugerufen, daß sie keines

Arztes mehr bedarf. Ich bin aber trotzdem gekommen, um dir zu sagen,

daß du nicht mehr zu kommen brauchst.«

457.

Als die Frau des Hodschas Nasreddin gestorben war, konnte man ihm keine

Trauer anmerken. Nach einiger Zeit verendete ihm aber ein Pferd, und

das machte ihn so traurig, daß er längere Zeit nicht aus dem Hause ging.

Da kamen die Leute zu ihm und fragten ihn, warum ihm um das Pferd

mehr leid sei, als um die Frau, und er antwortete ihnen: »Als mir die

Frau gestorben ist, sind die Nachbarn gekommen und haben mir Trost

zugesprochen: ›Freund, mach dir nichts daraus, daß deine Frau tot ist;

wir werden dir eine bessere und schönere finden‹, und was weiß ich

noch. Seit mir aber mein Pferd fehlt, ist noch niemand gekommen, der

mir gesagt hätte, er werde mir ein bessers Pferd verschaffen. Drum ist

mir um mein Pferd mehr leid als um meine Frau.«

458.

Eines Tages wurde der Hodscha Nasreddin auf dem Wege von Räubern

angefallen; sie nahmen ihm sein Pferd, seine Kleider und sein Geld und

dann begannen sie ihn zu schlagen.

»Warum schlagt ihr mich?« fragte sie Nasreddin; »ich habe wohl zu wenig

Geld bei mir, oder ihr habt etwa zu lange auf mich warten müssen?«

459.

Einmal fiel Nasreddin in eine Kotlache und bemühte sich vergebens

herauszukommen. Schließlich sprach er bei sich: »Ich werde da nie

herauskommen können, wenn ich mich nicht bei den Haaren packe und mich

herausziehe.«

460.

Eines Nachts wurde Nasreddin von seiner Frau aus dem tiefsten Schlafe

geweckt, und sie sagte zu ihm: »Das Kind weint schon seit einer Stunde.

Wiege es ein wenig; eine Hälfte des Kindes gehört doch dir.«

»Meine Hälfte soll weiter weinen,« antwortete Nasreddin; »wiege du nur

deine Hälfte.« Damit kehrte er sich zur Wand und schlief ein.

461.

Nasreddin begegnete einmal einem Freunde, den er schon lange nicht

gesehn hatte, und der fragte ihn im Gespräche: »Wie gehts dir denn

jetzt.«

Nasreddin antwortete: »Nun, ganz gut; mein ganzes Geld steckt in

Getreide, was ich an Getreide habe, steckt in Mehl, was ich an Mehl

habe, steckt in Brot, und was ich an Brot habe, ist alles in meinem

Bauche.«

462.

Als der Hodscha Nasreddin eines Tages in der Moschee auf die Kanzel

stieg, richtete einer, in der Meinung, der Hodscha werde antworten

können, eine Frage an ihn; aber Nasreddin antwortete ihm, daß er es

nicht wisse. Darauf sagte der Fragesteller: »Wenn du das nicht weißt,

warum bist du dann so hoch hinaufgestiegen?«

Und Nasreddin gab ihm zur Antwort: »Ich bin so hoch hinaufgestiegen

nach dem Maße dessen, was ich weiß; sollte ich aber nach dem

hinaufsteigen, was ich nicht weiß, dann, Bruder, würde ich bis in den

Himmel kommen.«

463.

Eines Nachts hatte der Hodscha einen wunderbaren Traum, und am Morgen

ging er sofort zum Kadi. Auf dessen Frage, warum er gekommen sei,

antwortete er: »Ich habe heute Nacht einen wunderbaren Traum gehabt.«

»Ists möglich? ists möglich?« staunte der Kadi; »was hast du denn

geträumt?«

»Mir hat geträumt, daß du und ich unsere Häuser getauscht haben, und

ich habe dir hundert Asper aufgezahlt. Da nun heute alles verkehrt zu

verstehn ist, so bleibt mir mein Haus und dir das deine, und ich bitte

dich, daß du mir die hundert Asper gibst.«

464.

Einmal pflanzte der Hodscha Zwiebeln, und da bespuckte er jede Knolle,

bevor er sie in die Erde steckte. Als man ihn fragte, warum er das

mache, antwortete er: »Nun, ich begieße sie, und das bekommen sie von

mir mit; das übrige sollen sie vom Herrgott verlangen.«

465.

Der Hodscha ging einmal ins Dorf zu einem Freunde und saß bei ihm von

Mittag bis Mitternacht; niemand kümmerte sich dort um ihn, und nicht

das geringste wurde ihm angeboten. Da fing er zu gähnen an und setzte

das so lange fort, bis ihn sein Freund fragte: »Hodscha, woher kommt

das Gähnen?«

»Es sind da zwei Ursachen,« antwortete Nasreddin: »die eine ist der

Hunger, die andere ist die Schläfrigkeit; aber schläfrig bin ich nicht.«

466.

Der Hodscha wurde gefragt: »Was wünschst du deiner Frau?«

»Wenn sie krank werden sollte, so gebe Gott, daß ich statt ihrer

erkrankte; aber wenn die Zeit kommt, daß ich sterben soll, so gebe

Gott, daß sie statt meiner sterbe.«

467.

Nasreddin hatte eine Tür inmitten des Feldes gebaut, so daß er sie von

seinem Hause sehn konnte; den Schlüssel verwahrte er zu Hause. Seine

Frau fragte ihn, was das für ein Schlüssel sei, und er sagte, was

er gemacht hatte, und fuhr fort: »Ich habe diese Tür gebaut, um die

ehrlichen Leute von den unehrlichen unterscheiden zu können; die guten

werden von weitem herumgehn, die schlechten aber werden geradewegs auf

die Tür zugehn.«

Einige Tage später sah Nasreddin, daß neun Leute feldein auf die Tür

zuschritten. Er ging sofort zu ihnen und fragte sie: »Wohin, Leute?«

»Wir haben Geschäfte,« antworteten sie; »was gehts dich übrigens an,

daß du es wissen mußt?«

»Ihr seid Diebe und geht stehlen,« antwortete ihnen Nasreddin. »Nehmt

mich auf in euere Gesellschaft; sonst werde ich euch als Diebe angeben.«

Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 6 / 14 段